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literatur

Ich habe Thilo Sarrazins Anti-Islam-Buch gelesen, damit ihr es nicht müsst

'Feindliche Übernahme' liest sich wie die hingeschluderte Hausarbeit eines Neonazis – und könnte das 'Mein Kampf' der Generation Facebook-Wutbürger werden.

von Lisa Ludwig
31 August 2018, 2:48pm

Collage: VICE

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich meine Bachelorarbeit geschrieben habe. Mein Thema war Lobbyarbeit für museale Einrichtungen auf EU-Ebene, und nach rund 15 Seiten hatte ich alles aufgeschrieben, was ich dazu zu sagen hatte. Ich brauchte aber mindestens 30 Seiten, ohne Quellenangaben. Was also tun?

Ähnlich muss es Thilo Sarrazin mit seinem neuesten Machwerk gegangen sein, Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht. Das hat insgesamt 450 Seiten (70 Prozent Text, 30 Prozent Quellenangaben), dabei ließe sich die Grundthese (inklusive Statistikverweisen, die tatsächlich etwas aussagen) auf maximal zehn Seiten zusammenfassen. Muslime, so Sarrazin, würden durch den Islam dazu erzogen, Nicht-Muslime zu verachten und sich für nichts zu interessieren außer für die eigene Religion. Deswegen sind sie "dem Westen", "dem Abendland", also "uns" kulturell und wissenschaftlich unterlegen.

Um trotzdem die Welt zu dominieren und auch Deutschland zum islamistischen Gottesstaat zu machen, haben sie sich in den Augen des Autors eine besonders perfide Taktik ausgedacht: Sie bekommen einfach sehr viele Kinder und unterjochen den Rest der Menschheit durch ihre bloße Zahl. Das hat er so zwar auch schon vor acht Jahren in Deutschland schafft sich ab aufgeschrieben. Aber damals war er fast ein halbes Jahr mit seinen Ergüssen auf Platz 1 der Bestsellerliste und wurde nach eigenen Angaben so Multimillionär, da kann man das ja einfach nochmal aufschreiben.


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Diese inhaltliche Zusammenfassung des Buchs ist auch wirklich keine grobe Vereinfachung von Sarrazins Thesen, sie bildet die Essenz ab. Natürlich gibt es drumherum noch sehr viel Geschwurbel. So besteht das komplette erste Kapitel daraus, dass das Noch-SPD-Mitglied Sarrazin, dessen Partei gerade panisch ein Ausschlussverfahren gegen ihn prüft (wie jedes Mal, wenn er wieder mal für Schlagzeilen sorgt), den Koran gelesen hat. Kartoffelsplaining inklusive, schließlich ist er als weißer Mann das, was in der westlichen Welt gemeinhin als Sinnbild der Objektivität betrachtet wird.

Wozu belastbare Fakten, wenn man eine Meinung hat?

Schon zu Beginn wird klar, dass Thilo Sarrazin ganz allgemein kein Fan von Religion zu sein scheint, und auch patriarchale Strukturen gibt er vor abzulehnen. Fair enough. Sein Zorn darüber, dass im Koran angeblich nur Männer direkt angesprochen werden, hindert ihn allerdings nicht daran, sein komplettes Buch im generischen Maskulinum zu verfassen. Außerdem ist ein peniszentrisches Weltbild nicht allein ein Problem des Islam, sondern zeigt sich schon bei dieser Rippensache in der Bibel. Wie es aussehen kann, wenn biblische Vorstellungen vom Miteinander zwischen Mann und Frau sehr wörtlich genommen werden, kann man sich aktuell zum Beispiel bei The Handmaid’s Tale angucken. Die Serie bringt einen stellenweise zwar dazu, Gewalt gegen Menschen ausüben zu wollen, aber das tut Feindliche Übernahme auch – und bei The Handmaid’s Tale ist zumindest klar, wo es klare Parallelen zur aktuellen weltpolitischen Situation gibt und was sich die Verantwortlichen einfach ausgedacht haben. Faktenchecks zum Buch und Sarrazins allgemeinen Islam-Thesen gibt es unter anderem hier und hier. Um Rainer Hermann von der FAZ zu zitieren: "Je geringer das Wissen, desto sicherer das Urteil."

Ansonsten gibt es sehr viele Statistiken, die großflächig in den Text geklatscht werden und somit ordentlich Raum einnehmen – ein klassischer Studententrick um Seiten zu schinden und zu zeigen, dass man sich wirklich mit einem Thema beschäftigt hat. Am Ende jedes Kapitels wiederholt er einfach nochmal, was er zuvor – und ohnehin seit Jahren – statuiert: Muslime seien dumm, faul, wollen sich nicht integrieren, hassen Frauen und vermehren sich "explosionsartig". Außerdem machen muslimische Frauen keinen Sport, muslimische Männer fahren zu schnell Auto und mit hoher Kultur haben sie sowieso nichts am Hut, so Sarrazin. Seine Beweisführung? "Seit 20 Jahren besuche ich regelmäßig mehrmals im Jahr Konzerte der Berliner Philharmonie. Unter den durchschnittlich 2.000 Besuchern dort habe ich noch nie ein muslimisches Kopftuch gesehen."

Sarrazin bei der Vorstellung seines Machwerks am Donnerstag in Berlin | Foto: imago | IPON

Auch in den einzelnen Kapiteln selbst steht, bis auf wenige Ausnahmen und nur minimal umformuliert, exakt das Gleiche. Fast so, als würden wir uns in einer rechtsextremen Neuauflage von Memento befinden, wo sich die Beteiligten immer wieder selbst daran erinnern müssen, Neonazi-Gedankengut in sich zu tragen.

"Moment!", werdet ihr jetzt vielleicht ausrufen. "Jetzt gilt man also schon automatisch als Neonazi, wenn man den Islam kritisiert? So weit ist es in Deutschland also gekommen, ihr Linksfaschisten!" Und ich antworte euch: Nein, natürlich ist man nicht automatisch rechts oder rechtsextrem oder ein Neonazi, nur weil man die ein oder andere Weltreligion kritisiert. Religion ist viel zu oft ein Vorwand für Schreckliches und sollte – meine Meinung – als Konzept ganz generell in Frage gestellt werden. Aber Thilo Sarrazin wirft sich so begeistert in die rechte Ecke, dass ich nicht umhin komme, mich zu fragen: Ist er sich wirklich sicher, dass er nicht genau da hingehören will?

Angeblich minderwertige Gene und die "Erbdummheit der Muslime"

Die Sache ist nämlich die: Sarrazin ist geradezu besessen vom Thema Fortpflanzung. Immer wieder kommt er auf "explodierende" Geburtenraten innerhalb muslimischer Familien zu sprechen. "Das Streben nach Dominanz der Muslime durch Kinderreichtum und eine hohe Geburtenrate passen zum islamistischen Konzept der Ausbreitung der Vorherrschaft des Islam über die ganze Welt", schreibt er.

Und wenn es irgendwann mehr, weil fortplanzungsfreudigere Muslime gibt – so seine Angst – ist das problematisch, weil Muslime in seinen Augen eben wirtschaftlich, kulturell und intellektuell minderwertig sind (Philharmonie-Beweis!). "Solange man diese Ursachen nicht im Genetischen sucht und eine 'Erbdummheit der Muslime' ausschließt", schreibt Sarrazin, "bleibt nur der kulturelle Einfluss des Islam." So richtig ausschließen will er eine vermeintliche "Erbdummheit der Muslime" allerdings nicht, und hier klingt das plötzlich alles ziemlich nach nationalsozialistischer Rassentheorie. Muslime, die sich von der nicht-muslimischen Welt abschotten, heiraten auch vor allem untereinander, erklärt er immer wieder. Und: "Die Sitte der Verwandtenheirat kann neben verschiedenen Erbkrankheiten auch genetische Folgen für die Intelligenz der in diesen Ehen geborenen Kinder haben." Ein paar Seiten weiter spricht er von einer "relativ hohen Verbreitung von Missbildungen und Geburtsdefekten bei den in Europa lebenden Muslimen".

Frauen protestieren 2014 gegen eine Lesung von Thilo Sarrazin vor dem Berliner Ensemble | Foto: imago | IPON

Thilo Sarrazin schreibt also nicht explizit, dass Muslime dem weißen, westlichen, in der Regel christlich geprägten Durchschnittsdeutschen genetisch unterlegen sind, aber das muss er auch gar nicht. Es reicht, dass er es immer und immer wieder als mögliche Schlussfolgerung einstreut. Welches Leben ist mehr wert als das andere? Bei welchen Bevölkerungsgruppen muss mal ganz kritisch überlegt werden, ob das mit den hohen Geburtenraten so weitergehen darf? Sarrazin hat die Antwort für sich schon gefunden, spricht sich aber – vermeintlich ergebnisoffen – doch noch dafür aus, statistisch festhalten zu lassen, "welche Religionen zur Gesellschaft in besonderem Maße beitragen und wo der Beitrag unterdurchschnittlich oder negativ ist". Das ist White Supremacy, neonazistisches Gedankengut, das das mentale Hitlerbärtchen hinter unzähligen Ausdrucken fragwürdig interpretierter Statistiken verbirgt.

"Ich hoffe, dass die Antworten [zur Frage nach der Gefährlichkeit des Islams] mehr Klarheit für meine Sorgen und die Besorgnisse anderer bringen", behauptet Thilo Sarrazin in der Einleitung dramatisch. Ganz der selbsternannte Wahrheitskämpfer, der es mit der Wahrheit selbst nicht so wahnsinnig genau nimmt. Das ist natürlich Quatsch. Was Sarrazin mit Feindliche Übernahme macht, ist, aus den "Sorgen" anderer Kapital zu schlagen, sie zur vermeintlichen Gewissheit zu erheben und dafür zu sorgen, dass sich Neonazis, die in Chemnitz Migranten jagen, auf diffus zusammengewürfelte Statistiken eines angeblichen Zahlenexperten berufen können. Aktuell hat er es damit wieder auf Platz 1 der deutschen Amazon-Bestsellerliste geschafft.

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