Corona: Wir fragen Bodo Ramelow, warum er keine Angst vor Touristen hat

"Ich weiß nicht, warum ich Ihnen den Urlaub vermiesen sollte", sagt der Ministerpräsident aus Thüringen im exklusiven VICE-Interview.
9.10.20
Foto-Collage: Bodo Ramelow reibt sich die Hände, hinter ihm ein Rapsfeld, Ramelow spricht im Interview über Corona-Maßnahmen und Reisen
Bodo Ramelow und Rapsfeld: imago images | Die Videomanufaktur | snapshot || Montage: Philipp Sipos

Insel in Thailand, Villa in Griechenland, Rave in Ungarn fallen dieses Jahr flach. Das ist OK. Wir haben uns schon im Frühsommer damit abgefunden. Schließlich ist Pandemie und was ist schon ein verkaterter Espresso am Stadtstrand von Athen gegen ein Menschenleben.

Weil derzeit die Infektionszahlen an vielen Orten wieder steigen, wird aber auch Urlaub im Inland immer schwieriger. Landesregierungen machen Gastronomie und Tourismus dicht. In Frankfurt, Berlin und anderen deutschen Städten gilt bald eine Sperrstunde. Touristen aus Hotspots wird die Buchung storniert. Berliner, bei denen die Corona-Ampel auf Rot steht, werden fast in jedem Land abgewiesen.

Nur ein Land macht nicht mit: Thüringen. Ministerpräsident Bodo Ramelow hatte im Juni bereits vor allen anderen Regierungen Öffnungen verkündet. Jetzt ist das Land ohne Prominente der einzige Ort, wo man als Berliner nicht aus den Hotels gekickt wird.

Ist das Leichtsinn oder Strategie? Wir haben den Landeschef gefragt.


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VICE: Hallo Herr Ramelow! Schön, dass Sie Zeit haben, mit uns über Corona zu sprechen. Wir sind ein Magazin für junge Menschen, so zwischen 20 und 30 meistens.
Bodo Ramelow: Da muss ich mir dann zwei von kaufen, bin schon über 60.

Uns gibt es komplett kostenlos im Internet.
Kostenlos? Das ist ja wie Kommunismus. Legen Sie los!

Ich sitze im Homeoffice in Neukölln, wir haben hier eine Inzidenz von 95,5. Fast alle Bundesländer würden mich als Touristin nicht ins Hotel lassen. Thüringen schon. Warum haben Sie keine Angst vor mir als Touristin?
Die Frage ist, ob Sie sich in einem Raum bewegen, in dem Viren weitergegeben werden. Ich weiß nicht, was bei Ihnen da in Berlin los ist. Ich weiß nur, dass das jeweilige Gesundheitsamt das einschätzen muss. Und wenn Ihres sagen würde "Aus Neukölln darf keiner raus", dann hielten wir uns an die Regeln.

Wenn es eine große Hochzeit einer türkischen Gemeinde gab, an der 800 Menschen teilgenommen haben, muss man sagen: OK, haben wir die 800 Adressen? Und dann wird das Gesundheitsamt hektisch hinterher telefonieren müssen. Aber das ist eben Pflicht – in Berlin und Hamburg wie in Frankfurt. Und Sie können sich darauf verlassen, dass wir in Erfurt genauso arbeiten.

Und würden Sie bei mir um die Ecke, in Berlin Neukölln Urlaub machen?

Wüsste nicht, was dagegen spricht. Ich würde mich höchstens sachkundig machen, ob die Neuköllner Hoteliers die Hygienekonzepte einhalten. Das werden aber ähnliche sein wie bei uns in Thüringen. Und wenn sie in Neukölln nicht eingehalten werden, ist das genauso gefährlich, als würden wir sie nicht einhalten.

Nochmal: Die Frage, ob Sie zufällig in Neukölln sind und die Zahlen da gerade massiv überschritten werden, ist nicht die entscheidende Frage. Ich kann das auch an einem Beispiel aus Thüringen erklären.

Bitte.
In Schleiz ist unsere Inzidenz gerade über die 35 pro 100.000 in sieben Tagen gegangen. Das ist der erste Alarmwert, auf den wir reagieren. Damit man das einordnen kann: Tatsächlich geht es um nur 28 Personen, alle aus einer Behinderteneinrichtung, in der ein behandelnder Arzt eine – wie ich finde – grobe Fehleinschätzung begangen hat. Er hat Husten behandelt, ohne einen Corona-Abstrich zu machen. Vier Tage später war das halbe Haus infiziert. Der Amtsarzt vom Gesundheitsamt hat dann alles Notwendige veranlasst.

Im Landkreis Saale-Orla ist der Index damit über 35. Sie denken dann: Oje, das ist ein rotes Gebiet. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie einen der 28 Angesteckten treffen, geht aber gegen null. Deswegen reicht der Index allein nicht. Wenn Sie mich fragen würden, ob ich das für die Lombardei so sagen würde …

Würden Sie?
Ich habe meinen Urlaub in Italien gerade abgesagt. Weil in der Region der Anstieg so stark ist, dass ich hinterher in Quarantäne müsste. Das kann ich mir als Ministerpräsident gerade nicht leisten.

Also aus Zeitgründen haben Sie abgesagt – nicht, weil Sie dem Krisenmanagement der Lombardei nicht vertrauen?
Ich weiß auch, dass in der Lombardei am Anfang das Management falsch war. Wir haben damals sogar ein Ärzteteam hingeschickt. Junge Leute und Beatmungsgeräte. Und wir haben französische Schwersterkrankte in Neustadt behandelt, aus europäischer Solidarität.

Apropos Solidarität. Nächste Woche wollte ich in Brandenburg Reiterferien machen, das kann ich mit dem Beherbergungsverbot vergessen. Darf ich das unfair finden?
Ja!

Aber müssen wir jetzt nicht alle gegen das Virus zusammenhalten?
Es ist trotzdem unfair. Wenn auf dem Reiterhof alle Hygieneregeln eingehalten werden und Sie keinen Verdacht haben, infiziert zu sein. Ich würde massiv widersprechen, wenn Sie auch nur den Hauch eines Verdachts hätten. Da würde ich sagen: Gehen Sie zum Arzt und klären Sie das. Wenn Sie Symptome hätten, wäre ich sogar böse.

Sowas hatten wir auch! Eine Ärztin hat eine Woche behandelt, trotz Symptomen. Das ist vorsätzliche Form von Gefährdung. Wir wissen ja, dass wir es mit einem Virus zu tun haben, mit dem nicht zu spaßen ist. Ich will nicht in den Verdacht geraten, bei den Coronaleugnern unterwegs zu sein. Ich nehme das Virus sehr ernst. Ich glaube aber, dass wir immer mit Methoden arbeiten müssen, die die Menschen verstehen – und nicht mit Angst.

Wir können das Virus nur bekämpfen, wenn die AHA-Regeln von jedem im Herzen getragen werden. Und wenn man dann sagt: Sie haben es nicht, die Familie hat es nicht und es gibt keine Kontaktpersonen. Wenn Sie die Informationen haben und alles sauber ausschließen können, weiß ich nicht, warum ich Ihnen den Urlaub vermiesen sollte – also innerhalb der Bundesrepublik.

Meine Oma ist über 80 und wohnt in Jena. Ich freue mich immer, wenn es da ordentlich strenge Restriktionen gibt, die den Alltag für sie sicherer machen. Gleichzeitig verstehe ich gut, dass mein Kollege gefordert hat: Junge Leute brauchen trotz Corona Platz zum Feiern. Verstehen Sie diesen Wunsch nach Freizeit und Feiern, auch wenn es um Menschenleben geht?
Absolut. Was ich nicht will, sind illegale Feiern, die dazu führen, dass alles außer Kraft gesetzt wird, worüber wir gerade gesprochen haben. Ich weiß, dass junge Leute in der Lage sind, mit der Einhaltung der Regeln klarzukommen. Wenn das im Vordergrund steht, steht doch dem Feiern nichts entgegen.

Im Gegenteil: Nach Ostern haben wir gesehen, was der Lockdown mit den Menschen macht. Also haben wir bis Pfingsten Konzepte erarbeitet, dass beispielsweise an der Bleilochtalsperre ein Elektro-Festival stattfinden konnte. Das Gelände wurde zum Caravan-Stellplatz umgestaltet und Foodtrucks hingestellt. Und siehe da! Plötzlich war in einem mobilen Rahmen Feiern möglich. Und die haben gefeiert! Mit Feuerwerk und Parade. Entscheidend ist, dass Nachverfolgung möglich ist. Und das halten die Akteure alle ein.

Warum sind die Regeln überhaupt in jedem Bundesland so unterschiedlich? Hat Söder andere Prioritäten als Sie – oder sogar ein anderes Menschenbild?
Das kann ich nicht genau beurteilen und will ich auch nicht. Ich wundere mich aber manchmal, welche Antworten ich aus Bayern bekomme. Als ich im Sommer gesagt habe, ich habe keine Lust, weiter mit Notverordnungen zu arbeiten, hat man das übersetzt, als würde ich Corona leugnen.

Dabei habe ich nur gesagt: Ich möchte die Regelwerke so gestalten, dass das Virus wie andere Viren behandelt wird, obwohl es uns vor Herausforderungen stellt. Daraufhin haben sie in Bayern darüber gesprochen, die Grenzen zu Thüringen zu schließen und ich dachte: Die sind völlig verrückt geworden. Die Zahlen in Bayern waren viel höher, wenn sich jemand hätte bedroht fühlen müssen, dann die Thüringer. Das hatte absurde Züge.

Um es klar zu sagen: Da, wo es ein Infektionsgeschehen gibt, muss man sich darauf verlassen können, dass gehandelt wird. Ich muss mich darauf in Bayern verlassen können – und der Bayer auf uns.

Wie sieht das konkret aus?
Bei uns sollte gerade ein Oktoberfest stattfinden. Stattdessen wird es einen Markt aus Fahrgeschäften geben. Am Ende werden 100.000 Menschen da gewesen sein – aber nie mehr als 1000 auf einmal und alle nachverfolgbar. Sie können also nach Thüringen kommen, Autoscooter und Riesenrad fahren. Es ist garantiert, dass das, was Sie anfassen, danach desinfiziert ist. Und es ist garantiert, dass man weiß, dass Sie da waren. Und wenn jemand neben Ihnen später erkrankt, werden Sie benachrichtigt. So gehen wir da ran.

Im Juni, als Sie gelockert haben, sagten Sie zu Ihrer Verteidigung: "Ich habe nicht gesagt, dass sich die Menschen jetzt umarmen und küssen sollen." Wäre es möglich, dass man in Thüringen eher wieder rumknutschen kann als überall sonst?
Die, die miteinander in einer Familie sind, sollen das bitte von morgens bis abends tun.

Hm, ja, OK. Aber mit Fremden?
Wer nicht in einem Raum lebt, sollte das tunlichst lassen. Und unter Fremden sollte man sowieso vorsichtig sein. Sexualität gehört zum Leben, aber man sollte auf seine Partner achten, das sage ich jungen Menschen immer. Aids ist ja auch ein richtiges Scheißvirus.

Das Interessante ist: Bei HIV haben wir so lange Werbung gemacht, bis jeder verstanden hat, dass Kondome schützen. Jetzt geht es um Masken, und auch da kommt viel Gegenwind. Deswegen glaube ich: Es ist wichtig, dass wir lernen, mit Risiken zu leben. Gefahren erkennen, einschätzen und damit umgehen – aber uns nicht in die Knie zwingen lassen.

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