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Health

Verursacht Analsex Langzeitschäden?

Für alle, die schon einmal an die Hintertür angeklopft haben und es wissen sollten.

von Justin Lehmiller, PhD
23 November 2016, 5:00am

Foto: imago | Blickwinkel

Dieser Artikel ist zuerst bei Tonic erschienen. Folge Tonic bei Facebook.

Manchmal hast du eine Sexfrage, die dir so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht. Und in solchen Fällen brauchst du eine echte Antwort—eine, die auf gründlichen Nachforschungen und wissenschaftlichen Fakten basiert.

Heutzutage dreht sich alles um Analsex. Laut Pornhub stiegen die Suchanfragen nach Analsex zwischen 2009 und 2015 weltweit um 78 Prozent an—in den USA waren es sogar 120 Prozent. Aber nicht nur als Pornogenre erfreut sich die Praxis immer größerer Beliebtheit. Immer mehr Menschen versuchen sich auch selbst daran. Die neusten Daten des CDC zeigen, dass 42 Prozent der amerikanischen Männer und 36 Prozent der Frauen zumindest einmal Analsex ausprobiert haben. Im Vergleich zu den 1990ern, als nur ein Viertel aller Männer und ein Fünftel aller Frauen in den USA es hintenrum probiert hatte, ist das ein signifikanter Anstieg.

Mit der zunehmenden Popularität sind auch Neugierde und Ängste über eventuelle Langzeitschäden auf der Empfängerseite in die Höhe geschossen. In meiner Eigenschaft als Sexualpädagoge habe ich selbst einen Anstieg von Fragen zu diesem Thema wahrgenommen—sowohl in meinen Unterrichtsstunden als auch in meinem E-Mail-Postfach. Die Fragen selbst variieren natürlich, am Ende geht es aber immer um das eine: "Wird Analsex meinem Hintern schaden?"

Wenn du im Internet nach einer Antwort auf diese Frage suchst, wirst du über lauter widersprüchliche Informationen stoßen. Manche Websiten bezeichnen Analsex als völlig unbedenklich, andere argumentieren hingegen, dass die Praxis einen ganzen Haufen Gesundheitsprobleme nachsichzieht. Kein Wunder also, dass die Menschen verwirrt sind. Um das Thema ein für allemal abzuhaken, haben wir geschaut, was die Wissenschaft über Analsex und anale Gesundheit zu sagen hat. Nach eingängiger Recherche und Gesprächen mit Experten folgt nun, was ich entdeckt habe.

Es gibt einen gigantischen Berg mit Untersuchungen über Analsex als Risikofaktor für sexuell übertragbare Krankheiten. Da ich davon ausgehe, dass die meisten von euch sich dessen mehr als bewusst sind, werde ich hier nicht weiter in diesen Bereich eintauchen. Eine freundliche Erinnerung gebe ich euch trotzdem mit auf den Weg: Kondome und PrEP sind hervorragend, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Im Gegenzug dazu sind aber bloß eine Handvoll von Studien der Frage nachgegangen, ob Analsex sich in irgendeiner Weise auf die Analfunktion auswirkt. 1993 erschien die anscheinend erste Studie zu diesem Thema. Darin verglichen Wissenschaftler die Darmeigenschaften und die Analfunktion von zwei männlichen Versuchsgruppen: 40 schwule Männer, die mit rezeptivem Analsex vertraut waren, und 18 Heteros, die angaben, keinerlei Erfahrungen in der Richtung zu haben. Als Teil dieser Studie steckten die Forscher den Männer Ballons in den Hintern und füllten diese mit Wasser, um den analen Druck zu messen. Weil ... Wissenschaft!

Und was fanden sie heraus? Passiver Analsex wurde mit einem geringeren analen Ruhedruck (die Muskeln da unten waren also nicht so stark angespannt) und vereinzelt auftretenden leichten Symptome fäkaler Inkontinenz in Verbindung gebracht. Manche Versuchspersonen spürten demnach eine größere Dringlichkeit beim Defäkieren. Eine nachfolgende Studie von 1997 konnte ebenfalls einen Zusammenhang zwischen passivem Analsex und einem geringeren analen Ruhedruck herstellen. Eine Korrelation mit Inkontinenz stellte man hier allerdings nicht fest. Die inkonsistenten Ergebnisse in Sachen Inkontinenz machen es schwierig, fundierte Schlüsse zu ziehen. Wir können auch nicht wirklich sagen, was uns die Ergebnisse über den geringeren Ruhedruck zeigen. Die Autoren der neueren Studie wiesen nämlich darauf hin, dass dieser geringere Ruhedruck lediglich auf eine größere Entspanntheit im Umgang mit analer Stimulation hinweisen könnte. In anderen Worten: Vielleicht waren die Typen, die bereits ihre Erfahrungen mit passivem Analsex gemacht hatten, einfach etwas entspannter, als man ihnen Zeug in den Hintern steckte.

Oh, und du solltest auch nicht vergessen, dass beide Gruppen auf sehr kleinen und rein männlichen Stichproben basierten. Um diese Verwirrung etwas zu lösen und die Einschränkungen der alten Studien zu beseitigen, ist dieses Jahr eine neue Studie zu Analsex und Inkontinenz erschienen, in der über 4.000 Amerikaner befragt worden sind. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Frauen und Männer, die in der Vergangenheit rezeptiven Analsex gehabt hatten, häufiger über Inkontinenz berichteten als diejenigen, die noch nie jemanden an ihren Hintern gelassen hatten (9,9 Prozent gegenüber 7,4 Prozent bei den Frauen und 11,6 Prozent gegenüber 5,3 Prozent bei den Männern).

Auch wenn diese Ergebnisse auf den ersten Blick zu bestätigen scheinen, dass es einen Zusammenhang zwischen passivem Analsex und Problemen mit der Darmkontrolle gibt, muss hierbei bedacht werden, dass diese Daten keineswegs Ursache und Wirkung zeigen. Ein kurzer Blick auf die Statistiken zeigt außerdem, dass der absolute Großteil der Analsexerfahrenen nicht inkontinent ist. In anderen Worten, die Chancen stehen sehr gut, dass dein Hintern trotz Analsex problemlos weiter funktioniert.

Abgesehen von möglicher Inkontinenz gibt es noch andere potentielle Auswirkungen von Analsex auf die anale Gesundheit? Ich bin oft gefragt worden, ob Analsex einen rektalen Prolaps hervorrufen kann. Dabei kollabieren die Wände des Rektums und beginnen, sich nach außen zu stülpen. Wie sich allerdings herausstellt, ist so ein Analprolaps—egal, was du bereits in Pornos gesehen hast—extrem selten, und abgesehen von ein paar anekdotischen Berichten konnte ich kaum Forschungsergebnisse finden, die Analsex als wahrscheinliche Ursache dafür in Betracht zogen.

Eine kleine Ausnahme bildet da ein 2015 veröffentlichter Artikel in der Fachzeitschrift Indian Journal of Applied Research mit dem Titel "Rectal Prolapse Due to Anal Sodomy!!!!!!" Kein Scheiß, in dem Titel dieser Studie finden sich sechs (!6!) Ausrufezeichen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber für mich verhält sich die Seriosität eines wissenschaftlichen Aufsatzes diametral zu der Anzahl der in der Überschrift verwendeten Ausrufezeichen. Das soll nicht heißen, dass Analsex noch nie einen Analprolaps verursacht hat. Wenn man allerdings bedenkt, wie häufig Analsex und wie selten Berichte über Analprolapse sind, dann kann man davon ausgehen, dass derartiges nicht so oft passiert.

Die andere große Sorge bei Analsex ist das Potential einer Verletzung des Anus selbst. Ärzte gehen davon aus, dass Mikrorisse beim Analsex üblich sind—genau wie auch vaginale Mikrorisse beim Vaginalverkehr üblich sind. Diese heilen allerdings schnell ab und bedeuten keine signifikante Gesundheitsgefährdung, abgesehen von der leichteren Übertragung von Geschlechtskrankheiten. Signifikante physische Traumata durch Po-Spiele sind aber selten. Ein Großteil der Fälle, die eine medizinische Behandlung erfordern, ist auf Praktiken wie Fisting zurückzuführen. Aber abgesehen von denjenigen, die ihre Körper wirklich an die Grenzen bringen, gibt es kaum Beweise dafür, dass Analsex den Anus zwangsläufig verletzt.

Ich habe mit der Sexualpsychophysiologin und Chefin von Liberos LLC, Nicole Prause, gesprochen. Auch sie bestätigt diese Annahme: "Geläufigere Analsexpraktiken scheinen nur in den seltensten Fällen ernsthafte Gesundheitsprobleme zu verursachen." Prause sagte allerdings weiter: "Forschungen im Bereich der Geburtsverletzungen zeigen uns allerdings, dass Geschwindigkeit und Kraft zwei wichtige Faktoren bei Wundverletzungen sind. Die Menschen sollten wahrscheinlich im Hinterkopf behalten, wie weit der Stimulator (Penis, Spielzeug, Faust, etc.) den Anus dehnt und die Geschwindigkeit der Größe entsprechend verlangsamen. Es ist besonders gefährlich, einen großen Stimulator mit hoher Geschwindigkeit zu verwenden." Geläufiger Analsex—also so wie ihn die meisten Menschen praktizieren—verursacht also eher keine Probleme. Extreme Praktiken, wie du sie vielleicht in bestimmten Pornos siehst—wie Doppelpenetrationen—können potentiell zu Verletzungen führen. Prause mahnt deswegen auch, dass "Analsex, wie er in Filmen dargestellt wird, als reine Fantasie gesehen werden sollte. Das Dargestellte reflektiert nicht, wie Physiologie eigentlich funktioniert."

In der Tat haben ein paar Pornodarstellerinnen bereits offen über ihre Analverletzungen gesprochen, die sie sich bei Drehs zugezogen haben. Wir wissen aber trotzdem nicht, wie häufig so etwas wirklich vorkommt. Es ist durchaus denkbar, dass die meisten Darstellerinnen über derartige Unfälle nicht groß sprechen—sei es aus Scham oder weil sie befürchten, dass sie dadurch in Zukunft weniger Arbeit bekommen. Nicht nur leiden sie im Stillen, sondern sind auch potentiellen Kosten ausgesetzt. Versicherung und Arbeitsunfallversicherung kommen nicht für Sexunfälle bei Pornodrehs auf.

Also noch mal: Wissenschaftliche Erkenntnisse suggerieren, dass die allermeisten Menschen, die passiven Analsex praktizieren (Pornostars mal ausgenommen), äußerst unwahrscheinlich mit schweren Verletzungen, einem Analprolaps und Inkontinenzproblemen zu rechnen haben.

Nichtsdestotrotz gibt es bestimmte Maßnahmen, mit denen sich die Risiken beim Analsex so niedrig wie möglich halten lassen. Erstens: Schützt euch vor Geschlechtskrankheiten (noch mal: Kondome und PrEP eignen sich super dafür). Zweitens: entspannt euch, geht die Sache langsam an, kommuniziert deutlich und benutzt ordentlich Gleitgel (auch wenn Prause mahnt, "es mit dem Gleitgel vielleicht nicht zu übertreiben", um so nicht versehentlich die Geschwindigkeit zu erhöhen). Und zu guter Letzt: Bedenke, dass extremere Analpraktiken riskant sind. Denk also lieber zwei Mal nach, bevor du versuchst, diese eine Szene aus dem einen Porno nachzustellen.

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