Alle Fotos von Grey Hutton, wenn nicht anders angegeben

Ich habe 24 Stunden am Berliner Kotti verbracht

Ich frage: Wie gefährlich ist es hier? Als Antwort zeigt er auf die Messernarbe an seinem Hals.

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14 Juli 2016, 4:00am

Alle Fotos von Grey Hutton, wenn nicht anders angegeben

Als ich kurz vor 5 Uhr an einem Donnerstagmorgen aus der U8 am Kottbusser Tor steige, prosten mir drei verzottelte Männer mit einem Sterni zu. Ist es ein Absacker oder das erste Morgenbier? Sie antworten nicht, grinsen mit halbvollständigem Zahnsatz. Über dem Kotti geht die Sonne auf, fällt auf Satellitenschüsseln, auf die Fenster der Dönerbuden und der Bars. Noch sind kaum Menschen auf dem Platz, außer dem Verkäufer des 24-Stunden-Gemüsestands. Aber die Überreste der letzten Nacht auf den Straßen erzählen Geschichten: Jemand hat die Nacht mit einer Spritze und einer Capri-Sonne ausklingen lassen, ein paar Meter weiter daneben ein Stilleben aus leerer Sektflasche und Miniflasche Chardonnay. Außerdem zähle ich 17 Wodkaflaschen von Marken, die so billig sind, dass ich sie nicht einmal aus meiner Studentenzeit kenne.

Foto: Wlada Kolosowa

Der Reinigungsmann, der gegen kurz vor 6 anfängt, alles zusammenzufegen, sagt nur: "Dreckig ist es hier. Aber für weitere Anfragen müssen Sie sich an die Pressestelle wenden." Ich wundere mich kurz über so viel Medienkompetenz, aber andererseits kommen Journalisten in der Tat in letzter Zeit öfters am Kotti vorbei. Das Kottbusser Tor sei Berlins härtester Drogenumschlagplatz, schrieb die Süddeutsche Zeitung im April. "Trostloser geht's eigentlich kaum." Und zwei Monate zuvor titelte der Tagesspiegel: "Selbst für Kreuzberg zu krass". Die Anzahl der Überfälle sei laut Polizei von 2014 auf 2015 um 50 Prozent gestiegen, es gibt 100 Prozent mehr Diebstähle und auch mehr Körperverletzungen. Was für Polizei und Politiker ein Problemherd ist, ist für viele andere der Hotspot des Berliner Nachtlebens. Vielen gilt der Kotti als das Sinnbild für einen Ort, an dem unterschiedliche Welten friedlich nebeneinander existieren. Die Schwulenbar Möbel Olfe ist nur ein paar Meter entfernt vom Café Diyar, in dem sehr ernste türkische Männer Okey spielen. Afrikanische Musik mischt sich abends mit türkischer und Techno. Kloake der Stadt? Multikulti-Paradies? Ich werde 24 Stunden am Kotti verbringen, um zu sehen, was stimmt, Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang.

Um 6:30 Uhr fangen die ersten Dealer ihre Frühschicht an. "Hasch, Hasch?", sagt einer müde, als ich neben dem Istanbul Supermarkt vorbeilaufe. Ein anderer fragt gähnend: "Weiß, grün, braun?" Soll heißen: Koks, Gras, Heroin. Aber das habe ich erst am Ende der 24 Stunden verstanden.

Foto: Wlada Kolosowa

Um kurz vor sieben bringt ein Lieferservice Dönerspieße. Der Fahrer wickelt das Riesending aus der Folie, geht tief ins Kreuz, als er es auf die Schultern wuchtet. Es sieht aus, als würde ein Höhlenmensch eine Mammutkeule schleppen. "Gefährlich hier?", frage ich. "In den elf Jahren, in denen ich hier ausliefere, ist mir nichts passiert", sagt er. Aber im letzten Jahr sei es schlimmer geworden, vor allen Dingen am Wochenende. Schlägereien habe er gesehen, auch eine Messerstecherei.

9 Uhr ist Stoßzeit bei der türkischen Bäckerei Simitdchi, dem Frühstückshotspot des Kottis. Studentinnen mit Pixie-Schnitten holen sich ihren Coffee-to-Go, Frauen in Kopftüchern schwarzen Tee in kleinen Gläsern und Simit—ein türkisches Sesamgebäck. Einmal rückt ein Rentner mit einem leeren Einkaufswagen von Lidl an, parkt ihn vor der Bäckerei und bindet ihn mit einem Fahrradschloss an. Ein anderer Opa mit einem John-Deere-Cap und einem gehäkelten Frauenschal um die Schulter liest das Feuilleton der Zeit. Als ich mich in die Sonne setze, kommt ein dürrer Mann vorbei, rollt seine Ärmel hoch, präsentiert mir den Ausschlag auf seinen Oberarmen und sagt: "Ich habe Aids, hast du Geld?"

Am Kotti mischen sich Junkies, Exzentriker, Türken, Künstler und Studenten. Steigt man aufs Dach eines der Sozialbauten, sieht man ihn in seiner ganzen Pracht. Das langgestreckte zehnstöckige Ungetüm des Neuen Kreuzberger Zentrums an der Nordseite des Platzes. Davor das rundliche Betonlabyrinth aus Läden, Bars, Imbissen, einem Hostel, einem Casino. Im Westen der Istanbul Supermarkt. Im Osten der von Touristen geliebte Imbiss Burgermeister. Alle paar Minuten rattert die U1 auf den Hochgleisen vorbei, nachts spült sie die Feierwütigen an. Es ist ein Miniatur-Berlin auf wenigen hundert Quadratmetern.

Als ich mittags in der Schlange vor der Dönerbude stehe, legt mir ein Fremder einen Arm um die Schultern. Mein Herz setzt für ein paar Schläge aus: Ist es einer der Antänzer vom Kotti, über die die Medien so viel schreiben? Ein Dieb, der seinen Opfern körperlich ganz nahe kommt und sie ausraubt, ohne dass sie es merken? Aber er will nicht mein Portemonnaie, nur meine Nummer. Zum Abschied schenkt er mir Baklava und sagt, er arbeite in einem Späti in der Nähe.

Der Anwohner Ahmet Tuncer, 63, erzählt mir später, dass ich da Glück gehabt habe. Ihm wurde schon einmal die Geldbörse gestohlen. Ein paar Mal habe er auch schon ausgeweidete Geldbeutel auf dem Boden gefunden und sie zurückgegeben: Das Geld fehlte zwar, aber die Dokumente waren noch da. Seit 47 Jahren wohnt Tuncer am Kotti. "Es war schon immer ein unruhiger Platz", sagt er. Das letzte Jahr ist drastischer geworden, aber so schlimm, wie es Politiker und Zeitungen ausmalen, sei es auch wieder nicht: "Der Kotti wird gern als Symbolbild im Vorwahlkampf benutzt", sagt er. "Aber es ist ein lebendiger, toleranter Ort." Das Wort Multikulti kann er trotzdem nicht leiden. "Dieses Image zieht die ganzen jungen Leute an—und mit ihnen welche, die sie mit Rauschgift versorgen." Aber die Kriminalität, über die ständig berichtet wird, sagt er, gäbe es nicht nur hier. Sie sei am Kotti nur besonders sichtbar, weil hier viele Menschen zusammenkommen. Außerdem sei es hier seit zwei Monaten schon viel ruhiger geworden. Zwei Teams aus je zwei Männern und einem Hund sind jetzt abends unterwegs, bezahlt von den Vermietern der Ladenflächen.

Ahmet Tuncer | Foto: Wlada Kolosowa

Tuncer engagiert sich bei der Initiative "Kotti & Co", die sich gegen Mieterhöhungen einsetzt. Zwischen 2010 und 2016 erhöhte sein Vermieter die Miete seiner Wohnung um 380 Euro. Der Kotti wird trotz der Negativschlagzeilen beliebter und damit teurer. Im Café Kremanski serviert ein Barista mit gepflegtem Bart Corretto an einen Kerl mit MacBook, in dem USB-Kabel stecken, an denen wiederum ein iPhone und ein iPad hängen. Auf dem Menü steht ein Acerola-Powershake. Vor der Tür nimmt ein Mann undefinierbaren Alters einen anderen flüssigen Nachmittagssnack ein: Wodka. Als ich rausgehe, bietet er mir einen Schluck an. Ohnehin kriege ich viele Geschenke von den Spätis und Imbissen. Bis 19 Uhr habe ich Pistazienkekse, drei Gläser schwarzen Tee und einen Pfirsich geschenkt bekommen, außerdem zwei Flaschen Bier. Vielleicht ist genau das, was die Menschen trotz allem den Kotti lieben lässt. Alles ist hier ein bisschen mehr Basar: weniger Regeln, mehr Improvisation.

Murat Cavan

"Kotti ist ein eigenes Land", sagt Murat Cavan, der vor dem Istanbul Supermarkt Melonen in Frischhaltefolie wickelt und seit 18 Jahren hier wohnt. "Ich will nie weg." An den Drogenumschlagplatz vor seiner Nase hat er sich gewöhnt. "Die können nichts dafür." Die drei Dealer wenige Meter weiter sagen alle: "Keine Arbeit. Deswegen sind wir hier."

Sie offerieren stundenlang allen Passanten Haschgraskoksecstasy in dem gezischten Ton, in dem früher Klassenbullys Schwächere beleidigten: laut genug, dass man es genau hört, aber so leise, dass es keiner mitbekommt, der es nicht mitkriegen soll. Einer der Dealer kommt aus dem Libanon, einer aus Ägypten, ein anderer aus Palästina. Der Libanese sagt: "Ich würde lieber Gemüse verkaufen. Aber keine Arbeitserlaubnis, kein Gemüse." Der Ägypter sagt: "Deutschland ist nicht so gut, wie ich gedacht habe."

Als um 21 Uhr das EM-Spiel Frankreich gegen Deutschland beginnt, sieht es vor den Bildschirmen plötzlich aus wie auf einem Stockfoto zum Thema Integration. Männer mit Prachtschnurrbärten feuern neben mit Deutschland-Fahnen behangenen Muskelpaketen die Nationalelf an. Bei verpassten Torchancen wird auf Deutsch, Türkisch, Arabisch, Englisch und Russisch aufgeschrien. Der Typ, der mir vorher Heroin anbot, fiebert nur wenige Meter neben den privaten Securitys, die kurz Pause machen.

Violette Dieblume

50 Meter Luftlinie entfernt trinkt die französische Hairstylistin Violette Dieblume im Möbel Olfe Bier mit ihren schwulen Kumpels. "Kotti ist für mich der aufregendste Ort Deutschlands." In guten Momenten wie diesem scheint es, als habe sie Recht.

Nach 12 kippt die Stimmung. Eine sturzbetrunkene Afrikanerin tanzt vor einem Dutzend schwarzer Männer, die auf dem Bordstein sitzen, sie stolpert, schwankt, fängt sich, tanzt weiter. Die Körper der Menschen haben etwas Angespanntes, das Sprachengemisch in der Luft eine aggressive Note. Trotzdem: Der Einzige, der dumm kommt und unseren Fotografen anpöbelt, ist ein besoffener dicker Deutscher in einem Cowboyhut.

Um 00:32 Uhr rennt plötzlich ein Kerl in Trainingsanzug über den Platz, kreischt auf Russisch: "Ich will keine Probleme, ich will kein Crystal Meth!" Dann geht alles ganz schnell. Geschrei. Schnelle Schritte auf dem Asphalt. In der Nähe des 24-Stunden-Gemüsestands kommt ein Grüppchen zusammen. Drei sehnige Männer schubsen einen älteren Mann herum, reißen ihm etwas aus der Hand.

"Der Alte hat ihn mit einer kaputten Flasche bedroht", erklärt Seyar, 20, ein stämmiger Kerl mit dem Körper und der Nase eines Boxers, der er, wie sich herausstellt, auch ist. Ich frage: "Wie gefährlich ist der Kotti?" Als Antwort zeigte er auf die Messernarbe an seinem Hals.

Er zieht sein T-Shirt aus: über der Niere, am Kehlkopf, am Oberarm verheilte Messerschnittwunden. "Sie haben mich zu viert aufgeschlitzt." Wer sie? Schulterzucken. "Nicht so wichtig." Warum? Wieder Schulterzucken. "So ist es halt hier." Seyar spricht mit mir mal auf Englisch, mal auf Deutsch, mal auf Russisch. Er sagt, dass er aus Afghanistan komme und schon seit drei Jahren Asyl in Deutschland habe. Warum kommt er trotz der Messerstecherei zum Kotti? "Wo soll ich denn sonst hin?"

Eine ähnliche Antwort gibt auch ein Libyer in einer schwarzen glänzenden Jacke, der mir zuerst Haschisch anbietet und dann einfach nur quatschen will. Wir reden in einer Mischung aus Gesten, dürftigem Französisch und Italienisch. Er ist 32, arbeitete früher als Lastwagenfahrer und will nach Libyen zurück. Er besteht darauf, mir einen Kotti-Sicherheitskurs zu geben: "Ich mach nur Business, aber es gibt viele, die machen Zappzarapp." Das heißt Diebstahl.

Mit Gesten zeigt er: Portemonnaie nur in der Vordertasche tragen mit der rechten Hand drauf, kein Rucksack, kein Blickkontakt.

Auch wenn viele mich warnen: Ich selbst fühle mich nie in Gefahr. Diejenigen, die über Nacht am Kotti arbeiten, schimpfen viel. Auf die Journalisten, die den Ort wahlweise als Drogenmoloch oder Hipsterparadies darstellen und den Großteil der Kotti-Bewohner vergessen, hartarbeitende Menschen wie sie selbst. Auf die Politik, die sich immer nur für den Kotti interessiert, wenn Zeitungen darüber berichten, und sie dann wieder mit ihren Problemen allein lässt. Einer sagt: "Man sollte hier Frau Merkel unter den Baum anbinden, damit sie selbst Multikulti sieht." Ein Verkäufer erzählt, wie ihm der Kragen geplatzt ist, als ein Dealer ihn gebeten hat, Gras auf seiner Waage abzuwiegen.

Gegen kurz vor 5 ist der Kotti fast leer. Eine druffe Punkerin mit Dreads versucht, ihren Schäferhund einzufangen. Fertige Frankreich-Fans holen sich nach einer siegestrunkenen Nacht einen Falafel. Der Dönerverkäufer Mutlu erzählt, dass er neulich in den Blumenkübeln vor seinem Laden Plastikbeutel mit Drogen gefunden hat: "Alle Pflanzen haben sie mir kaputt gemacht", sagt er. "Ich liebe den Kotti. Aber manchmal denke ich: Es ist hoffnungslos." Er hat trotzdem neue Blumen gepflanzt.