Hitler war kein Rebell, liebe Indonesier

Ein Poster mit Hitler drauf bekommst du in Indonesien an jeder Straßenecke. Dabei wissen die freundlichen Leute, die sie verkaufen, allerdings oft nicht, um wen es sich dabei handelt.

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Juni 25 2014, 2:39pm

Ein Stand auf der Malioboro –einer Einkaufsstraße in Yogyakarta.

Falls du im Laufe deines obligatorischen Sabbatjahres auf einem Trip nach Indonesien über ein Bild von Adolf Hitler stolpern solltest, wundere dich nicht. Du wirst ihn überall finden, wo Straßenhändler Poster verkaufen. Zwischen Plakaten von Kurt Cobain oder deinem Lieblingsfußballverein. Das Hakenkreuz—und nicht etwa das buddhistische— ist ebenfalls allgegenwärtig und ziert Hauswände, Kaffeetassen, T-Shirts und Aschenbecher. Das Merkwürdigste an diesem Phänomen ist allerdings, dass es sich bei den Leuten, die das Zeug verkaufen und sich mit Naziemblemen schmücken, nicht etwa um verwirrte Rechtsradikale wie diese Typen handelt, sondern um ganz normale Indonesier, die oft nicht mal eine Ahnung davon haben, wer Adolf Hitler eigentlich war.

Um herauszufinden, warum auf den Straßen Indonesiens so viel Nazi-Merchandise verkauft wird, habe ich den Geschichtsprofessor Dr. Wahid kontaktiert, der an der Gadjah Mada University in Yogyakarta auf Java lehrt.

Ein 10-jähriger indonesischer Junge im Nazi-T-Shirt.

Laut Dr. Wahid sind die Indonesier alles andere als Antisemiten: „Das Wissen über Hitler, das die Menschen hier haben, stammt aus amerikanischen Filmen—viel mehr wissen sie nicht. Anders als die Jugendlichen in Europa lernen die indonesischen Schüler kaum etwas über den Zweiten Weltkrieg. Sie wissen zum Beispiel nichts über die Judenverfolgung. Sie sehen Hitler als einen Revolutionär, ähnlich wie Che Guevara—nicht als jemanden, der Millionen von Juden ermordet hat. Natürlich verurteilen sie ihn für das, was er getan hat—wenn sie denn darüber Bescheid wissen—, aber sie fühlen sich von Naziemblemen angezogen, weil sie sie aus dem Punkrock und aus Hardrock-Videos kennen. Ihrer Ansicht nach sind diese  Zeichen Symbole der Rebellion.

Gene Netto, ein Englischlehrer aus Jakarta, ist nicht überrascht von dieser Unkenntnis der Geschichte. Einmal bemerkte er, dass einer seiner Schüler einen Hakenkreuzaufkleber auf sein Handy geklebt hatte. „Er hatte keine Ahnung, wofür es steht. Ich setzte mich hin, um ihm zu erklären, wer die Nazis waren und was sie getan hatten. Danach warf der Junge den Aufkleber sofort weg.“

Hitler-Graffiti in Semarang, Kota Lama (Foto: Kyra Dirkssen)

Das Problem ist, dass Indonesien zwischen 1967 und 1998 vom autoritären Suharto-Regime beherrscht wurde. Der Lehrplan der Schulen wurde natürlich ebenfalls vom Regime bestimmt: „Die Schüler lernten nichts außer Geschichten über die Größe und den Ruhm Indonesiens“, sagt Wahid. „Das Bildungsministerium untersagte den Lehrern, die Schüler über internationalen Völkermord, politische Gewalt oder Rassenkonflikte zu unterrichten. Die meisten Schüler machten ihren Abschluss, ohne jemals etwas vom Holocaust gehört zu haben.“

Trotz allem scheint meine Überraschung über diese Zustände hauptsächlich von westlicher Arroganz zu zeugen. Denn am einfachsten lässt sich das Verhalten der Indonesier damit erklären, was im Land selbst während des Zweiten Weltkriegs geschah. Nachdem die japanische Besatzung (die von 1942 bis 1945 andauerte) beendet war, marschierten die Holländer ein und übernahmen die Kontrolle. All das endete, als die Republik Indonesien im Jahre 1949 unabhängig wurde. Wahid erklärt: „Absolut jede Geschichtsstunde, in der diese Periode behandelt wurde, widmete sich voll und ganz der Unabhängigkeit von Indonesien. Niemand kümmerte sich um die Judenverfolgung.“

Eine Verkäuferin mit einem Poster von Hitler. "Nein, ich habe kein Ahnung, wer das ist", sagt sie.

Wahid glaubt, dass das Internet ein wahres Geschenk für die Jugend seines Landes ist. „Bis vor kurzem kontrollierte uns die Regierung, aber jetzt, wo das Internet so weit verbreitet ist, hat jeder freien Zugang zu Informationen. Ich habe festgestellt, dass die heutige Generation von Schülern viel besser über die Welt außerhalb von Indonesien Bescheid weiß als frühere Generationen.“

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