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Wir haben einen Ethiker gefragt, ob man Neonazis ins Gesicht schlagen darf

Im Zuge der Proteste gegen Donald Trump hat der offen rechtsradikale Aktivist Richard Spencer bei einem Interview auf die Mütze bekommen. Aber ist ein solcher Akt der Gewalt überhaupt gerechtfertigt?

von Allie Conti
24 Januar 2017, 2:04pm

Titelfoto: Screenshot von YouTube

Die Vereidigung Donald Trumps als 45. Präsident der USA hat in den Menschen eine ganze Reihe an Emotionen ausgelöst. Die Wut und Frustration der Linken lassen sich leicht in einem Bild zusammenfassen: der Videoclip, in dem ein antifaschistischer Demonstranten dem Neonazi und Trump-Unterstützer Richard Spencer eine reinhaut. 

Wie zu erwarten war, feierte das Internet das Video richtig ab, unterlegte es mit Musik und frohlockte im Angesicht der Gewalt, der ein Hauch WorldStarHipHop, ein Hauch Captain America und ein Hauch "Ach, scheiß doch auf den Typen" anhaftet.

Der Schlag hat jedoch auch eine Diskussion angestoßen: Wenn ich Gewaltverzicht als eine universelle Antwort ansehe, ist es dann noch in Ordnung, jemanden zu schlagen, den ich absolut nicht mag? Wenn ich es nicht gut finde, Neonazis eine blutige Nase zu verpassen, was ist mit Faschisten? Und wenn mir dieses Dilemma Kopfzerbrechen bereitet, darf ich trotzdem über die ganze Sache lachen?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir uns mit Randy Cohen, dem ehemaligen Ethiker vom New York Times Magazine, in Verbindung gesetzt. Cohen ist bei moralischen Zwickmühlen nämlich ein ziemlich guter Ansprechpartner.

VICE: Ist es OK, Richard Spencer ins Gesicht zu schlagen?
Randy Cohen: Nein. Es ist nicht OK, Leuten ins Gesicht zu schlagen – auch dann nicht, wenn sie verwerfliche Ansichten vertreten. Das geht einfach nicht. Unser Ziel ist eine zivilisierte Gesellschaft, in der wir bei Problemen miteinander reden und diskutiern. Gewalttätiges Verhalten darf nicht gefördert werden und wenn jemand eine andere politische Meinung hat, dann darf ich diese Person nicht einfach so zusammenschlagen. Ganz abgesehen davon, dass es moralisch gesehen verwerflich ist, Menschen körperlich anzugreifen, muss man hier auch noch bedenken, dass es in einer gewaltfördernden Gesellschaft genauso wahrscheinlich ist, selbst zum Opfer von Gewalt zu werden. Und es ist definitiv kein Spaß, eine Faust ins Gesicht zu bekommen.

Kann ich Gewalt gegen einen politischen Feind rechtfertigen, wenn dieser Feind nicht nur zur Gewalt gegen bestimmte Menschen aufruft, sondern diese Gewalt selbst systematisch ausführt?
Nicht, wenn diese Gewalt nur verbalen Charakter hat. Obwohl der Feind ein Verhalten vorantreibt, das wir schrecklich finden, ist er nicht unser moralisches Vorbild und wir müssen seine Methoden nicht nachmachen. Hier gibt es auch keinen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Gewalt ist nie die passende Antwort. Natürlich habe ich das Recht, mich zu verteidigen, wenn ich körperlich angegriffen werde, aber das war bei Spencer ja nicht der Fall.


Wir haben uns auch schon mit Richard Spencer auseinandergesetzt:


Es muss doch eine Grenze geben.
Natürlich wird der Aufruf zur Gewalt irgendwann ein Verbrechen. Gesetze gegen Belästigung und Tätlichkeiten existieren ja nicht umsonst. Aber nein, körperliche Gewalt ist wirklich nie die richtige Antwort. Martin Luther King Jr. und die Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre sind hier Paradebeispiele, denn Gewalt hatte bei ihnen keinen Platz – ein unglaublich moralischer Akt. Eine Gruppe Menschen hatte den Mut, auch dann an ihrer Anti-Gewalt-Einstellung festzuhalten, als sie angegriffen wurde. Sie antworteten nicht mit Gegengewalt. Das ist sehr beeindruckend und wir sollten uns genau das zum Ziel setzen.

Warum feiern Menschen, die eigentlich sehr klug und zivilisiert auftreten, den Schlag in Richard Spencers Gesicht so ab?
So etwas wie ein Gedankenverbrechen gibt es nicht. Deshalb verspüren manche eine gewisse Freude, wenn ein Verfechter der körperlichen Gewalt gegen andere selbst zum Opfer der von ihm gepredigten Taten wird. Ich will hier nicht sagen, dass es einem nicht gefallen darf, wenn Richard Spencer lang gemacht wird. Das wäre unmenschlich und fast schon übertrieben moralisch. Das macht es aber noch lange nicht richtig.

Ist es in Ordnung, im Privaten über das Video zu lachen? Darf ich es teilen?
Das ist nicht einfach zu beantworten, weil das schnell als Aufruf zu solchen Aktionen gewertet werden kann. Es ist wichtig, hier nicht als gewalttätige Bewegung aufzutreten. Gewalt gegen unbeliebte Ansichten und Vorstellungen ist einfach nicht drin. Ich persönlich würde ein solches Video nie teilen, aber wenn man es für einen kurzen Moment genießt, dass Richard Spencer auf die Mütze bekommt, dann kann ich das niemandem übel nehmen. Wenn du jedoch andere Leute dazu aufforderst, ihn zu schlagen, dann musst du dir auch Kritik gefallen lassen.

Was sollte ich dann tun, wenn ich auf einen offensichtlichen Neonazi treffe? Es ist doch mit Sicherheit nicht falsch, ihn bloßzustellen?
Es geht hier nicht darum, was ich in diesem Moment tun sollte, sondern was davor das richtige Verhalten ist. Ich muss mich für eine gesellschaftliche Veränderung stark machen, kämpfen, Widerstand leisten, sich mit progressiven Gesellschaftsbewegungen identifizieren, auf die Straße gehen und Lokalpolitikern die eigene Meinung mitteilen. Es gibt Hunderte Dinge, die du machen kannst. Die Frage nach dem richtigen Verhalten beim Aufeinandertreffen mit irgendeinem Schwachkopf ist relativ unbedeutend. Du kannst ihn anschreien, ihn verbal konfrontieren. Und das ist auch gut. Es lohnt sich immer, die Leute daran zu erinnern, dass manche Ansichten aufgrund ihrer Abscheulichkeit keinen Platz in einer ordentlichen Gesellschaft haben. Und wenn du solche Ansichten vertrittst, dann wirst du nun mal mit Verachtung bestraft. Schläge bleiben aber weiterhin das falsche Mittel zum Zweck.

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