Was passiert, wenn Junkies alt werden?
Illustrationen: Sarah Schmitt

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Was passiert, wenn Junkies alt werden?

„Wir werden ja auch alt und wo sollen wir sonst hin? Früher sind wir gestorben an HIV oder Überdosen, heute gibt es Methadon und diese Projekte. Ein Altersheim für Junkies? Das wär doch OK."
25.11.15

Junkies leben gefährlich. Dabei ist Heroin in seiner reinen Form eine Droge, mit der man durchaus alt werden kann, weil der Körper durch sie nicht so angegriffen wird wie es zum Beispiel bei langjährigem Alkoholismus der Fall ist. Dass so viele Heroinabhängige in der Vergangenheit jung gestorben sind, lag vielmehr an den Begleitumständen, an Überdosen, der Ansteckung mit HIV durch infizierte Spritzen und weiteren Risiken des illegalen Konsums.

Durch bessere Substitutionsangebote und Medikamente gegen HIV hat sich die Lebenserwartung von Heroinabhängigen mittlerweile deutlich erhöht. Junkies der ersten Generation, die wie Christiane F. in den späten Siebzigern angefangen und überlebt haben, sind heute zwischen 50 und 60 Jahre alt, manche sogar über 70. Heroin hat sich zu einem Problem der älteren Generation entwickelt, doch genaue Studien gibt es zu diesem Phänomen bisher nicht. Offensichtlich ist allerdings, dass ältere Menschen mit jahre- oder jahrzehntelanger Heroinabhängigkeit einen besonderen Betreuungsbedarf haben. Im Gegensatz zu Nicht-Abhängigen altern sie schneller und sind körperlich nur wenig belastbar. Dazu kommen soziale Verelendung und schwere psychische Erkrankungen, die sie frühzeitig arbeitsunfähig machen. Trotzdem würde wohl niemand auf die Idee kommen, alternde Junkies in einem normalen Alten-und Pflegeheim unterzubringen. Wohin sollen sie also gehen?

Um mehr über diese Problematik zu erfahren, treffe ich mich als Erstes in Berlin mit Robert Kliem von der ZIK (Zuhause im Kiez), einem sozialen Projekt, das Menschen mit HIV und Hepatitis C bei der Wohnungssuche unterstützt und selbst betreutes Wohnen für Betroffene anbietet. 60 Prozent der Bewohner von ZIK sind Drogengebraucher, die meisten von ihnen werden substituiert. Die Einrichtung arbeitet akzeptierend, das heißt, niemand fliegt raus, wenn er mal einen Rückfall hat, solange er die anderen nicht gefährdet. Deswegen gibt es hier auch weniger Abbrecher als bei Projekten, die eine Null-Toleranz-Politik verfolgen.

Auch Kliem sieht Heroinabhängigkeit inzwischen als ein Problem der älteren Generation an, während die Jungen eher zur Polytoxikomanie neigen und alles konsumieren, was sie kriegen können. Außerdem ist Crystal Meth bei den Jüngeren ein sehr viel größeres Problem als Heroin, glaubt Kliem. „Crystal Meth ist eine so persönlichkeitsverändernde Droge, da nehme ich lieber zehn Junkies auf. Junkies wollen sich wegdrücken, aussteigen, vergessen, während Crystal die Droge der Leistungsträger ist. Da gibt es einen ganz großen Unterschied, was die Gruppe der Konsumenten angeht." Heroin ist und bleibt die klassische Underdog-Droge. Kliems Erfahrung zufolge kommen die meisten Junkies aus einem prekären sozialen Umfeld und zerrütteten Familienverhältnissen, wo oft auch die Eltern bereits abhängig waren. Viele von ihnen sollen sexuellen Missbrauch erfahren haben und dadurch traumatisiert sein.

Eigentlich ist die ZIK eine Eingliederungshilfe, die Menschen mit chronischen Krankheiten und Suchtproblemen in irgendeiner Weise in die Gesellschaft reintegrieren soll. Bei den meisten Abhängigen ist das allerdings ab einem bestimmten Alter nicht mehr möglich, deshalb plant die ZIK ein Wohnprojekt, in dem ältere Abhängige wohnen und auch bleiben können—„wenn es sein muss, bis zum bitteren Ende". In Deutschland gibt es so ein Altenheim für Drogenabhängige bisher nur in der Nähe von Unna in Nordrhein-Westfalen. Ähnliche Projekte existieren in Wien und Amsterdam. Der Grund, warum solche Einrichtungen dringend nötig sind, liegt auf der Hand: Normale Altenheime wären mit der Betreuung von Suchtkranken, die vielleicht sogar noch aktiv konsumieren, schlicht überfordert, und auch das Zusammenleben mit den anderen Heimbewohnern könnte sich ziemlich problematisch gestalten.

Kliem erinnert sich an die Zeit, in der HIV-Patienten noch eine sehr geringe Lebenserwartung hatten und teilweise zur Pflege in Altenheimen untergebracht wurden:

„Ich kenne keinen AIDS-Kranken, der nicht mal kifft, weil es positive Wirkungen hat, den Schmerz lindert und den Appetit fördert, da sind [die Betreuer] ausgerastet, damit konnten die nicht umgehen, auch die ambulanten Pflegedienste nicht. Wir hatten da zum Beispiel eine noch junge Frau, die dann sehr schnell gestorben ist, die war sehr krank und hing am Tropf. Es war klar, dass sie nur noch zwei Wochen zu leben hat, da hat sie den Pfleger gebeten, ihr ein bisschen Koks in den Tropf zu tun­—Aufstand! Einem Alkoholiker hingegen hätte man bestimmt nicht das letzte Bierchen verwehrt, aber da macht man dann den Unterschied zwischen legaler und illegaler Sucht. Solange es diese Unterscheidung gibt, werden wir diesem Problem nicht beikommen."

Illustrationen: Sarah Schmitt

Kliem glaubt, dass gerade ältere Abhängige nicht weiter kriminalisiert werden sollten und setzt sich für eine Ausweitung der Reinstoff-Vergabe ein. In Berlin gibt es bisher eine solche Diamorphin-Praxis, in der sich Abhängige morgens und abends unter ärztlicher Aufsicht pharmazeutisch erzeugtes Heroin injizieren können. Die Patienten sind alle Langzeit-Junkies, die keine Aussicht darauf haben, jemals wieder wirklich clean zu werden. In der Therapie machen sie gute Fortschritte. „Vielen der Patienten geht es richtig gut", erzählt Kliem, „aber die Warteliste ist sehr lang, deshalb müsste das in viel größerem Stile gemacht werden. Da würde man den ganzen illegalen Sumpf austrocknen und hätte plötzlich ganz viele Probleme nicht mehr." Die Reinstoff-Vergabe kostet 60 Euro am Tag und ist damit weniger als halb so teuer wie ein Tag im Gefängnis. Kliem schätzt, dass die Hälfte der Häftlinge in der JVA Tegel wegen Beschaffungskriminalität einsitzt. Eine Ausweitung des Diamorphin-Programms würde den Staat also auf Dauer eine ganze Menge Geld sparen, außerdem würde es gerade älteren Menschen einen würdigeren Umgang mit ihrer Sucht ermöglichen. „Wenn so alte, grauhaarige Menschen noch in der Szene rumhampeln müssen, ist das ja ziemlich absurd, das sollte man ihnen ersparen."

Als Nächstes treffe ich mich mit Volker. Er wohnt in einer Einrichtung von ZIK in Neukölln. Er ist das dritte Mal dort, zwei Mal ist er rausgeflogen, jetzt ist er wieder da und hat im Haus seine eigene Wohnung. Volker ist 46 und wirkt erstaunlich fit. Dass er fast 20 Jahre lang Heroin gespritzt hat, sieht man ihm nicht an—solange man die vernarbten Einstichlöcher an seinem Körper nicht sieht. Bekannte in seinem Alter hat Volker kaum noch. Die meisten, die mit ihm angefangen haben, sind jung gestorben, an Überdosen oder an HIV. Volker selbst hat HIV und Hepatitis C, er muss jeden Tag Medikamente nehmen. Solange er die Medikamente nimmt, hat er keine Beschwerden, aber sie erinnern ihn jeden Tag daran, dass es ganz schnell mit ihm vorbei sein würde, wenn er sie nicht nähme.

Vor vier Jahren hat Volker aufgehört zu spritzen und wird seitdem mit dem Methadonpräparat Polamidon substituiert. Als clean würde er sich allerdings niemals bezeichnen: Das Junkie-Sein hört nicht auf, nur weil man den Stoff ersetzt, und bei einer langfristigen Methadontherapie geht es am Ende auch nicht darum, dass der Patient clean wird, sondern lediglich darum, die negativen Aspekte der Sucht zu minimieren.

Aufgehört zu spritzen, hat Volker, weil er für seine (ebenfalls drogenabhängige) Frau da sein wollte, als diese krank wurde. „Wenn ihr was passiert, muss ich für sie da sein", sagt Volker. „Wenn du drauf bist, kannst du das nicht, dann bist du immer nur dem nächsten Schuss hinterher. Ich hab auch Tabletten genommen, Rohypnol, Valium, dazu dann noch Heroin, da hab ich gar nichts mehr auf die Reihe gekriegt. Dann kam der Stellungsbefehl vom Knast, ich war zwei Jahre im offenen Vollzug, das hat mir ganz gut getan und mir geholfen, mich zu stabilisieren."

Volker hat seine Rückfälle, der letzte ist erst ein paar Wochen her, aber sie werden immer seltener. Er injiziert sich das Heroin auch nicht mehr, sondern zieht es durch die Nase. Im Alltag kifft Volker regelmäßig und trinkt Bier, wie sieht es mit anderen Drogen bei ihm aus? „Alle paar Monate nehmen ich und meine Frau mal Amphetamine, wenn wir Lust drauf haben—das Polamidon, das tötet einen schon ziemlich ab, es killt die Entzugserscheinungen, aber auch alles andere, gefühlsmäßig passiert da nicht mehr viel, du wirst depressiv, die Amphetamine pushen dich dann mal ein bisschen hoch, und irgendwo sucht man ja doch den Kick. Aber wenn ich jetzt mal 'ne Nacht richtig durchfeiere, brauch ich eine ganze Woche, um mich wieder zu erholen, da merkt man auch, dass man nicht mehr so jung ist."

Weil ihn das Polamidon antriebslos und depressiv macht, überlegt Volker, zu Subutex zu wechseln, das im Gegensatz zu Methadon keine so sedierende Wirkung hat und Menschen, die substituiert werden, ihren Alltag aktiver gestalten lässt. Einmal ist Volker an einer Überdosis Polamidon fast gestorben. Als er sich selbst entgiften wollte, nahm er 56 Milliliter­—die normale, vom Arzt verordnete Dosis entspricht 10 Millilitern­—, ging ins Krankenhaus und kippte dort um. Er hatte großes Glück, dass er auf der Intensivstation wieder zu sich kam. „Wenn es die Substitution nicht gäbe, würde es mich auch nicht mehr geben", sagt Volker. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so alt werden würde, wie ich jetzt bin. Ich dachte, so mit spätestens 40 wäre Schluss, aber meistens verdrängt man solche Gedanken. Eigentlich kann jeder Schuss der letzte sein, wenn du einmal gutes Zeug erwischst, dann war's das."

Volker ist froh, dass es inzwischen Projekte gibt, die sich um Abhängige wie ihn kümmern. „Das holt die Leute von der Straße weg, die müssen nicht klauen gehen oder Raubüberfälle begehen. Die Leute können wieder ein einigermaßen normales Leben führen. Ich hab alles hinter mir gelassen, aber das war ein langer Weg." Als er noch drauf war, hat Volker mindestens drei Mal am Tag gespritzt. Nicht mehr, um davon breit zu werden, sondern, um normal funktionieren zu können. Oft hat er für Heroin und Kokain 200 oder 300 Euro am Tag ausgegeben. Durch die Beschaffungskriminalität rutschte er immer weiter ab. „Ich war dauernd im Knast, rein, raus, rein, raus. Das hat mir immer wieder mein Leben kaputt gemacht, ich stand zehn Mal mit meiner Tasche vor dem Knast und stand vor dem Nichts und dann ging's wieder los. Du baust dir was auf, dann baust du Scheiße und verlierst wieder alles. Jedes Mal sagst du dir wieder: Lass die Scheiße, bleib sauber. Im Knast bist du ja zwangsläufig sauber, weil du dir das Zeug auf dem Schwarzmarkt einfach nicht leisten kannst, ich hab dann lieber gekifft, das war schon teuer genug."

Immer wieder hat Volker versucht aufzuhören, doch immer wieder fing er auch wieder an. Erst mit Anfang 40 schaffte er es in die Substitution. Wenn man das Positive daran sehen will, zeigt Volkers später Erfolg, dass auch für Langzeit-Junkies nicht alles verloren sein muss, und dass auch ältere Abhängige durchaus noch in der Lage sind, ihr Leben zu ändern. Das sieht auch Robert Kliem von der ZIK so. Er glaubt, dass die Erfolgschancen bei den Älteren sogar höher sind als bei den jüngeren, die noch nicht so viele schlimme Erfahrungen gemacht haben und eher noch die angenehmen Seiten der Sucht erleben.

„Man denkt, bei den Älteren ist alles zu spät, aber das stimmt nicht. Man kann immer noch etwas ändern, es gibt ja auch den Spruch, dass man erst so richtig in der Scheiße versinken muss, bis man wirklich den Willen fasst, etwas verändern zu wollen—und soweit sind eben viele Junge einfach noch nicht."

Die ZIK bietet neben dem betreuten Wohnen auch verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten und Gruppenaktivitäten an. Ein Angebot, das gerade für ältere Abhängige enorm wichtig ist. Die meisten Junkies, die erst spät aufhören zu spritzen, haben nur noch über die Sucht mit anderen Menschen zu tun und verlieren, wenn sie den Stoff aufgeben, gleichzeitig ihr ganzes soziales Umfeld. Nach einem erfolgreichen Entzug stehen sie plötzlich alleine da, auch deswegen werden viele rückfällig. Volker hingegen ist nie einsam gewesen. Er hat weiterhin viele Bekannte, aber er weiß aus seiner langen Erfahrung auch, wie die Szene sich im Laufe seiner aktiven Junk-Karriere verändert hat. Das Geschäft auf der Straße ist härter und anonymer geworden. Die traditionellen Treffpunkte, wie zum Beispiel der Kotti in Kreuzberg, sind nicht verschwunden, aber das Gemeinschaftsgefühl, das früher oft zwischen den Junkies herrschte und sie mitunter sogar ihren Stoff teilen ließ, existiert so nicht mehr, erzählt er.

Dazu kommt, dass jahre- und jahrzehntelange Heroinsucht natürlich auch an der Psyche der Abhängigen ihre Spuren hinterlässt: „Ich habe jetzt so einen Kreis von zehn Personen, alle müssen morgens ihr Methadon holen, und dann trinkt man auch mal ein Bier zusammen und quatscht ein bisschen. Letztens ist eine Frau gestorben, aber das wird so schnell vergessen. Früher hätte man gesagt, da stellen wir mal ein Bild hin oder ein Kreuz oder so, heute nicht mehr. Die Leute sind alle so abgestumpft, vielleicht weil inzwischen so viele gestorben sind. Natürlich beschäftigt es einen noch, wenn ein guter Freund oder eine Freundin stirbt, aber man steckt das dann schnell weg. Das macht natürlich auch das Polamidon. Von denen, die es schaffen, damit aufzuhören, fangen viele dann wieder an, mit Polamidon oder gleich mit Heroin, weil sie auf einmal wieder Gefühle haben und darauf überhaupt nicht mehr klar kommen."

Neben anderen (Ex-)Junkies und seiner Frau hat Volker auch noch Kontakt zu seiner Familie, die ihn akzeptiert, obwohl sie seine Sucht und den Hang zu Drogen im Allgemeinen nicht nachvollziehen kann. Zwei bis drei Mal die Woche arbeitet Volker in der Orangerie, einem von der ZIK geleiteten Café. Die Arbeit macht ihm Spaß, auch wenn sie körperlich sehr anstrengend für ihn ist. Außerdem fühlt er sich dort wohl, denn mit der Zeit hat er gemerkt, dass er mit Menschen, die selbst nichts mit Drogen zu tun haben, nicht mehr viel anfangen kann. Seinen ursprünglichen Job wird er nicht mehr ausüben können. Er bekommt Grundsicherung, weil er als nicht mehr vermittelbar gilt.

Früher war Volker erst Schlosser, dann Zugfahrer bei der BVG. Dann kam Heroin. Erst nur am Wochenende, zum Runterkommen. Aber dann wurde er sehr schnell abhängig und verlor seinen Job. Volker bereut das noch heute. „Klar bereue ich Heroin. Ich bereue es, wenn ich einen Dealer sehe, ich bereue es, wenn ich einen anderen Junkie sehe, und das nagt an einem. Hätte ich mit der Scheiße nicht angefangen, hätte ich weiter Zug fahren können. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, aber Heroin hat mir alles kaputt gemacht. Du wirst immer wieder davon eingeholt. Du kannst nie sagen, es ist endgültig vorbei und du denkst nicht mehr dran, denn irgendwann klopft es wieder bei dir an. Ich glaube, wären wir früher besser aufgeklärt worden, wären wir ganz anders an die Sache ran gegangen. Wir waren total blauäugig und haben das unterschätzt und dachten, ab und zu Heroin zu nehmen, ist ja nicht schlimm."

Ich frage ihn, ob er von dem neuen Wohnprojekt gehört hat, in dem Abhängige bleiben und bei Bedarf auch ihren Lebensabend verbringen können. Volker findet die Idee sehr gut. „Wir werden ja auch alt und wo sollen wir sonst hin? Wir landen immer wieder in irgendwelchen Einrichtungen und betreutem Wohnen, aber das ist immer befristet. Altersheim wäre für mich auf jeden Fall angesagt, aber wenn ich in ein normales Heim gehen würde, dann wäre sofort die Hölle los. Die anderen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, würden sich total aufregen. Früher sind wir gestorben an HIV oder Überdosen, heute gibt es Methadon und diese Projekte. Es wird einem leichter gemacht und wir wollen ja auch alt werden. Ein Altersheim für Junkies? Das wär doch OK."