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Ich bin Barkeeper und keine Sextrophäe

"Ich weiß, dass die Gastronomie ein verrücktes Universum mit viel, viel Alkohol ist, aber sitzt nicht einfach nur an meiner Bar rum, weil ihr Sex wollt. Kommt wegen der Cocktails – die sind auch lecker."

von Anonym
25 Januar 2017, 10:00am

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Niederländisch bei MUNCHIES NL.

Willkommen zurück zu den Restaurant Confessionals, wo wir den Leuten aus der Gastronomie eine Stimme geben, die ansonsten viel zu selten zu Wort kommen. Hier erfährst du, was sich hinter den Kulissen in deinen Lieblingsrestaurants so alles abspielt. Für diese Ausgabe haben wir uns mit einem 26-jährigen Barkeeper aus den Niederlanden unterhalten, der seit vier Jahren in der Gastronomie arbeitet und es leid ist, als Sexobjekt gesehen zu werden.

Seit ein paar Jahren arbeite ich als Barkeeper, zuerst ein paar Jahre in einer Kneipe, seit einem Jahr in einer Cocktailbar. Seitdem ich hier angefangen habe, haben sich ein paar Dinge verändert. Früher habe ich eher Studenten bedient, heute gehört das Publikum, für das ich Cocktails mixe, eher zur gehobenen Mittelschicht. Und dabei ist mir aufgefallen – was mich ziemlich stört , dass ich regelmäßig sexuelle Anspielungen zu hören bekomme und mich Frauen, ohne mich zu fragen, berühren. Unter Barkeepern oder mit anderen sprechen wir über dieses Thema nicht wirklich – was nur verständlich ist, da wir in einer Welt leben, in der Frauen eigentlich immer von Männern dominiert wurden. Doch ich finde es wichtig, darüber zu sprechen. Männliche Barkeeper werden als Sextrophäe gesehen – und das muss aufhören.

Mein Eindruck ist: Je freier das Land ist, desto schlimmer benehmen sich die Leute. Sowohl Männer als auch Frauen betrinken sich und es scheint, als sei alles erlaubt. Vor zwei Monaten hat ein Typ seine Hose auf der Tanzfläche runtergelassen und seinen Schwanz im Kreis geschwungen. Die Leute fanden es lustig, aber ich hab den Witz nicht wirklich verstanden. Ich dachte mir nur Du bist Gast hier, also benimm dich auch wie einer. Der Kunde ist zwar König, aber wir müssen uns ja nicht alles gefallen lassen. Doch leider erwarten das die meisten Leute, wenn sie in eine Bar gehen.

Die zwei Male, als ich mit jemandem was hatte, habe ich mich danach wie ein Objekt gefühlt. Oder wie eine Art Trophäe, mit der sie vor ihren Freundinnen angeben können: "Ich hab' den Barkeeper dieser Bar gefickt!"


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Was mich zu meinem nächsten Punkt bringt: Von einem männlichen Bartender wird erwartet, dass wir es OK finden, wenn Frauen einem auf dem Weg ins Lager, um kurz Eis zu holen, an den Arsch grapschen – und auch wenn sie auf dem Rückweg noch mal zupacken. Bei richtig betrunkenen Gästen seh ich das noch relativ, da finde ich es nicht so schlimm.Aber wenn ich einen scheiß Tag habe, dann werde ich ziemlich pissig. Lass mich dir erklären, warum.

Frauen flirten gern mit dem Barpersonal, genauso wie das Männer bei weiblichen Angestellten auch machen. Das gehört zum Beruf dazu und das weiß man auch von Anfang an. Das Ding ist nur, dass Frauen nicht so schnell aufgeben wie Männer, wenn man ihnen einen Korb gibt. Sie tun so, als sei nichts gewesen, lachen einfach undversuchen hartnäckig weiter, doch noch bei mir zu landen. Frauen sitzen oft in Gruppen an der Bar mit nur einem Ziel: Schnapp dir den Barkeeper! Es gibt natürlich auch viele Bartender, die die Aufmerksamkeit genießen, aber es ist einfach ein Klischee, dass Barkeeper mit jedem Sex haben wollen. Die zwei Male, als ich mit jemandem was hatte, habe ich mich danach wie ein Objekt gefühlt. Oder wie eine Art Trophäe, mit der sie vor ihren Freundinnen angeben können: "Ich hab' den Barkeeper dieser Bar gefickt!"

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Meistens läuft das so ab: Frauen versuchen zuerst, Blickkontakt herzustellen. Das ist anfangs ganz nett, aber wenn dich gleichen Mädels drei Stunden hintereinander anstarren, wird es ein bisschen unangenehm. Neulich kam eine Gruppe an die Bar und eine von ihnen beobachtete mich den ganzen Abend lang. Ich fand das ziemlich niedlich bis mich ihre Freundin mit verführerischer Stimme fragte: "Was glaubst du, möchte sie wohl bestellen? Es steht nicht auf der Karte…" Ich wusste, dass so was kommen würde und antwortete mit witzigen Spruch: "Ich weiß nicht, ein Glas Wasser oder so?" Da hörte das Gekicher plötzlich auf. Sie wussten nicht, was sie darauf antworten sollten, und keine zwei Minuten später hatten sie sich ihre Jacken geschnappt und waren gegangen. Diese Frauen dachten, dass jeder Barkeeper leicht aufzureißen sei, und konnten es einfach nicht verstehen, dass ich nicht in diese Schublade passte. Wenn ich auf die Anmache nicht einsteige, ist das meiner Meinung nach kein Grund, wütend abzurauschen. Aber es passiert oft.

Je älter die Frauen, desto weniger Schamgefühl kennen sie, das ist zumindest mein Eindruck.

Na gut, vielleicht ist mir das noch lieber als Frauen, die einfach stur bis zum Schluss an der Bar sitzen bleiben in der Hoffnung, dass sie mich abschleppen können. Einmal war da ein Mädchen an der Bar, das mich, nachdem ich ihr ihren Drink gegeben hatte, völlig ausdruckslos fragte: "Und was kann ich dir geben?" Ich sagte ihr, dass ich nicht mehr hinterm Tresen trinke. "Das meinte ich nicht unbedingt, eher im Sinne von, du kannst alles bekommen, was du willst", antwortete sie. Ich lächelte sie an und ging sofort. Sie starrte mich weiter an und blieb an der Bar sitzen. Das war ziemlich creepy. Sie blieb dann bis zum Schluss, aber ich habe sie nicht weiter bedient.

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Je älter die Frauen, desto weniger Schamgefühl kennen sie, das ist zumindest mein Eindruck. Viel zu oft sind es Frauen in den 40ern, die mir an den Hintern langen. Das stört mich echt.Ich glaube, das liegt daran, dass junge Frauen noch ein wenig unsicher sind, älteren Frauen ist es egal, wie ihre Haare aussehen. Sie sind selbstbewusster und haben diese Ich-hab-eh-nichts-zu-verlieren-Einstellung. Sie kommen allein oder mit gleichaltrigen Freundinnen. Wenn sie an der Bar sitzen, merkt man sofort, dass sie auf Barkeeper-Fang sind. Ein Freund, auch Bartender in einer Cocktailbar in Amsterdam, hat mir mal erzählt, dass er eine Kundin hat, die zwar sonst immer mal mit ihrem Mann vorbeischaut, aber jeden Freitag allein kommt. Sie sitzt immer gegenüber von ihm, während er die Cocktails mixt, und lässt die ganze Zeit sexistische Bemerkungen fallen: über seine Muskeln, über seinen Gesichtsausdruck beim Mixen ("Siehst du auch so aus, wenn du kommst?"). Sie gibt ihm immer 20 Euro Trinkgeld oder sogar mehr und sie bettelt ihn förmlich an, mit zu ihr nach Hause zu kommen – und sie ist verheiratet.

Ich weiß, dass die Gastronomie ein verrücktes Universum mit viel, viel Alkohol ist, aber sitzt nicht einfach nur an meiner Bar rum, weil ihr Sex wollt. Kommt wegen der Cocktails – die sind auch lecker.

Und bei mir ist es nicht anders: Die Frauen lehnen sich über Theke, um mich zu berühren. Was komisch ist und man kann nicht wirklich was dagegen tun. Von Männern wird erwartet, dass sie das einfach akzeptieren. Ein Barkeeper strahlt automatisch Sex aus, also ist er wahrscheinlich auch hier, um Sex zu haben, richtig? Dieses Image scheint total normal – und trotzdem ist es sexuelle Belästigung, wenn Männer Barkeeperinnen auf die Brüste starren oder mit ihrer Handfläche auf den Arsch schlagen.

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Und noch etwas: Wenn Frauen versuchen, mit mir zu flirten, sind sie oft auf Gratis-Drinks aus. Neulich hab ich eine Runde Kurze spendiert, aber als sie gehen wollten und ich ihnen die Rechnung gab, fanden sie das komisch. Eine der Frauen, die den ganzen Abend mit mir geflirtet hat und mir ihre Nummer auf eine Serviette geschrieben hat, fand das lächerlich und dachte, dass sie alles umsonst bekämen. Schließlich haben sie dann doch bezahlt und sind wütend abgedampft. Eine Stunde später tauchte sie mit einem Typen auf, den sie dann vor meinen Augen abgeknutscht hat. Sie wollte mir wohl etwas beweisen, à la: "Ha! Ich kann auch andere Typen abschleppen!" Solche Situationen habe ich echt satt.

Cocktailbars oder Kneipen sind Orte, wo die Leute Spaß haben wollen. Die Männer und Frauen, die in einer Bar arbeiten, wissen, dass der Alkohol, den sie verkaufen, die Leute verändert. Mir ist das auch bewusst. Ich weiß, dass es zu meinem Job gehört, ab einem gewissen Punkt Babysitter für meine Gäste zu spielen. Wenn sie viel trinken, verlieren sie jegliche Hemmungen und damit muss man umgehen können, wenn man in einer Bar arbeitet. Allerdings macht das eine Bar noch lange nicht zu einem Süßigkeitenladen mit Selbstbedienung und uns Barkeeper nicht zu leckeren Bonbons. Und das heißt auch nicht, dass ihr uns fragen könnt, ob unser Schwanz auch auf der Karte steht. So was darf nicht als normal durchgehen. Ich weiß, dass die Gastronomie ein verrücktes Universum mit viel, viel Alkohol ist, aber sitzt nicht einfach nur an meiner Bar rum, weil ihr Sex wollt. Kommt wegen der Cocktails – die sind auch lecker.

Aufgezeichnet von Roëlla van Gulik.

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