Kunst

In dieser Berliner Galerie kannst du Sex haben

Die Vorhänge zur Straße sind allerdings nicht dicht. Ein Paar erzählt, wie es im Art-Space die Nacht verbracht hat.

von Nik Afanasjew
02 August 2018, 12:29pm

Alex und Mila in der "Zwitschermaschine" || Alle Fotos: Eva Luise Hoppe

Ein untersetzter Mann, um die 60, läuft die Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg entlang. Es ist so heiß, dass die Luft flimmert und so schmeckt, als ob man gerade über den dampfenden Asphalt leckt.

Der Mann keucht, er bleibt an einer weiten Glasfront stehen, in einem Viertel voller ungeputzter Fenster und ranziger Imbisse, und betrachtet das Zimmer dahinter. Es leuchtet ihm rötlich und gelb und tiefblau und orange entgegen, als hätte jemand einen Regenbogen in einen Eimer gesteckt, ihn kräftig geschüttelt und dann als Farbe an die Wände geworfen.

Der Raum ist etwa 20 Quadratmeter groß. Darin steht ein einziges Möbelstück: ein weißes Bett. In ihm liegen zwei junge Menschen aufeinander. Der Mann kneift seine Augen zusammen, gibt der Szenerie noch eine Sekunde – schüttelt missmutig seinen Kopf, zieht weiter. Schon klar: Das ist nicht mehr seine Welt.

Wem diese Welt gehört, die ganze Gegend um die Potsdamer Straße, Kurfürstenstraße, Bülowstraße, ist eine offene Frage. Sie ist altes West-Berlin, berühmter Straßenstrich, Sozialfall, Gentrifizierungsopfer und Kunstmeile in einem. Genau dort gibt es nun in der Galerie Zwitschermaschine mit dem Projekt "ZIMMERFREIheit" den einzigen Art Space Berlins, den sich Leute mieten können – auch und vor allem, um darin Sex zu haben.

Ein Paar küsst sich auf einem Bett in einem bunt bemalten Raum
Der Blick geht ins Freie – und von draußen hinein

Die jungen Menschen auf dem Bett heißen Mila und Alex. Sie sind heute für das Interview mit VICE da, aber sie haben auch schon eine Nacht in der Zwitschermaschine verbracht. "Wir fanden es krass, dass so viele Leute das hier für einen Puff halten." Die Reaktionen der Passanten lassen sich auch vom Bett aus gut verfolgen, denn der federweiße Vorhang des Erdgeschoss-Zimmers bedeckt absichtlich nur einen Teil des Fensters. Passanten haben somit natürlich auch einen Einblick ins Zimmer. Damit ist die Zwitschermaschine ein offenherziges Pop-up-Liebeshotel.

In dem Film Blue Valentine gibt es eine extrem abgefuckte Szene in so einem Liebeshotel, in der Ryan Gosling und Michelle Williams an ihrer erlischenden Liebe verzweifeln. Sie streiten und kämpfen und machen alles, nur keine Liebe, und sie machen alles schmerzhaft falsch, in nachtblauem Neonröhrenlicht. Dagegen wirkt der von herzigem Rot dominierte Raum an der Potsdamer Straße eher wie ein Ja. Zu welcher Frage auch immer.

Ein Raum zum Pilze Nehmen und Ausflippen

Mila stammt aus Berlin, Alex aus Bosnien, sie ist Eventmanagerin, er studiert Produktdesign. Beide sind 27. Und beide waren vor allem von der energetischen Wirkung der Zwischtermaschine fasziniert. "Das ist so ein Raum, in dem man sofort Pilze nehmen und ausflippen will", sagt Alex. Mila erklärt: "Obwohl alles grell und neonfarben ist, erschlägt es nicht. Es wirkt nicht aufdringlich. Fast locker."

Und ja: In ihrer Nacht in der Zwischtermaschine hatten sie Sex.

"Klar ist es ungewöhnlich, wenn Leute von draußen reinblicken", sagt Alex. "Ich fand es trotzdem relativ intim. Viele gehen auch schnell weiter", sagt Mila. "Also ich habe, während wir Sex hatten, nicht zum Fenster geguckt." Alex richtet sich auf dem Federbett auf. "Ich schon. Es kamen auch Leute vorbei, aber da stand jetzt nicht die ganze Zeit einer und hat geguckt." Für ihre Nacht auf dem Federbett haben sie 100 Euro bezahlt. Und auf jeden Fall "etwas Ungewöhnliches erlebt", sagen sie. Vor allem das Spiel der intensiven Farben an der Wand, der Neonlichter von innen und der Laternen von außen hat es Alex angetan. Zum Schlafen haben er und Mila die Neonröhren aber ausgemacht. Alex sagt: "Die Neonröhren kann man ausschalten. Die Straßenlichter nicht."

Die Frauen übrigens, die unter dem Licht ewig leuchtender Straßenlaternen ihre Nächte zubringen, die Sexarbeiterinnen, tragen in diesem Hitzesommer so etwas wie Kleiderstreifen in Neonfarben, Gelb und Orange vorzugsweise. Fast wirkt es, als hätten sie die von der Wand in der Zwitschermaschine abgezogen.

Wie Mila und Alex das so erzählen, auf dem Bett sitzend, laufen weitere Passanten wie der untersetzte Mann von vorhin vorbei, schauen hinein. Manche lächeln, andere schwenken missmutig irritiert ihre Köpfe, viele ziehen einfach vorbei. Das Interview findet ja auch bei Tageslicht statt, und dieser Raum voller Licht und Sex und Widerspruch ist ein Nachtbewohner. Und wirkt als Gallery with Benefits trotzdem wie ein Verbindungselement zwischen den beiden Energiezentren dieser Straße: Sex und Kunst.

Eine Frau im Nadelstreifenanzug küsst einen Mann im Muskelshirt, die Hand in seinem Nacken
Ein Bett im Farbfeld – so kuschelig kommen sie nicht mehr zusammen

Genau so haben das die beiden Kuratoren Michelle Houston und Denis Leo Hegic auch gewollt. "Galeristen und Prostituierte haben viel gemeinsam", erklärt Houston. "Sie verkaufen Träume, Sehnsüchte, Gelüste." Hegic ergänzt: "Sie verwenden auch die gleichen psychischen Tricks: Verkleidung, Maskerade, Täuschung. Wichtig ist natürlich auch der Wunsch, sich täuschen zu lassen."

Hier rocken Leute, die Berlin wirklich lieben: Wahl-Berliner

Houston und Hegic sind sehr typische Berliner, das heißt: Sie lieben die Stadt und sind nicht von hier. Hegic gibt seine Herkunft mit "Jugoslawien" an, Houston ist aus London nach Berlin gekommen. Beide wohnen seit Jahren in dem Kiez um die Potsdamer Straße, "für mich die schönste Gegend Berlins", schwärmt Hegic. Mit HipHop-iger Basecap, Hornbrille und einer Halskette mit Davidsstern wirkt Hegic wie der Gegenentwurf einer elitären Kunsttype. Dabei ist er weltweit aktiv, kuratiert ein Museum für zeitgenössische Kunst in Taiwan und ist einer der Köpfe hinter "Wandelism", der erfolgreichsten Street-Art-Ausstellung Berlins in diesem Jahr. Michelle Houston war vor der Zwitschermaschine Agentin beim britischen Auktionshaus Christie’s.

Drei Erwachsene in szenigen Klamotten hocken vor einer bunten Wand
Michelle Houston (hinten), Carolina Amaya und Denis Leo Hegic

"Wir arbeiten mit dem Kontext, der Umgebung", sagt Houston. "Manchmal laufe ich durch die Gegend und sehe in einer Galerie ein Bild, das mich fasziniert", erklärt Hegic. "Aber wenn jemand mit so einem elitären, abweisenden Gesicht da drin sitzt, ist das wie ein Stoppschild. Dann will ich da nicht rein." Da ist die Zwitschermaschine schon das ziemlich genaue Gegenteil. "Hier kann man sogar ein Baby zeugen", sagt Hegic. "Es ist ein Langzeitprojekt. Neun Monate." Houston ergänzt: "Wenn jemand das schafft, legen wir das Ganze nach neun Monaten wieder auf."

Erschaffen hat die Farbexplosion-als-Raum die Künstlerin Carolina Amaya. Sie ist 37, stammt aus Kolumbien und trägt an diesem Tag Ohrringe in Form eines Lippenstifts, die energisch baumeln, wenn sie davon erzählt, dass sie vor allem daran interessiert sei, zu untersuchen, wie verschiedene Farben auf die Menschen wirken. "Red, blue, yellow, violet", zählt sie die kontrastreichen Möglichkeiten auf, mit deren Hilfe sie die Zwitschermaschine gestaltet hat. "Nur kein Grün. Ich hasse Grün."

Die Nachbarn haben mitgeholfen

Als sie das Zimmer bemalt hat, kamen Nachbarskinder, sie wollten und durften mitmachen. "Und einmal kam ein Typ, sagte er wäre selbst Sprayer. Er hat mir mit der hohen Decke geholfen, ziemlich viel, und ist dann kommentarlos abgehauen", erzählt Amaya. "Seither habe ich den nicht wiedergesehen."

Amaya hat neben ihrer künstlerischen Tätigkeit viele Jahre in einer Werbeagentur in Kolumbien gearbeitet, um Geld für eine Berliner Existenz zu sparen. "Ich war einmal mit einem Stipendium hier und danach wusste ich, dass ich in Berlin leben muss. Ich will hier arbeiten, hier Steuern zahlen!" Als Hegic das hört, muss er lachen. "Du immer mit deinen Steuern. Ich kenne niemanden, der gerne Steuern zahlt!" Wenn sie aber ein Synonym für eine gesicherte Existenz taugen, wird vielleicht klar, warum Amaya das sagt.

Als Mila und Alex irgendwann aus dem Bett aufstehen und sich verabschieden, schaut wieder ein älterer Passant durch die Scheibe, reibt sich seine Glatze, verzieht seinen Mund. Er schaut weiter auf ein leeres Plüschbett. Ein leeres Plüschbett, in einem farbexplosiven Raum, an der Potsdamer Straße. Das soll mal einer verstehen.

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