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Münchner Amokläufer soll seine Waffe bei einem 'Darknet-Nazi' gekauft haben

Neue Erkenntnisse zum Darknet-Händler, bei dem David S. seine Glock besorgt haben soll: Laut Ermittlern signierte er Posts gerne mit "Heil Hitler" und hatte ein "rechtsextrem geprägtes Weltbild".

von Daniel Mützel
19 Juli 2017, 12:15pm

Aus einem Smartphone-Video 
eines Anwohners, auf dem zu sehen ist, wie der Täter Schüsse abgibt. 
Foto: Screenshot Spiegel-TV-Video

"Heil Hitler" und "Sieg Heil" – so unterschrieb der mutmaßliche Waffenhändler des Münchner Amokläufers gelegentlich seine Beiträge im Darknet-Forum "Deutschland im Deep Web" (DIDW). Auch Fotos von Hitler und von Hakenkreuzen befanden sich auf dem Handy von Philipp K., der beschuldigt wird, dem OEZ-Attentäter die Tatwaffe verkauft zu haben. Diese neuen Details zum Waffenhändler, der im Darknet unter dem Namen Rico unterwegs war, bestätigt die Münchner Staatsanwaltschaft gegenüber Motherboard. Wie zuerst die SZ berichtete, gehen die Ermittler daher von einer rechtsextremen Gesinnung des Waffenverkäufers aus.

Philipp K. hatte im DIDW-Forum den Münchner Schüler David S. kennengelernt und ihm später eine Glock 17 samt Munition verkauft. David S. tötete mit der Waffe im Juli 2016 neun Menschen und sich selbst.

Der in U-Haft sitzende Philipp K. soll jedoch über kein "geschlossenes rechtsnationales Weltbild" verfügen, so Anne Leiding, die Sprecherin der Münchner Staatsanwaltschaft, gegenüber Motherboard. Zumindest sei den Ermittlern nicht bekannt, dass Philipp K. einer rechten Gruppierung angehöre. Außer den Handyfotos und den Foren-Posts gebe es zudem keine weiteren Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung des 32-Jährigen.

Dem beschuldigten Darknet-Dealer wird Ende August der Prozess gemacht. Dem Marburger wird vorgeworfen, durch den Verkauf der Glock "den Tod von 9 Menschen und Verletzungen bei 5 Menschen verursacht zu haben". Die Anklagepunkte: Verstoß gegen das Waffengesetz, gefährliche Körperverletzung und fahrlässige Tötung.

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Ob Philipp K. von den Amok-Plänen des Münchner Todesschützen wusste, war auf Ermittler-Seite lange eine offene Frage. Indizien, die auf eine mögliche Mitwisserschaft hindeuteten, gab es. So habe sich ein anonymer Hinweisgeber, der laut Leiding der Staatsanwaltschaft "unter einem Darknet-Pseudonym bekannt" gewesen sei, an die Behörden gewandt und gesagt, er besäße Informationen, die nahelegten, dass Philipp K. in die Todespläne eingeweiht gewesen war. Der Unbekannte habe eine vierstellige Geldsumme als Gegenleistung gefordert. Wie Leiding gegenüber Motherboard mitteilt, habe die Staatsanwaltschaft sich auch überlegt, das Geld zu bezahlen. Der Hinweisgeber habe sich jedoch daraufhin nicht mehr gemeldet, der Deal platzte.

Zuvor hatte der BR berichtet, dass ihm ein "Chat-Protokoll" vorliege, in dem ein DIDW-Mitglied Philipp K. als Mitwisser des Amokläufers belaste. Philipp K. habe gewusst, wofür David S. die Waffe einsetzen wollte und "ihm sogar Tipps für einen Amoklauf gegeben", so das Mitglied laut BR. Ob es sich bei dem Foren-Schreiber um den anonymen Hinweisgeber der Staatsanwaltschaft handelt, wollte Leiding auf Motherboard-Anfrage nicht kommentieren.

Sollten sich die Hinweise auf eine Mitwisserschaft des Beschuldigten erhärten, könnte sich der Tatvorwurf von fahrlässiger Tötung in Beihilfe zum Mord verwandeln. Laut dem Opferanwalt Yavuz Narin könnte die Auswertung der mittlerweile beschlagnahmten DIDW-Server weitere Erkenntnisse dazu liefern, dass Philipp K. möglicherweise doch von den Amokplänen gewusst haben könnte. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft bezeichnete dies gegenüber Motherboard jedoch als "Hoffnung des Opferanwaltes". Die bereits erfolgte, vorläufige Auswertung durch die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hätten solche Schlüsse nicht zugelassen, so Leiding. "Wir sind da skeptisch."

Einer von "Ricos" Posts im DIDW-Forum, Bild: Screenshot DIDW

Zu den Forderungen des Opferanwaltes, die Verhandlung zu verschieben und die Ergebnisse der weiteren Auswertung abzuwarten, hat man in München eine klare Meinung: "Nein, wir warten nicht". Die Behörde wolle auch deswegen möglichst schnell anklagen, weil der Beschuldigte bereits seit einem knappen Jahr in Untersuchungshaft sitze.

DIDW war die wohl größte deutsche Darknet-Seite, die laut Ermittlern zuletzt auf eine Mitgliederzahl von rund 20.000 kam. Seit Juni prangt ein Banner über der DIDW-Domain: "Die Plattform und der kriminelle Inhalt wurden beschlagnahmt", ist dort zu lesen. Das BKA hatte die Seite nach monatelangen Ermittlungen abgeschaltet und die Server beschlagnahmt.

Über das Forum mit angeschlossenem Schwarzmarkt wurden illegale Waren aller Art gedealt: Waffen, Drogen, gestohlene Kreditkarten, gefälschte Ausweise, Warez. Doch es wurde längst nicht nur gehandelt – viele nutzen das Forum auch als virtuellen Treff und sozialen Austausch. Wer häufiger auf der Seite unterwegs war, dem vielen auch die Sektionen mit ellenlange Debatten über Politik, Verschwörungstheorien und über die aus User-Sicht unnötig strengen deutschen Waffengesetze auf. Auf keinem sonstigen Darknet-Schwarzmarkt finden sind vergleichbare ausufernden Diskussionen, die nichts mit dem eigentlichen Geschäft zu tun haben.

Immer wieder waren gerade in den Diskussionen über Asylpolitik auch rassistische User-Kommentare zu lesen. Auch Posts im Pegida-Tonfall, 'Merkel muss weg'-Parolen oder Verschwörungstheorien über eine angeblich aus den Ausland gesteuerte Migrationswelle fanden sich auf der Seite.

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Im DIDW-Forum war Philipp K. unter seinem mutmaßlichen Nicknamen "Rico" unterwegs. Rico zeigte eine Vorliebe für Vergewaltigungs- und Gore-Pornos, versuchte neben Waffen auch größere Menge Fluorid-Zahnpasta zu verticken und zeigte ansonsten "an KFZ-Diebstählen interessiert", wie er in einem Post schrieb. Die Vorstellung vom 3. Weltkrieg bezeichnete er in einem Post als "Lebenstraum". In der Foren-Community kam Rico eher schlecht an – manche User hielten ihn gar für einen verdeckten Ermittler namens "Uwe", ein andere User schrieb: "Keiner nimmt ihn hier ernst."

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