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Warum ich Botox in den Achseln habe

Schweiß gehört zum Menschsein. Trotzdem will ich nicht, dass sich die Körperfunktionen wie zwei Rohrschachtests auf meinem Oberteil abzeichnen.

Schweiß gehört zum Menschsein. Aber obwohl alle Menschen ohne Ausnahme manchmal schwitzen, sind die Anlagen nicht gerecht verteilt. Da gibt es einerseits Menschen mit sehr trockenen Achseln—und andererseits zweibeinige Sprinkleranlagen wie mich. Eigentlich sollte das nicht so schlimm sein, schließlich verbindet Schwitzen alle Menschen auf dem Planeten. Und welcher Gedanke könnte schöner sein, als dass Wladimir Putin sich genauso Deo draufschmieren muss wie Beyoncé? Trotzdem stelle ich mir schon seit meiner Jugend jeden Tag die Frage, was ich am besten anziehen kann, um Schweißflecken zu verhindern, und besonders lustig war das noch nie.

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Ich weiß noch, wie ich früher mit meiner Mutter einkaufen gegangen bin und immer nur bedruckte oder dunkle, einfarbige Teile gekauft habe, weil ich in der Schule nicht auffallen wollte. Wenn ich dann doch mal etwas schweißunfreundlicheres trug—hellblau, rosa und alle Shades of Grey—, schwitzte ich umso mehr, egal wie kalt oder warm es draußen war. Diese psychosomatische Reaktion hat mein Leben ziemlich erschwert, weil man irgendwann dasitzt und nur noch daran denkt, wie schlimm es wäre, in diesem Augenblick zu schwitzen. Genau dann geben sich die Schweißdrüsen so richtig Mühe.

Nicht falsch verstehen, ich will keine der Stepford Wives sein. Ich will in Alltagssituationen einfach nur nicht aussehen, als hätte ich drei Tage lang durchgetanzt.

Jeden Sommer war mein Körper eine Leinwand, auf der Waterworld gespielt wurde. Die Karte zu den trockenen Stellen habe ich längst verloren. Ich mag zwar die Wärme, aber nicht die sozialen Aktivitäten, die damit zusammenhängen. Schwimmen, im Park sitzen oder über irgendeine Strandpromenade spazieren wären so schön, wenn nicht jedes Mal mein halbes Gesicht davonrinnen, meine Oberschenkel zusammenkleben und meine Achselhöhlen Eiskappen-Schmelzen spielen würden. Hinzukommt, dass mich die halbe Welt in diesem Zustand sieht. Denn darum geht es ja eigentlich bei diesem ganzen Problem: um die Meinung, die sich andere Menschen über dich machen, wenn du nicht aussiehst, als hättest du Photoshop dabei.

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Versteht mich nicht falsch—ich will wirklich keine der Stepford Wives sein oder mich übertrieben um mein Äußeres kümmern. Ich will in Alltagssituationen einfach nur nicht aussehen, als hätte ich drei Tage lang in Dauerschleife zu „Pump up the Jam" getanzt und nachher nicht geduscht. Das ist der Grund, warum ich mir Botox unter die Achseln spritzen lassen habe.

Davor hatte ich natürlich schon eine Odyssee durch diverse ungesunde Google-Suchen und ominöse Websites, die alle ein noch besseres Produkt für den kompletten Schwitz-Stopp versprechen, hinter mir. Tausend Kommentare—die eine Hälfte wahrscheinlich bezahlt, die andere Hälfte vielleicht glückliche Überlebende—sprechen von trockenen Achseln, Füßen und Handflächen. Für mich sind Firmen, die solche Wunder versprechen, immer irgendwie wie Scharlatane, die Elixiere gegen alles anbieten.

Ich habe es trotzdem in der Apotheke probiert und mir Sprays und Pülverchen geholt, die einen wegen ihrem hohen Aluminium-Gehalt auf Dauer zu Tin Man werden lassen. Diese Mittel sind Antitranspirante, was bedeutet, dass du im Idealfall weder riechst noch schwitzt. Zwischendurch habe ich oft gehört, dass dieses und jenes Produkt bei Freunden Wunder gewirkt hat. Mir hat nichts davon geholfen und ich wurde richtig wütend. Dann habe ich durch Zufall von der Möglichkeit gehört, sich Botox in die betroffenen Stellen spritzen zu lassen. Obwohl ich an dabei an brasilianische Silikonöl-Hintern und Amanda Lepore denken musste, zögerte ich kein bisschen. Zu meinem Glück waren meine Eltern bereit, die Kosten zu übernehmen, weil die Sache echt nicht billig ist.

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Die Botox-Spritzen sind kein Wundermittel, das aus dem Entlein den Schwan werden lässt.

Als ich dann das erste Mal im Behandlungsraum eines Hautarztes lag und mir die lokalanästhesierende Salbe auftragen ließ, um die Nadelstiche später nicht zu spüren, dachte ich irgendwie an Mr. Freeze und fragte mich, wie viel Stiche wohl nötig waren, um meine Schweißdrüsen so richtig schön erstarren zu lassen. Es waren 25 Stiche, von denen ich dank der Creme wirklich nichts gespürt habe.

Natürlich war ich total gespannt auf das Ergebnis. Nach drei Jahren Behandlung weiß ich inzwischen, dass die Antwort zwischen den Extremen liegt. Ich schwitze immer noch, aber zumindest ist der Feuchtigkeitsfilm auf meiner Haut so dünn, dass er nach kurzer Zeit verdunstet. Und Schweißflecken hinterlässt diese geringe Menge nicht. Die Wirkung hält fast ein halbes Jahr an, was echt nett ist, wenn man auch in dieser grausigen Übergangszeit zwischen Heizung drinnen und kühles Lüftchen draußen nicht aussieht, als würde man Wasserbomben unter dem Pulli tragen.

Was man sich aber immer vor Augen halten muss ist, dass Schweiß nicht nur aus den Achseln kommt. Im Sommer rinnt mir die Schwitze trotzdem in Bächen von der Stirn, vom Rücken und an den sonstigen Stellen, wo man eben Schweißdrüsen hat. Die Botox-Spritzen sind kein Wundermittel, das aus dem Entlein den Schwan werden lässt. Ich persönlich kann eben besser mit meinem Körper leben, wenn sich seine Funktionen nicht wie zwei Rohrschachtests auf meinem Oberteil abzeichnen.

Wenn man sich unwohl in der eigenen Haut fühlt, sollte man keine Hemmungen haben, etwas daran zu ändern, nur weil das für andere Leute nach zu hohen Kosten oder Überreaktionen aussieht. Selbstoptimierung bis zur Perfektion ist schön und gut, aber manchmal reichen kleine Eingriffe, die das Leben wieder ein bisschen bunter machen. In meinem Fall sogar wortwörtlich. Hellblau und rosa sind inzwischen jedenfalls kein Problem mehr für mich.


Titelbild: Kullez | Flickr | CC BY 2.0