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Klang als Waffe: So versucht die CIA, Menschen mit akustischer Folter zu brechen

Spoiler: Es liegt nicht nur an der Musikauswahl von Barney the Dinosaur und Dirrty von Christina Aguilera.
11.12.14

Im Camp Nama und im Gefängnis von Mosul kam es aus Ghettoblastern. Im Camp Cropper in Baghdad waren es an den Wänden angebrachte Lautsprecher. Und in anderen Anlagen, wie Camp Romeo, einem Bestrafungsareal innerhalb von Guantanamo, tönten die Sounds aus speziellen konischen Boxen, die in die Zellen der Gefangenen gerollt wurden.

Brutal laute Musik ist der schmerzhafte Hintergrundklang des Kriegs gegen den Terror. Der Ausdruck „laute Musik" taucht allein in der diese Woche veröffentlichten Kurzfassung der immer noch als geheim eingestuften CIA-Foltermethoden ganze 17 mal auf. Es ist kein Geheimnis, dass die USA Sound als Waffe im Rahmen ihres Kriegs gegen den Terror eingesetzt haben. Um den Willen ihrer Internierten zu brechen, kam die Technik in unterschiedlichen Gefängnissen und Black Sites weltweit zur Anwendung. Aber was heißt in diesem Zusammenhang überhaupt laut? Und wie laut ist laut genug?

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In einer Fußnote eines ​Memo der US-Verhörprogramme versucht die CIA, in jedem ihrer Gefangenenlager entsprechende „Arrest Bedingungen" einsatzbereit zu halten, mit denen die Inhaftierten während ihrer Verhöre „weißem Rauschen und lauten Sounds („die 79 db nicht überschreiten" ausgesetzt werden können. In dem Memo aus dem Jahr 2005 heißt es außerdem, dass Sicherheits- und Gesundheitskontrolleure auch „bei einer kontinuierlichen Belastung von 82 db über 24 Stunden nicht mit permanentem Gehörverlust" rechnen.

Suzanne Cusick, die als Musikprofessorin an der New York University zu akustischer Gewalt in gegenwärtigen Kriegen forscht, berichtete mir, dass es in den 1970er Jahren eine internationale Gerichtsentscheidung gegen den britischen Einsatz verschiedener Techniken in Nordirland gab. Neben ​Schlafentzug und gewaltsam erzwungenem Stehen, ging es dabei auch um die Belastungen durch Klang und permanentes weißes Rauschen. Auch gegenwärtig versuchen verschiedene Menschenrechtsorganisationen, wissenschaftlich fundierte Regeln zum Thema Sonic Warfare zu etablieren. Aktuell gibt es jedoch schlicht keinerlei juristische Richtlinien zu der Frage, wie laut Sound in Verhören oder gar Folter eingesetzt werden dürfe.

Bei der Festsetzung von Grenzwerten für Sound-Folter gilt es jedoch zu bedenken, dass „Dezibel-Werte in Kombination mit ihrer Dauer betrachtet werden müssen, die eine Person den entsprechenden Lautstärken ausgesetzt ist." Cusick berichtete mir auch davon, wie sie eines der 119 Opfer, die im Sentatsbericht zur CIA-Folter erwähnt werden, interviewt hat. Der Gefolterte möchte anonym bleiben, aber er wurde in dem geheimen CIA-Gefängnis COBALT in Afghanistan festgehalten, welches inoffiziell auch als „Salt Pit" bekannt ist.

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Der Mann berichtete, in dem Gefängnis monatelang in absoluter Dunkelheit gehalten worden zu sein, während er dabei fast durchgängig weißes Rauschen in den Gängen und Zellen von COBALT hörte. „Er meint, dass die Sounds von einem Tape gekommen sein könnten", sagte Cusick. Die Geräusche spielten für rund 45 Minuten, dann verstummten sie für etwa sieben Sekunden, und die Gefangenen versuchten, sich kurzzeitig gegenseitig etwas zuzurufen. Dann setzte die laute Musik erbarmungslos wieder ein.

Ist das ein Verhör? Vorbereitung auf ein Verhör? Oder einfach nur Folter?

Das wiederholte Abspielen der ewig gleichen Songs (normalerweise lauter Metal oder HipHop) kann getrost als ​Grundpfeiler der „Standard Operating Procedure" bezeichnet werden: „Der Agent überzeugt die Quelle davon, dass ein Widerstand gegen die Befragung zwecklos sei. Das ruft ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit auf Seiten der Quelle hervor."

Es geht darum, die Gefangenen zu brechen. Cusick ist davon überzeugt, dass das Loopen, die laute Musik und der Sound keine „trivialen" Komponenten des US-Anti-Terrorprogramms sind, sondern einen zentralen Teil ausmachen.

„Die laute Musik, die in den US-betriebenen Gefangenenlagern zum Einsatz kommt, ist nicht nur eine psychologische Folter. Die Sounds sind auch eine hörbare Materialisierung der Klangwellen, die sich durch die Luft ausbreiten. und dieser Schall produziert zwangsläufig physikalische Folgen." Die Auswirkungen reichen von dem unmittelbaren Gefühl geschlagen worden zu sein bis zu Bluthochdruck oder einem Hörsturz und können auch noch lange nach den letzten „akustischen Schlägen" auftreten.

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Von welchen Sounds sprechen wir hier überhaupt? So weit bekannt umfasst das CIA Mixtape eine wahrhaft eklektische Auswahl: Bruce Springsteen's "Born in the USA" to Christina Aguilera's "Dirrty," Barney the Dinosaur's "I love You," Deicide's "Fuck Your God," Metallica's "Enter Sandman," David Gray's "Babylon," Queen's "We Are the Champions," Rage Against the Machine's "Killing in the Name Of," sowie Songs von Meat Loaf, Aerosmith, AC/DC, Marilyn Manson, Drowning Pool, 2Pac, Dr. Dre, Eminem, Britney Spears und Matchbox 20.

Rorschach befindet sich nicht unter den verwendeten Sounds auch wenn berichtet wurde, dass manche Gefangenen eine deutliche Aversion gegenüber Country gezeigt hätten.

Wenn es aufhört, fühlt es sich an wie das ende von Schlägen.

Die USA üben sich im übrigen schon seit Jahrzehnten auf verschiedenste Weise in sonischer Kriegsführung. Laut Cusick wurden die theoretischen Grundlagen ​für diese „sonic warfare" im sogenannten Kurbark Report, einem internen CIA Dokument aus dem Jahr 1963, gelegt. Bereits seit Mitte der 1950er waren „laute Musik" und „Geräuschwiderstand" Teil des sogenannten ​SERE-Trainings der US-Spezialkräfte.

Im Jahr 1988 nutzten US Geheimdienstmitarbeiter Soundaufnahmen, um den entmachteten panamaischen Diktator Manuel Noriega mürbe zu machen, der sich in der Botschaft des Vatikans verschanzt hatte. Auch vor dem Zugriff gegen die ​Sekte Branch Davidians wurden akustische Waffen eingesetzt, bevor Spezialkräfte ihr Gelände im texanischen Waco einnahmen. Die 17 Einsätze von sogenannter „lauter Musik", die in dem aktuellen Folterreport genannt werden, stellen also keine wirklich große technische Neuigkeit dar. Die einzige wirkliche Neuigkeit ist laut Cusick, dass die USA etwas „zugegeben haben, von dem ohnehin jeder wusste, dass wir es tun."

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Aber wie laut ist zu laut? Das ist nicht so einfach festzustellen. Denn wir alle erleben Schmerz auf unterschiedliche Weise.

„Ich würde sagen, dass die Wirkung von extremer Lautstärke gleichermaßen schwierig zu messen und zu kalibrieren ist." Cusick sagt, dass diese Schwierigkeit der Ermittlung des Wie in der Bandbreite individuell unterschiedlicher Eigenschaften begründet liegt.

Außerdem müssen sowohl andere zum Einsatz gekommene Stimuli und eben auch die Dauer der Belastung mitgerechnet werden. Die angebliche Obergrenze des CIA von 79 dB kann grundsätzlich mit der Lautstärke einer Waschmaschine oder eines Staubsaugers verglichen werden. Auf der Grundlage ihrer Gespräche mit dem anonymen Folteropfer des Salt Pit-Gefängnisses vermutet Cusick, dass die Sounds von der CIA zwar tatsächlich unmittelbar auf dem Level der 79 dB Grenze gehalten wurden, aber im Bewusstsein der isolierten Gefangenen „um ein vielfaches verstärkt" wurden.

In diesem Kontext kann auch ein Wert von 79dB als „zu laut" gelten. Beziehungsweise aus Sicht der CIA als gerade laut genug, um einen Gefangenen zu brechen.

„Wenn es aufhörte", erinnerte sich der Salt Pit Prisoner im Gespräch mit Cusick, „war es wie das Ende von Schlägen".