Experiment

Mit zwei Euro am Tag: So isst du wie ein König

Dieser Student bringt dir bei, ein Hartgeldhustler zu sein.
4.8.16

Studentengeldbeutel sind das reine Chaos. Zum Monatsbeginn schwappen sie über mit Hartgeld, an Feiertagen bei den Eltern gibt's dann auch mal einen Fünfziger mehr, ansonsten knappst man aber oft am Limit, wenn man nicht eh schon am dritten Tag des Monats weit ins Minus abgerutscht ist.

Im Jahr 2012, das sind die neuesten Zahlen, gaben Studenten monatlich rund 160 Euro für Lebensmittel aus, das wären 5,30 Euro am Tag. Allerdings ist es zum Teil schwer vorstellbar, dass man nur 5,30 ausgeben kann, um ein normales Leben zu führen. Denn unter „Lebensmittel" fallen auch Getränke—bei zwei Bier in einer Bar ist da schon Schluss und der Tagessatz überschritten, ohne auch nur einen Bissen zu sich genommen zu haben. Zum Vergleich: Einem Hartz-IV-Empfänger werden laut neuem Regelsatz von 2016 monatlich rund 145 Euro für Lebensmittel zugesprochen. Da ist weder ein Restaurant- noch ein Barbesuch drin.

Anzeige

Wenn man diese Zahlen ernst nimmt, kann man als Student nicht am öffentlichen Leben teilnehmen, ohne woanders Abstriche zu machen. Gut, Second-Hand-Klamotten und Sperrmüll-Möbel sind immer noch schick, aber kann man sich von den restlichen täglichen 5,30 Euro dann auch noch gut und ausgewogen ernähren?

Bei dieser Summe und dem wöchentlichen Barbesuch im Hinterkopf denkt man sofort an drei tiefgefrorene Pizza Margherita für 1,99 Euro, Joghurt kurz vor dem Pilzbefall, mehrmals in der Woche Döner und River-Cola. Denn für ein selbst gekochtes Gericht—und wir sprechen hier nicht von Nudeln mit Ketchup—gibt man schnell mehr als nur einen der kleinsten aller Euroscheine aus. So die allgemeine Vorstellung: Wer wenig Geld hat, kann sich auch nicht mit täglich wechselnden Gerichten gut ernähren.

Ein Student aus den Niederlanden versucht nun mit einem Experiment, das Gegenteil zu beweisen. Der ursprünglich aus Bulgarien stammende Petar Ivanov gibt für einen Monat nicht mehr als zwei Euro am Tag für seine komplette Ernährung aus. „Im Monat komme ich normalerweise auf rund 150 Euro für das, was ich esse und trinke. Ich wollte schauen, ob ich das unterbieten kann", erzählt Petar MUNCHIES. „Für das Experiment habe ich mir ein Monatsbudget von 60 Euro aufgehalst, in der Woche sind das nicht mehr als 14 Euro, und ich möchte Gerichte essen, die am Tag maximal zwei Euro kosten."

„In den letzten 100 Jahren sind die Menschen zum Mond geflogen, wir haben das Flugzeug und das Internet entwickelt—all das sind Ergebnisse komplexer Vorgänge und große Innovationen. Aber wieso bekommen wir es immer noch nicht auf die Kette, unsere Lebensmittel sinnvoll zu portionieren?"

Ein Sack Kartoffeln passt in seine Rechnung, wenn er am Tag eine Menge davon verbraucht, die weniger als zwei Euro wert ist. So kauft er immer mal wieder größere Mengen von Lebensmitteln, um Geld zu sparen. Zu trinken gibt es Wasser, ab und zu ein Glas Milch dazu, da er die auch für sein Frühstück gebrauchen kann. Er hatte zwar schon damit gerechnet, dass er auf Dinge wie Alkohol aus Kostengründen verzichten muss, „aber Freunde machen es einem nicht leicht, wenn sie direkt zu Beginn des Zwei-Euro-Monats mit einem Kasten Bier vorbeikommen und den vor meinen Augen leeren." Denn zu Getränken oder einem Essen einladen lässt sich Petar in dem Monat nicht, auch wenn das etwas an der Realität vieler Menschen vorbeigeht.

Portrait shot

„Ich habe lange überlegt, wo meine Grenze liegen soll. Mal ehrlich, bei einem Euro am Tag wäre ich einfach nicht weit gekommen, das ist aber auch super unrealistisch. Und drei Euro wären zu nah an meinem sonstigen Tagesbudget."

Auch wenn man jetzt denkt: Bitte was, zwei Euro am Tag? Wie soll man davon gut essen, ohne dass man jeden Tag Reis mit Scheiß zu sich nimmt?—Petar kommt ziemlich gut zurecht. Die einzige Mahlzeit, die er jeden verdammten Tag zu sich nimmt, ist sein Frühstück: Haferflocken für 32 Cent die Portion, die er an guten Tagen mit ein paar Krümeln Schokolade und einem Schuss Milch aufpeppt. Die restlichen Mahlzeiten unterscheiden sich fast jeden Tag, auch wenn er nur eine extrem begrenzte Zutatenauswahl benutzt. Eine Auswahl:

Tag 4

Tag 4—Morgens: Haferflocken (32 Cent). Mittags: eine Banane (20 Cent). Abends: Spaghetti Carbonara mit Speck, Ei, Zwiebeln, Basilikum und Salz (56 Cent)

Tag 6

Tag 6—Brunch: Bratkartoffeln mit Bacon, Zwiebeln, Knoblauch und Basilikum (74 Cent). Abends: Kartoffelpuffer vom Vortag (38 Cent)

Tag 10

Tag 10—Morgens: Haferflocken (32 Cent). Mittags: Chili con Carne vom Vortag (74 Cent). Abends: Instant-Ramen mit Gemüse und Frühlingszwiebeln (1,03 Euro)

Tag 17

Tag 17—Morgens: Haferflocken (32 Cent). Mittags: ein Wrap mit Kidneybohnen, Frühlingszwiebeln, Knoblauch, Salat, Reis, Erbsen und Sour Cream (72 Cent). Abends: Spaghetti Bolognese vom Vortag (87 Cent)

Tag 19

Tag 19—Morgens: Haferflocken (32 Cent). Mittags: BBQ mit Freunden—Würstchen, Tortilla-Fladen und Stampfkartoffeln (1,10 Euro). Abends: ein Tortilla-Wrap wie an Tag 17 (72 Cent)

„Das sieht für zwei Euro am Tag gar nicht so schlecht aus!", sagt auch seine Ernährungsberaterin Dr. Sonja Floto-Stammen, die ihm einmal pro Woche über die Schulter schaut. Das macht sie übrigens kostenlos, denn sie hat einen Lehrauftrag an seinem Institut und möchte sein Projekt unterstützen. „Erstens: Gut gemacht!" schreibt sie in einer Mail an Petar. „Deine momentane Küche kann ein zukünftiges Modell und Vorbild für viele Studenten sein." Bedenken hat sie kaum, jedoch zweifelt sie daran, ob die Portionsgrößen für ihn ausreichend sind. „Versuche, täglich noch zwei Teile Obst einzubauen und im Wochenrhythmus von Fleisch zu Fisch, von Reis zu Kartoffeln und von Bohnen zu Eiern zu wechseln. Abwechslungsreiche Ernährung ist wichtig" schließt sie nach der zweiten Woche ab.

Anzeige

Petar selbst fühlt sich in Woche drei „total OK, nicht wirklich besser oder schlechter als vorher. Ich esse zwar anders, dafür beschäftige ich mich jetzt automatisch mehr mit den Lebensmitteln. Ob das jetzt gesünder oder ungesünder ist, kann ich selbst nicht sagen. Aber ich spare im Monat 90 Euro und zusätzlich werfe ich nicht mehr so viel weg, weil mal wieder was vergammelt ist."

Vor allem geht es ihm um das Aufmerksammachen auf die Lebensmittelabfälle, die wir tagtäglich durch Überproduktion und falsches Einkaufen produzieren. Was einen an die eigene Nase fassen lässt, wenn man an seine Studentenzeit denkt: Vergammeltes Gemüse, abgelaufene Milch und Konserven, die nutzlos in der Speisekammer darauf gewartet haben, irgendwann wieder aussortiert zu werden.

„Wenig Bares bedeutet nur schlechtes Essen"—diese Gleichung ist hinfällig. Es geht auch nicht um das günstigste Gericht und die billigsten Zutaten. Was nötig ist, um auch mit kleinen Scheinen in der Tasche gesund und gut zu essen, ist vor allem eine einfache und logistische Vorausplanung und etwas Wissen über die Bedürfnisse seines Körpers. Und anscheinend kommt man sogar mit einer Grenze von zwei Euro am Tag sehr gut über die Runden, ohne viel an Kraft oder an Lebensfreude durch das immer gleiche Essen zu verlieren. Petar erzählt, dass er nicht viel mehr Zeit in die Beschaffung und die Zubereitung seiner Speisen investiert als vorher. Es scheint so, als wäre alles wie immer—nur günstiger und nachhaltiger.

Was sich auf dem Papier ziemlich einfach anhört, endet dann aber häufig an der nächsten, verführerischen Alltagsleckerei auf dem Heimweg—und plötzlich steht man am Ende des Monats wieder mit weniger als geplant da, weil einen Freunde auch noch zum spontanen, gemeinsamen Dinner überredet haben. Und manchmal ist Essen wie Fernsehen—man möchte sich unterfordern und abschalten: Dann steht man plötzlich wieder am Tiefkühlregal vor dem Pizza-Sortiment, auch wenn das Selberkochen Fertiggerichte nicht nur preislich meist schlägt. Dennoch: Petar zeigt mit seinem Experiment, dass die durchschnittlichen 5,30 Euro, die ein deutscher Student pro Tag für Lebensmittel ausgeben können soll, als gar nicht so abwegig wenig erscheinen. Wenn man gerade nicht so flüssig ist, muss man erfinderisch sein—aber leider eben auch konsequent. Und zumindest Zweiteres fällt einem als Student in einem eher unstrukturierten Alltag oft nicht wirklich leicht. Aber ist es nicht immerhin ein gutes Gefühl, jetzt zu wissen, dass man mit extrem wenig Geld und der richtigen Planung auch gut essen kann?

Wenn ihr mehr über Petars Experiment erfahren wollt, schaut mal auf seiner Facebook-Seite vorbei.