Feature

Warum selbst Taylor Swift nicht (mehr) in einem politischen Vakuum existieren kann

Wenn die ganze Welt um einen herum auf dem Kopf steht, heißt zu schweigen, unangenehm aufzufallen.

von Grace Medford
08 Februar 2017, 5:32pm

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist ein Promi – ein ehemaliger Reality-TV-Moderator, der für Geld mit seinen winzigen Fingern auf Menschen gezeigt und sie vor der Kamera gefeuert hat. Was ich damit sagen möchte? Wir sind schon weit über den Punkt hinaus, an dem wir darüber diskutieren, ob berühmte Menschen außerhalb der politischen Sphäre dazu qualifiziert sind, sich zu "richtigen" Themen zu äußern. Amerika hat gerade so einen ins Weiße Haus befördert. Und es ist noch nicht einmal ein sogenannter A-Lister!

Aber klar, nur weil Stars das Recht haben, ihre Meinung zu äußern, heißt das noch lange nicht, dass sie das auch müssen. Ja, es heißt noch nicht mal, dass sie das überhaupt wollen. Eine gewisse Berühmtheit zum Beispiel, die sich bei fast jeder Bürgerrechtsangelegenheit auffällig neutral verhalten hat, insofern sie das nicht für ihre Eigenwerbung ausschlachten konnte, ist unser aller Schlangen-Emoji-Meme-Liebling: Taylor Swift.

Ihre ganze Karriere hindurch hat sie konsequent ihre Lippen zu allem geschlossen gehalten, was auch nur ansatzweise umstritten war. Erst wenn ein breiter gesellschaftlicher Konsens hergestellt und es dementsprechend "sicher" war, gab sie eine Art Statement ab. Für uns und die Nachwelt haben wir hier die wenigen Male zusammengefasst, in denen sie sich zu aktuellen Themen geäußert hat:

– Mit einer unverfänglichen Zeile in "Welcome To New York" auf 1989 nachte sie Annäherungsversuche an die LGBTQ-Gemeinschaft (in der sie über eine große Fanbase verfügt). Diese Zeile kramte sie acht Monate später noch einmal für einen Tweet hervor – nachdem der Oberste Gerichtshof der USA gleichgeschlechtliche Ehen im ganzen Land legalisiert hatte.

– Als selbsterklärte Feministin äußerte sie sich im Vorfeld nicht zu einer eventuellen Teilnahme an den Women's March Demonstrationen nach Trumps Vereidigung. Stattdessen postete sie einen unverfänglichen Tweet, nachdem die Massendemonstrationen schon gelaufen waren. Sie sei Stolz eine Frau zu sein.

– Und was die Wahl selbst angeht, nun ... gewählt hat sie – oder zumindest in der Schlange vor dem Wahllokal gestanden. Jedenfalls postete sie dieses nichtssagende und unverfängliche Foto, mit dem sie andere dazu aufforderte, von ihren bürgerlichen Rechten Gebrauch zu machen. Das ist alles.

Als vorletztes Wochenende Donald Trumps rassistisches Einreiseverbot durchgesetzt wurde, überschlugen sich die Unmutsbekundungen im Internet. Menschen organisierten Demonstrationen und teilten Hilfsinformationen in den sozialen Netzwerken. Taylor Swift postete derweil den Link zu einem Musikvideo für ihr neuste Single vom 50 Shades of Grey 2 Soundtrack – eine Kollaboration mit Zayn Malik. Dreimal.

Das Problem mit Taylor ist, dass sie ziemlich in der Klemme sitzt. Das letzte Jahrzehnt hindurch ist sie bis zum Erbrechen auf der mittigsten Mitte entlangbalanciert, was ihrer Karriere offensichtlich nicht geschadet hat – ganz im Gegenteil. Die Zeiten haben sich jetzt allerdings geändert. Turbulent und unheimlich ist es geworden. Wenn alle anderen Kolleginnen und Mitstreiterinnen von Beyoncé, über Madonna, Katy Perry, Lady Gaga und Rihanna bis hin zu Adele eindeutig Stellung beziehen, fällst du mit deinem Schweigen nur unangenehm auf. Dabei ist es natürlich unpraktisch, wenn man bis dahin noch nie den Mund aufgemacht hat. Da kann ein spontane und unerwartete Stellungnahme schnell unfassbar opportunistisch daherkommen – etwas, das Taylor immer wieder vorgeworfen wird. Aber einfach fröhlich weiter die eigenen Releases anzupreisen, während die Welt um dich herum den Bach runtergeht, ist dann doch noch ein ganz anderes Kaliber und hat die 15-jährige Schauspielerin Rowan Blanchard zu diesem treffenden Kommentar inspiriert.

Kurz gesagt: Stars können nicht in einem Vakuum existieren. Selbst Taylor Swift kann nicht in einem Vakuum existieren. Vor allem nicht, wenn sich die Promo für ihr letztes Album so sehr beim Thema weiblicher Selbstermächtigung angebiedert hat; und vor allem nicht, wenn sie gerade eine Kollaboration mit einem britischen Muslim veröffentlicht hat, dessen Freundin – ebenfalls mit muslimischen Hintergrund – eine ihrer besten Freundinnen ist. Wenn du über eine so große und weitreichende Plattform verfügst und sie nur für deine eigenen Ambitionen einsetzt, dann kommt das nicht gut an – so progressiv deine politischen Ansichten auch sein mögen.

Wirklich unzumutbar wird es, wenn wir akzeptieren sollen, dass Taylor Swift – eine Frau, die Amerika so sehr liebt, dass sie jedes Jahr zum 4. Juli eine "I LOVE AMERICA SO MUCH"-Party feiert – überhaupt keine Meinung dazu hat, was gerade in ihrem Land abgeht? Spätestens seit 2013 beglückt oder nervt (Geschmacksfrage) uns Taylor mit ihren perfekt instagrammten "Star-Spangled Banner"-Huldigungen und jetzt – in einer Zeit, in der ihr Patriotismus wichtiger ist denn je – hat sie nichts zu sagen? Wer hätte gedacht, dass jemand, der so rot, weiß und blau ist, gleichzeitig so farblos sein kann.

Aber es ist natürlich auch nicht ganz risikofrei, Farbe zu bekennen. Zayn Malik selbst hat sich zum Beispiel auch nicht zum aktuellen Einreiseverbot geäußert, aber da sein erster und einziger Beitrag zum Weltgeschehen (ein #FreePalestine Tweet von 2014) in einer Lawine aus Todesdrohungen endete, kann man vielleicht versehen, dass er diese Erfahrung so schnell nicht wiederholen möchte. Lily Allen und Charlotte Church wiederum sind immer wieder dafür verspottet und angegriffen worden, dass sie versuchen ihre öffentliche Plattform zum Guten und für eine Verbesserung der Menschheit einzusetzen. Ewan McGregor hat aus Solidaritätsgründen einen Auftritt in Good Morning Britain abgesagt, nur um dafür von Moderator und Unsympath Piers Morgan in einer Tageszeitung ein "heuchlerischer Pädophilenfreund" genannt zu werden.

Auf der anderen Seite führte die Teilnahme an Trumps Amtseinführungsfeierlichkeiten zu einer breiten Ächtung von Menschen wie Jackie Evancho – der zweitplatzierten America's Got Talent-Teilnehmerin, die die Nationalhymne sang – und Jennifer Holliday, die ihre Zusage mit dem Verweis auf ein "Fehlurteil" schließlich doch noch zurückzog. Sie hatte sich wohl plötzlich daran erinnert, dass die LGBTQ-Gemeinschaft einen Großteil ihrer Hypotheken abbezahlt.

Es kann einem schon den Spaß vermiesen, wenn der eigene Lieblingsstar so beschissene Sachen abzieht, wie auf der Bühne bekanntzugeben, dass er für Donald gestimmt hätte, und dann zum gemeinsamen Foto im Trump Tower auftaucht. Wenn uns die letzten zwei Jahre aber etwas gelehrt haben, dann dass Politik und Popkultur momentan untrennbar miteinander verwoben sind. Sei es Beyoncès feuriges Opus Lemonade, Solanges gemäßigtere Reflektionen auf A Seat At The Table oder das letzte, zutiefst humanistische Studioalbum von A Tribe Called Quest, We Got It From Here; Madonnas leidenschaftliche (und aufrührerische) Rede beim Women's March, Meryl Streep bei den Golden Globes oder der offene Brief von Lauren Jauregui von Fifth Harmony an Trump-Unterstützer, das, was momentan da draußen in der Welt passiert, ist dermaßen besorgniserregend, dass es die Popkultur auch in Zukunft noch weiter durchdringen wird. Das alles zu ignorieren, heißt nicht "neutral" zu sein, sondern peinlich fernab des öffentlichen Diskurses zu stehen. Wenn du nur über Dinge spricht, aus denen du Kapital schlagen kannst, ohne deine halbe Fanbase zu vergraulen, dann ist das bereits Grund zur Sorge. Wenn du dich aktiv dazu entscheidest, einen Präsidentschaftskandidaten – jetzt Präsidenten – nicht öffentlich anzuklagen, obwohl sein Wahlkampf und seine Politik offen gegen eben jene Frauenrechte gerichtet ist, für die du vor einem Jahr noch so leidenschaftlich Partei ergriffen hast, dann ist das eigentlich nur noch unbegreiflich.

Wie lange werden die Schweigsamsten aller öffentlichen Figuren noch ihre Münder halten, während das Entsetzen und der Widerstand breiter Bevölkerungsteile die Titelseiten auf der ganzen Welt dominiert?

Folge Noisey auf Facebook, Twitter und Instagram.