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Früchte

Die Kim Kardashian des Pflanzenreichs

Von hinten sieht der Samen der Seychellenpalme aus wie ein Belfie – ein Hintern-Selfie – unter Früchten. Von vorne sieht er aus wie eine lebensgroße Nachahmung des weiblichen Unterleibs, inklusive Oberschenkelansatz, Unterbauch und Schamhügel.

von Adam Gollner
08 Januar 2015, 8:55am

Von hinten sieht der Samen der Seychellenpalme aus wie ein Belfie – ein Hintern-Selfie – unter Früchten. Von vorne sieht er aus wie eine lebensgroße Nachahmung des weiblichen Unterleibs, inklusive Oberschenkelansatz, Unterbauch und Schamhügel. Auf dem V sprießt sogar eine säuberlich getrimmte Schambehaarung. Nicht umsonst werden die Samen auch im Englischen auch Lady Fruit oder Butt Nut genannt. Wissenschaftler benutzen aber die binomiale lateinische Bezeichnung Lodoicea maldivica. Aber egal wie man sie nennt – sie ist die Kim Kardashian der Pflanzenwelt.

Neben ihrem arschförmigen Samengehäuse teilt die Palme noch eine Reihe anderer Eigenschaften mit unserer Anatomie (oder zumindest der der Pornostars unter uns). Nicht nur ist die männliche Blüte ein riesenhafter phallischer brauner Ständer, die weiblichen Blüten sind auch noch das exakte Abbild von Brüsten der Körbchengröße Doppel-D, auf denen dann auch noch jeweils eine nektarabsondernde Nippel-ähnliche Samenanlage sitzt. Im Inneren des Samens befindet sich ein spermaähnlicher weißer Pudding, der hart wird, während die Frucht reift. Die grüne Außenhülle der Frucht hat die Form eines Herzens. Ihr Inneres erinnert an Nieren. Wenn eine der Früchte zu Boden fällt, schießt eine freakige fingerähnliche Nabelschnur aus ihrer Vaginaöffnung hervor. Diese botanischen Arschbacken wachsen nur auf den Seychellen, einem winzigen Archipel im Indischen Ozean. Bevor man überhaupt wusste, dass die Seychellen existieren, trieb es den einen oder anderen Samen in regelmäßigen Abständen auf das offene Meer, wie einen feuchten Traum – was auch den im Englischen gebräuchlichen Namen der Frucht erklärt – Coco de Mer (die Kokosnuss des Meeres). Die Samen gelten bis heute als Luxusprodukte. Sie werden auf den Seychellen in offiziellen Geschäften für Preise zwischen 150 bis 750 Euro pro Nuss verkauft. Der genaue Preis hängt von der Größe und dem Aussehen ab; wie die Menschen gleicht auch von ihnen keine der anderen. Manche sind flach uns Supermodel-schlank, andere machen eher einen auf Nicki Minaj, sind also runder und fettbäckiger, mit viel „hintenrum". Man kann die Samen auch illegal auf dem Schwarzmarkt kaufen. Weil es Bedenken gab, dass die Frucht bald gefährdet sein könnte, hat man sie auf die Rote Liste der Weltnaturschutzunion gesetzt. Inzwischen gibt es aber zum Glück ein ernstzunehmendes Programm für ihren Erhalt.

Während der Arbeit an meinem Buch über die Welt der Früchte, The Fruit Hunters, bin ich auch auf die Seychellen gefahren, um mehr über die Coco de Mer und ihre kallipygischen Qualitäten herauszufinden. Hier folgt, was ich über die menschenähnlichsten Züge der Pflanze erfahren habe.

Photo by Hartmut Evers

Foto: Hartmut Evers
Dieser Artikel erscheint in der Jänner Ausgabe von VICE.

DIE BLÜTEN

Die Seychellenpalmen sind entweder männlich oder weiblich. Die männliche Blüte, auch Kätzchen genannt, sieht wie ein Schwanz aus, der mal mehr, mal weniger erigiert ausfallen kann. Wenn er noch jung ist, misst dieser phallische Blütenstand zwischen 30 und 60 cm und ist steif noch oben gerichtet. Pollen aus den Staubbeuteln befruchten die ausladenden, weiblichen Brüsten ähnelnden weiblichen Blüten – bei denen sich genau an der Stelle, wo man die Brustwarze vermuten würde, eine feuchte Samenanlage befindet. Nach der Bestäubung schwellen die holzigen weiblichen Brust-Blüten zu großärschigen Früchten an, während das nun leere Kätzchen zu schrumpfen und zu hängen beginnt, bis es mit einem feuchten, stumpfen Bums auf den Waldboden fällt.

DIE FRÜCHTE

Die Medizinballgroßen Früchte der Seychellenpalme hängen wie große grüne Herzen unter ihren hohen Blättern. Wenn sie reif sind, fallen sie zu Boden und zerspringen beim Aufprall. In dem herzförmigen Gehäuse befindet sich die Samenkapsel, die dem weiblichen Unterleib auf so seltsame Weise ähnlich ist. Wenn er ungestört liegen bleibt, sprießt aus diesem Samen irgendwann eine neue Palme. Nach dem Aufprall beginnt eine Art Nabelschnur, das Keimblatt (auch Kotyledone genannt), aus dem zentralen Schlitz in der Frucht zu wachsen. Der Keim der neuen Pflanze befindet sich in der geschwollenen Spitze des Keimblattes. Die Schnur versenkt sich langsam in die Erde und reckt sich bis zu einer Entfernung von 20 m von der Pflanze weg. Nachdem es sich schließlich an einem Ort eingegraben hat, an dem es nicht mit der Mutterpflanze um Platz für die eigenen Wurzeln kämpfen muss, fängt das sich nach Wärme ausrichtende embryonische Kabel an, Stück für Stück aus dem Boden zu sprießen. Die ersten Blätter beginnen sich zu entfalten und schon bald wächst ein neuer pornoverdächtiger Baum gen Himmel.

DAS FRUCHTFLEISCH

Nach der Bestäubung der Blüte dauert es sieben Jahre, bis die Frucht voll ausgereift ist. Wenn sie noch sehr jung sind, sind die Nüsse gelb und enthalten eine spermaartige Flüssigkeit. Nach einem reichlichen Jahr ist das Fleisch am besten essbar; das Gelee verfestigt sich dann zu einer dickflüssigen, puddingartigen Textur. Bis die Frucht aber zu Boden fällt, hat sich der Pudding dann noch einmal weiter zu einem harten Elfenbein verdichtet, das gewonnen und in hautaufhellende Gesichtscremes gemischt oder an Hustensirup gemengt werden kann. Diesem Elfenbein wird aber auch eine aphrodisische Wirkung nachgesagt, eine Vorstellung, der der von den Seychellen stammende Historiker und Umweltschützer Kantilal Jivan-Shah widersprach, als ich ihn interviewte. „Das ist nur eine Fantasievorstellung," spöttelte er. „Der getrocknete Kern irritiert einfach nur die Blase, und deshalb bekommt man eine Erektion." Eine einjährige Frucht ist, was ihre Eignung als Nahrung betrifft, viel interessanter. Bis in die 1970er wurden besonders hochrangige Gäste manchmal mit einer Kostprobe dieses Gelees der Frucht geehrt, die damals als Milliardärsfrucht bekannt war, weil sie so selten war. Heutzutage kann man die Frucht auf legalem Wege nicht mehr erwerben, und die einzige nichtkriminelle Art sie zu kosten, ist, wenn man jemanden kennt, der eine Palme im eigenen Garten stehen hat und sie zu teilen bereit ist. Wie es schmeckt? Ein paar Anwohner der Seychellen schwören, sie schmecke wie Muttermilch direkt aus der Brust.

Lodoicea maldivica, die Kim Kardashian des Pflanzenreichs.

Fotos von Didier Descouens