Wenn ein Bub am österreischischen Land Mädchenkleider trägt
Fotos mit freundlicher Genehmigung der Kinder und ihrer Eltern
Neue Männlichkeit

Wenn ein Bub am österreischischen Land Mädchenkleider trägt

Davon, wie tolerant die Leute hierzulande gegenüber männlichen Wesen in Mädchenkleidern wirklich sind, kann Pauli leider ein Lied singen.
6.8.18

Österreich ist die Heimat des wahrscheinlich bekanntesten Mannes in Frauenkleidern überhaupt. Dass die Republik mit dem Sieg von Conchita beim Song Contest 2014 von einem Tag auf den anderen zum Land der Toleranz hinsichtlich sexueller Orientierung und Geschlechterrollen geworden ist, haben viele aber schon unmittelbar nach der Eurovisions-Sensation bezweifelt.

Wie tolerant oder intolerant Leute etwa in einer ländlicheren österreichischen Gegend gegenüber männlichen Wesen in Mädchenkleidern tatsächlich sind, davon kann Pauli ein Lied singen—und Pauli ist gerade einmal acht Jahre alt. Er lebt in einem kleinen steirischen Dorf, und während sein Zwillingsbruder sich für all die Dinge interessiert, für die sich die meisten Burschen in dem Alter nun mal interessieren—Bagger, Skateboards, Motocross—hat Pauli seit Jahren eine Vorliebe für Prinzessinnen, Ballet, und die Farbe Rosa.

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Für Paulis Mutter Michaela ist das absolut in Ordnung, obwohl sie so etwas wie eine gezielt geschlechtsneutrale Erziehung ihrer eigenen Aussage nach absolut nicht bewusst angepeilt hat. Abgezeichnet hat sich Paulis Vorliebe für klassisch feminine Dinge schon, bevor er überhaupt im Kindergarten war, erzählt sie.

Und als sein Opa väterlicherseits—ein Bergbauer, wie bodenständiger nicht sein könnte—seinen 80. Geburtstag feierte, kam der damals drei Jahre alte Bub auf die Idee, als Geschenk für seinen Opa in einem Prinzessinnen-Kleid zur Feier zu kommen. Seine Mutter willigte ein. "Ich hab ihm gesagt: Aber dir muss klar sein, dass immer auch sein kann, dass jemand lacht—und dann musst du so stark sein und dir denken: Er hat das Problem und nicht ich."

Damals hatte die Familie ein Au-pair-Mädchen aus Usbekistan. "Als ich dann im Badezimmer stand, kam Pauli heulend zu mir herein, und erklärte mir, dass unser Au-pair-Mädchen ihm verboten hatte, als Prinzessin hinzugehen. Also bin ich mit Lockenwicklern in den Haaren zu ihr runtergegangen und habe ihr erklärt, dass er so zu der Geburtstagsfeier gehen kann, wie er es will." Und so ist Pauli zum achtzigsten Geburtstag seines Opas letztendlich mit meinen Stöckelschuhen, lila Kleid und Krönchen zur Tür hinein gekommen. "Das hat er schon damals mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein gemacht."

Wenn man sich mit Männern über ihre Kindheit unterhält, erzählen erstaunlich viele, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt zuhause gerne die Stöckelschuhe ihrer Mama getragen haben, oder die Puppen ihrer Schwestern einige Zeit lang interessanter waren, als das eigene Spielzeug. "Das gibt es tatsächlich immer wieder—vorausgesetzt die Kinder bekommen von den Eltern überhaupt die Möglichkeit, es in die Tat umzusetzen." erklärt Brigitte Rollet, renommierte Entwicklungspsychologin an der Universität Wien. "In den meisten Fällen verläuft sich das ganze nach einiger Zeit wieder". Es komme aber auch immer wieder in so ausgeprägter Form vor, wie das bei Pauli der Fall ist.

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"Es gibt da Faktoren, die sind umweltbezogen, und es gibt Faktoren, die sind zumindest in gewisser Weise mitgebracht", erklärt Rollet weiter. Gerade die Tatsache, dass es sich hier um Zwillingsgeschwister handelt, wäre im Fall von Pauli etwa ein besonders interessanter Umweltfaktor. "Zwillinge müssen ja immer darum kämpfen, dass die Leute überhaupt Unterschiede bei ihnen wahrnehmen." Auch aus einem solchen Faktor heraus könne sich so ein Verhalten entwickeln.

Im Laufe der Zeit kristallisierte sich Paulis Faible für Mädchendinge immer mehr heraus—und es dauerte auch nicht lange, bis sich das in einem kleinen Dorf herumgesprochen hatte. "Mir ist bewusst, dass viele darüber geredet und sich manche auch darüber lustig gemacht haben, und ich bin immer sehr zwiegespalten und nie ganz sicher, wie weit die Ehrlichkeit der Leute bei dem Thema wirklich geht." sagt seine Mutter. "Mir wurde von anderen Eltern auch gesagt, dass ich in ihren Augen bewundernswert sei und ich wurde gefragt, ob ich nicht große Angst habe, dass er schwul wird." erzählt sie. "Ein anderer Bekannter ist auf mich zugekommen und hat gemeint, dass er das nicht zulassen würde, wenn es sein Kind wäre, und dass ich ihn damit quasi in die Transsexualität drängen würde."

Es hat geradezu System, dass ein Verhalten wie das von Pauli schnell mit dem Thema der sexuellen Ausrichtung vermischt wird. "Dass so ein Verhalten auf die spätere sexuelle Orientierung hinweist, kann man absolut nicht annehmen. Es kann ein Indiz darauf sein—das ist aber sehr selten der Fall." erklärt Rollet. "Es gibt diejenigen, bei denen sich die Neigung zum eigenen Geschlecht früh zeigt, und es gibt genau so solche, bei denen das nicht der Fall ist. Ähnlich ist es bei Transsexualität. Die eigentliche Sexualität und die hormonelle Entwicklung, die entsteht ja erst in der Pubertät—die Kernzeit ist da bei Mädchen in etwa mit elf oder zwölf Jahren, bei den Buben ein knappes Jahr später. Wie die sexuelle Orientierung aussieht, entscheidet sich meistens erst dort."

Den ersten Schultag bestritt Pauli mit einer rosa Schultasche in Blumen- und Herzerl-Optik. In solchen Situationen fragt ihn seine Mutter immer noch, ob er sich ganz sicher sei, dass er sich wirklich den Reaktionen der Leute aussetzen will. "Aber er war da auch schon mit seinen sechs Jahren felsenfest davon überzeugt, solche Dinge durchzuziehen". Seinem Selbstbewusstsein habe es Pauli ihrer Ansicht nach auch zu verdanken, dass er heute trotz aller Vorurteile sehr beliebt ist—sei es in der Schule, oder im restlichen Dorf.

Nichts desto trotz sei er am Anfang seiner Schulzeit tatsächlich regelmäßig heulend aus dem Schulbus gestiegen, weil die älteren Kinder ihn unter anderem wegen seiner Schultasche am Kieker hatten. "Und es war das erste Mal, dass ich mir dachte: Ich muss ihm ja auch nicht allem aussetzen." An diesem Punkt kam aber—zu ihrer Überraschung—der Vater der Zwillinge, der sich bei solchen Dinge sonst eher zurückhält, ins Spiel. "Er wollte überhaupt nicht einsehen, dass er jetzt wegen ein paar frechen Volksschülern eine neue Schultasche kaufen sollte. Also ist er in den Schulbus gestiegen und hat den Sekkierern ziemlich eindeutig klar gemacht, dass sie den Pauli besser in Ruhe lassen sollten, falls sie keine Probleme wollen. Und damit war die Sache dann auch erledigt."

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An einem andern Tag kam Pauli trotzdem wieder unter Tränen nach Hause. Sein Bruder war zu einer Geburtstagsfeier eines Schulkollegen eingeladen wurde, aber er nicht. "Weil ein Bub, der mit Mädchensachen spielt, eben nicht zu einem Kindergeburtstag kommen darf—das war aber nicht die Aussage des Kindes, sondern von einem der Eltern", erzählt Michaela.

Am nächsten Tag stand sie in der Schule und bat die Lehrer, mit den besagten Eltern zu sprechen, damit sie so eine Einstellungen zumindest nicht bis in die Schule tragen. "Die Lehrerin und die Direktorin haben großartig reagiert, die Eltern in die Schule bestellt, und kurz darauf kamen dann beide Buben stolz mit einer Einladung für die Geburtstagsfeier nach Hause. Letztendlich haben sie dann trotzdem entschlossen, beide erst gar nicht hinzugehen."

Wie sehr und ob geschlechtstypisches Verhalten überhaupt veranlagt ist, darüber ist sich auch die Wissenschaft nicht einig—es deutet aber vieles darauf hin, dass typisch männliches oder weibliches Verhalten viel mehr mit Umweltfaktoren zu tun hat, als lange vermutet wurde. "Wir alle orientieren uns unweigerlich an den Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft", erklärt die Soziologin Eva-Maria Schmidt, die sich auf das Gebiet der Männlichkeitsforschung spezialisiert hat. "Aus soziologischer Perspektive ist so etwas wie geschlechtsneutrale Erziehung also gar nicht möglich."

Aber warum lassen sich Menschen überhaupt von einer (objektiv gesehenen) Kleinigkeit, wie der Tatsache, dass ein Volksschulkind lieber mit Mädchensachen spielt und ab und zu Kleider trägt, stören? "In der Soziologie spricht man hier von Hegemonialer Männlichkeit. Kurz gesagt bedeutet das, dass die Rolle der Männlichkeit gesellschaftlich über alle anderen Rollen gehoben wird.", erklärt Schmidt.

Dazu gehöre eben auch, dass all das, was nicht in das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit passt, als weniger erstrebenswert angesehen und abgewertet wird. So lässt sich auch verstehen, warum ein Bub in der Mädchenrolle für viele so viel irritierender ist, als ein Mädchen in der Bubenrolle. "Das ist praktisch in allen Gesellschaften so, wenn auch sehr unterschiedlich stark ausgeprägt." führt Schmidt weiter aus. "In vielen städtischen Gegenden ist die Sensibilität hier natürlich um einiges höher, als in einem Dorf am Land—so etwas wie hegemoniale Weiblichkeit gibt es aber eigentlich nirgends".

Die Reaktionen der Leute seien aber auch am Land keineswegs nur negativ, betont Paulis Mutter abschließend—genau so oft, wie man negativ überrascht werde, erlebe man dann aber auch positive Überraschungen bei den Reaktionen. "Zum Beispiel, wenn der doch sehr konservative Opa da steht und sagt: Jetzt musst du mir deine Ballett-Schritte aber nochmal vortanzen. Man ist da schon immer wieder sehr verblüfft, wie ausbaufähig die Akzeptanz der Leute ist."

Am wenigsten beeindruckt von den Leuten, die sich an Paulis Verhalten stören, scheinen jedenfalls sein Zwillingsbruder und er selbst zu sein. "Also Kleider und so sind jetzt nicht so mein Ding", meint sein Bruder. "Aber ich kenn ja auch Mädchen, die mit Bubensachen spielen, und das ist ja auch ganz normal."
In letzter Zeit habe er die Kleider aber eh auf den Nagel gehängt, ergänzt Pauli selbst—mit Puppen etwa spiele er noch immer sehr gern. "Und wenns wen stört, dann sag den Leuten einfach, sie sollen lieber mal auf sich selber schauen."