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Die Muslimin, die meinen Vater pflegte

Sie hat nicht nur ihre Pflicht erfüllt, sie hat sein Leben mitgestaltet.
16 November 2016, 12:20pm
CC0 Public Domain

In einer Rede vom 11. November 2016 tätigt Norbert Hofer folgende Aussage: "Kennt ihr einen Moslem, der im Pflegebereich arbeitet? Der bereit ist, unseren Senioren vielleicht die Windeln zu wechseln? Ich kenne das nicht." Die Autorin Livia Klingl kennt sehr wohl so jemanden. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

47 Jahre war er in einer lebendigen, liebe- und humorvollen Ehe mit meiner Mutter, dann hat sie ihn gegen den Tod getauscht. Und für den jahrzehntelang so selbstständigen Mann begann der wohl schmerzhafteste Teil seines Lebens. Wegen der zittrigen Hände und dem marode gewordenen Bewegungsapparat konnte er nicht mehr alleine mit dem heißgeliebten Kater in seiner Wohnung bleiben.

Er musste in ein Pensionistenheim, dank meines guten Gehalts in ein kleines Appartment und nicht in ein Zweibettzimmer, wie sie zur Jahrtausendwende noch sehr üblich waren. Er musste an einen Ort, von dem er wusste, "dass man da nicht mehr lebend herauskommt, dass er die letzte Station ist", ohne die Katze, ohne die gewohnten Wege und Handgriffe, ohne den gewohnten Tagesablauf, ohne die Würde des selbstständigen Menschen.

Nach ein paar Wochen in seiner neuen Bleibe, wo ihn die Alten nicht interessierten, er aber die Lebensgeschichten sämtlicher Betreuerinnen und auch des polnischen Hausinstallateurs kannte, habe ich ihn gefragt, ob er einsam ist. Mein Vater hat—wie immer in seinem Leben—nachgedacht, ehe er antwortete und dann gesagt: "Nein, denn ich kann mit ihr über alles reden."

Sie war eine gebürtige Iranerin, also eine Muslimin. Sie hat ihm zugehört, mit ihm geredet, gelacht, ihn gestreichelt. Er, im Rollstuhl sitzend, hat mit berührender Zuneigung zu ihr hinauf geschaut, hat mit seinen Tremor-Händen nach ihrer Hand gegriffen und mit ihr gezärtelt. Sie war im Handumdrehen seine Lieblingsbetreuerin.

Sie war nicht betulich und ging nicht unbedingt nach dem für andere wie in Stein gemeißelten Altenbetreuungskatalog vor, sie ließ den Herrn Ingenieur noch ein bisschen sein Dasein mitplanen. Sie hat nicht nur ihre Pflicht erfüllt, sie hat sein Leben mitgestaltet, sogar einmal ein Jugendfoto meines Vaters erbeten, da sie wissen wollte, wie dieser Greis ausgesehen hatte, der zwei Weltkriege erduldet und trotz aller Widrigkeiten ein pralles, gelungenes Leben gelebt hat.

Sie war nicht einsam und nicht alleine, hatte Familie, zwei Kinder, ein recht gutes Leben in Wien. Sie brauchte nicht dringend Familienanschluss, aber in den wenigen Monaten, die mein Vater und sie täglich ein paar Viertelstunden miteinander verbrachten, wurde er eine Art dritter Großvater, der ihr viel über die alte Zeit erzählen konnte und der sich anhörte, wenn eines ihrer Kinder krank war oder die Leute in der Straßenbahn grantig. Sie konnte ihm Fragen stellen und er ihr, über ihr Leben in der neuen Heimat und über die, die sie hinter sich lassen musste, aus politischen Gründen. Er ist mit ihr im Geiste in den Iran gereist und sie mit ihm bis in die Kaiserzeit.

Ein paar Wochen nachdem mein Vater ruhig und friedlich mit 92 an Altersschwäche verstorben war, hat sie mich vom Zentralfriedhof aus angerufen, weil sie sein Grab suchte—das Familiengrab, auf dem sein Name steht und den Ort, an dem jene ruhen, die ihren Körper der Anatomie überantwortet haben—denn sie wollte ihn besuchen gehen. Ich konnte sehen, dass sie mehr als einmal bei ihm war, denn dann lagen Blumen auf dem Grab.

Einmal haben wir uns, Monate nach seinem Tod, getroffen, saßen in einem Lokal mit Blick über Wien, haben uns, heiter und berührt an meinen Vater denkend, unterhalten, als plötzlich aus heiterem Himmel am Fuße des Kahlenbergs ein Feuerwerk grummelte und Funken sprühte. Wir haben einander angeschaut, lachend und unisono gesagt: "Das ist typisch! Das schickt er uns jetzt!"

Herr Hofer müsste sich eigentlich persönlich bei dieser wunderbaren Frau und bei mir entschuldigen, für seine Ahnungslosigkeit oder gar Gemeinheit. Denn wenige Menschen haben das Dasein meines Vaters und das meine in seiner letzten Lebensphase so positiv und freudvoll gestaltet wie diese Muslimin. Uns war es allerdings auch vollkommen egal, in welche Religion sie und wir hineingeboren worden waren. Nicht egal war uns, welch wertvoller Mensch da in unser Leben getreten war. Und das galt für uns alle drei.

Livia Klingl ist Autorin des Buchs Wir können doch nicht alle nehmen – Europa zwischen "Das Boot ist voll" und "Wir sterben aus".