Symbolfoto: Grey Hutton 

Mein Freund hat mich vergewaltigt – aber ich habe ihn nicht angezeigt

Am Anfang wollte er mir nur vorschreiben, was ich anzuziehen habe.

von Conny
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21 November 2018, 5:00am

Symbolfoto: Grey Hutton 

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland laut Bundeskriminalamt jeden Tag durchschnittlich sieben Frauen von ihrem Partner vergewaltigt oder verletzt. In 138.893 Fällen haben Menschen Gewalt in Beziehungen erlitten – von Stalking, Nötigung und Vergewaltigung bis hin zu Totschlag und Mord. In 113.065 Fällen waren die Opfer weiblich. Die Identität der jungen Frau, die hier ihre Geschichte schildert, ist der Redaktion bekannt. Eine Freundin von ihr hat ihre Geschichte für VICE protokolliert und aufgeschrieben.

Meine Beziehung mit meinem Ex-Freund ging vier Jahre. Ich war 16, als wir zusammenkamen. Alles begann damit, dass er sehr auf meinen Körper achtete. Ich durfte auf keinen Fall "zu dick" werden. Er hat mir deutlich gesagt, welche Körperteile er besonders attraktiv findet. Diese sollte ich dann dementsprechend trainieren. Das habe ich auch gemacht. Er hat oft Sätze zu mir gesagt wie: "Du brauchst dich ja nicht wundern, wenn du so viel Butter auf dein Brot machst." Oder: "Ich glaube, du solltest heute keine Schokolade essen." Er wollte regelmäßig von mir wissen, wie viel ich wiege. Wenn ich ihm gesagt habe, wie wenig ich den Tag über gegessen hatte, wurde ich belohnt.

Er hat mir klar gesagt, welche Kleidung er an Frauen schön findet. Meistens habe ich mir auch genau diese Sachen gekauft. Man will seinem Freund ja schließlich gefallen. Wenn ich dann Overknees oder den Flatterrock getragen habe, bei Treffen mit Freunden oder abends in einer Bar, war das nicht akzeptabel. Schon gar nicht, wenn er nicht dabei war. "Zu sexy" oder "zu hübsch" waren noch die netteren Kommentare.

Sehr skurril war die Sache mit der Mütze. Im Winter ist es kalt. Jeder normale Mensch trägt Mützen. Wenn es besonders kalt ist, auch in Räumen. Genau das habe ich an einem sehr kalten Tag in der Berufsschule gemacht. In der Pause haben Klassenkameraden und ich rumgealbert und Fotos gemacht. Die habe ich bei Facebook hochgeladen. Fotos mit Freunden aus der Schule. Als ich mich abends bei meinem Freund melden wollte, ist er nicht ans Telefon gegangen. Nach mehreren Nachrichten hat er dann irgendwann doch angerufen. Er konnte nicht damit umgehen, dass mich andere Jungs mit der Mütze gesehen haben. Ich würde "zu süß und zu hübsch" damit aussehen. Nach Beleidigungen wie "Du bist ekelhaft" folgte eine Woche Funkstille. Das war ein klassisches Druckmittel von ihm. Er hat es immer wieder geschafft, dass ich mich im Nachhinein doch schlecht gefühlt habe. Meine Konsequenz war dann, dass ich die Mütze nicht mehr zur Schule getragen habe und mir stattdessen ein Stirnband gekauft habe. Ich verstehe diesen Streit bis heute nicht.

Als das Stalking losging, dachte ich anfänglich noch: "Er liebt dich halt und möchte wissen, wo du bist." Ich sollte ihm regelmäßige Updates schicken, wo ich mich aufhielt und mit wem ich gerade unterwegs war. Es ist nicht so, dass wir verschiedene Freundeskreise hatten. Die Leute aus seiner Schule sind ebenfalls mit meinen Freunden befreundet gewesen. Wenn ich unterwegs war, schickte er mir zwischendurch Nachrichten: "Ich hasse es, wie du schon wieder rumläufst." – "Jetzt trinkst du schon wieder, das ist ekelhaft." – "Ich sehe genau, mit wem du dich unterhältst." Das schrieb er auch dann, wenn er gar nicht dabei war und mich eigentlich nicht sehen konnte. Oftmals aber fuhr er mir hinterher und beobachtete mich aus dem Auto.


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Wenn er mit Freunden unterwegs war, kam nichts. Bevor ich schlafen ging, schrieb ich ihm eine Nachricht, in der ich darum bat, dass er sich bitte melden solle, wenn er gut zu Hause angekommen ist. Daraufhin antwortete er dann: "Stress mich nicht so. Was soll diese Kontrolle."

Ich habe ihn immer wieder gefragt, warum er denn nicht mal mitkommt, wir zusammen Zeit verbringen. Seine Argumentation war, dass er es als "ekelhaft", "widerlich" und "abtörnend" empfindet, wenn ich rauche und trinke. Irgendwann konnte ich an seinen Nachrichten ablesen, ob er mich beobachtete. Wurden die Abstände, in denen die Nachrichten bei mir eintrafen, geringer und die Aussagen darin präziser, dann musste er in der Nähe sein. Ich war immer unglaublich froh, wenn er selber unterwegs war. An den Tagen hatte ich meine Ruhe.

Ich durfte keine männlichen Freunde haben

Ich hatte schon seit dem Kindergarten immer mehr Freunde als Freundinnen. Das ging natürlich überhaupt nicht klar. Meine zwei besten Freunde, die ich bereits vor ihm kannte, musste er irgendwie akzeptieren. Trotzdem machte er oft abfällige Bemerkungen. Während des Abis habe ich einen Klassenkameraden kennengelernt, mit dem ich mich gut verstand. Wir haben die Pausen zusammen verbracht. Anfangs habe ich das meinem Freund verschwiegen. Ich hatte keine Lust auf noch mehr Diskussion.

Ich habe meinem Freund immer wieder gesagt, dass ich es blöd finde, wie er auf meinen Kumpel reagiert. Er kannte ihn ja nicht mal. Daraufhin sagte er mir, dass ich mich ja ruhig mit ihm treffen könne, nur solle ich es ihm dann nicht sagen. So habe ich das dann auch gemacht. Eines Nachmittags hatte mein Klassenkamerad eine Wohnungsbesichtigung bei mir um die Ecke. Da es deutlich praktischer für ihn war, habe ich ihm angeboten, dass er so lange bei mir warten kann, bis er zum Termin geht. Wir haben uns eine Pizza geholt und zusammen gegessen. Kurz danach ist er auch wieder gegangen. Ich fand es affig, dass ich meinem Freund nichts davon erzählen kann, wenn ich mich mit einem guten Kumpel treffe. Für mich ist das, als würde ich mich mit einem meiner Mädels treffen. Da ist absolut nichts dabei. Also habe ich ihm davon erzählt. Dann ist er komplett ausgerastet.

Er hat angefangen, Dinge nach mir zu schmeißen, und zwar deutlich Härteres als ein Kopfkissen. Er hat mich angebrüllt und beleidigt: "Du bist ekelhaft, widerlich, ich hasse dich." Seine Mutter musste dazwischen gehen, damit nichts Schlimmeres passiert. Als er sich halbwegs beruhigt hatte, sind wir spazieren gegangen. Da hat er mir dann eröffnet, dass er mindestens drei Wochen den Kontakt zu mir abbrechen möchte. Sein klassisches Druckmittel. Und wieder habe ich mich schuldig gefühlt, obwohl ich nichts verbrochen hatte. Die Freundschaft zu meinem Schulfreund ist daran letzten Endes zerbrochen. Wenn man immer wieder absagen muss, weil der Freund zu eifersüchtig ist, da hat auf lange Sicht niemand Lust drauf.

Immer öfter wurde er gewalttätig – auch vor anderen

Er ist auch manchmal vor anderen ausgerastet. Vor allem wenn er getrunken hatte. Wahrscheinlich hatte er auch deshalb so eine Abneigung gegen Alkohol, weil er wusste, dass er betrunken schnell die Kontrolle verlor. Am Geburtstag meiner besten Freundin, auf den wir uns alle seit Wochen gefreut hatten, ist er das erste Mal öffentlich handgreiflich geworden.

Es waren schon alle da, als er sturzbetrunken ankam. Der Vater des Geburtstagskindes wollte ihn aufhalten. Weil das meinem Freund nicht passte, schmiss er eine Kerze nach ihm. Der komplette Anzug war ruiniert. Daraufhin flog er logischerweise raus. Ich bin ihm hinterher, obwohl mich alle meine Freunde davon abhalten wollten. Ich wollte, dass er sich beruhigt, und ich wollte wissen, was genau das Problem war. Ein guter Kumpel wollte mich aber nicht an meinen Freund ran lassen. Daraufhin ist mein Freund völlig ausgeklinkt. Er schubste meinen Kumpel zur Seite, stürzte auf mich zu und begann, mich zu würgen und gegen die Wand zu drücken. Danach brach ein unfassbares Chaos aus.

Er hat sich mit mehreren Freunden von mir geprügelt, diverse Sachen demoliert, die Uhr meines besten Freundes zertrümmert, bis er irgendwann einfach umgefallen ist, weil er zu betrunken war. Er sollte dann von einem Krankenwagen abgeholt werden. Das habe ich nicht zugelassen. Ich habe seine Mutter angerufen und bin mit ihm nach Hause gefahren. Meine Freunde haben mich für verrückt erklärt. Alle haben auf mich eingeredet, dass ich mich trennen soll. Uns hat dieser Abend allerdings enger zusammenrücken lassen. Ich habe ihn geliebt und war der festen Überzeugung, dass keiner versteht, wie sehr er auch mich liebt. Er hat sich sogar, ohne Aufforderung, bei mir für sein Verhalten entschuldigt. Leider blieb das nicht der letzte Vorfall.

Beim Geburtstag einer anderen Freundin schubste er mich so heftig, dass ich vor versammelter Mannschaft auf den Boden flog. Wieder Drama und wieder habe ich ihn in Schutz genommen. Eskaliert ist es immer dann, wenn ich nicht das gemacht habe, was er gerne wollte. Deshalb habe ich ihn irgendwann ganz bewusst nicht mehr mitgenommen oder eingeladen. Ich habe lieber das Wochenende mit ihm allein verbracht.

Dadurch sind öffentliche Ausraster weniger geworden, wenn sie vorkamen aber von Mal zu Mal extremer.

Nach einem Frauenarzttermin vergewaltigte er mich

Auch sexuelle Gewalt war Teil der Beziehung. Ich hatte an diesem einen Tag einen Frauenarzttermin. Nach der Ultraschalluntersuchung hatte ich Schmerzen. Da mein Freund um die Ecke wohnte, fuhr ich danach zu ihm. Schon als er mir die Tür aufmachte, gab er mir zu verstehen, dass er gerne mit mir Sex wollte. Da ich wirklich starke Schmerzen hatte, fragte ich, ob wir vielleicht noch zwei Stunden warten könnten. Daraufhin brach ein Riesenstreit aus. Darüber, dass wir ein total beschissenes Sexleben hätten, er eh mehr mit mir schlafen wolle und dass ihm alles viel zu langweilig sei. Den Streit beendete er dann auf seine Art.

Er schmiss mich auf den Küchentisch, zog mir meine Unterwäsche aus und machte, was er eben mit mir machen wollte. Da ich nicht im geringsten feucht war und noch Schmerzen vom Frauenarzt hatte, tat es unfassbar weh. Ich habe die ganze Zeit über geweint. Als er fertig war, zog er sich an, schmiss mir meine Sachen zu und sagte: "Du kannst jetzt gehen." Also bin ich gegangen.

Später am Abend habe ich gesehen, dass ich am ganzen Rücken blaue Flecke hatte. Wir haben uns am nächsten Tag getroffen. Ich habe ihn darauf angesprochen und ihm erzählt, wie schäbig ich mir vorgekommen war, als er mich einfach aus der Wohnung geworfen hatte. Es tat ihm sogar Leid. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich Opfer einer Vergewaltigung geworden war. Ich glaube auch, dass es ihm nicht wirklich bewusst war, was er gemacht hatte. Erst kurz vor unserer Trennung, als ich einen Fernsehbeitrag sah, wurde mir das klar. Es ging um die Dunkelziffer von sexueller Gewalt in Partnerschaften. Als sie Beispiele anführten, fand ich mich leider schnell wieder.

"Wenn er dir jetzt hinterherkommt, dann stirbst du."

Als er kurze Zeit später eine Fußverletzung hatte, wurde er operiert. Dementsprechend war es nicht so leicht, Sex zu haben. Das konnte er natürlich nicht akzeptieren. Also wollte er, dass ich ihm einen blase. Damals habe ich das nicht gerne gemacht und bat ihn darum, es lassen zu können. Wieder völlige Eskalation. Da seine Mutter nicht da war, gab es niemanden, der mir hätte helfen können. Ich bekam Angst und verließ panisch die Wohnung. Er versuchte, mir hinterher zu rennen, was sich auf Krücken nicht sehr praktisch gestaltete. Als er das merkte, schmiss er mit den Krücken nach mir. Sie prallten an der Fahrstuhltür ab, die sich zum Glück genau in diesem Moment schlossen.

Ich rannte unten aus der Tür und blieb kurz dahinter stehen. Dann knallte es laut und neben mir zerbrach eine komplette Fensterscheibe auf dem Boden. Vor lauter Wut hatte er sie zertrümmert. Ich hatte Glück, dass sie mir nicht direkt auf den Kopf fiel. In dieser Situation hatte ich zum ersten Mal wirkliche Todesangst. Ich dachte: "Wenn der dir jetzt hinterherkommt, dann stirbst du."

Jedes Mal, wenn ich wusste, er kommt gleich zu mir oder ich fahre zu ihm, ging mein Kopfkino los. "Du musst jetzt Lust haben, er will bestimmt gleich wieder." Wenn ich keine Lust hatte und das so sagte, ist er an die Decke gegangen. Alles war dann scheiße. Unser Sexleben sowieso langweilig und ich wieder furchtbar. Habe ich aber mit ihm geschlafen, auch wenn ich nicht wollte, und er hat das gemerkt, dann war auch das nicht richtig. Ich wusste irgendwann nicht mehr, wie ich mich verhalten sollte. So oder so, wenn ihm etwas nicht gepasst hat, gab es Streit. Ich bin aus der Wohnung geflogen, wurde aus dem Bett geschmissen oder stunden- bis tagelang ignoriert. Ich war froh, wenn es ab und zu mal gut lief. Dann war der Sex auch schön.

Abgesehen von der Vergewaltigung ist er auch anders übergriffig geworden. Einmal bin ich davon aufgewacht, als er in der Nacht seinen Schwanz in mich reingesteckt hat. Als ich ihn gefragt habe, was er da gerade macht, hat er zum Glück direkt aufgehört. Ich glaube, das hat er nicht nochmal versucht. Jedenfalls bin ich kein weiteres Mal von so einer Aktion aufgewacht. Trotzdem bin ich oft genug morgens damit geweckt worden, dass er mir grinsend Bilder zeigte, auf denen er mich anfasste.

Irgendwann bin ich dann zu Hause ausgezogen. Dadurch, dass ich jetzt meine eigenen vier Wände hatte, war er viel bei mir. Allerdings verhielt er sich wie bei Mama zu Hause. Ich musste um alles bitten und betteln. Dass er auch mal den Müll runterbringt oder auch mal einen Einkauf zahlt. Er hat schließlich auch bei mir gegessen. Ich war damals noch in der Ausbildung, da kann man ein bisschen Beteiligung schon erwarten. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, war mein Mittagessen aufgegessen. Das war die Krönung. Ich hatte vorher schon angefangen, mich zu distanzieren. Aber das machte mir deutlich, wie wenig ich mir eine Zukunft mit ihm vorstellen konnte.

"Ich glaube zwar, dass er mich geliebt habt, aber eben anders."

Mit der Trennung habe ich ihn ziemlich überrascht. Er war sehr gekränkt und es war ihm sehr wichtig, dass wir allen sagen, wir hätten uns gemeinschaftlich für die Trennung entschieden. Während des Gesprächs waren von seiner Seite Gefühle kein Thema. Es hieß immer nur: "Du machst Schluss mit mir? Du, mit mir?" Das kleine Püppchen, das bestenfalls schmückendes Beiwerk ist, muckt auf. Ich glaube zwar, dass er mich geliebt hat, aber eben anders. Sonst wäre er nicht vier Jahre mit mir zusammen gewesen.

Dadurch, dass ich nie sichtbare Wunden hatte, gab es für Freunde nicht wirklich die Chance, mir zu helfen. Ich habe nie von den Dingen erzählt, die er mir angetan hat. Ich bin ein Mensch, der Dinge erstmal mit sich selbst ausmacht. Für Freunde habe ich also kein wahrnehmbares, verändertes Verhalten an den Tag gelegt. Vielleicht hätte man es erahnen können, aber ich habe immer abgeblockt, wenn Gespräche in diese Richtung gingen. Alle Übergriffe, die in der Öffentlichkeit passiert sind, habe ich gerechtfertigt. Irgendwann hatten Freunde keine Chance mehr, auf mich einzuwirken. Auch weil ich wusste, was die Konsequenz gewesen wäre. Ich wollte es nicht hören.

Von außen kann eigentlich nur geholfen werden, wenn man öffentlich ausspricht, dass etwas vorgefallen ist, was sich "nicht normal" angefühlt hat. Dann müssen Freunde, Eltern, Verwandte dran bleiben. Auch wenn die Person vielleicht dicht macht. Aber wenn es wie in meinem Fall abläuft, ist es schwierig, der betroffenen Person zu helfen. Ich hatte keine Wunden, die man gesehen hat. Alles war an Stellen, die ich verstecken konnte.

Seine Mutter wusste, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Sie saß oft vor mir, auch nachdem sie dazwischen gehen musste, und hat sich gefragt, was mit ihm nicht stimmt. Ich habe ihr nie etwas von dem erzählt, was passiert ist, wenn sie nicht eingreifen konnte. Vermutlich hätte sie mir am Ende auch nicht geglaubt. Es ist ja trotzdem ihr Sohn, da möchte man solche Dinge nicht wahrhaben. Das ist auch ein Grund, weshalb ich ihn nie angezeigt habe. Ich wollte seiner Mutter nicht noch mehr Leid zufügen.

Ich würde anderen Frauen raten, sofort zur Polizei zu gehen

Meinen Eltern habe ich nie von den sexuellen Übergriffen erzählt. Damit hätten sie nicht umgehen können. Außerdem wollte ich mich vor allem selber nicht damit belasten, meine Eltern belastet zu sehen. Meine Mutter hätte das nicht verkraftet und mein Vater wäre ausgerastet. Das war also nie eine Option für mich. Ich wollte ihnen den Schmerz und mir eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema ersparen. Ich habe die Beziehung in meiner Therapie aufgearbeitet, das hat mir persönlich gereicht. Meinen Eltern werde ich das wahrscheinlich nie erzählen. Mittlerweile habe ich mich ein paar wenigen Freunden anvertraut. Dabei wird es aber bleiben.

Ich habe damals nicht daran gedacht, ihn anzuzeigen. Die Frage kam erst während meiner Therapie auf. Da war es für mich aber schon zu spät. Ich wäre mit nichts als meiner Aussage zur Polizei gegangen. Die Spuren von dem, was er mir angetan hatte, gab es nicht mehr. Letzten Endes hätte also Aussage gegen Aussage gestanden. Ich kann mir gut vorstellen, dass er versucht hätte, mich als Lügnerin darzustellen und Freunde gegen mich aufzuhetzen.

Deshalb rate ich auch dazu, nach Ereignissen, wie sie mir passiert sind, sofort zur Polizei zu gehen. Sollte man es nicht schaffen, zur Polizei zu gehen, dann solltet ihr euch zumindest direkt trennen. Das Wichtigste ist, sich darüber bewusst zu werden, wie viel man selbst wert ist.

Wenn man jemanden aufrichtig liebt, will man nicht wahrhaben, dass einem der Mensch nicht gut tut. Ich habe vollstes Verständnis für Frauen, die lange in so einer Beziehung bleiben. Ich würde mich heute niemals wieder so behandeln lassen, aber mit 16 hatte ich dieses Selbstbewusstsein nicht. Ich habe gar nicht so weit gedacht, "wie es laufen müsste". Ich wollte es meinem Freund recht machen und habe mich immer weiter verbogen.

Mein neuer Freund und meine Therapeutin haben viel aufgefangen. Trotzdem hatte ich natürlich erstmal zu kämpfen. Die vier Jahre sind nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Ich hatte Probleme, mit meinem neuen Freund zu schlafen. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich mich wieder fallen lassen konnte. Ich habe gelernt, mein schlechtes Gewissen nach einem Partyabend abzustellen. Ich habe es geschafft, mit mir und meinem Körper zufrieden zu sein, und bin stolz auf alles, was ich im Leben erreicht habe. Wenn ich nochmal jemanden kennenlernen sollte, der auch nur irgendwas in dieser Hinsicht machen würde, wäre die Sache sofort beendet. Ich würde keine Entschuldigung mehr akzeptieren. Denn wer einmal die Hand erhebt, der macht das immer wieder.

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