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Alkohol bei der arbeit

Dieser trockene Alkoholiker will, dass Gastroarbeiter nicht mehr nur in Bars abhängen

Überall ist ist Zugang zum Alkohol und das Verhalten ist nicht nur geduldet, oft ist es auch gewünscht. Anthony Rudolf hätte weitergetrunken, hätte ihn die Polizei nicht aus seinem Wagen gezogen.

von Matthew Zuras
10 August 2016, 7:00am

Foto via Flickr-brugeren Sippanont Samchai

Anthony Rudolf fing etwa zur selben Zeit im Restaurantgewerbe an, wie er mit dem Trinken anfing—doch diese beiden Dinge sollten am Ende nicht dieselbe Lebensdauer haben.

Als Teenager im US-Bundesstaat Pennsylvania besuchte Rudolf eine Berufsschule für kulinarische Künste. Mit 16 arbeitete er bereits in Küchen. Zwar hatte er schon vorher Alkohol getrunken, doch der Eintritt in ein Berufsumfeld, in dem Trinken nicht nur geduldet, sondern sogar begrüßt wurde, hatte einen großen Einfluss auf sein Leben. Es waren die häufigen Drinks bei der Arbeit, die den Grundstein für Rudolfs Alkoholsucht legten

„Dort fing es an. Die Wurzel meines Problems war, dass ich nach einem Drink nicht aufhören konnte", sagt er. „Ich muss nicht jeden Tag trinken, aber wenn ich erst einmal was intus habe, war's das."

„Dort fing es an. Die Wurzel meines Problems war, dass ich nach einem Drink nicht aufhören konnte", sagt er. „Ich muss nicht jeden Tag trinken, aber wenn ich erst einmal was intus habe, war's das."

Als Rudolf seinen Abschluss am Culinary Institute of America machte, gab es bereits Anzeichen dafür, dass seine Sucht außer Kontrolle geriet.

„Es wurde immer schlimmer", sagt Rudolf. „In vieler Hinsicht bin ich wahrscheinlich in diesem Beruf gelandet, weil man damit Zugang zu diesem Lebensstil hat. Ich bin dabei geblieben und habe es geliebt, weil ich so an meine Droge kam."

Dabei genoss Rudolf nicht nur den Rausch, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl, das vom Bechern mit Kollegen kam. Mit 16 gefiel es ihm, mit den Chefs zu trinken, oder mit anderen Mitarbeitern, die er bewunderte. „Du trinkst deine Halbe, während du deine Station aufräumst", sagt er. „So wirst du Teil der Gruppe." Als er in seinen 20ern in New Yorker Sternerestaurants arbeitete, fühlte er sich am wohlsten, wenn er sich um 3 Uhr nachts mit seinem Team betrank.

Rudolfs frühere Trinkgewohnheiten sind typisch für die Gastronomie. Es ist schon fast ein Klischee, dass Bar- und Restaurantangestellte exzessiv feiern und Rauschmittel konsumieren.

Laut dem neuesten Bericht der Substance Abuse and Mental Health Services Administration, einem Zweig der US-Gesundheitsbehörde Department of Health and Human Services, gibt es unter Restaurantangestellten nicht nur die höchsten Alkoholismusraten, sondern auch von allen Berufsgruppen den größten Konsum von illegalen Drogen.

Rudolf hätte vielleicht auch selbst ungebremst weitergetrunken, wenn er nicht 2005 wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet worden wäre. Alle hatten mal wieder nach Schichtende bis tief in die Nacht getrunken, und Rudolf hatte fünf Personen im Auto, als er seine Arbeit verließ. Ein Streifenwagen der New Yorker Polizei ließ ihn rechts ranfahren; die Beamten kamen mit gezogenen Pistolen auf das Auto zu. Laut Atemtest hatte Rudolf in jener Nacht einen Promillewert von 1,6—das Doppelte des erlaubten Pegels.

Meeting Space at Journee

Der Gemeinschaftsraum von Journee, Anthony Rudolfs Verein. Foto mit freundlicher Genehmigung von Journee.
Pencils and Coffee at Journee Foto mit freundlicher Genehmigung von Journee.

Erst durch das Erziehungsprogramm, das ihm für seine betrunkene Fahrt auferlegt wurde, erkannte er, dass er ein Problem hatte. Nachdem er trocken war, arbeitete Rudolf weiterhin in der Gastronomie, doch er hing nicht länger auf dieselbe Art mit seinen Kollegen ab.

„Die Bars verschwanden aus meinem Leben, und mit ihnen auch viele Freunde und Bekannte. Ich hatte nicht länger das Gemeinschaftsgefühl, das entsteht, wenn man Leute regelmäßig trifft und um 3 Uhr nachts in einer Bar quatscht. Es war sehr schwierig, Zugang zu den Dingen zu kriegen, die ich brauchte, um in meiner Karriere voranzukommen. Und so bin ich auf die Idee für Journee gekommen."

Letztes Jahr hat Rudolf Journee in New York gelauncht—mehr als ein Jahrzehnt, nachdem ihm aufging, dass Gastronomiearbeiter auch noch andere Treffpunkte als Bars haben sollten.

Journee ist ein Mitgliederverein für Menschen aus dem Bar- und Restaurantgewerbe, bei dem sich vieles um Bildung dreht. Als Gemeindezentrum bietet Journee eine große Bandbreite an Diensten in einem gesunden Umfeld an, ob für Kellner, Köchin, Buchhalterin oder Anwalt. Dort können alle etwas lernen und Verbindungen knüpfen.

Journee bringt nicht nur Menschen aus der Gastronomie zusammen, sondern regt auch zu gehaltvollen Gesprächen an, die am nächsten Morgen nicht wieder vergessen sind. Das Bildungsprogramm umfasst alles Mögliche und ist nicht nur für trockene Trinker: vom Ausnehmen von Fischen mit Chris Jaeckle aus dem venezianischen Restaurant All'onda in Manhattan bis hin zur Weinverkostung mit Paul Grieco aus der Weinbar Terroir. Diese Aktivitäten verursachen keinen Kater und bietet Gleichgesinnten die Gelegenheit, auch einmal tagsüber zusammenzukommen. Und wer nach einer Schicht der Versuchung des Feierabendtrinkens widerstehen will, kann sich auch online vor Journee TV, das umfangreiche Kursprogramm von Journee, setzen. Ziel von Journee ist es nicht nur, Menschen vom Trinken abzuhalten, sondern sie dafür anzuhalten, etwas acht auf sich zu geben.

Rudolf kann inzwischen auf mehr als ein Jahrzehnt der Trockenheit zurückblicken. Doch er weiß, dass innerhalb der Branche noch viel getan werden muss, damit ein echter Dialog über Sucht entstehen kann und Betroffene auch wirklich um Hilfe bitten können.

„Es geht im Grunde darum, die Leute dazu zu bringen, über eine Verletzlichkeit oder vermeintliche Schwäche wie die Sucht zu sprechen. Aktuell schweigen wir das Thema einfach tot", sagt er. „Ich halte es für eins der größten Probleme unserer Branche, dass Verletzlichkeit mit Schwäche gleichgesetzt wird—niemand sieht darin Stärke. In dieser Welt heißt es immer ‚Ja, Chef!', und du machst und machst, bis du entweder untergehst oder Erfolg hast. In so einem Macho-Umfeld gibt es das gar nicht, dass jemand sagt: ‚Ich brauche Hilfe.'"