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Überflutete Gräber verseuchen Nordirlands Grundwasser mit Formaldehyd (und Leichen)

Zombies sind nicht die einzige Gefahr, die die Toten für die Lebenden darstellen.

von David Gilmour
09 Juni 2015, 12:00pm

Die Toten verbreiten in Nordirland derzeit Angst und Schrecken, denn es wurde herausgefunden, dass überflutete Gräber den Boden mit krebsverursachendem Formaldehyd und Ammoniak verseuchen. Diese giftigen Chemikalien kommen bei der Einbalsamierung zum Einsatz und werden in den wassergetränkten Särgen von den sich zersetzenden Leichen abgewaschen. Da sich viele der betroffenen Friedhöfe in der Nähe diverses Stadtzentren befinden, werden sich die Mittel, die zur Konservierung der Leichen verwendet werden, bald vielleicht schon vorher im Körper der Bewohner befinden.

Der örtliche Bestatter William O'Donnell bezeichnet das Ganze inzwischen als „ein größeres Problem als Asbest" und man macht sich zunehmend Sorgen darüber, wie die von den Leichen abgespülten Chemikalien nicht nur der Umwelt, sondern auch den noch lebenden Menschen schaden. Das Grundwasser des Milltown-Friedhofs von Belfast läuft bergab durch eine Gegend namens Bog Meadows und endet schließlich im Fluss Lagan, der sich durch das Stadtzentrum schlängelt. Dieses verseuchte und krebserregende Wasser, das erst durch verrottende Körper und dann in die umliegenden Flüsse fließt, stellt für die Gesundheit der Bevölkerung eine ernsthafte Bedrohung dar. Umweltentwicklungsexperten aus der ganzen Welt haben jetzt die lokalen Behörden mit Nachdruck dazu aufgefordert, das Risiko an Orten einzuschätzen, wo sich das giftige Grundwasser nahe der Erdoberfläche befindet—bevor es den ersten Todesfall gibt.

Seit mehreren Jahren hat der Ballyoan-Friedhof von Londonderry massiv mit Problemen durch die Überflutungen sechs Fuß unter der Erde zu kämpfen. Als eine örtliche Zeitung zum ersten Mal über diese Geschichte berichtete, äußerte sich auch ein Totengräber zu den schrecklichen Ereignissen und den illegalen Aktivitäten, die er während seiner Arbeit schon gesehen hatte. In einem Interview mit VICE versichert uns der inzwischen ehemalige Totengräber, der hier Dermot genannt werden will, dass er seinen Arbeitgebern von den Risiken und Gefahren berichtet hätte, denen er und seine Kollegen täglich ausgesetzt waren. Arbeiter wie Dermot mussten das giftige Wasser entsorgen, das die Gräber schon füllte, als sie gerade erst fertig ausgehoben waren.

„In den vier Jahren in denen ich tot war, wurde keinem Totengräber, der in den mit Wasser vollgelaufenen Gräbern arbeitete, irgendwelche Schutzkleidung gegeben. Wir haben einfach nur unsere normale Arbeitsklamotten getragen. Dabei wurden nicht nur die Angestellten in Gefahr gebracht, sondern auch die ganze Öffentlichkeit", erklärt uns Dermot.

„Hier ein Beispiel, um euch euch eine Vorstellung vom Ausmaß des Wasserproblems zu geben: Eine Frau, die wir beerdigten, wog über 200 Kilog und nachdem wir sie in die Erde herabgelassen hatten, gaben wir der Familie noch ein bisschen Zeit, um sich zu verabschieden. Als wir wieder zurückkamen, um das Grab zuzuschütten, trieben die Frau und ihr Sarg bereits in über einem Meter tiefen Wasser. So drastisch war das Ganze."

Foto: bereitgestellt von einem anonymen irischen Totengräber

Solche Szenarios finden allerdings nicht nur in diesem Teil Nordirlands statt. Es gibt zum Beispiel auch die Geschichte einer trauernden Tochter, die schon wenige Tage nach der Beerdigung ihrer Mutter verzweifelt versucht hat, das geflutete Grab im Roselawn-Friedhof von Belfast irgendwie zu retten. Natürlich ist es nie schön, wenn sich eine Leiche zersetzt, aber mal ganz abgesehen von der Verseuchungsgefahr, ist die schreckliche Vorstellung davon, wie ein geliebtes Familienmitglied unter der Erde in fauligem Dreckwasser vor sich hin modert, für die Hinterbliebenen einfach nicht zumutbar.

Als jemand, der täglich die Ärmel hochgekrempelt hat, berichtet uns Dermot von den schlimmen Umständen, mit denen die Totengräber zu kämpfen haben.

„Das Wasser in den Gräbern fügt den Särgen erheblichen Schaden zu. Die Holzkisten sind nicht wasserdicht und wenn sich das Grab mit Wasser füllt, läuft es auch in den Sarg. So zersetzen sich die Leichen schneller. Und genau da vermischt sich das Wasser wohl auch mit den Körper- und Einbalsamierungsflüssigkeiten", erklärt er.

Das ist die harte Realität: Wenn die Leichen im ranzigen Grundwasser verwesen, sickern Körpergewebe und tödliches Formaldehyd in den umliegenden Boden. Die Mikroorganismen in einer Leiche sind zwar nicht krankheitserregend, die bei der Einbalsamierung verwendeten Chemikalien, die in das Grundwasser und die Erde gelangen, dafür umso mehr. Einbalsamierer tragen bei der Arbeit Schutzkleidung, während die Gefahr für Totengräber und die Öffentlichkeit nicht erkannt wird. Neue Berichte legen jedoch nahe, dass man sich endlich eingehend mit diesem Thema beschäftigen sollte.

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„Wenn sich ein Grab mit Wasser füllte, dann wurden wir von der Friedhofsleitung angewiesen, die Flüssigkeit mit Hilfe einer Benzinpumpe zu entfernen", erzählt uns Dermot. „Das Wasser floss dann auf die Wege, um von dort aus zum Abfluss zu gelangen. Der lief allerdings oft über oder der Schlauch reichte gar nicht bis zum Weg. Den Friedhofsbesuchern war überhaupt nicht bewusst, dass das Wasser, durch das sie da gingen und das in der Nähe der Gräber ihrer verstorbenen Familienmitglieder ablief, aus anderen Gräbern kam."

Dermot berichtet auch noch von einem Grab, das beim Öffnen so schlimm gestunken hat, dass sich die Arbeiter übergeben mussten. „Als ich dazukam, blickte ich in das Grab hinab und sah dort nur Wasser, auf dem eine hellgrüne, ölige Substanz schwamm", meint er.

Die ölige Substanz, die Dermot als eine Art Haut auf dem Wasser beschreibt, ist eine widerliche Mischung aus verfaultem Fleisch und giftigen Chemikalien. Bei Raumtemperatur hat Formaldehyd einen strengen Geruch und verursacht Übelkeit sowie Kopfschmerzen—also genau die Symptome, die bei Dermots Arbeitskollegen auftraten. Wenn sie schon nicht der Gestank der im Wasser aufgedunsenen und verfaulten Leiche würgen ließ, dann auf jeden Fall die schädlichen Chemikalien.

Foto: bereitgestellt vom Autor

Studien der Umweltbehörden haben ergeben, dass Formaldehyd in den umliegenden Boden gelangt und dort dann innerhalb von zehn Jahren unschädlich wird. In unseren Fällen ist es jedoch so, dass sich die Gräber innerhalb weniger Tage mit Wasser füllen, wodurch die Chemikalien schneller in die Erde abfließen. Das bedeutet, dass die schädlichen Mengen an Formaldehyd und Ammoniak länger im Boden verweilen. Bei älteren Friedhöfen hat man außerdem die Befürchtung, dass inzwischen verbotene Einbalsamierungsmittel wie Arsen ebenfalls in die Erde gekommen sind.

Aufgrund dieses Chemikalienproblems fordert Jamie Orr von der Umweltorganisation Friends of the Earth jetzt, dass Friedhöfe als sogenannte „kontaminierte Orte" bezeichnet werden.

Das Gewicht des Wasser macht den Totengräbern allerdings ebenfalls zu schaffen. Je mehr die Überflutung das Grab krumm und schief werden lässt, desto öfter kommen die Friedhofsangestellten mit der kontaminierten Erde in Kontakt, weil sie die Wände ja wieder richten müssen. In Extremfällen sind durchtränkte Gräber schon seitlich eingestürzt, wodurch die Särge der umliegenden Gräber freigelegt wurden. Wenn ein solcher Erdrutsch passiert, dann könnte ein Sarg auch in ein frisches Grab fallen und irreparabel beschädigt werden—im schlimmsten Fall wird die darin befindliche Leiche herausgeschleudert.

Hier erzählt uns Dermot auch von einem grotesken Zwischenfall: Einmal wurde ein Babysarg, den man Jahrzehnte vorher in einer illegalen Tiefe von nur 45 Zentimetern eingegraben hatte, bei einer erneuten Graböffnung beschädigt. Die Friedhofsleitung wies die Arbeiter anschließend an, das Kind in einem schwarzen Müllbeutel wieder zu beerdigen—obwohl eigentlich für genau solche Fälle kleine Särge bereitstehen.

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„Wenn eine Beerdigungsgesellschaft auf dem Weg war, dann mussten wir alle fünf bis zehn Minuten das Wasser aus dem Grab pumpen. Die Friedhofsleitung bat uns, das Wasser zwei Minuten vor Ankunft der Bestatter mit Stroh abzudecken", sagt Dermot.

„Falls uns die Familie fragen sollte, wozu das Stroh gut sei, dann mussten wir erklären, wie es den Boden des Grabes eben macht. In Wahrheit war das Zeug aber einfach nur dazu da, um das ansteigende Grundwasser vor den Trauernden zu verstecken."

Bis vor Kurzem waren die Friedhofsangestellten im Bezug auf die potenzielle Gefahr nicht nur ungenügend informiert und schlecht ausgerüstet, sondern die Umstände fielen auch so schrecklich aus, dass solche stressigen Situationen, wie sie uns Dermot beschrieben hat, schnell unter den Teppich gekehrt wurden. Die Friedhofsleitungen tragen in einigen Fällen auch ganz klar eine Mitschuld an der immer weitergehenden Verunreinigung durch giftige Chemikalien, denn die Arbeiter, die sich um die Überflutungen kümmern müssen, werden einfach im Stich gelassen. Laut Dermot führen diese Umstände dazu, dass die gesetzlichen Begräbnisvorgaben, mit denen die Würde der Toten bewahrt werden soll, komplett außer Acht gelassen werden.

Jetzt wo die schreckliche Realität im Bezug auf die überfluteten Gräber langsam ans Licht kommt, erhält eine Bewegung um alternative Begräbnisverfahren neuen Aufschwung. Organisationen wie Natural Death Center setzen sich für neue Einbalsamierungsmethoden oder Dinge wie Weidensärge ein. Das ist schon ein Schritt in die richtige Richtung, aber viele konservative Iren halten solche Alternativen für zu extrem oder unorthodox. Auch die Einäscherung findet in Nordirland nur sehr langsam Akzeptanz—ganz im Gegensatz zum Rest des Vereinigten Königreichs, wo diese Form der Bestattung viel weiter verbreitet ist als ein normales Begräbnis.

Wir haben uns mit David Spiers unterhalten, dem Gründer von Greenacre Innovations—ein Unternehmen, das sich auf Bestattungsverfahren spezialisiert hat, die der Umwelt und der Bevölkerung keinen Schaden zufügen. Er setzt sich vor allem dafür ein, dass man sich mit dem auslaufenden Formaldehyd und den damit zusammenhängenden Gefahren beschäftigt.

Spiers betont, dass es sich dabei nicht nur um ein nordirisches, sondern um ein weltweites Problem handelt: „Das ganze Sickerwasser der Friedhöfe inklusive dem Formaldehyd stellt eine viel größere Bedrohung dar—und das unabhängig davon, wo es auftritt. Zu diesem heiklen Thema wurde noch viel zu wenig Forschung betrieben. Zwar erzählt man uns immer, dass sich das Formaldehyd mit der Zeit auflöst, aber in Wahrheit verdünnt es sich lediglich. Dieser Umstand macht es viel wahrscheinlicher, dass sich ein gewisser Prozentsatz des krebserregenden Giftstoffes seinen Weg in unsere Grundwasser bahnt."


In der irischen Gesellschaft, wo Trauerfeiern mit offenem Sarg noch immer weit verbreitet sind, bleibt das Einbalsamieren ganz offensichtlich auch weiterhin ein wichtiger Teil der Zeremonie, denn die Toten sollen für die trauernden Angehörigen ja schön zurechtgemacht werden. Eine bahnbrechende Erfindung von Spiers Team ist ein hochentwickeltes Neutralisationsmittel, das in das Tuch eingearbeitet wird, das man unter der Leiche platziert. Dank dieses Mittels kann man die Toten weiterhin mit Formaldehyd einbalsamieren, denn es kümmert sich innerhalb eines wasserdichten und sterilen Sargs um eventuell auftretende chemische Schadstoffe.

Bis vor Kurzem hat Spiers von Regierungsvertretern nur frustrierend ausweichende Aussagen zu hören bekommen. Letzten Monat traf er sich jedoch mit dem nordirischen Umweltminister Mark H. Durkan, um darüber zu diskutieren, wie neue Vorgehensweisen und Gesetze vorangetrieben werden können.

„Der Minister war guter Dinge und erkannte auch, dass Formaldehyd und andere Friedhofschemikalien ein stetig steigendes Risiko darstellen und dass es derzeit keine Schutzmaßnahmen gibt, mit denen dieses Problem angegangen wird."

In einem kurzen Statement teilte uns das Büro des Ministers mit, dass „die nordirische Umweltschutzbehörde NIEA keinen Einfluss darauf hat, ob und wie neue umweltfreundliche Produkte eingesetzt werden. Die umweltbedingte Notwendigkeit von Sanierungsmaßnahmen wird durch die geologische Umgebung und die Wasserwege etc. eines Friedhofsstandortes bestimmt und potenzielle Möglichkeiten der Schadenbegrenzung werden während des Baus von neuen Friedhöfen oder Friedhofserweiterungen entwickelt oder installiert." Danach wurden wir angewiesen, uns mit weiteren Fragen direkt an die Friedhöfe oder an die lokalen Behörden zu wenden.

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Derzeit ist nicht bekannt, wie viele Friedhöfe sich an die von internationalen Experten empfohlenen, strengeren Auflagen halten, verschmutztes Grundwasser verantwortungsbewusst entsorgen und Bereiche markieren, wo eine effektive Entwässerungsanlage benötigt wird.

In Nordirland befürworten 80 Prozent der Bevölkerung auch weiterhin das normale Begräbnis. Es gibt keinen unmittelbaren Plan der Regierung, etwas dagegen zu unternehmen, dass die krebsverursachenden Chemikalien der Leichen in die Erde sickern. Es scheint so, als ob die Toten so lange ihr verrottendes Fleisch und das Formaldehyd in die Umgebung abgeben werden, bis dieser Umstand zu einem ernsthaften Problem für die Lebenden wird.

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