Ich habe mich mit Belgrads „La Haine“-Fanatikern getroffen

Der französische Kultfilm hat auf die Kunst- und Musikszene der serbischen Hauptstadt einen immensen Einfluss. Wir haben uns mit Leuten getroffen, die uns die Gründe für dieses Phänomen erklären.

|
15 September 2014, 11:16am

Foto: bereitgestellt von Ivan Shwarz Mihajlovic. Alle anderen Fotos: Iva Brdar, außer anderweitig angegeben.

In Belgrad ist der Film La Haine (zu Deutsch: Hass) sehr beliebt. Mathieu Kassovitz’ Werk aus dem Jahr 1995 dreht sich um drei Freunde aus einem Pariser Vorort, in dem gerade Ausschreitungen stattgefunden haben. Der Film hat vielleicht Preise gewonnen, Vincent Cassels Karriere so richtig in Fahrt gebracht und internationalen Kultstatus erreicht, aber in der Hauptstadt Serbiens hat er noch mal einen ganz anderen Stellenwert. 

Genauso wie La Haine ist auch Belgrad geprägt vom schmutzigen Fassaden und der urbanen Hochhaus-Ästhetik der Zeit nach dem Kommunismus. Wenn man jetzt noch die auf La Haine-basierenden Graffitis, HipHop-Veranstaltungen und Tattoos von Cassels Charakter Vinz bedenkt, dann grenzt das Ganze schon irgendwie an eine Obsession.

INKE & SECURITY

Foto: Marina Ćetković

Die Rapper Inke (aka Vins Beats oder einfach nur Ivan) und Security (aka Vuk) wohnen in Donji Dorćol, einem Viertel in der Mitte der Stadt. Im Keller ihres Hochhauses befindet sich Studio La Haine, ein kleiner Raum, der ihnen von den Nachbarn zur Verfügung gestellt wurde. Obwohl in Dorćol gerade eine Gentrifizierung stattfindet, sieht es hier so abgeranzt aus wie eh und je: Die Raumdeko besteht aus einem einzelnen Computer (den Desktop-Hintergrund zieren natürlich die La Haine-Hauptdarsteller Vinz, Said und Hubert), Mikrofonen, Graffitis und an die Wände geklebte Eierkartons. 

La Haine ist unser Lieblingsfilm, die Geschichte der Straßen und der Stadt hat uns sehr inspiriert“, sagt Security. Sein bekanntester Track „Besni“ (auf Deutsch „Wütend“) spiegelt wider, wie frustrierend das Leben in einem Land ist, in dem noch immer keine wirkliche Stabilität herrscht und die Jugendarbeitslosenquote bei ungefähr 50 Prozent liegt. 

„Wir rappen auch über soziale und politische Themen, also kam die Verbindung zu La Haine ganz natürlich zustande. In der französischen Gesellschaft gibt es viele verschiedene ethnische Gruppen und Religionen, aber sowohl dort als auch hier existiert ein Klischee: Alle Typen von der Straße sind gleich, alle sind Hooligans. Wir wollen zeigen, dass auch wir unterschiedlich sind und jeder seine eigene Geschichte zu erzählen hat. Aber dir wird nicht der Freiraum gegeben, dich auszudrücken. Irgendjemand verhindert das immer.“

Die Zwei sind auch die Veranstalter von Belgrads La Haine-HipHop-Nacht, bei der die Jugendlichen der Stadt zusammenkommen. Ich frage, ob die anwesenden Kids sich mit Vinz identifizieren. „Jeder interpretiert den Film auf seine Weise“, antwortet Inke, „aber ich glaube, dass die Botschaft die ist, dass du für deinen Hass mit deinem Leben zahlst.“

NEMANJA

Novi Beograd (Neu-Belgrad) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den vielen jugoslawischen Arbeitsbrigaden aufgebaut. Nachdem der Kapitalismus Einzug hielt, wurde der Bezirk zu Serbiens Unternehmenszentrum—moderne Einkaufszentren und Büros befinden sich jetzt direkt neben augenscheinlich alten, Tetris-ähnlichen sozialistischen Häuserblocks, die sich nur durch ihre Nummer unterscheiden.

Nemanja, ein Bewohner von Block 19A, ist 29 Jahre alt und arbeitet für eine Versicherungsgesellschaft. Auf seinem Rücken hat er sich einen Schriftzug tätowieren lassen: „Jusqu’ici tout va bien“ („Bis hierher lief's noch ganz gut“). Das Zitat stammt aus dem Eröffnungsmonolog von La Haine. „Meinem Kumpel hat das Tattoo so gut gefallen, dass er sich das gleiche Motiv hat stechen lassen. Dann hat mich ein weiterer Freund gefragt, ob er sich es auch tätowieren lassen könnte. Was soll ich da sagen?“, lacht er.

Lokalpatriotismus reicht hier von Block zu Block. Und in Neu-Belgrad, Serbiens bevölkerungsreichstem Stadtbezirk, wird man am meisten an die Banlieues aus der Welt von La Haine erinnert. „Ich hab mir diesen Satz wegen der darin enthaltenen Metapher tätowieren lassen“, erklärt Nemanja. „Ich sehe viele Ähnlichkeiten zu mir persönlich und zu dem Land, in dem ich lebe, vor allem zu meiner Umgebung und den Leuten darin. Im Film fällt er vom Dach, die Jahre ziehen vorbei, ‚bis hierher lief’s noch ganz gut’ … Überleben, das ist die Philosophie des Lebens. Man kann eigentlich nichts vorausplanen, denn es ist am wichtigsten, dass heute oder morgen alles in Ordnung ist.“

„Die Pariser Vororte erinnern mich sehr an mein Viertel und an Neu-Belgrad im Allgemeinen. Vielleicht gefiel mir der Film deshalb so sehr, als ich ihn als Jugendlicher zum ersten Mal sah. Ich glaube, die Serber stehen auf ihn, weil sie sich in der selben Situation befinden. Wir gehören zu einer Randgruppe Europas, sie gehören zu den Randgruppen der Vororte—Juden, Araber oder Schwarze. Aber in Frankreich haben quasi nur diese gesellschaftlichen Randgruppen solche Probleme. Hier in Serbien sind alle Menschen davon betroffen. Hier ist La Haine einer meiner Lieblingsfilme, aber ich bin mir nicht sicher, ob das genau wäre, wenn ich in der Schweiz leben würde.“

DEROX

Von Lekino Brdo (Lekas Hügel) aus hat man einen Ausblick über ganz Belgrad, von den Vororten bis hin zum Stadtzentrum. Hier findest du in einer steilen Straße, in der sich ein paar alte Handwerksläden und fast eingestürzte Bungalows befinden, an vielen Wänden Graffitis. Die meisten davon sind einfache Tags oder gesprühte Bilder von örtlichen Fußballstars oder Charakteren aus Scarface und Der Pate. Wenn du aber genauer hinschaust, dann siehst du auch Vinz, wie er mit einer Waffe auf einen Spiegel zielt und dabei Robert DeNiros „Du laberst mich an?“-Monolog aus Taxi Driver nachahmt.

„Als ich mit dem Sprayen angefangen habe, war Belgrad noch grau“, sagt Milan „Derox“ Milosavljević, ein Absolvent der städtischen Kunstuniversität. Er ist verantwortlich für die meisten der Graffitis. „Damals gab es noch nicht mal Werbeplakate oder große Reklametafeln. Ich wollte das einheitliche Grau durchbrechen. Zuerst fanden die Nachbarn das gar nicht gut, aber dann wurde ihnen klar, dass Graffitis etwas Schönes sind. Deshalb wollten sie, dass ich noch mehr davon mache.“

Derox arbeitet jetzt als Buchrestaurator in der serbischen Nationalbibliothek. Da er aber in den Straßen von Lekino Brdo aufgewachsen ist, kann auch er sich sehr gut mit La Haine identifizieren.

„Eines meiner ersten und wichtigsten Werke ist das Graffiti von Vinz“, sagt er. „Ich glaube, ich habe bis zum 56. Mal mitgezählt—so oft habe ich den Film mindestens gesehen. Jeden Nachmittag haben wir uns hingesetzt, ein paar Bierchen getrunken und La Haine angeschaut. So haben wir Französisch gelernt, obwohl wir nichts davon verstanden haben. Wir konnten uns in diesen Jungs wiedererkennen, weil ihnen all das passiert ist, was auch uns passierte. Wenn du auf der Straße groß wirst, dann sind Waffen irgendwann ganz normal. Wir haben alles mit dem Film verglichen. Auch die Ausschreitungen in La Haine weisen Ähnlichkeiten zu unseren Oktoberaufständen auf.“

Mathieu Kassovitz’ Film wird nächstes Jahr 20 Jahre alt und Serbien befindet sich trotz des Status als EU-Kandidat in einem fast ununterbrochenem Zustand von Veränderung und wirtschaftlichen Konflikten—es ist also gut möglich, dass La Haine auch weiterhin bei der Jugend von Belgrad großen Anklang findet. „Ich habe gehört, dass in Montenegro jemand umgebracht wurde, der ein Tattoo von Vinz hatte. Die Vorlage war dabei nicht der Film, sondern mein Graffiti“, sagt Derox. „Deshalb habe ich ihm danach ein Denkmal gesetzt. Vor ein paar Jahren haben wir damit angefangen, alle drei Charaktere zu sprayen—also Vinz, Said und Hubert. Wir sind damit noch nicht ganz fertig, aber bald sollte es soweit sein.“