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The World Hates You Issue

Gebt es doch zu: Ihr liebt Kriminalität!

Man kann nicht behaupten, dass der Frontmann von Skinny Puppy, Nivek Ogre, ein besonders optimistischer Mensch ist. Er sieht in uns allen Waffen, die alles um sich zerstören. Kein Wunder dass der Massenmörder Jeffrey Dahmer gerne auf seinen Konzerten...
19.6.13

Nivek Ogre hockt auf einem Felsbrocken in der Nähe seines Hauses in den Bergen von Santa Monica. Foto von Chad Elder

Neben der Tatsache, dass er viel Zeit mit Elternschrecks wie KMFDM und Ministry verbringt, ist Nivek Ogre (der als Kevin Graham Ogilvie geboren wurde) am besten bekannt für das kehlige Kreischen, das man mit Skinny Puppy in Verbindung bringt, den vermeint­lichen Erfindern des Electro-Industrial-Pop Anfang der 80er. Diese Herkunft, zusammen mit schwerem Drogenmissbrauch und der Tendenz, sich auf der Bühne die Kehle durchzuschneiden, hat Generationen depressiver Teenager, die sich für Anton LaVey und Tieropfer interessieren, für Ogres makabere Weltsicht begeistert. Diese basiert im Wesentlichen auf der Vorstellung, dass wir auf einer sterbenden Kugel durchs Weltall treiben und die Stunden zählen, bis—durch menschliche Dummheit, Nachlässigkeit und Brutalität—auf der Erde kein Leben mehr möglich sein wird. Dieses Monat kommt das 15. Album von Skinny Puppy heraus, mit dem Titel Weapon und einer riesigen Spinne aus Gewehren, Bomben und Messern und einem Zitat von J. Robert Oppenheimer auf dem Cover. Ich habe mich kürzlich mit Ogre über so herzerfrischende Themen wie die Reaktorschmelze in Fukushima, den Massenmörder Jeffrey Dahmer und das „gewaltige machiavellistische Grabtuch“, das uns alle umhüllt, unterhalten. VICE: Das mag eine offensichtliche erste Frage sein, aber es interessiert mich: Warum hast du dein neues Album Weapon genannt?
Nivek Ogre: Ich hatte kürzlich die seltsame Vision, dass alles, was wir tun, das Potenzial in sich trägt, entweder Schaden anzurichten oder Gutes zu bewirken. Und mit jeder unserer Handlungen entscheiden wir, was es wird. Aber in erster Linie sehe ich den Menschen als Waffe, denn viele Dinge, die wir geschaffen haben, wirken sich zerstörerisch auf die menschliche Spezies aus. Gewehre sind dabei nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Hat dich das Massaker von Newtown zu dem Album inspiriert?
Nein, es fing schon sehr viel früher an, und zwar am 11. März 2011, mit der Reaktorschmelze von Fukushima. Da fing ich an, abstrakte Dinge als Waffen zu betrachten. Zurzeit ertrinken wir geradezu in radioaktiver Strahlung, so dass die EPA, die amerikanische Umweltschutzbehörde, die zulässige Menge von radioaktivem Jod-131 im Wasser nach einer möglichen Strahlenkatastrophe wie in Fukushima im April erhöht hat. Vorher waren es drei Pikocurie pro Liter, und jetzt sind es 81.000 Pikocurie pro Liter. Das gleicht einem gewaltigen machiavellistischen Grabtuch, das über die Menschen gezogen wird. Es geht um Atomkraft, einem Energiekonzept, das auf einem Waffensystem basiert. Meine Frage lautet: Welche unmenschliche Macht hat zugelassen, dass es so weit gekommen ist? Apropos unmenschlich: Ich habe gelesen, dass Jeffrey Dahmer auf einem Skinny-Puppy-Konzert war …
Ja. Es heißt, Dahmer kam zu einem Konzert in Milwaukee, weil er ein potenzielles Opfer suchte. Das hab ich von ein paar Leuten in einem Hotel gehört, in dem ich abgestiegen bin. Wir spielten in einem Club für Schwule und Heteros. Er war dort, um sich ein Opfer zu suchen. Kommen wir auf das Album zurück. Ich höre mir immer wieder das zweite Stück an, „illisiT“, und im Refrain wiederholst du immer wieder: „This is the Criminal Age“. Du hast ja deine Karriere auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges und der nuklearen Aufrüstung begonnen. Glaubst du wirklich, dass 2013 krimineller ist als die 80er?
Auf jeden Fall. Während des Kalten Krieges hatte die Aufrüstung wenigstens noch positive Auswirkungen auf die Industrie und die Mittelschicht erfuhr einen Aufschwung. Ich bin kein Befürworter von so etwas, aber immerhin ging es den Leuten damals im Alltag ein bißchen besser und sie hatten noch ein wenig Hoffnung. Aber jetzt sind wir in ein Zeitalter eingetreten, in dem wir Kriminalität mit offenen Armen begegnen. Obwohl es heute weniger Kriegsopfer gibt und es friedlicher zu sein scheint. Die Menschen leben länger. Das ist eine Sache, die mich ehrlich gesagt ziemlich beunruhigt. Ich finde es unnatürlich, dass die Menschen so lange leben. Außerdem belastet es die Wirtschaft.
Mit solchen Aussagen wäre ich vorsichtig, Ben. Das klingt ja fast nach Eugenik. So hab ich das nicht gemeint.
Ich versteh das schon. Und eigentlich hast du nicht ganz unrecht. Tief in mir drin denke ich: Wenn wir wie Höhlenmenschen leben würden, wären wir besser dran. Aber damit muss sich deine Generation auseinandersetzen. Mit meinen 50 Jahren bin ich ja fast schon mit einem Fuß im Grab. Weapon kommt diesen Monat bei Metropolis Records raus.