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The Moral Compass Issue

Keine Angst vor Winkel und Zirkel

Vier liebenswürdige Freimaurerinnen gewähren uns Einlass in ihren Tempel.
30.12.11

Sylvia Gräber, 44. Seit 1999 Freimauerin. Grad: Meisterin. Sie ist Journalistin und Sängerin in einer Popband. Die Riten der Freimaurerloge, sagt sie, bieten ihr ein geistiges Zuhause, ohne an eine bestimmte Religion gebunden zu sein. Verschwörungstheoretiker bezichtigten die Freimaurer schon lange vor dem Auftauchen des eigenartigen pyramidischen Auges auf der Ein-Dollar-Note, eine böse Geheimgesellschaft zu sein. Heute werden sie von sprachbehinderten Internetnerds für alles Mögliche verantwortlich gemacht, von der Finanzkrise über die Klimalüge bis zur Erfindung eines mysteriösen und bizarren E-Mail-Verschlüsselungscodes. Seit 1738 hat die katholische Kirche ihren Gläubigen die Mitgliedschaft bei den Freimaurern verboten, sie galt als sicheres One-Way-Ticket zur Hölle. Das Image von der teuflischen, weltbeherrschenden Vereinigung, die merkwürdige Zeremonien in schwarzen Kapuzen feiert, passt nicht zu den liebenswürdigen Damen der Rosengarten- und Symbola-Loge—zwei der insgesamt 19 Frauenlogen in Deutschland. Diese Freimaurerinnen vertreten die Ideale der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie treffen sich jeden Monat in einem umgebauten Tresorraum, um dort Rituale zu praktizieren, die aus Psychologie und performativen Elementen bestehen, nicht aus schwarzer Magie. Manchmal kommen Menschen zu ihnen, die aufgenommen werden wollen, weil sie glauben, als Freimaurerin würde man hinter den Kulissen die Geschicke dieser Welt leiten, und müssen dann enttäuscht feststellen, dass diese Damen ganz sicher nicht die Strippen ziehen. Sie besitzen allerdings jede Menge coolen Schnickschnack, ließen uns freundlicherweise rein und erlaubten uns sogar, Fotos zu machen. Einige baten uns, ihre richtigen Namen nicht zu nennen, und das war für uns vollkommen OK. Das Allsehende Auge symbolisiert den „Großen Baumeister der Welt“, ein Begriff, der das höchste Wesen bezeichnet, das jede Freimaurerin für sich selbst definiert (genaue Identität und Gestalt sind jeder Einzelnen überlassen). Der Rauhe Stein steht für die Unvollkommenheit des Menschen. Maria Grimmler, 51. Freimaurerin seit 2000. Grad: Meisterin. Maria reist gerne, beschäftigt sich mit griechischer Mythologie und hat zwei erwachsene Kinder. Sie ist Freimaurerin geworden, weil sie jenseits dogmatischer Grenzen denken wollte. Julia Plätzmann, 34. Freimaurerin seit 2010. Grad: Lehrling. Julia interessiert sich für Metal, Fußball und Katzen. Ihr Tattoo hat sie sich vor dem Eintritt in die Loge stechen lassen. Winkel und Zirkel auf dem Buch des Heiligen Gesetzes. Während eines Rituals werden sie an den östlichsten Ort des Tempels gelegt—neben die Meisterin des Stuhls, eine der drei der wichtigsten Ritualbeamtinnen. Gea Bermann, 67. Freimaurerin seit 2004. Grad: Meisterin. Sie ist Sprachwissenschaftlerin und hat drei erwachsene Kinder. Zu den Freimaurern ist sie gegangen, weil sie Diskussionen zwischen unterschiedlichen Menschen schätzt, die dieselben Ziele teilen.

Fotos von Albrecht Fuchs