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Popkultur

Der Tod der Selbstlosigkeit – warum niemand Andreas Kümmerts ESC-Verzicht versteht

Würden wir eine Chance auf Ruhm und Erfolg ausschlagen. Nein—weil die Gesellschaft uns so erzogen hat und wir es nicht besser wissen.
6.3.15
© NDR/Willi Weber

Es ist eine der großen popkulturellen Fragen der Menschheit: Wer guckt eigentlich den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, der trotz aller Modernisierungsversuche altbacken, überlang und vom Ausgang her in den seltensten Fällen eine Überraschung ist? TV-Zyniker, die sich das Ganze nur reinziehen, um es auf Twitter zu kommentieren? Leute, bei denen der Fernseher sowieso immer läuft? Oder gibt es da draußen tatsächlich irgendjemanden, dem bei „Unser Song für Österreich" das Herz aufgeht und der sich mit seinem kostenpflichtigen Anruf für musikalische Qualität made in Deutschland einsetzt?

Ob man sich die Schnarchveranstaltung nun angeschaut hat oder nicht, den großen Aufreger des gestrigen Abends dürfte nahezu jeder mitbekommen haben: Andreas Kümmert, demokratisch per Telefon zu unserem Vertreter beim kommenden Eurovision Song Contest gewählt, wollte plötzlich doch nicht mehr nach Wien fahren. Ersetzt wird er jetzt von der Zweitplatzierten Ann Sophie. Der Grund: Er fand, dass seine Konkurrentin einfach die bessere Leistung abgeliefert hat. Damit dürfte Kümmert eine Art letztes Einhorn in der Medienlandschaft sein. Hat ihm niemand gesagt, dass Zwischenmenschlichkeit absolut nichts zählt?

Klar, wenn es um irgendein sozial integres Hashtag geht, sind wir dabei. Vielleicht spenden wir auch mal fünf Euro, gerade zur Weihnachtszeit, und wir wollten ja sowieso nicht mehr so viel rauchen. Wir helfen gerne und sowieso kotzt uns diese Gesellschaft an, in der es jedem nur noch um sich selbst geht. Aber wenn uns die Chance zum großen Durchbruch geboten wird—oder zumindest eine weitere Sprosse auf der nach oben offenen Karriereleiter—, wer von uns kann reinen Gewissens sagen, dass er dann nicht sofort mit schwitzigen Händen danach grabscht?

Zu viele von uns haben Eminems „Lose Yourself" Anfang der 2000er im Loop gehört, um nicht sicher zu sein: Es gibt nur eine Möglichkeit für mich, es zu schaffen. Ich muss alles daran setzen, sie zu ergreifen. Zu viele von uns gucken jetzt House of Cards, eine Serie, in der der charismatische Protagonist seine nahezu krankhafte Ambition zum wortgewaltigen Leitmotiv erhebt. „For those of us climbing to the top of the food chain, there can be no mercy."—das denkt sich dann eben nicht nur mehr der Präsidentschaftskandidat, sondern auch der frustrierte Büroangestellte mit Allmachtsfantasien. Niemand kümmert sich um dich, wenn du es nicht selbst tust. Verkaufe dich, positioniere dich, sei stark, sei effektiv, sei besser als alle anderen und wenn du es nicht bist, dann tu zumindest so. Es gibt keine Lorbeeren für Verlierer und niemand stellt den zweitbesten Bewerber ein.

Andreas Kümmerts Entscheidung schlägt deshalb so hohe Wellen, weil sie allem widerspricht, wozu wir sukzessive erzogen werden. Es ist mutig, sich in dem Moment, auf den man hingearbeitet hat, zu fragen: Will ich das wirklich? Fühlt sich das immer noch richtig für mich an? Bereue ich es, wenn ich „Nein" sage zu etwas, wofür ich mich irgendwann mal entschieden habe? Es ist mutig und es ist wichtig, weil er eine Entscheidung getroffen hat, die nicht direkt belohnt wird. Vielleicht ist es die richtige Entscheidung, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen und nicht bei einer Veranstaltung anzutreten, die von Glitzerkleidern und Feuerwerk auf der Bühne dominiert wird. Vielleicht war die Überlegung Kümmerts sogar berechnend, wo er da doch so gar nicht reinpasst und nun mehr Presse bekommt, als wäre bei der Show alles nach Plan gelaufen. Vielleicht lag es auch daran, dass der ehemalige The Voice-Kandidat unter hohem Fieber litt.

Das sollte uns aber nicht davon abhalten, darüber nachzudenken, warum die Reaktionen so ungläubig sind und die Aktion so divers diskutiert wird. Wir brauchen ein Ziel. Das ist wichtig. Ohne irgendeine Ziellinie ganz hinten am Horizont konzentrieren wir uns auf den Weg. Auf Mindestlohn-Diskussionen, Überstunden, die gescheiterten Beziehungen. Wenn es keine finale Belohnung gibt, warum dann all die Schwierigkeiten des Alltags überhaupt meistern? Jeder trägt den Wunsch in sich, irgendwann irgendwo anzukommen—doch was macht man dann?

„Taking steps is easy, standing still is hard" singt Regina Spektor im wundervollen Opening zu Orange is the New Black, „You've Got Time"—und es stimmt. Wer still steht, hat Zeit, nachzudenken und wer nachdenkt, stellt sich unter Umständen Fragen, die er lieber weiter verdrängt hätte. Wer den Moment der Ruhe mit sich selbst nicht ertragen kann, hat ein Problem. Unsere Gesellschaft der hochmotivierten Karriere-Egozentriker hat ein Problem und wenn man immer nur wegläuft, steht man irgendwann wahlweise vor einer Wand oder an der Klippe der eigenen Möglichkeiten.

Wir kriegen immer später Kinder und Familie ist für große Teile der Gesellschaft nur noch optional—kein Wunder, dass wir egozentrisch werden. Selbstoptimierung, nur sich sehen, ein Bild von sich schaffen, das zu erstreben man sich zur Aufgabe gemacht hat. Wenn das Publikum dich in die nächste Sendung votet oder Der Bachelor dir die letzte Rose reicht, wer sagt da nein? Man hat ja was geschafft, was andere wollen. Und man selbst ja auch wollte, irgendwann, vorher, bevor sich alles doch nicht mehr so ganz richtig angefühlt hat.

Du magst deinen jetzigen Job? Behalte ihn, auch wenn dir eine höhere Position mit anderem Aufgabenbereich angeboten wird. Du bist glücklich mit deiner jetzigen Beziehungssituation? Dann schau nicht nach links und recht und warte auf den Ryan Gosling oder die Eva Mendez von nebenan. Es gibt jemanden, der die Lorbeeren mehr verdient hat als du? Gib es zu, sei ehrlich, sei fair. Wir müssen nicht immer nach Höherem streben und nicht alles muss ein Konkurrenzkampf sein—nicht einmal eine Voting-Show.

Die Aktion von Andreas Kümmert ist deshalb wichtig, weil sie zeigt, dass es auch noch Menschen gibt, die fair sind. Gerade in der Medienbranche. Dass es wichtigere Dinge gibt, als selbst ganz oben zu stehen, wenn es eben jemand Anderes besser könnte. Das verstehen die Topmodels, Dschungelcamp-Kandidaten, DSDS-Teilnehmer da draußen nicht, bei denen jede zwischenmenschliche Interaktion nur stattzufinden scheint, um auf den Fernsehzuschauer sympathisch zu wirken. Es ist schön zu wissen, dass es noch Menschen gibt, für die die einzige Antwort auf die Frage „Es kann nur Einen geben" nicht „Mich!" lautet. Vielleicht konnte sich Kümmerts Konkurrentin deswegen auch nicht so recht über ihre Nachnominierung freuen. Vielleicht hat sie sich ertappt gefühlt.

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Titelfoto: © NDR/Willi Weber