Menschen

Wie Corona mich meinem Großvater näher brachte

Mit über 80 gehört mein Großvater zur Risikogruppe für Corona und Vereinsamung. Nach vier Jahren ohne Kontakt habe ich ein schlechtes Gewissen.
22.3.21
Die Autorin als Kind ohne ihren Großvater, zu dem sie während der Pandemie Kontakt aufgenommen hat
Die Autorin als Kind | Foto: privat

Eigentlich sollte über diesem Text ein Bild von mir und meinem Großvater sein. Bei meiner Suche habe ich gemerkt: Es gibt keins. Es ist Anfang März und ich reise in die Ostschweizer Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Ich besuche meinen Großvater das erste Mal seit über vier Jahren. Mein Großvater ist alt. Das ist er schon, seit ich ihn kenne. Eine Konstante, über die ich mir vor Corona keine Gedanken gemacht habe. Wir stehen uns nicht nahe. An jedem Geburtstag schreibt er mir eine E-Mail. Früher besuchten wir ihn an Weihnachten. In zwei Wochen wird er 86 und gehört zur Risikogruppe für Corona und Vereinsamung. Mit der Pandemie wuchs das schlechte Gewissen und mein Entschluss, ihn zu besuchen.

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Vor dem Besuch schreibe ich ihm auf WhatsApp und weiß zunächst nicht, was. Freut er sich über Emojis? Ich habe nie gesehen, wie er sich über irgendetwas freut. Ich entscheide mich für einen Smiley mit weit aufgerissenem Mund und zusammengekniffenen Augen. 

Heute ist der 8. März – feministischer Kampftag. Das ist Zufall, aber es passt trotzdem. Als Mann, der gerne Söhne wollte, aber vier Töchter bekam, leistete mein Großvater, wenn auch zähneknirschend, einen beträchtlichen Beitrag zur weiblichen Bevölkerung. Es ist sonnig, die Welt wirkt einladend. Ich bin nervös. 


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Ich habe immer noch ein jugendliches "It's not a phase, mom!", diese idealistische Überzeugung, dass jede meiner Gefühlsregungen oder Meinungen für immer anhält. Vielleicht lege ich das ab, wenn ich älter werde. Aber hoffentlich nicht. 

Doch genau wegen dieser Überzeugung trifft mich der Gegenbeweis dann wie ein Blitz. 

Hier ein Beispiel, in dem es um meinen Vater geht. Er wünscht sich, dass ich mal etwas Nettes über ihn schreibe. Also: Ich würde meinen Vater nicht als alt bezeichnen. Aber manchmal erinnern mich Momente daran, dass er älter geworden ist, und dann bin ich überrascht. Seine ursprüngliche Grobheit am Telefon ist jetzt zu einer etwas unbeholfenen Fürsorge geworden. Solche Erkenntnisse zeigen mir: Corona macht alles zerbrechlich. Ich lese über das Risiko der Vereinsamung von Senioren in Alten- und Pflegeheimen während der Pandemie. Und dann ist das Leben meines Großvaters plötzlich zerbrechlich, genauso wie meine Gleichgültigkeit ihm gegenüber. 

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Am Empfang des Altenheims, in dem mein Großvater seit 5 Monaten lebt, misst ein Pfleger meine Temperatur. Ein Fahrstuhl bringt mich in das vierte Stockwerk. Das Zimmer sieht aus wie die Zimmer, in denen ich früher meine Großmutter und Urgroßmutter besucht habe. Da hortet man das ganze Leben lang Geld, damit man es im Alter noch schön hat, und dann ist es gar nicht schön, sondern aufgeräumt und austauschbar. Und von der Sonne geblendet wird er auch. Sie scheint in sein Zimmer und ich finde es fast schon dreist. Das schöne Wetter sagt: "Schau mal, wie viel Welt es hier draußen gibt." Aber mein Großvater will sein Bett nicht mehr verlassen. Er will nicht mit dem Rollstuhl ins Besucherzelt. "Können wir Anna-Sophie etwas zu trinken anbieten?", fragt er eine Pflegerin. Ich lehne ab und erkläre, dass ich meine Maske in seinem Zimmer lieber nicht abnehme.

Viele Erinnerungen an ihn habe ich nicht. Im Kindergarten bemerkte ich, dass die anderen Kinder von ihren Großvätern abgeholt wurden. Meiner kam nie. Aber das stellte ich nur fest und fühlte kein großes Bedauern. An Weihnachten trafen wir uns oft in seinem Haus, wo sich der Geruch vieler Mittagessen in die Sitzpolster der Stühle gefressen hatte. Als Kind hasste ich es, dort meine entfernten Verwandten zu begrüßen, weil ich musste. Und Dinge, die man tun muss, hat man zu hassen. Ich hasste, dass sie beim Händeschütteln meinen Augenkontakt einforderten, nur um danach mit meiner Mutter in der dritten Person über mich zu sprechen: "Sie ist jetzt aber auch schon groß." Die zweite Frau meines Großvaters umarmte mich bei jeder Begrüßung und küsste mich auf die Stirn. Irgendwann begegnete ich ihr nur noch mit ausgestreckter Hand. Mein Großvater war weniger enthusiastisch. Er war so dick, dass er sich ohnehin nicht gerne bewegte. Der Anblick seiner Enkelin änderte auch nichts daran. Das rechnete ich ihm hoch an. 

Heute besteht er darauf, sich an den Bettrand zu setzen. Eine Pflegerin holt eine zweite Pflegerin dazu, um ihm dabei zu helfen. Alle drei verziehen ihre Gesichter vor Anstrengung. Ich sitze nutzlos auf dem Stuhl neben seinem Bett. Ich verhalte mich so, wie ich mich verhalte, wenn in einem Café jemand eine Tasse fallen lässt. Ich schaue weg und versuche so auszusehen, als würde ich nichts mitkriegen. Auf dem Tisch liegt der Speiseplan dieser Woche. Zum Abendessen soll es heute Rösti-Pizza geben, und ich frage mich, was das soll.

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Ich helfe ihm dabei, aus der Wasserflasche zu trinken. Als die Öffnung seine Lippen berührt, neige ich sie langsam, damit Wasser in seinen Mund fließt. Meine Mutter erzählte mir immer, dass ihr Vater, wenn er seinen Töchtern einen Schokoriegel hinhielt, seine Finger immer so platzierte, dass sie nur wenig abbeißen konnten. Ein bisschen Wasser tropft auf sein Hemd. Ich frage, ob ich einen Pfleger holen soll, der ihm dabei hilft, das Oberteil zu wechseln. Er lehnt ab. 

Das Sprechen strengt ihn an. Zwischen jeder Silbe muss er tief Luft holen. Manchmal schließt er kurz die Augen. 

"Schade, sind wir nicht in Kontakt geblieben", sagt er zu mir.

Ich versuche, meine Überraschung zu überspielen. 

"Aber jetzt habe ich es ja hierher geschafft", sage ich. Ich weiß nicht, ob er es ernst meint. Trotzdem bin ich erleichtert.

Dann fällt ihm das Sprechen immer schwerer. Ich versuche, keine Fragen zu stellen, sondern einfach zu erzählen. Ich will nicht, dass er sich zwingen muss zu antworten. Also erzähle ich von draußen: Meine Schwester hat ihre Ausbildung zur Lebensmittel-Technologin abgeschlossen, meine Cousinen waren bei uns im Garten an Weihnachten, ich wohne gerne in Berlin, manchmal vermisse ich die Schweiz. Nach einer Stunde muss ich los. Bevor ich gehe, hole ich eine Pflegerin in sein Zimmer, die ihm hilft, sich wieder hinzulegen. Ich verabschiede mich und verspreche, ihm einen meiner Texte in einer Sprachnachricht vorzulesen.

Ein Bildschirm neben dem Aufzug verkündet das Programm für heute: "Themennachmittag Schweizer Bergbahnen 14:30". Und ich muss daran denken, dass ich jetzt gerne in einem Bergrestaurant Ghackets mit Hörnli essen möchte. Aber es ist Corona und ich bin Vegetarierin. Ich trete durch die Schiebetüren nach draußen und erinnere mich an eine Weihnachtsfeier bei meinem Großvater. Seine Frau hatte ihn mit Lippenstift-Lippen auf die Stirn geküsst. Über seinen Augenbrauen prangte ein roter Kussmund – den ganzen Abend lang. Vielleicht ist das die einzig explizit positive Erinnerung, die ich an ihn habe. 

Ob er es wirklich schade findet, dass wir nicht in Kontakt geblieben sind, weiß ich nicht. Dafür kenne ich ihn nicht gut genug. Heute taten wir kurz so, als würden wir uns kennen. Vielleicht reicht mir "so tun als ob". Also glaube ich ihm einfach und stimme zu: Ja, schade, sind wir nicht in Kontakt geblieben. 

Draußen ist es immer noch sonnig. Ich lasse meinen Schal in meiner Tasche. Die Wettervorhersage meint, dass es nächste Woche wieder kalt werde. Während ich zur Bushaltestelle gehe, überlege ich mir, dass das nicht stimmt. Der Frühling ist jetzt da. Ich glaube, es bleibt jetzt für immer sonnig. 

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