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Islamisierung des Abendlandes

Warum ein Berliner Spielplatz rechten Facebook-Nutzern Angst macht

"Die wollen Hass verbreiten und Deutschland mit einem Bürgerkrieg zerstören."

von Rebecca Baden
03 November 2017, 4:34pm

Foto: Hanko Ye

Für gewöhnlich sind es Kinder, die beim Anblick eines Spielplatzes die Contenance verlieren: Sie fallen freudig glucksend von den Schaukeln, werfen mit Plastik-Schaufeln nach Schwächeren und sich selbst dramatisch auf den Boden, wenn die Eltern den Spaß beenden. Ein Spielplatz in Berlin-Neukölln hat nun ähnliche Gefühlsausschüttungen provoziert – bei Erwachsenen, deutschlandweit und in dieser wunderbaren Parallelwelt, die wir "Internet" nennen.

In den sozialen Netzwerken ruft das Foto des Spielplatzes seit Donnerstag Angstzustände und Empörung hervor, obwohl er erst in den nächsten Tagen eröffnet werden soll. Der Grund: das Design im Stil von Tausendundeine Nacht, mit turbantragenden Figuren im Sand und einem gelben Halbmond auf dem Turm des dunkelblauen Klettergerüsts. Die besorgten Erwachsenen wittern eine Islamisierung deutscher Kinder und befürchten, dass diese bald nur noch "in Burkas" unter "der Mini-Moschee" spielen dürfen.

Die Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey sagte der Berliner Zeitung, der Bezirk hätte das Thema in Absprache mit den Kitas aus der Nähe koordiniert. Eine davon, "Ali Baba und seine Räuber", habe sich ein Spielgerät gewünscht, das an das Märchen angelehnt sei. Das Gerüst sei eine Burg, keine Moschee.

Die Verfasser zahlreicher Facebook-Kommentare vermuten allerdings "alternative" Gründe für den Bau des Themenspielplatzes. Wir haben die absurdesten Theorien zusammengefasst.

1. Deutschland wird abgeschafft

Ein Spielplatz gehört eigentlich nicht zu den Orten, an denen weltverändernde Revolutionen geplant werden. Geht es allerdings nach den Nutzern und Nutzerinnen, die den Beitrag des Bautzener Ex-NPD-Politikers Marco Wruck kommentieren, ist der Sandkasten in Neukölln nicht einfach nur ein Sandkasten: "Was machen die aus unserem schönen Heimatland?", fragen sie, orakeln Bürgerkriege und verbreiten antisemitische Verschwörungstheorien einer jüdischen Weltherrschaft. Andere sehen bereits eine Annektierung der Hauptstadt durch fremde Kräfte: "Berlin ist nicht mehr Deutschland." Wie "das richtige" Deutschland aussieht, wissen wir auch nicht.

2. Das Christentum wird abgeschafft

Auch wenn sie sich als Gegner des Extremismus outen – die Ängste mancher Wruck-Follower wirken extremer, als sie es ihren muslimischen Feindbildern vorwerfen. So befürchten sie, mit dem Tausendundeine Nacht-Spielplatz nicht nur den Untergang eines Landes von beachtlicher Größe, sondern gleich einer ganzen Religion: "Kirchen weg und Moscheen bauen". Wir können euch versichern: Beim Bau des Neuköllner Spielplatzes wurden keine Christen verletzt.

3. Muslime, Ausländer und Geflüchtete erpressen die Regierung

In der Facebook-Gruppe "Politforum – Wir lassen uns nicht abschaffen!" empören sich quengelige Deutsche (und diejenigen, die sich für solche halten) darüber, wie für Muslime ein religiöser Spielplatz errichtet werde. Ein Ergebnis erpresserischer Praktiken, wenn es nach den Gruppenmitgliedern geht: "Die Muslime haben ein Zeichen gesetzt, sie sind jetzt Herren auf dem Spielplatz", schreibt einer. "Merkels Islamisierung!!", ein anderer. Insgesamt ist man sich in der Gruppe einig: Wenn es "denen" hier nicht passt, müssen sie "zurück in ihr Land". Nur, wen meinen sie damit? Die Kita-Leitung? Die Spielplatz-Architekten?

4. Der Spielplatz soll deutsche Kinder islamisieren

Auf normalen Spielplätzen spielen die Kinder "Räuber und Gendarm", "Verstecken" oder "Sand-Bäckerei" – auf dem Neuköllner Spielplatz scheinbar "Steinigung" in Burka-Verkleidung. Den Kindern werde spielerisch der Geist des islam infiltriert, befürchten die Fans der Facebook-Seite "Bürgerbewegung PRO Deutschland". Hier seien die Kinder die Leidtragenden, bemerkt ein anderer Nutzer. Damit hat er ausnahmsweise Recht: Unter den Posts der Seiten finden sich zahlreiche Drohungen und Pläne, den Spielplatz zu verbrennen, zu zersägen oder abzureißen.

5. Der Bezirk schmeißt einfach gerne Fuffies durch den Club

Es muss nicht immer einen Grund geben, um in sozialen Netzwerken auszurasten, wie Til Schweiger und Attila Hildmann es fast wöchentlich eindrücklich und exklamativ beweisen. Und auch wenn hinter dem Neuköllner Spielplatz nun weder eine jüdische Weltverschwörung noch eine muslimische Infiltrierungsstrategie steckt: Das Geld hätte der Bezirk so viel besser investieren können als in die Freizeitaktivitäten des Nachwuchses, findet der wütende Teil der Facebook-Gemeinschaft.

Am Ende wäre es aber egal gewesen, was der Bezirk mit den 220.000 Euro, die der Bau des Spielplatzes gekostet hat, gemacht hätte – unzufrieden ist immer jemand. Und eines muss man dem Berliner Stadtteil in diesem Fall zugute halten: Der Spielplatz wird aller Voraussicht nach pünktlich fertig. Und das ist in Berlin schon eine ziemlich lobenswerte Sache.

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