Prozessberichte aus dem größten Gericht Berlins
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Prozessberichte aus dem größten Gericht Berlins

Es war spannend, verstörend, lustig und deprimierend—und aufregender als jeder Krimi, den ich je gelesen habe.
7.6.16

Das Kriminalgericht Moabit in Berlin ist das größte Gericht Europas und eines der imposantesten Gebäude in Berlin überhaupt. Zwei 60 Meter hohe Türme krönen den Komplex, die Fassade erstreckt sich über 210 Meter entlang der Turmstraße. Dahinter verbergen sich eine 29 Meter hohe Eingangshalle, Hunderte Prozesssäle, 25 Keller, 17 Treppenhäuser, zwei separate Gerichte, zahllose Gänge, Kammern und Hintertüren—und tausende Schicksale: Jeden Tag stehen hier im Durchschnitt 300 Hauptverhandlungen an.

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Und bei fast allen darf man einfach so zuschauen.

Im Grunde ist jeder Prozess ein kompliziertes Theaterstück, das Richter, Anwälte, Gerichtsdiener, Schöffen, Angeklagte und Zeugen zusammen aufführen—wobei nur die Richter und die Anwälte auf ihre Rollen wirklich vorbereitet sind.

In Moabit ist das Prozessbeobachten allerdings mit Arbeit verbunden: Bevor man den richtigen Saal gefunden hat, irrt man oft minutenlang durch die Treppen, Flure und Halbetagen des riesigen Gebäudes—nur, um dann an der Saaltür zu erfahren, dass der Zugang zum Zuschauerraum nur über eine Wendeltreppe aus dem Erdgeschoss zu erreichen ist. Oder die ganze Verhandlung vier Stockwerke tiefer auf die andere Seite des Gebäudes verlegt wurde.

Aber auch wenn man zur richtigen Zeit im richtigen Saal angekommen ist, hat man es noch nicht geschafft: Bevor es überhaupt zu Zeugenaussagen kommt, wird grundsätzlich endlos gewartet, dann werden zahlreiche Formalitäten geklärt, neue Termine festgesetzt, Übersetzer belehrt und die Anwesenheit von Zeugen abgefragt. Wenn diese Formalitäten geklärt sind, wird oft erstmal eine Pause anberaumt, um sich von den Strapazen zu erholen.

Und wenn auch nur das kleinste Detail nicht stimmt, scheinen die Richter immer sofort die ganze Verhandlung zu vertagen. Mehr als einmal bekam ich nach endlosem Herumirren durch das Moabiter Korridor-Labyrinth gerade noch mit, wie die Richterin erstmal wieder alles unterbricht, weil sie sich mit dem Verteidiger nicht auf den Termin für nächsten Dienstag einigen kann.

Wenn man allerdings genug Geduld und Glück hat, dann eröffnen sich plötzlich Einblicke in die Leben fremder Menschen, die so unerwartet tief und realitätsnah sind, dass es einem fast unanständig vorkommt. Momentaufnahmen aus sechs Verhandlungen, an einem Freitag im Ende Mai in Moabit.

1. Der U-Bahn-Schubser

In der Terminübersicht des Gerichts stand über den Fall, dass ein Mann angeklagt ist, weil er versucht haben soll, eine fremde Frau vor die U-Bahn zu schubsen. Allerdings gab es auch tatsächlich nicht viel mehr zu wissen: Die Tat war so sinnlos und deprimierend.

Ein Sicherheitsmann der Berliner Verkehrsgesellschaft schilderte das in knappen, nüchternen Worten: Der Angeklagte, ein 42-jähriger Sudanese, saß im U-Bahnhof, als das Opfer mit einer Gruppe hereinkam. Er fing an, der Frau dumme Sprüche zuzurufen. Als ein paar junge dabei stehende Männer ihm auf Englisch erklärten, dass er das lassen soll, schien er sich zuerst zu beruhigen und hielt den Mund. Aber als die U-Bahn einfuhr, sprang er plötzlich auf, packte die Frau und versuchte, sie vor die einfahrende Bahn zu werfen. Die Frau konnte sich nur retten, indem sie sich auf den Boden fallen ließ und sich mit aller Kraft sträubte. Bei seiner Verhaftung kurze Zeit später habe der Angeklagte "nicht ganz bei sich" gewirkt, beschreibt der Zeuge.

Das trifft es wohl ganz gut, denn der Angeklagte ist offenbar psychisch krank und wird wahrscheinlich für schuldunfähig erklärt und in eine Psychiatrie eingeliefert werden. Dazu passt, dass er laut der BZ aus irgendeinem Grund verlangt hatte, die gesamte Verhandlung abwechselnd auf Russisch und auf Englisch übersetzt zu bekommen—nicht mal die Dolmetscherin versteht, warum. Der Prozess wurde kurz nach der Zeugenaussage unterbrochen. Zum nächsten.

2. Die Brandenburger Cannabis-Bauern

Im Saal befinden sich jedenfalls zwei Angeklagte, beide Typ Brandenburger Kneipeninventar. Nummer eins: großer Mittdreißiger mit blonden kurzen Haaren, breitschultrig, in Flecktarn-Hose. Nummer zwei etwas älter und dicker, in schwarzem T-Shirt mit Aufdruck mit einer Metal-Band.

Beide lümmeln in maximal prolliger Haltung auf ihren Stühlen, während ein Polizist im Zeugenstand die Ermittlungen in ihrem Fall nacherzählt. Offenbar ging es um eine Cannabis-Plantage in Nauen und darum, dass die Ermittler aus einem Verhör wussten, dass ein gewisser "Fitte" auch an dieser Plantage beteiligt war, aber nicht, wie "Fitte" richtig hieß. Das war aber wichtig, denn Fitte war offenbar der Elektriker und zusammen mit "Micha dem Bauern" der einzige, der außer den vier "Hauptbeteiligten" noch an den zwei Plantagen und dem Wohnungsgewächshaus mitverdient haben soll.

Fitte? Bauer Micha? Plantagen? Das klang mehr wie der Plot für Lammbock 2 als ein echter Fall. Und so etwas Aufregendes in Brandenburg? Tatsächlich. Die beiden im Gerichtssaal waren nur zwei der insgesamt 15 Angeklagten, die 2014 bei einer Groß-Razzia verhaftet worden waren—zusammen mit kiloweise Marihuana, Kokain, Amphetaminen, Bargeld und Waffen.

"Dass der Elektriker Fitte und der Bauer Micha dann auch noch an der Operation beteiligt waren", erklärte der Beamte umständlich, "das hat dann wohl auch zu den bekannten Geldverteilungsschwierigkeiten zwischen den vier Hauptbeteiligten geführt." Der Angeklagte in der Flecktarnhose, der sich als der besagte Fitte herausstellte, kratzte sich ausgiebig an der Nase. Zum nächsten Fall.

3. Der Vergewaltiger

Angeklagt war ein serbischer Staatsbürger, der eine 37-jährige, etwas angetrunkene Frau im Mai 2015 über längere Zeit bis zu ihrer U-Bahnstation verfolgt haben soll. Anschließend, wenig weiter, soll er sie angefallen und in einem Busch brutal vergewaltigt haben—über eine halbe Stunde.

Bei der Aussage des Opfers war keine Öffentlichkeit erlaubt, bei der ihres Verlobten schon. Der beschrieb, wie er in der Nacht einen Anruf seiner Verlobten verpasste, weil er schon geschlafen hatte, wie er dann zurückrief und nicht durchkam, und wie er schließlich beruhigt wieder einschlief, als er wenig später hörte, wie sie nach Hause kam. Ein paar Minuten später stand sie dann allerdings zitternd und völlig aufgelöst am Bett, und er verstand sekundenlang nicht, was ihr passiert war.

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"Sie geht nicht mehr laufen und sie hat Angst draußen, wenn nicht genug Menschen da sind", erklärte er auf die Frage, welche Auswirkungen die Tat jetzt noch auf seine Verlobte hat. Der Angeklagte, der jedes Wort übersetzt bekam, schaute nicht ein einziges Mal hoch. Aber je länger die Aussage dauerte, desto mehr wackelte er mit dem Oberkörper.

Bei all dem Gerede im Gerichtssaal kommen die Angeklagten eigentlich fast nie zu Wort. Das ist logisch und trotzdem paradox: Der, der durch seine Tat in das Leben all dieser Menschen eingegriffen und das ganze Prozedere erst ausgelöst hat, hat während seiner Aufarbeitung kaum noch etwas zu sagen.

4. Der Star-Anwalt gegen den Zeugen

Dieser Termin war etwas Besonderes: Es ging um die Fortsetzung eines Prozesses gegen drei Mediziner und einen Juristen der DRK-Kliniken Berlin, die zwischen 2004 und 2010 Abrechnungsbetrug in Höhe von insgesamt 14 Millionen Euro betrieben haben sollen.

Der erste Satz, den ich im Gerichtssaal höre: "Wir haben uns in den DRK-Kliniken kennen- und liebengelernt, ja." Dieser außergewöhnlich schöne Satz stammt von einem Zeugen, der gerade von einem Anwalt der Verteidigung verhört wurde—nach allen Regeln der Kunst. Der Anwalt schien den Zeugen zu verdächtigen, der Mann zu sein, der durch eine anonyme Anzeige 2009 die Ermittlungen gegen seine Mandanten ausgelöst hatte. Er wollte die Glaubwürdigkeit des Zeugen zerstören.

Der Zeuge wirkte wie der deutsche Spießer-Querulant aus dem Bilderbuch. Offenbar war es während seiner Anstellung als Arzt bei den DRK-Kliniken zu irgendwelchen Schwierigkeiten gekommen, die einen längeren Prozess am Arbeitsgericht auslösten, in dem sich der Zeuge permanent ungerecht behandelt fühlte. Nach und nach zog der Anwalt dem Zeugen aus der Nase, dass er während dieses Prozesses nicht nur einem Arbeitsrichter einen beleidigten Brief geschrieben hatte, sondern auch der Staatsanwaltschaft. Und er hatte versucht, den Arbeitsrichter und Beamte der Agentur für Arbeit zu verklagen, weil sie mit seinem Arbeitgeber "unter einer Decke steckten". Der Anwalt fragte ihn dann, ob er sich erinnern könne, dass er in diesem Brief an den Richter immer ein Leerzeichen vor dem Fragezeichen machte. Ob ihm diese "stilistische Eigenart" bewusst sei? Ja, die sei ihm bewusst, das mache er eben manchmal so, sagte der Arzt—ohne zu wissen, warum das noch so wichtig werden würde.

Danach ging der Anwalt die gesamte Berufslaufbahn des Zeugen durch, wobei herauskam, dass er auffallend oft die Anstellungen gewechselt hatte, mindestens zweimal, weil er gefeuert worden war. Zur Erklärung, warum er zum Beispiel eine Stelle in Stralsund verloren hatte, erklärte der Zeuge, Stralsund sei "damals noch tiefster Osten" gewesen sei und er mit seinem hohen Qualitätsanspruch eben immer wieder angeeckt.

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Und dann holte der Anwalt zum Todesstoß aus: "Sind Sie sich sicher, damals nicht noch ein weiteres anonymes Schreiben verfasst zu haben?" Vom Zeugen kam nur noch ein trotziges "Ich kann mich nicht erinnern." "Ganz sicher? Ich kann Ihrem Gedächtnis vielleicht auf die Sprünge helfen", setzte der Anwalt nach. Und dann kam es: "Der Autor dieses anonymen Schreibens hat nämlich auch vor jedes Fragezeichen ein Leerzeichen gesetzt."

Was für ein Finishing Move! Der Zeuge bliebt stumm, aber mir war klar: Dieser Anwalt muss ins Fernsehen, ein vergeudetes Talent für die paar Kollegen und den müden Richter.

5. Der Asylbewerber und die Müller-Milch

Angeklagt wurde ein Asylbewerber aus Tunesien, offenbar wegen verschiedener Vergehen wie Raub. Als ich da war, sagte aber gerade der Sicherheitsmann eines Supermarktes in Braunschweig aus. Ausführlich berichtete er, wie er auf dem Monitor beobachtet hatte, wie der Angeklagte zuerst eine Müllermilch und dann zwei Snickers-Eis aus dem Kühlregal genommen hatte—und noch an Ort und Stelle verzehrt hatte. Die Verhaftung folgte auf dem Fuß.

Mit Richter, Schöffen, Anwälten, Zeugen und Dolmetscher saßen insgesamt 14 Menschen in diesem Raum und verhandelten über eine Müllermilch und zwei Snickers, die ein hungriger Asylbewerber geklaut hatte. Später traf ich den Zeugen wieder, der mir versicherte, dass der Angeklagte sich noch für andere Vergehen zu verantworten habe. "Der hat ein ganzes Telefonbuch", sagte er kryptisch und ging weiter, bevor er erklären konnte, was das heißt.

6. Der Waldorf-Lehrer

Der letzte Fall war wieder ein Fortsetzungsfall, ein besonders unappetitlicher: Ein ehemaliger Musiklehrer an einer Waldorf-Schule wurde beschuldigt, drei seiner vier Kinder sexuell missbraucht zu haben. Zum Prozess-Auftakt war damals auch die Bild gekommen und hatte empört über das uneinsichtige Teilgeständnis des Lehrers berichtet.

Heute allerdings waren außer mir überhaupt keine Zuschauer gekommen und niemand von der Presse. Die Richterin las eine E-Mail vor, die die Frau des Angeklagten an ihre gemeinsame Tochter geschrieben hatte, nachdem diese den Vater im Dezember 2011 angezeigt hatte. Offenbar wollte die Mutter erklären, warum sie ihren Mann trotz der Vorwürfe noch immer nicht verlassen hatte.

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"Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es richtig gewesen wäre, einfach die Kinder zu schnappen und wegzurennen", schrieb die Mutter, die übrigens leugnete, je etwas von dem Missbrauch bemerkt zu haben. "Aber ich lebe seit 27 Jahren mit Johannes zusammen und auch wenn es dich verletzt: Es waren die schönsten Jahre meines Lebens." Der Brief wurde zunehmend philosophischer: Es ging darum, wie ungerecht es sei, wenn man ohne jede Vorbereitung ins Leben und in die Kindererziehung geworfen werde, dass man seine Fehler nie vorhersehen könne (die "Schwachpunkte" in der Erziehung, wie sie es ausdrückte), und dass sie jetzt gelernt habe, dass es eben darum ging, als "Phoenix und nicht als lebenslanges Aschenputtel" wiederaufzuerstehen und nach vorne zu schauen. "Ich kann verstehen, wenn du es als eine Entscheidung für dich empfunden hättest, wenn ich Johannes verlassen hätte …", hieß es gegen Ende der E-Mail. "Aber auch das hätte an der Vergangenheit nichts geändert."

Die Richterin las es mit viel Gefühl und sehr sorgfältiger Betonung vor. Der Angeklagte hörte es sich an, ohne eine Regung zu zeigen. Wie die E-Mail bei der Tochter ankam, wurde nicht kommentiert. Stattdessen wurde nur noch der nächste Termin anberaumt und die Verhandlung beendet.

Ende

Mit diesem Prozess endete mein Tag im Kriminalgericht Moabit, von 9 bis 16 Uhr war ich dort. Ich muss zugeben: Ich hatte genug. Die Realität ist zwar dramaturgisch deutlich ungeschickter als jede Gerichtsserie, in der die Pausen einfach rausgeschnitten werden. Aber das, was zwischen den unzähligen Pausen passiert, ist eben echt. Die Frau ein Meter vor mir wurde wirklich vergewaltigt und ihr direkt gegenüber sitzt der Typ, der es getan haben soll. Die Urteile, die die Brandenburger Cannabis-Bauern erhalten werden, werden sie in echten Gefängnissen absitzen. Die Kinder des Musiklehrers werden ihrer Mutter vielleicht nie verzeihen können. Und ihr Trauma wird sie vermutlich ihr Leben lang begleiten.

Und vielleicht ist das auch der Grund, warum alle diese menschlichen Dramen hinter einer so dicken Schicht aus Prozedere und Langeweile verborgen werden. Vor Gericht werden die niedrigsten Emotionen, die schlimmsten Katastrophen und der blankeste Wahnsinn ausgebreitet und danach wird alles unendlich langsam in Akten verwandelt. Vielleicht ist es das, was man Zivilisation nennt.