Der Papst, schwul statt asexuell?

Uta Ranke-Heinemann ist die Grande Dame der Ketzerei und spricht mit uns über den Blutfetisch der Christen und ihre Exkommunikation.

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Dez. 20 2011, 12:00am



„Nur die Homosexuellen sind noch nett zu mir“, ist das Erste, was Uta Ranke-Heinemann zu mir sagt, als ich ihr erzähle, dass ich schwul bin. Wir sitzen in ihrer mit Fotos und Zeitungsausschnitten praktisch vollgepflasterten Küche vor Tee, Butterkuchen und Käsebrötchen und unterhalten uns über den 2.000 Jahre alten Schwindel der katholischen Kirche über „christliche Werte“. Ranke-Heinemann ist aber viel mehr als eine äußerst streitbare ältere Schwulenmutti. Sie war die erste Professorin für katholische Theologie weltweit. Protestantisch aufgewachsen, konvertierte sie erst gegen Ende ihres Theologiestudiums zum Katholizismus und wurde ziemlich schnell zu einem Dorn im altersstarren, triefenden Auge der katholischen Amtskirche. Mit der Friedensbewegung war sie 1979 in Vietnam und Kambodscha und kandidierte 1999 für das Amt des Bundespräsidenten, das vor ihr schon ihr Vater innehatte, verlor dann aber leider gegen ihren Neffen Johannes Rau. Da Mode ja bekanntlich eines der Hauptthemen von Homosexuellen worldwide ist (um es in Ranke-Heinemanns Worten zu sagen), sprechen wir erstmal über ihr Lederkostüm.

Wie kam es zu dem grünen Lederkostüm?
Das war 1987, als ich meinen Lehrstuhl verlor. Aber deswegen habe ich nicht gedacht, ich brauche jetzt ein Lederkostüm. Im Gegenteil, es war Ausverkaufszeit und die Chefin des Ladens sagte: „Das hier ist etwas ganz Besonderes, Anilin durchgefärbtes Nappaleder.“ Also das heißt, im Flugzeug konnte sich eine ganze Ladung Spiegeleier über mich ergießen, ich musste das nur wegwischen. Als ich es zum dritten Mal anhatte, habe ich mich entschuldigt. Es hieß dann: „Nein, das ist doch toll, Sie müssen jetzt immer damit kommen.“

Und warum haben Sie den Lehrstuhl verloren?
Ja, das Ratzinger-Zitieren kostete mich den Lehrstuhl. Ich war anlässlich des Besuchs des Papstes 1987 in Kevelar, Marienwallfahrtsort, als Überraschungsgast fürs Fernsehen eingeladen worden.

Das heißt, Sie haben sich direkt auf ihn bezogen?
Ich habe sein Buch Einführung in das Christentum hier liegen. Auf Seite 225 schreibt er: „Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach dem kirchlichen Glauben nicht darauf, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte. [...] Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum.“

Hatten Sie trotzdem Schwierigkeit deswegen, obwohl Sie ja eigentlich den heutigen Papst zitiert haben?
Ja, ich wurde vorgeladen. Am Abend vor diesem Gespräch rief mich Herr Küng [Theologe und Kirchenkritiker, verlor 1979 die kirchliche Lehrbefugnis. Anm. d. Red.] an: „Frau Heinemann, Sie wissen ja, Sie müssen morgen das Glaubensbekenntnis unterschreiben und so machen wir das doch alle. Geboren von der Jungfrau Maria, da müssen Sie sich denken, geboren von der jungen Frau Maria.“ Und ich sagte: „Herr Küng, es hat sich ausgejungfert.“

Es ging darum, alle Eckpfeiler des Glaubens mit Unterschrift zu bestätigen?
Ich habe gesagt: „Ja, aber ich muss eine Anmerkung machen bei der Jungfrauengeburt. Dass es biologisch unmöglich ist.“ Er sagte: „Nein, das geht nicht, Sie können da keine Anmerkungen machen.“ Ich habe geantwortet: „Dann kann ich es auch nicht unterschreiben.“

Daraufhin hat der Bischof von Essen eine neue Fernsehsendung veranlasst, in der Ihnen dann verboten wurde, Ratzinger zu zitieren, richtig?
Ja, [ein Dominikaner] sagte dort: „Was Ratzinger sagt, ist falsch, Sie dürfen sich nicht auf ihn berufen.“

Damals waren Sie ja noch mit Ratzinger befreundet, hat er irgendwie reagiert?
Ja, am Tag danach schrieb ich Kardinal Ratzinger: „Sehen Sie mal diese Primitivtheologie, wenn ich Sie zitiere, heißt es, was Ratzinger schreibt, ist falsch.“ Aber er hat mir nicht geholfen und mir erst später geantwortet: „Ich habe den Satz inzwischen klargestellt in meinem Buch Tochter Zion.“ Also wer kommt schon auf die Idee, dass du so viele Jahre später ein anderes Buch lesen musst, in dem es dann erklärt wird.


V. l. n. r.: Ranke-Heinemann war immer sehr stolz auf ihre Beine, denn „eine Frau altert von oben nach unten“. Kinderfotos mit Uta als Clown. Ihre Eltern Gustav und Hilda Heinemann

Sie kannten ihn seit der Uni 1953/54?
Wir mussten die fertige Doktorarbeit zusammenfassen in Thesen. Und die Thesen musste man ins Lateinische übersetzen. Und ich dachte, hm, das könnte ich mit einem Kommilitonen zusammen machen. Da war zum Beispiel ein Franziskaner, der grüßte mich morgens immer so freundlich. Nein dachte ich, für mich als Verlobte ist das nichts. Das war mir zu gefährlich, in diesen riesigen Hörsälen, die abends immer leer und dunkel waren. Und wenn wir dann zu zweit da sitzen, könnte er mir einen Kuss auf die Backe knallen. Also nein! Und so bin ich dann fündig geworden: Ratzinger. Er hatte schon immer die Aura eines Kardinals, hochbegabt, bei gleichzeitiger Abwesenheit jeglicher Erotik. So war es dann auch. Er war das reine Latein. Wobei ich sagen muss, dass ich ihn für absolut asexuell gehalten habe. Jetzt habe ich Fotos von ihm gesammelt. Es gibt ein Foto mit Tarcisio Bertone, seinem neuen Staatssekretär, darauf überreicht er ihm irgendetwas. Und er blickt ihn so an, und ich dachte .... na, verstehen Sie, was ich dachte?

Ich glaube, ich verstehe, was Sie dachten. Also eigentlich ist ja jedem klar, dass Dinge wie die Jungfrauengeburt gar nicht sein können, aber man muss sich halt damit abfinden?
Keiner glaubt mehr an die Jungfrauengeburt. Es gibt keinen einzigen Lehrstuhl in Harvard oder in Deutschland oder einen Religionslehrer, die das noch biologisch sehen, „Empfangen vom heiligen Geist.“ Sie sagen es eben nicht oder übergehen es einfach.

Hat man Sie persönlich angegriffen?
Also es gab andauernd Fernsehsendungen, acht Wochen lang sollte ich von meiner Häresie geheilt werden. Zehntausend Briefe bekam ich und zehntausend Briefe der Bischof. Manchmal bekam ich den Durchschlag, manchmal er. Jeden Tag wurden große Kartons von der Universität bei mir reingeschoben. „Sie gehören in die Verbrennungsanlage“ und dergleichen.

Aber Sie sind trotz allem nie aus der Kirche ausgetreten?
Ich habe 2006 in einer Livesendung in Mainz über „War Jesus verheiratet?“ Herrn Matussek vom Spiegel kennengelernt, meinen Hauptfeind. Er sagte: „Frau Ranke-Heinemann, Sie haben hier doch überhaupt nichts zu sagen, Sie sind doch aus der Kirche ausgetreten.“ Ich war natürlich empört und dachte: „Moment mal, diese Lüge hat er sich nicht ausgedacht, das hat ihm das Bistum mitgeteilt.“ Und tatsächlich schrieb der persönliche Referent des Bischofs, Doktor Lohaus: „Nein, sie ist nicht exkommuniziert, sie ist wohl aus der Kirche ausgetreten.“ Gelogen! Dann habe ich gedacht, nie trete ich aus, ihr Lügner. Und es ist leider so, ich zahle Kirchensteuer.

Wie denken Sie heute über Ratzinger?
Was ich am Schlimmsten finde, ist, was er sich Letztens geleistet hat. In seinem Buch Licht der Welt, wo wir ja auch beide dazugehören, Sie und ich. Gerade Sie will er ja erleuchten, und Ehefrauen natürlich auch, denn wo sollen sonst die Priester herkommen? Die Ehe ist dafür da, Priester zu produzieren und Nonnen und Mönche. Und jetzt hat Ratzinger ... und ich muss Ihnen ehrlich sagen, seitdem ist Schluss. Ich muss mir die Hände waschen vor Ekel, was er sich da geleistet hat. Also Kondome nur für ... ?

Männliche Prostituierte.
Genau. Männliche Prostituierte. Also was soll ich dazu sagen. Ich habe in meinem Leben noch nie über männliche Prostituierte nachgedacht. Mein ganzes Buch Eunuchen für das Himmelreich handelt vom Sexualekel der katholischen Kirche. Aber die Vulgarität dieser Kondome nur für männliche Prostituierte … In Freiburg habe ich einen langen Vortrag gehalten: „Mit Benedikt zurück ins Mittelalter“. Dass er seit 1981, seit er Chef der Glaubenskongregation, der früheren Inquisition ist, die Kirche regiert. John Paul the Great war ja dauernd unterwegs und kam weder zum Schreiben, noch dazu, das Geschriebene durchzulesen. Das machte alles Ratzinger. Er war es, der seit 30 Jahren, inzwischen 2011, alle fortschrittlichen Theologen worldwide von ihren Lehrstühlen fegte. Er war es, der die Sexual- und Frauenfeindlichkeit noch weiter vorantrieb.

Also eigentlich war er so eine Art Puppenspieler im Hintergrund, der sein eigenes Ding verfolgt?
Das Auseinanderreißen von Liebe und Sexualität. Durch die Sexualität wird angeblich die Erbsünde übertragen. Sexualität ist Lust, Freude, Ekstase. Ich behaupte, gedacht für die große Liebe. James Watson, so alt wie ich, hat einen Nobelpreis bekommen für die Entdeckung der DNS-Doppelhelix. Er spricht davon, dass das ganze Universum auf der Paarbildung beruht, auf dieser Hochzeitsmelodie ewiger Liebe sozusagen.

Für die Christen ist Sex zwar nötig, aber eigentlich schlecht?
Junge Leute werden von Papst Benedikt vor drei Dingen gewarnt: Drogen, Alkohol und Sex. Die Sexualität ist endlich da gelandet, wo sie hingehört: ins Bordell. In der Ehe geht es nur um Gebärmaschinen.


V.l.n.r.: Die Antwort von Ratzinger. Edmund Ranke, ihr 2001 verstorbener Mann. Das Tagebuch, das ihre Mutter 20 Jahre lang für sie führte. Bilder von Gustav Heinemann und der Familie

Und weil Sex sowieso schon schlecht ist, machen Kondome es nicht schlimmer?
Ich sagte ja schon, die einzigen, die freundlich zu mir sind, sind die Homosexuellen. Und um mich ein bisschen in die Materie einzuarbeiten—nachdem ich nie gewusst hatte, was macht eigentlich ein männlicher Prostituierter und wo macht er das—, habe ich dann David Berger angerufen [katholischer Theologe und Philosoph, dem nach seinem Outing 2011 die kirchliche Lehrberechtigung entzogen wurde. Anm. d. Red.]. Ich sagte: „David, du müsstest mich mal ein bisschen aufklären. Wer besucht männliche Prostituierte?“ Da hat er gesagt 90 Prozent Männer, 10 Prozent Frauen. 90 Prozent, so so.

Bevor Ihr Vater Bundespräsident wurde, war er Präses der evangelischen Kirche. Sie haben also den größtmöglichen protestantischen Background. Warum wollten Sie unbedingt konvertieren?
Ich habe auch darüber nachgedacht, warum bin ich Bekloppte überhaupt katholisch geworden! Ja, erstens war mein Mann katholisch und so wahnsinnig tolerant und sagte, ich solle evangelische Theologie studieren. Und mein Vater war so intolerant, ich durfte meinen katholischen Klassenkameraden nicht heiraten. Deshalb dachte ich, die Katholiken sind so tolerant. Wie mein Mann.

Gibt es ein grundlegendes Prinzip, um in der katholischen Kirche Karriere zu machen?
Das Wichtigste hat mir Küng mal vor 100 Jahren gesagt, da war er schon exkommuniziert, ich aber noch nicht, und ich sagte noch zu ihm: „Sie sind wegen der Unfehlbarkeit exkommuniziert worden, ich werde mal wegen der Sexualfeindlichkeit exkommuniziert.“ So war es dann ja auch. Jedenfalls haben wir uns darüber unterhalten, wie man Bischof wird, und Küng sagte, drei Sachen seien wichtig: „Keine Frauenpriester. Keine Priesterfrauen. Keine Verhütung.“

Und das ist alles, worum es eigentlich geht?
Die Christen interessieren sich überhaupt nicht dafür, was Jesus sagte oder tat. Ihr Glaubensbekenntnis enthält nichts über ihn, wichtig ist nur sein Blut. Also, wenn ich im neuen Weltkatechismus lese: „Auf Bitte seiner Braut, der Kirche, hat Christus Leib und Blut hingegeben.“ Da kann ich nur sagen: Was für eine Vampirbraut und Draculakirche. Was für ein Kannibalismus ist die Messe, das Abendmahl, den Menschen Jesu Leib und Jesu Blut zu essen und zu trinken zu geben.

Wäre es denn besser, wenn Frauen Priester werden könnten?
Alle Hirten sind Männer, alle Frauen sind Schafe. Frauen sind nicht nur von jeder Lust abgeschnitten, auch von jeder Intelligenz. Sie bedeuten nichts. Aber, ich habe doch keine Lust, den Leuten ... ich meine, ich kann schon schlecht genug kochen, das ist ja wohl bewiesen, aber dass sie den Leuten jetzt Blut und Menschenfleisch zu essen geben. Schrecklich. Eine Religion, deren Vertreter mit einem tödlichen Foltergerät auf der Brust rumlaufen ... Heute müssten sie mit einem elektrischen Stuhl rumlaufen, weil es heute so schwer ist, noch „erlöst“ zu werden. Die Christen sind blutsüchtig.

Warum gibt es so viele schwule Priester?
Als Luther eine Nonne heiratete und alle Frauen von allen Bühnen in Rom vertrieben wurden, als die ersten Kastraten sangen, haben sich für den Priesterberuf freundlicherweise immer mehr Homosexuelle zur Verfügung gestellt. Auswahlprinzip: „Keine Skandale mit Frauen.“ Wer ist da besser geeignet als ein Homosexueller? Es gibt in keinem Beruf mehr Homosexuelle als im katholischen Klerus. Je höher, desto höher der Prozentsatz. Aus der Not ist eine Tugend geworden, aus dem Manko—in den Augen mancher—Prestige.

Wie erklären Sie dann die Homophobie der Kirche?
Zunächst, weil es um sexuelle Aktivität ohne Gebären geht. Auch Johannes Paul sagt, irgendwie darf da gebremste Lust sein, aber eben nur beim Zeugungsakt. Lust, aber keine Kinder? Das gibt es ja vor allem bei den Homosexuellen. Ehe ist zur Zeugung da. Die Lust ist böse, denn durch sie wird die Erbsünde übertragen.

Denken Sie, dass es für den Vatikan oder den Katholizismus möglich ist, sich zu reformieren?
Nein, das wird nicht passieren. 2.000 Jahre Sexualfeindlichkeit der katholischen Kirche haben in Köpfen vieler Katholiken derartige Hirnschäden hinterlassen, dass sie selbst die eifrigsten Vertreter ihrer eigenen erbsündlichen Unreinheit sind, die erst durch die Taufe abgewaschen werden muss.


Ranke-Heinemann in ihrer Küche

Wie stellt sich das nach außen dar?
Das regt mich auch so auf: Andauernd sehe ich jetzt, wie Papst Benedikt in Spanien sitzt und dann kommt eine Mutter mit einem Baby auf der Schulter und der Vater direkt mit dem Zwilling hinterher, davor laufen drei kleine, Vier-, Fünf-, Sechsjährige, die der Papst abknuscht und küsst. Ich meine, das sollte verboten werden. Er kann ja selbst Kinder kriegen, warum muss er die der anderen ablecken. Diese Sendungen müssen immer zeigen, wie die Gebärmaschinen ihre Mastschau vorführen.

Denken Sie, dass christliche Moralvorstellungen schlüssig und überhaupt noch relevant sind heute?
Ich kann das Wort „christliche Werte“ nicht mehr ertragen. Von Anfang an hat der Urheber des Universums allen Menschen eine Sache einprogrammiert: die goldene Verhaltensregel. Ob das Konfuzius ist, oder Rabbi Hillel, oder Sokrates, oder Jesus oder Mohammed oder Immanuel Kant. Alle. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Haben Sie sich, als Sie anfingen zu zweifeln, mit anderen Religionen beschäftigt?
Das Christentum ist die einzige Weltreligion, wo die Hölle ewig ist. Die Hölle, diese Vorstellung, kommt von den Persern, bei denen dauerte die Hölle drei Tage. Bei den Juden hatte und hat jeder Rabbi eine eigene Meinung. Dann kamen die Christen und schufen Ordnung: Die Hölle ist ewig. Als ich damals meinen Lehrstuhl verlor, da riefen mich alle an, die Altkatholiken, die Juden, ob ich nicht zu ihnen komme. Ich sagte: „Wünschen Sie sich das bloß nicht, da fliege ich nach kürzester Zeit auch wieder raus.“ Überall rege ich mich auf. Aber ich muss sagen, bei den Moslems, das Fehlen einer ewigen Hölle, das gefällt mir schon sehr gut. Da ist Einiges, was mir gefällt. Da brauche ich auch nicht an die Erbsünde zu glauben. Da brauche ich auch nicht daran zu glauben, dass ich durch Blut erlöst worden bin.

Und Buddhismus?
Als ich in Kambodscha und in Vietnam war, traf ich einmal eine junge Frau, die alle ihre Kinder unter Pol Pot verloren hatte, und ich fragte, ob sie sie wiedersieht im Jenseits. „Nein.“ Die Buddhisten waren für mich immer ein ganz großes Problem, weil das für mich das Wichtigste ist. Meinen Mann und meine Mutter und überhaupt alle wiederzusehen.

Sind sie sicher, dass das passiert?
Der schönste Tod ist ja Dehydration. Immer im Sommer sterben sie alle an Dehydration in Paris, die alten Menschen, weil es so leer ist, und da kriegen die nichts zu trinken. Mir ist das einmal passiert: „Oh“, dachte ich, „ich sterbe“, und da war ein Licht und da standen mein Mann und meine Mutter. Aber dann bin ich leider wieder zu mir gekommen und dann war es aus damit.

An was glauben Sie heute noch?
Mein siebenfaches, negatives Glaubensbekenntnis geht ja so: 1. Die Bibel ist nicht Gottes-, sondern Menschenwort. 2. Dass Gott in drei Personen existiert, ist menschlicher Fantasie entsprungen. 3. Jesus ist Mensch und nicht Gott. 4. Maria ist Jesu Mutter und nicht Gottesmutter. 5. Gott hat Himmel und Erde erschaffen, die Hölle haben die Menschen hinzuerfunden. So Typen wie Georg W. Bush, die es leider immer schon gab. 6. Es gibt keine Erbsünde und keinen Teufel. 7. Eine blutige Erlösung am Kreuz ist eine heidnische Menschenopferreligion nach religiösem Steinzeitmuster.

Der Kreuzestod von Jesus war also ein Menschenopfer?
Als dieser Vulkan in Island ausbrach, war ich auch von dem Flugverbot betroffen und da hörte ich einen Isländer im Radio sagen: „Früher haben die Leute hier in Island bei großer Gefahr ihre Kinder in den Vulkan geworfen.“ Den Göttern kannst du nicht mit einem Blumenstrauß kommen. Du musst ihnen das Liebste opfern. Was ist das Liebste? Die eigenen Kinder und der sexuelle Liebesakt. Bei den Heiden war es Kastration. Die Katholiken haben das etwas abgewandelt in den Zölibat.

Wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?
Es hat ja auch mal eine Aufklärung gegeben. Aber nein, die brauchen wir heute nicht mehr. Denn wir sind Papst und der Bundespräsident ist auch Papst. Es gibt in Deutschland keine mehr, die nicht Papst sind. Denken ist in dieser Kirche verboten. Und wenn einer anfängt zu denken, zu grübeln, heißt es: „Uta, du sollst nicht immer so grübeln.“

Fotos von Albrecht Fuchs

Uta Ranke-Heinemanns Bücher, Nein und Amen—Mein Abschied vom traditionellen Christentum und Eunuchen für das Himmelreich—Katholische Kirche und Sexualität von Jesus bis Benedikt XVI. (ab Februar in der 26. erweiterten Auflage) sind beide im Heyne Verlag erschienen.
 

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