Die graueste Zone des Darknets: Medikamentenhandel in der „Lifestyle-Apotheke“

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Die graueste Zone des Darknets: Medikamentenhandel in der „Lifestyle-Apotheke“

Der deutsche Händler OxyWhite verkauft im Darknet und Clearweb diverse Medikamente von Schmerzmitteln bis Hirndoping—nicht auf Rezept, sondern gegen Bitcoins . Wir haben mit ihm über seinen Handel gesprochen.
14.4.15

Bild: Shutterstock

Neben dem allgegenwärtigen Angebot klassischer Drogen gibt es auf deutschen Online-Schwarzmärkten und im Darknet auch einen florierenden Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. So vertreibt zum Beispiel der deutsche Händler OxyWhite seit Jahren im Darknet und Clearweb einen bunten Strauß an Substanzen, die sich verschreibungspflichtig eigentlich auch in jeder Apotheke beziehen lassen.

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Das Angebot in der selbsterklärten „Lifestyle-Apotheke" reicht von Paracetamol und Antidepressiva bis zu starken morphinhaltigen Präparaten. Auch auf den Märkten des Online-Handels ist eine angemessene Ausdifferenzierung des Angebots und eine gemütliche Nische eine lukrative Strategie, und so bietet OxyWhite über 60 Mittel an—feinsäuberlich sortiert nach Kategorien von Schmerztabletten über Potenzmittel bis hin zu Hirndoping. Versendet wird deutschlandweit und selbstverständlich mit Beipackzettel.

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Die Konsumenten haben dabei ganz unterschiedliche Gründe, ausgerechnet das Darknet zu nutzen, um sich Mittelchen zu besorgen, die man eigentlich auch in der Apotheke um die Ecke kaufen könnte: Manche schämen sich schlicht mit ihren Problemen zum Arzt zu gehen, in anderen Fällen wünschen Patienten eine Erhöhung der Dosis, die ihnen der Doktor nicht zugestehen möchte. Andere Kunden wiederum interessieren sich für Smart-Drugs zur Leistungssteigerung oder Medikamente, die eigentlich eher durchschnittlichere Leiden wie Durchfall behandeln sollen, doch in bestimmten Kombinationen angeblich auch als Heroinersatz dienen können.

Ich bin kein Arzt oder Pharmaziestudent. Ich verkaufe nur.

Der größte Teil der Käufer von OxyWhite ist aber darauf aus, auf mehr oder weniger verschlungenen Wegen high zu werden, wie auch seine zumeist begeisterten Kundenrezensionen verraten. Fest steht, dass niemand den Verkäufer mit einem echten Arzt verwechseln sollte. Das stellte auch OxyWhite selbst in unserem E-Mail-Interview klar: „Ich bin weder ein Arzt, noch habe ich Pharmazie studiert. Ich verkaufe nur."

OxyWhite präsentiert seine Ware. Alle Bilder: OxyWhite.

Auf Anfragen versucht OxyWhite auch speziellere Kundenwünsche zu erfüllen, die außerhalb seines regulären Angebots liegen. Grundsätzlich verspricht er, alles zu liefern, was auch über eine Apotheke bezogen werden kann. Sein Angebot fördert dabei auch die dunkelsten Wünsche von Kunden zutage: So erhält OxyWhite beispielsweise auch Anfragen nach Sterbehilfemedikamenten—solchen Bestellungen kommt er jedoch definitiv nicht nach, genauso wie er keine Amphetamine und MDMA mehr verkauft, da an dieser Stelle ein zu großer Konkurrenzkampf herrsche.

Meine Frau weiß nichts von meinen Geschäften.

Wir haben uns in den vergangenen Wochen mit OxyWhite unterhalten, um mehr über die spezielle Ethik seines Geschäfts zu erfahren. Aus Sicherheitsgründen lehnte der Händler ein persönliches Treffen ab und wollte weder zu seinem Alter noch seinem genaueren Umsatz detailliertere Angaben machen—viele andere Geschichten aus der moralischen Grauzone des Medikamentenhandels, in der er operiert, erzählte er uns jedoch gerne ausgiebig.

Motherboard: Wieviel Zeit nimmt der Betrieb deines Online-Shops in Anspruch? Gehst du neben deinen Geschäften als OxyWhite auch noch einem Beruf nach?

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Die Zeitaufwand hält sich wirklich in Grenzen. In meinem sonstigen Leben führe ich eine glückliche Ehe und gehe einem festen Beruf nach. Ich lebe eigentlich ein ganz normales Leben.

Meine Arbeit im Internet kostet mich täglich zwei bis vier Stunden. An Tagen, an denen ich nicht arbeiten muss—bin ich auch mal den ganzen Tag online. Meine Frau weiß nichts von meinen Geschäften. Sie weiß, dass ich meine Ruhe haben möchte, wenn ich am Laptop sitze. Man darf bei solchen Tätigkeiten wirklich niemandem vertrauen.

Das Ende von Shiny Flakes: Aufstieg und Fall eines 20-jährigen Online-Dealers

Für mich ist eines äußerst wichtig: Ganz egal, wie gut man in der Szene Geld verdient. Ein legales, geregeltes Leben ist unabdingbar!

Woher kommt deine Ware?

Meine Produkte werden deutschlandweit aus diversen Krankenhäusern, Arztpraxen und Apotheken entwendet. Wie das ganze genau abläuft, kann ich öffentlich allerdings nicht genauer preisgeben.

Wie stellst du die Qualität deiner Ware sicher?

99 Prozent meiner angebotenen Waren sind Originalprodukte aus deutschen Apotheken und bei dem Rest handelt es sich um generische Produkte. Alle Produkte haben ein Mindesthaltbarkeitsdatum von ein bis zwei Jahren.

Inwiefern kannst du die Wirkung der Stoffe, die du verkaufst, einschätzen?

Ich gehe stark davon aus, dass die Mehrzahl meiner Kunden weiß, wie sie die Medikamente zu dosieren hat. Aber letztlich verliere ich nach dem Versand der Pakete und Briefe die Kontrolle.

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Ich bin weder ein Arzt, noch habe ich Pharmazie studiert. Ich verkaufe nur.

Mit Arzneimitteln kann man mehr verdienen als mit Betäubungsmitteln.

Konsumierst du selber auch deine Medikamente oder Drogen?

Nein, ich selbst nehme keinerlei Medikamente oder Betäubungsmittel.

Du hast mir berichtet, dass in der deutschen Händlerszene viel über das Ende des 20-Jährigen Betreibers diskutiert wird. Wenn du die Berichte über das Ende von Shiny Flakes liest, hast du dann nicht Angst, die Polizei könnte dir auf die Schliche kommen? Was für Sicherheitsvorkehrungen legst du dir und deinem Shop auf?

Shiny hat seine Produkte, wie wir es im Nachhinein erfahren haben, in seiner Wohnung gelagert. Bei mir ist das ganze etwas strukturierter obwohl ich „nur" Medikamente anbiete.

Ich persönlich hatte, habe und werde zu keinem Zeitpunkt direkten Kontakt mit der Ware haben. Darauf lege ich als Sicherheitsvorkehrung sehr großen Wert. Alle Bestellungen werden von meinen Mitarbeitern aus einem anderen Bundesland versendet. Sollte mal Kommissar Zufall zuschlagen und einer der Versender verhaftet werden, so könnte mir niemand etwas anhaben, da niemand mich persönlich kennt.

Was machst du, um die Sicherheit deiner Kunden zu schützen?

Meine Systeme sind alle voll verschlüsselt. Zudem nutze ich mehrere virtuelle Maschinen worüber ich "abgeschottet" arbeiten kann. Kundendaten werden nach dem Versand mit „Eraser" geschreddert . Versendet werden die Bestellungen aus Deutschland, diskret, tastsicher.

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Seit wann bist du im Geschäft des Medikamentenhandels tätig?

Von 1999 bis etwa 2007 haben ich und meine Mitarbeiter große Mengen Amphetamine aus den Niederlanden bezogen und deutschlandweit an Zwischenhändler weitergegeben. Damals gab es für uns keine Foren. Unter OxyWhite bin ich erst seit wenigen Jahren in der Internet-Szene aktiv. Zuvor hatte ich ein anderes Pseudonym, musste meine „Identität" jedoch wegen einer Sache ändern, auf die ich nicht näher eingehen kann. Unsere „Lifestyle Apotheke" gibt es erst seit OxyWhite existiert.

In der deutschen Schwarzmarkt- und Internetszene bin ich insgesamt seit etwa sechs bis acht Jahren vertreten. Der Medikamentenhandel ist aber auch nur meine „Nebenbeschäftigung."

Wieviel verdienst du mit dem Arzneimittelhandel?

Was den Umsatz angeht kann ich sagen, das man mit Arzneimittel mehr einnehmen kann als mit BTM.

Versendet du nur nach Deutschland oder auch ins Ausland?

Aus Sicherheitsgründen wird nur innerhalb Deutschlands und nach Österreich versendet.

Wie wichtig ist Werbung? Wie sehr bemühst du dich um Kundenvertrauen und ein gutes Image?

Werbung ist für mich entscheidend. Deshalb bitte ich auch jeden einzelnen der bei mir kauft nach Erhalt der Ware um ein Feedback. Leider hinterlassen 6 von 10 Kunden keine Bewertungen. Manche sind einfach paranoid und möchten ihre Einkäufe nicht mit der Welt teilen. Irgendwo kann ich das aber auch verstehen.

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Was ist die Motivation deiner Kunden?

Es gibt Menschen, die ihre Probleme nicht mit anderen teilen möchten oder können. Sei es aus Schamgefühl, Angst oder Informationsweitergabe. Es gibt aber auch Menschen, die sich illegal in Deutschland aufhalten und somit zu keinem Arzt gehen können. Bei einigen Patienten verhält es sich  so, dass die verschriebenen Mengen schlichtweg nicht ausreichen, aber der Arzt die Dosierung nicht erhöhen möchte. In solch einem Fall beziehen sie ihre Produkte direkt über mich.

Viele meiner Kunden berichten sogar, es wäre viel angenehmer, die ganze Prozedur über die „Lifestyle Apotheke" laufen zu lassen anstatt stundenlang in einem Wartezimmer zu sitzen.

Ich sage aber all meinen Kunden immer wieder, dass man unbedingt einen Artzt aufsuchen sollte, wenn es um gesundheitliche Probleme geht. Nichts kann wirklich einen Arztbesuch ersetzen. Auch kein OxyWhite.

Mein Mitbewohner, der größte Darknet-Dealer der Welt

Vor kurzem interessierte sich ein Kunde zum Beispiel für das Medikament „Citalopram." Auf meine Frage, warum er den Stoff möchte, antwortete er nur: „Ich fühle mich immer schlapp, depressiv, antriebslos und habe gelesen, dass Citalopram glücklich mache." Natürlich biete ich das erwähnte Produkt. Allerdings habe ich während unserer Unterhaltung erfahren, das er dieses Arzneimittel noch nie zuvor eingenommen hat. Da es sich dabei um ein Pychopharmakon handelt, habe ich ihm ins Gewissen geredet und ihn gebeten, einen Arzt aufzusuchen.

Wäre ich wirklich geldgeil, hätte ich ihm das Mittel verkauft, ohne mit der Wimper zu zucken.

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Es gibt große Unterschiede zwischen meinen Kunden: Möchte ich Medikamente,  um an Wochenenden „high" zu werden oder brauche ich diese, um meine Schmerzen aufgrund einer Erkrankung/Unfall zu lindern? Letzteres kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen. Natürlich freue ich mich eigentlich, wenn ich etwas verkaufen kann. Allerdings würde ich persönlich niemals zu einem Online-Händler gehen um an Medikamente zu gelangen was ich ohnehin bei meinem Arzt aufgrund meiner Erkrankung verschrieben bekommen kann.

Inwiefern beschaffst du Kunden bei Anfrage auch Medikamente, die du eigentlich nicht im Angebot gelistet hast und wie lange dauert so etwas?

Das ist ganz unterschiedlich. In der Regel kann ich das gewünschte Medikament innerhalb weniger Tagen besorgen. Es kommt allerdings auch mal vor, dass vereinzelte
Präparate sehr schwierig zu beschaffen sind oder es mir nicht möglich ist, diese zu besorgen.

Vor einiger Zeit bekam ich eine Anfrage, ob ich das Medikament „Mifegyne" besorgen könne. Dabei handelt es sich um eine Abtreibungspille. Das musste ich ablehnen. Nicht weil ich es nicht verkaufen würde; hier handelt es sich tatsächlich um eines der wenigen Präparate, die ich nicht so einfach besorgen kann.

Ich erhalte aber auch sehr traurige Anfragen. So fragte mich vor einiger Zeit jemand, ob ich Natrium-Pentobarbital beschaffen könne. Diese Substanz wird in der Schweiz bei Dignitas zur Aktiven Sterbehilfe eingesetzt. Solche Anfragen nach einem „Todes-Cocktail" beantworte ich ganz klar mit nein.

Manche Stoffe, die du verkaufst, können unter Umständen auch als Drogenersatzmittel eingesetzt werden. Machst du dir gar keine Sorgen, dass die von dir angebotenen Mittel auch missbraucht werden könnten?

Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Natürlich möchte ich nicht, dass sich ein 14-jähriger Bengel irgendwelche Morphine reinpfeift. Vermeiden kann ich das Ganze aber nicht.

Wir sind schließlich im Internet!