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Fröhlich in die Runde onaniert—So war die Trailerpark-Show in Berlin

„Verzerrte Gesichter, nackte Oberkörper, mahlende Kiefer, geifernde Augen.“—Unser Autor hat jede Menge Eindrücke von der Trailerpark ab 18-Show in Berlin gesammelt.

von Juri Sternburg
14 Dezember 2016, 11:24am

Das Velodrom in Berlin-Prenzlauer Berg. Vom Bahnhof dringt undefinierbares Gegröle. Auf dem Rasen vor der Halle sieht es aus, als hätte man einen Pasolini-Film ins Brandenburg der Jetztzeit verschoben. Sodom und Gomorra. Berentzen Apfelkorn und Menthol-Zigaretten. Mirko und Jaqueline. Eine Stimmung wie auf dem Werderaner Baumblütenfest um Mitternacht, Flaschen klirren, junge Männer, die aussehen, als wenn sie hauptberuflich auf Golf GTI-Treffen rumhängen. Mädels, die kein Problem damit haben, eine Bier-Bong mit fragwürdigem Inhalt zu exen. Allgemeiner Zustand: fröhlich-aggressiv. Schnell noch einen Pfeffi herunterstürzen, man muss sich ja ein wenig anpassen. 

Alle Fotos: Phillip Kaminiak (phillipkaminiak)

Das Handy piept. Es ist der Fotograf. „Ich glaube du hast mir die falsche Location geschickt. In dieses Velodrom passen 10.000 Menschen rein." Ich antworte ihm, dass das schon seine Richtigkeit hat und erinnere mich an eine weitere Nachricht an diesem Tag. Sie kam von Basti Trailerpark und lautete: „Du bist der Reporter heute? Fandest du unsere Musik nicht kacke?"

Im Oktober 2012 veranstalteten Trailerpark einst die Release-Party zu ihrem „Crackstreet Boys 2"-Album im Bi Nuu. Ein kleiner Club in Kreuzberg, Fassungsvermögen etwa 500 Besucher. Was sich an diesem Abend auf der Bühne abspielte, sorgte unter anderem für die Auflage, Fans in Zukunft nicht mehr in die Show einbinden zu dürfen. Damals wurden Zuschauer auf die Bühne geholt und zu sexuellen Handlungen mit den Prostituierten animiert, diese wiederum schoben sich beispielsweise Baseballschläger in unterschiedlichste Körperöffnungen. Der Geruch, der in dieser eher beengten Location in der Luft lag, hat sich in das Gehirn eingebrannt. Eine Mischung aus pubertärem Schweiß, allerlei Körpersäften und einem olfaktorisch wahrnehmbaren Voyeurismus. 

Für Trailerpark hat sich das gelohnt. Der Abend sorgte damals für jede Menge Publicity, sowie einem besonderen Platz im Herzen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und anderen Institutionen. Wer dabei war, hatte lange etwas zu erzählen. Manche schwärmen heute noch. Andere haben danach nie wieder ein Konzert besucht.

Heute sind die Voraussetzungen anders. Alles ist größer, professioneller, man hat nicht mehr das Gefühl, unmittelbar Teil des Geschehens auf der Bühne zu sein. Das bringt so eine Massenveranstaltung mit sich. Doch es gibt ja noch das Publikum. Als die Jünger in die Mehrzweckhalle stürmen, können einige längst nicht mehr laufen. Andere haben es sich zum Ziel gemacht, wild gestikulierend durch die Menge zu rennen und möglichst viele, volle Bierbecher umzukippen. Uns erwischt es noch schlimmer, wir trinken (beziehungsweise tranken) Weißwein. Jetzt befindet sich der Großteil auf dem Rücken meiner Begleitung, einer äußerst feinen Dame. Wir sind wahrscheinlich selbst schuld, wenn einen sowas stört, sollte man zu Hause vor dem Kamin bleiben. 

Also ab in den Oberrang. Auf dem Weg dorthin weicht ein Volltrunkener nicht von unserer Seite, er besteht auf ein High Five. Ich verstehe schnell, dass er nicht gehen wird, bevor wir seinen Wunsch erfüllen. Kurz nachdem wir mit ihm eingeklatscht haben, finden wir in ihn wieder, in einem intensiven Liebesspiel mit einer Steinsäule. Direkt daneben zwei minderjährig wirkende Emo-Girls, die besonders provokativ rumknutschen. Na juti. Weiter geht's, der Abend ist noch jung.
 

Als die Show beginnt, ist der Großteil der Zuschauer schon in anderen Sphären. Verzerrte Gesichter, nackte Oberkörper, mahlende Kiefer, geifernde Augen. Zwischen den Songs die ersten Showeinlagen der Porno-Darsteller, ein paar Hawaiiketten werden aus Vaginas gezogen und ins Publikum geworfen. Ein Tablett mit mehreren Kilo weißem Pulver verkippt. Die erste Reihe hängt sich die leicht klebrigen Dekoketten freudestrahlend um. Sicherheitshalber hat man zwei überdimensionale Videoleinwände installiert, damit auch niemand etwas verpasst. So kann man bis in die letzte Reihe erahnen, wie es genau aussieht, wenn zwei Frauen mit einer Mistgabel gefistet werden oder ein Mann ein Telefon im Arsch hat, an dem laut Aussage Trailerparks K.I.Z dran sind. 

Drei Männer betreten die Arena, es gibt Oralsex. Irgendwo pinkelt eine Frau, ein Dildo wird hier und da eingeführt, Regenbogenfahnen geschwungen. Ob die Songs zur Pornoshow gehören oder die Sexshow zu dem Konzert, bleibt eine Frage der Perspektive. Man möchte kurz die ein oder andere Szene mit dem Handy festhalten, doch kommt sich vor wie einer dieser Männer auf der Venus Sexmesse. Ihr wisst schon, die in der ersten Reihe mit den Teleobjektiven. 

Auf den elitären Sitzplätzen, wo Menschen wie wir mit Weißwein sitzen und das Geschehen aus der Ferne beobachten, abgestumpft und verroht, mag es leicht sein, das Ganze nicht an sich ran zu lassen und die Nase zu rümpfen. Dort unten, im Innenraum, scheint es jedoch längst kein Halten mehr zu geben. Man hat nicht das Gefühl, dass hier irgendwer der zahlungswilligen Besucher unzufrieden nach Hause gehen wird. Neben den üblichen Pogo-Einlagen, berichten Überlebende auch von jeder Menge Fellatio und vor allem der spontanen Entleerung von Blasen in der Menge. Man kann nicht behaupten, dass Trailerpark-Fans das Ganze nicht fühlen. Sie fühlen es sogar ziemlich intensiv. 

Als zum Abschluß „Can You Feel the Love Tonight" gespielt wird, sind auch wir kurzzeitig glücklich. Allerdings nicht ganz so glücklich wie der dicke Junge mit dem Rücken voller Sperma, den wir später an der Garderobe treffen. Wer jetzt noch stehen kann, wird verächtlich angeschaut. Ein paar Meter weiter will jemand dennoch nicht von den Sanitätern abgeholt werden, ein paar Freunde hauen sich gegenseitig in die Fresse. Vor der Tür stehen enthusiastische Jungs um einen der ihren herum, er hat die Hose auf Kniehöhe und onaniert fröhlich in die Runde. Wer vorbeikommt, applaudiert. Schön, wenn man sich über die kleinen Dinge im Leben freuen kann.

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