Auf Achse entlang der „Heil-Hitler-Straße“

Von der Geburtsstätte des NSU in Jena bis zum Ort ihrer Selbstenttarnung in Eisenach schlängelt sich die Bundesstraße 88 durch Thüringen. In den Dörfern entlang der Straße entstehen Rückzugsräume der radikalen Rechten. Wir waren auf einem Roadtrip...

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Sep. 11 2013, 7:54am

Von der Geburtsstätte des NSU in Jena bis zum Ort ihrer Selbstenttarnung in Eisenach schlängelt sich die Bundesstraße 88 durch Thüringen. In den Dörfern entlang der Straße entstehen seit geraumer Zeit verstärkt Rückzugsräume der radikalen Rechten. Ich habe mich  auf einen Roadtrip durch das ländliche Thüringen begeben, um diese sogenannten „Angstzonen“ zu besuchen.

„Nach dem Auffliegen des NSU ist es krass geworden. Davor hat man es immer mal wieder gehört: ,B88, das ist für uns ganz gut, Heil Hitler, mal sehen, ob wir da eine Wohnung bekommen in den Orten‘“, erzählt mir Uwe Luthardt, ehemals Vorstandsmitglied der NPD in der Altstadt von Jena. Luthardt löste sich 2007 von der rechtsradikalen Partei, nachdem seine damaligen Gesinnungsgenossen einen Punk entkleidet, seine Kleidung verbrannt und den nackten Mann schließlich krankenhausreif geprügelt hatten. Luthardt sagte damals als Zeuge gegen seine früheren Parteifreunde aus, trug Parteinterna an die Öffentlichkeit und wurde daraufhin von der NPD in eine jahrelange Gerichtsverhandlung gezerrt. „Ja ja, und in Jena soll es keine Nazis mehr geben. Allgemeiner Rassismus ist ganz stark in Jena. Es wird mittlerweile toleriert. Wenn man sich mit den Leuten unterhält, wird gesagt: ,Na ja, ich habe keine gesehen, die Gewalt ausüben. So schlimm sind die doch nicht.‘ Und selbst der normale Bürger setzt sich hin und sagt: ,Scheiß Ausländer‘“, schnaubt er, während seine Augen zwei Glatzen fokussieren, die neben uns die Fußgängerzone entlangschlendern. „Ich bekomme öfters noch E-Mails, dass meine Kugel schon gegossen sei. Aber wer Angst zeigt, den machen die richtig fertig.“  


Uwe Luthardt, ehemals Vorstandsmitglied im NPD-Kreisverband Jena

Dass Thüringen ein Problem mit Nazis hat, ist nicht erst seit der Selbstenttarnung des NSU traurige Gewissheit. In den frühen 90er Jahren wurde das Gebiet der ehemaligen DDR von Neonazis als eine Art rechtsfreier Raum angesehen. Es konnten ungestört Partys und Konzerte stattfinden und sich so bis zur Jahrtausendwende eine große Szene entwickeln. Vor diesem Hintergrund entstand später die Anti-Antifa-Ostthüringen und daraus der Thüringer Heimatschutz, deren ebenfalls aus Jena stammende Gründungsmitglieder Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt später in den Untergrund abtauchten, um eine Blutspur durch die Republik zu ziehen.

Ralf Wohlleben, der dem Trio die Mordwaffe besorgt haben soll, war es auch, der Luthardt damals in die NPD brachte. „Wohlleben ist zwar in Haft, doch die Gewaltbereitschaft in der Szene ist noch immer sehr hoch. Die meisten Nazis, die früher in Jena ansässig waren, ziehen nun jedoch nach Kahla, wenn es geht, denn die Stadt wird von Rechten bereits dominiert. Es ist schon die sogenannte Nationalbefreite Zone. Die NPD selber sagt ja aber direkt, dass sie sich dort ansiedeln sollen, wo der wenigste Widerstand ist“, schildert mir Luthardt die Neuausrichtung der Szene nach dem Auffliegen des NSU.

Auch das Bundesinnenministerium bemerkte diese Entwicklung und gab kürzlich auf eine Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion bekannt, dass Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen im Vergleich zu anderen Bundesländern die meisten Immobilien erworben oder gemietet haben. Zudem haben Neonazis in den fünf neuen Bundesländern 255 Mandate in Kommunalparlamenten inne, während es in allen westlichen gerade einmal 64 sind.

„Es gibt nirgends eine nazifreie Stadt. Das ist auch nichts Besonderes, damit muss eine Demokratie leben, dass es überall ein paar Verrückte gibt“, erzählt mir dazu Matthias Quent, Soziologe mit Schwerpunkt auf Rechtsextremismus und Sozialraumanalyse der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. „Es ist jedoch so, dass es ganz pragmatische und ganz tatsächliche, begünstigende Faktoren in ländlichen Regionen allgemein gibt. Fachkräftemangel, Schrumpfung, Verteilung. Das wird alles vermischt und gesagt, die Demokraten bringen uns den Volkstod. Das Phänomen ländlicher Raum unter Rechtsradikalen ist unbestreitbar, es ist auch so, dass es hier in der Region eine Wanderbewegung, eine Schwerpunktverlagerung von Jena nach Kahla gab.“


2012 durchsuchte die Polizei zuletzt das „Braune Haus“, da sie davon ausging, dass Waffen auf dem Grundstück eingemauert waren.

Epizentrum der rechten Szene in Thüringen war das „Braune Haus“ im Jenaer Ortsteil Alt-Lobeda. Im Jahr 2002 zog Ralf Wohlleben mit dem mutmaßliche NSU-Unterstützer André Kapke sowie dem ebenfalls der extremen rechten Szene zuzuordnenden Maximilian Lemke in die ehemalige Gaststätte „Zum Löwen“ ein. Genutzt wurde das Haus für interne Schulungen und als Zentrale der NPD in Jena. Gewalttätige Angriffe aus dem Haus heraus waren keine Seltenheit. „Als in Jena das Haus noch bewohnt war, sind zu bestimmten Zeiten keine Leute daran vorbeigegangen, die in das—sozusagen—,Feindbild‘ passten“, berichtet Quent über diese Zeit.


Schilder sollen eine sichtbare Grenze zwischen der demokratischen Gesellschaft und der rechtsextremistischen Ideologie vor dem „Braune Haus“ ziehen.

„Schandfleck“ schießt es einem durch den Kopf, wenn man vor dem Haus steht. Braun, abgewrackt und baufällig steht es neben einem Blumenladen und einer Musikschule. Im vermüllten Garten hängt eine zerschlissene Reichskriegsflagge. Ein Blick in diesen vermüllten Garten und man meint, die dumpfen, braunen Parolen beinahe noch als Echo nachklingen zu hören. Doch neben faschistoider Propaganda wurde und wird hier vor allem die Radikalisierung der Neonazis vorangetrieben.

„Es war nicht nur, dass in dem Haus Waffen gelagert wurden, sondern dass der Heil-Hitler-Gruß gezeigt, das Horst-Wessel-Lied gesungen und so einige andere Sachen gemacht wurden.“ Wegen solcher Aussagen verklagte die NPD den Aussteiger Luthardt, doch das Verfahren ist nun abgeschlossen und Luthardt wurde freigesprochen. „Frau Wohlleben hat sich ganz dumm verquatscht und zugegeben, dass in den Räumen der NPD Bilder mit Hakenkreuzen hingen.“ 2009 wurde das Gebäude wegen baulicher Mängel amtlich versiegelt, so dass die Szene, vornehmlich rechtsradikale Freie Netze, die sich parallel zu NPD entwickelten und durch ihre Gewaltbereitschaft auffallen, nur noch den Garten nutzen kann.


Der Neubau des Jugendclubs HUGO. Den früheren Club an gleicher Stelle haben die späteren NSU-Terroristen Zschäpe und Mundlos oft besucht.

Nicht weit vom Braunen Haus entfernt, in einem trostlosen Plattenbauviertel, das nur von den Schornsteinen eines Kraftwerks überragt wird, befindet sich der Jugendclub HUGO. Hier trafen sich in den frühen 90ern die aus der Nachbarschaft stammenden NSU-Terroristen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zum ersten Mal. Der Sozialarbeiter Thomas Grund kennt das Trio noch von damals. Er war es auch, der der Gruppe nach ihrer zunehmenden Radikalisierung Hausverbot im Jugendclub erteilte. Grund ist auch heute noch im HUGO aktiv und erzählt mir, wie sich die rechte Szene in Jena über die Jahre gewandelt hat: „Ich kenne eine Gruppe von so 20- bis 30-Jährigen, die ihren Tag eigentlich nur mit Saufen verbringen und die eine rechte Einstellung haben. Allerdings kommen von denen keine Aktionen, außer ein paar dummen Sprüche. Von den Leuten, die schon zehn Jahre lang aktiv sind, siehst du gar nichts mehr. Vieles hat sich verändert durch die Festnahme von Beate und was dann eben so danach ans Tageslicht kam.“ Doch auch er bemerkt, dass sich die Szene verlagert hat. „Also, ich denke, dass alle Orte außerhalb von Jena mehr oder weniger Problemorte sind. Kahla ist ja prädestiniert dafür. Diese Kahlaer Truppe ist aktiv und die sind ja auch schon seit Jahren gut vernetzt und bekannt.“


Der Streetworker Thomas Grund arbeitet seit '91 im Jugendclub in Jena-Winzerla.

Bereits 2001 verkündete die NPD Jena in einer Presseerklärung, dass sie intensiv mit „arbeitswilligen Kameraden aus der Kleinstadt Kahla“ zusammenarbeite und beabsichtige, dort in der Stadt, die „fest in deutscher Hand war“, arbeitsfähige Strukturen zu organisieren. Wäre es nach dem Wählerwillen Kahlas gegangen, hätte die NPD bei der Landtagswahl 2009 sowohl mit der Erst- (5,9%) wie auch mit der Zweitstimme (5,5%) ins Thüringer Landtagsparlament ziehen können. Thomas Grund hat für mich eine interessante Erklärung dafür parat: „In Kahla gibt‘s nur drei Familien, oder vier, alles Inzucht—die haben alle kein Gehirn. Das ist der Volksmund, den ich schon von meiner Großmutter so hörte.“

Nicht weit vom Jenaer Stadtteil Winzerla und dem HUGO, in dem der NSU seinen Ursprung hatte, beginnt die Bundesstraße 88, die auf direktem Weg nach Kahla führt. Das Navi zeigt 17,5 Kilometer an und ich trete aufs Gaspedal.


Die B88 hat eine Länge von 163 Kilometern und führt nur bedingt durch „blühende Landschaften“.

Eine Fahrt auf der Bundesstraße 88 unterscheidet sich nicht besonders von einer Fahrt auf irgendeiner anderen Bundesstraße. Eine Menge LKWs, Stau, augenscheinlich vollkommen sinnlose Baustellen, auf denen niemand arbeitet, kleine Dörfer, die irgendwann einmal wohl einem Bilderbuch entsprungen zu sein scheinen, doch deren besten Tage schon lange hinter ihnen liegen. Das einzig Anomale, das mir beim Durchpreschen auffällt, ist die grotesk hohe Dichte an Discountern, die gefühlt alle 500 Meter die Straße säumen, und ein Laden, der mit einem großen Plakat seine Waren anpreist: ANGELN, OUTDOOR PAINTBALL, DESSOUS.


Bizarre Marktnischen als Folge der Landflucht?
 
Ich muss noch immer darüber nachdenken, was für eine Zielgruppe dieser Laden wohl im Auge hat, als ich längst den Ortseingang Kahlas hinter mir gelassen habe und durch die menschenleere Straßen des 7000-Seelen-Städtchens rolle. In Kahla sieht man, was Landflucht bedeutet. Die Innenstadt scheint wie ausgestorben. Die Läden geschlossen oder leerstehend. Der Bahnhof ist verwahrlost, baufällig und mit Brettern vernagelt. Dort, wo früher wohl einmal Häuser standen, tun sich große Löcher auf, die im Stadtbild wie Zahnlücken wirken. Die einzigen Anzeichen von Aktivität sind die Graffitis, die sich überall in der Stadt zeigen. „Werde aktiv für Deutschland“ ist dort zu lesen, „FN (Freies Netz) Kahla“ prangt an jeder Ecke und nur ein übermaltes „Fuck Israel“ zeigt, dass sich hier noch Widerstand gegen die rechte Hegemonie hegt. So erzählt mir auch die Antifa in der Region: „No-Go-Areas als solche gibt es für uns als Antifagruppe nicht. Gerade auf den Orten, in denen ,es brennt‘, sollte der Hauptfokus originärer Antifaarbeit liegen.“


In vielen Straßenzügen Kahlas finden sich rechte Parolen.

Trotzdem ist es offensichtlich, dass sich die Rechten in Kahla festgesetzt haben. Vor allem liegt es an ihrer subtilen Strategie, mit der sie die Bevölkerung durchsetzen. Mir wird erzählt, dass sie in Gebieten, in denen sie fest angesiedelt sind, sogenannte Bürgerbüros einrichten, die ganz offensichtlich als NPD-Dependancen ausgeschildert sind. In diesen Büros werden Hartz-IV-Beratungen durchgeführt und außerdem wird dort Schulhilfe angeboten. Sie übernehmen so vor allem in ländlichen Gebieten die soziale Arbeit, aus der sich der Staat zurückzieht. Diese schleichende Unterwanderung des ländlichen Raumes zeigt sich vor allem am Beispiel des Örtchens Schmiedefeld im Thüringer Wald: Nachdem die Arbeiterwohlfahrt 2005 einen Jugendclub schloss und dieser von Nazis fortgeführt wurde, stieg der Stimmenanteil der NPD, ohne dass die Partei im Ort aktiv Wahlkampf betrieb, von 1,2 % im Jahr 1999 über 2,7 % 2004 auf gruselige 18,6 % im Jahr 2009.

Doch neben der vermeintlich sozialen Arbeit sind die Rechten vor allem an Präsenz interessiert, mit der sie ihre Hegemonie auf dem Land festigen. Im Mai 2012 gab die thüringische Landesregierung bekannt, dass ein Gebäude in Kahla von zwei Personen der rechtsextremistischen Szene erworben worden war. Für 11.000 Euro konnten sich die Rechten das Objekt, das auch als Burg 19 bekannt ist und 600m2 Wohn- und Nutzfläche beinhaltet, auf einer Immobilienmesse in Leipzig unter den Nagel reißen. Nun leben in dem Gebäudekomplex mehrere bekannte Rechtsradikale, darunter Sebastian Dahl, der vor zehn Jahren Bekanntheit erlangte, nachdem er Molotow-Cocktails auf die Bühne eines antirassistischen Festivals warf, auf der Menschen schliefen, seine Lebensgefährtin Lisa Bauer, gegen die wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung ermittelt wird, der bereits aus dem Braunen Haus bekannte Maximilian Lemke sowie die „Burschenschaft Normannia“. Zudem befinden sich in dem Haus ein Nazi-Versandhandel und -Verlag, der Publikationen wie 100 Hitleranekdoten, Sieg Heil! eine deutsche Bildgeschichte von Bismarck zu Hitler oder Panzerjäger brechen durch! vom Zentralverlag der NSDAP vertreibt. Im März wurde das Objekt zuletzt von Spezialkräften der Polizei durchsucht. Man fahndete nach einer Schusswaffe, fand sie jedoch nicht.


Burg 19 ist nur eine von vielen Immobilien in der Region, die Rechtsextremen gehören.

Steht man vor dem Haus wird einem abermals bewusst, unter welchen Umständen diese Nazis in Kahla hausen. Heruntergekommen, verfallen und wie das genaue Gegenteil von der oft aus rechten Kreisen propagierten Reinlichkeit steht der Klotz inmitten einer Kleinstadt, in der sich der Strukturwandel mit aller Macht hindurchgefräst zu haben scheint. Matthias Quent bringt es auf den Punkt: „Die Anbindung ist gut und gleichzeitig ist es ein sehr typischer Raum. Wirtschaftlich nicht prosperierend und dazu sind es keine attraktiven Städte. Ich glaube, freiwillig zieht dort kaum jemand hin, der ein bisschen jünger ist. Das ist natürlich ein ideales Pflaster, das Rechte mit der örtlichen Konformität und Schweigespirale nutzen können.“

Ein Stein landet polternd auf dem Asphalt vor dem Gebäude. Es wurde wohl bemerkt, dass die Presse in der leeren Straße vor dem Gebäude herumlungert. Vermutlich kam er aus einem der oberen Fenster. „Die Statistiken, unter anderem der Opferberatungsstellen, sagen aus, dass rechte Gewalttaten seit der Enttarnung des NSU zugenommen haben. Es ist nach wie vor in der Regel situative Gewalt, also nichts Geplantes, sondern spontane Gewalttaten“, erklärt Quent, „so wie in Kahla gegen den Demokratieladen. Es gibt eine Mentalität in Teilen der Szene: ,Taten statt Worte. Sie (der NSU) haben es uns gezeigt und jetzt müssen wir auch etwas machen.‘“   


Rechtsradikale Freie Netze sind dezentral organisiert und deshalb schwer zu kontrollieren oder zu verbieten.

Der Demokratieladen ist eine Initiative der Kahlaer Zivilgesellschaft zur Förderung eines demokratischen Klimas in der Stadt. Erst am 16. April dieses Jahres wurde der Demokratieladen in Kahla im Rahmen des bundesweiten Aktionstages „Wir für Demokratie—Tag und Nacht für Toleranz“ eröffnet, bevor ein Tag später die Scheiben eingeworfen wurden. Kein Einzelfall in der Stadt. Immer wieder sind demokratische Einrichtungen in der Stadt Zielscheibe, so wurde alleine 2013 der Verein „Täglich Brot Insel“ attackiert, das Büro der Partei Die Linke angegriffen und Fenster und Autoscheiben von Menschen zertrümmert, die sich in der Stadt gegen Rechts engagieren. Die Liste der Angriffe in den vorherigen Jahren ist ebenfalls ausgesprochen lang.

Bevor noch mehr Steine regnen konnten, war ich jedoch bereits wieder auf der B88 unterwegs. Noch über 100 Kilometer lagen zwischen mir und dem Ziel der Reise. Nach der deprimierenden, strukturschwachen Realität Kahlas zeigte mir das Thüringer Hinterland wenn auch keine blühende Landschaften zumindest blühende Flora. Der Fahrtwind wehte mir frische Landluft mit einem Hauch Gülle durchs Fenster, Traktoren schlichen vor mir her und bremsten meinen Bleifuß, als ich durch Dörfer fuhr, die wohl bald, wenn auch der letzte Einwohner verstorben ist oder die Flucht gesucht hat, nur noch als Ruinen den Weg zieren würden.

Etwas abseits der B88 liegt Unterwellenborn, noch so ein Kaff, das für nichts bekannt ist außer für das „Alte Labor“, einen Veranstaltungsort, an dem des Öfteren Liederabende stattfinden, bei denen ehemalige Angehörige der Waffen-SS Vorträge halten. Laut des Vereins Mobile Beratung in Thüringen wurden hier die meisten Rechtsrock-Konzerte in Thüringen abgehalten. Thüringen ist sowieso eines der Bundesländer für Rechtsrock. Drei große Rechtsrock-Open-Airs finden hier Jahr für Jahr statt und diese können aus einer sehr aktiven Szene an radikalen Bands schöpfen. Von 2007 bis 2012 fand im Schnitt jedes zweite Wochenende ein Nazi-Konzert in Thüringen statt.


Alle paar Wochen finden in Crawinkel rechtsextreme Veranstaltungen statt.

Mein nächste Etappenziel war deshalb das Dörfchen Crawinkel. 2012 kauften Neonazis aus dem Umfeld der Rechtsrockband Sonderkommando Dirlewanger, deren Name sich von einer besonders brutalen SS-Einheit ableitet, ein Haus in dem 1.200-Einwohner-Dorf und nutzen es neben einer Nazi-Wohngemeinscheift namens „Hausgemeinschaft Jonasthal“ nun zur Organisation von Konzerten. S.K.D. gehört zu den härtesten Bands der Neonaziszene. Der Gruppe werden Verbindungen zum in Deutschland verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerk nachgesagt, das in den 90ern wegen Briefbombenanschlägen in England Bekanntheit erlangte und noch immer Anleitungen zum Bombenbau in der Neonaziszene verbreitet. Seit 2012 wird gegen sie wegen des Vorwurfs der „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ ermittelt. Luthardt warnte mich im Vorfeld vor Crawinkel: „Sie müssen aufpassen, wenn Sie Fotos machen, denn es geht ganz schnell dort, dass die mit Baseballschlägern vor Ihnen stehen. Das kann sehr böse für Sie ausgehen, wenn Sie keinen Schutz dabei haben.“

Auf meinem Weg durch das Dorf bot sich mir ein trostloses Bild. Absolutes Nichts. Kein Mensch war auf der Straße. Die Sonne ließ die ungeteerte Straße stauben und die Jalousien der Häuser waren tief hinuntergezogen. Ich merkte, was Matthias Quent gemeint hatte, als er mir sagte: „In manchen ländlichen Gebieten gibt es einfach tatsächlich niemanden. Da gibt es eine rechtsradikale Hegemonie, aber nicht weil sie das Gesetz in die Flucht geschlagen haben, sondern weil die Polizei da sowieso nicht hinfährt.“ Ich rechnete insgeheim im Kopf, wie lange die Polizei wohl aus dem benachbarten Eisenach brauchen würde, bis sie vor Ort ist, sollten die Baseballschläger herausgeholt werden, doch der SPD-Bürgermeister Onno Eckert beschwichtigte mich. „Es ist in Crawinkel nicht zu Übergriffen gekommen, wobei Gewalt schon Drohpotential ist. Es gab eine Situation, wo ein Fernsehteam des NDR ziemlich massiv eingeschüchtert worden ist. Die wollten noch ein paar Bilder des Objekts drehen, da sind ein paar Rechte mit einer starken körperlichen Präsenz an das Team herangetreten.“ Eckert leitet die Bürgerinitiative in Crawinkel, die den Nazis in ihrem Ort die Hegemonie streitig machen will. „Die Käufer des Gebäudes sind keine eingeborenen Crawinkler, deshalb war es auch eine Frage, wie wir damit umgehen, damit sie nicht in das soziale Milieu des Ortes drängen. Wir haben deshalb relativ schnell einen Schweigemarsch gemacht und 120 Crawinkler mobilisiert, die den Käufern signalisiert haben, dass es hier eine große Mehrheit gibt, die einen Blick auf sie hat.“


Das Haus der Neonazi-Wohngemeinschaft in Crawinkel, in dem kürzlich mehrere Schusswaffen gefunden wurden.

Doch der Blick der Crawinkler reicht nur bis zur Tür des Hauses und so wurden nur ein paar Tage nach meinem Besuch bei einer Hausdurchsuchung mindestens ein Sturmgewehr mit Munition, zwei Maschinenpistolen der Marke Uzi, ein Colt „Double Eagle“, 15 Patronen Kaliber 9 mm sowie diverse Schlagwaffen und Amphetamine gefunden. Ein paar Tage nach dieser Hausdurchsuchung wurde bekannt, dass ein Rechtsextremer, der zu den Erwerbern des Hauses in Crawinkel gehören soll, ein weiteres Objekt in Ballstädt, nur 30 Kilometer entfernt, erworben hat.  

Nur ein paar Minuten Autofahrt von Crawinkel entfernt fand der Terror des NSU am 4. November 2011 in einem Wohngebiet in Eisenach ein Ende, als sich Mundlos und Böhnhardt nach einem Banküberfall umgeben von 110.000 Euro und mehreren Waffen erschossen. Beate Zschäpe zündete beinahe zeitgleich das Zwickauer Wohnhaus, das dem Trio als Unterschlupf gedient hatte, an und jagte es in die Luft.  


In dieser Straße in einem Wohngebiet in Eisenach brannte das Wohnmobil des NSU aus.

Seit dem Auffliegen des NSU ist die rechte Szene in Thüringen und anderswo jedoch keineswegs verunsichert oder in Auflösung begriffen, sondern im Gegenteil. Die Selbstenttarnung des NSU hat die Szene in der Region und anderswo laut Matthias Quent sogar noch zusammengeschweißt. „Natürlich ist die B88 nicht der Magnet für Nazis. Die Heil-Hitler-Straße ist ein schiefes Bild für eine strukturelle Entwicklung im ländlichen Raum, was ich bedrohlich finde, weil da niemand hinkuckt. Es gibt keine spezifischen Strategien oder Konzepte für den ländlichen Raum seitens der Politik. Man will lieber keinen Staub aufwirbeln, da das dem Image schaden könnte.“

Alleine der numerische Code der B88 mag nicht zwingend mehr Anziehung auf die Rechtsextremen ausüben als irgendwelche anderen strukturschwache Regionen in Deutschland. Die Route ist jedoch symptomatisch dafür, wie es rechte Strukturen schaffen, sich in wirtschaftlich schwachen Regionen festzusetzen, den dortigen Leerraum für sich und ihre Ideologie zu nutzen und sich so sukzessive der öffentlichen Wahrnehmung zu entziehen. Die gruselige Frage, die sich mir am Ende der Reise über die B88 aufdrängt, ist also, wieso Nazis überhaupt erst in den Untergrund abtauchen sollten, wenn sie auch einfach aufs Land ziehen können.

Fotos: Boris Niehaus (www.1just.de)

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