Warum ich ein besorgter Bürger bin
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Warum ich ein besorgter Bürger bin

Am Sonntag fuhr die AfD Rekordergebnisse ein. Auch unser Autor ist ein besorgter Bürger und schildert hier zum ersten Mal ganz offen seine Ängste.
18.3.16

Besorgte Bürger (Symbolfoto) | Foto: imago | Christian Mang

Ja, ich gebe zu: Auch ich bin ein besorgter Bürger. Und ich möchte, dass meine Sorgen genauso ernstgenommen werden, wie es die FPÖ-, AfD- und Pegida-Anhänger für ihre vermeintlichen Ängste, die sich aber immer mehr nach Hass anhören, einfordern.

Ich habe zum Beispiel Angst, dass Menschen, die mir wichtig sind, bald nicht mehr so frei werden leben können, wie sie es derzeit tun—nur weil die Toleranz gegenüber anderen Lebensformen abnimmt. Ein Freund von mir hat mir diese Woche erzählt, dass er vor vielen Jahren einmal einen tätlichen Übergriff von Rechtsradikalen erleben musste, weil er schwul ist. Nun habe er, wohl als Reaktion auf die Wahlergebnisse von Sonntag, zum ersten Mal wieder davon geträumt. Sein Haus sei von Homohassern umstellt und angegriffen worden, er habe die Polizei gerufen, aber die habe nicht reagiert.

Ich habe die Bilder von Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Heidenau und Clausnitz vor Augen. Das macht mir Angst. Was mir aber auch Angst macht, ist, dass sich das bald noch mehr ausweiten könnte. Denn wenn die Geschichte eines gezeigt hat: Hass und Diskriminierung kennen keine Grenze, sie finden immer wieder neue Minderheiten, an denen sie sich austoben können.

Ich habe auch Angst, dass das Leben für meine jüdischen Freunde in Österreich und Deutschland immer gefährlicher wird, weil der Antisemitismus das verbindende Elemente aller radikalen Gruppen ist, deren Gewicht gerade wächst, seien sie nun rechts oder links, islamistisch, türkisch-nationalistisch oder putintreu. Ich sorge mich, dass die von den Radikalen gezielt herbeigeführte Überforderung der Sicherheitsbehörden dazu führt, dass kein effektiver Schutz jüdischen Lebens in Deutschland mehr möglich ist. Eine Schande, gerade einmal 70 Jahre nach dem Holocaust.

Ich habe Angst, dass meine muslimischen Freunde sich in Österreich und Deutschland bald nicht mehr wie zu Hause fühlen—obwohl sie hier geboren sind. Ich mache mir Sorgen, dass sie bald nur noch anhand ihres Aussehens und ihres Namens bewertet werden, und nicht mehr anhand ihres Verhaltens und ihrer Leistung. Ich fürchte mich davor, in einer Gesellschaft zu leben, in der Vorurteile das Leitbild sind, und nicht die Idee, jedem Menschen gleichermaßen Lebenschancen zu eröffnen.

Ich habe Angst, dass meine Kinder nicht mehr in einer Gesellschaft aufwachsen dürfen, die so frei ist wie die heutige. Ich habe Angst, dass ihnen Grenzkontrollen wieder so normal erscheinen, wie uns inzwischen die offenen Grenzen. Mir graut davor, dass die Tabus, die wir Anstand nennen und die unser Zusammenleben angenehm machen, durch neue Tabus ersetzt werden, die den Freiheitsraum des Individuums zugunsten einer konstruierten ethnisch-homogenen Volksgemeinschaft beschneiden.

Ich mache mir Sorgen, dass die kleinen Mädchen in Zukunft nicht mehr im Geiste der Emanzipation, sondern im Geiste eines neuen Konservatismus erzogen und ihnen ihr Platz am Herd statt in Vorstandsetagen zugewiesen wird. Ich sorge mich um die kleinen Jungen, die in Zukunft wieder nach für überkommen gehaltenen Männlichkeitsidealen erzogen werden, statt im Sinne der Gleichberechtigung.

Ich habe Angst, dass Europa zerbricht. Ich befürchte, dass die westlichen Demokratien gegenüber autoritär geführten Staaten ins Hintertreffen geraten und für viele Menschen das demokratische Modell ohne kontinuierliches Wirtschaftswachstum unattraktiv erscheint.

Ich habe Angst, dass ich eines Tages Deutschland, mein Heimatland, verlassen muss, weil für meine politische Meinung kein Platz mehr ist. „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen", wird bei rechten Kundgebungen gebrüllt. Und in persönlichen Nachrichten wird mir und anderen das inzwischen ganz gezielt nahegelegt. Dabei liebe ich Deutschland durchaus. Das freie Deutschland, das bunte Deutschland, das vielfältige Deutschland, das weltoffene Deutschland. Ich mache mir Sorgen, dass genau dieses Deutschland, das ich liebe, zerstört wird, wenn die Rechten noch stärker werden.

Ich habe Angst, dass wir vor lauter Ängsten und Sorgen die Menschlichkeit gegenüber denjenigen vergessen, die Angst um Leib und Leben haben. Ich habe Angst, dass gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausgespielt und aufgebracht werden, anstatt dass sie dazu angespornt werden, ihren Teil zum Gelingen unserer offenen Gesellschaft beizutragen.

Ich habe Angst, dass die AfD, die FPÖ, Pegida und Co. weiter in die Mitte der Gesellschaft vorstoßen und das Klima in der offenen Gesellschaft vergiften. Und ich sehe mit Sorge, dass wichtige Politiker bei der Frage, wo sie wirklich stehen, zu wanken scheinen—und damit den Radikalen den Weg bereiten.

Und ja, ich habe Angst, dass all meine Sorgen und Ängste Realität werden, wenn man auf die Sorgen und Ängste der AfD-Wähler eingeht.