Ein Tag voller Wahnsinn und Gewalt in Kiew

Ich dachte ich habe schon alles gesehen, aber nach Entführungen, Journalisten-Attacken und Toten bin ich mir nicht mehr sicher, wohin die Kämpfe in der Ukraine führen werden.

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Jan. 23 2014, 11:14am

Kiew ist in diesen Januartagen eine der surrealsten Städte der Welt. Während in den meisten Teilen der Stadt der Alltag weitergeht, sieht es im Zentrum aus wie auf Bildern vom Arabischen Frühling.

Seit Sonntag werden die abgesperrten Straßen, die zum Parlament und den anderen Regierungsgebäuden führen, von radikalen Anti-Regierungs-Demonstranten belagert. Sie bewerfen die Polizisten mit Steinen und Molotowcocktails und bekommen Tränengas, Wasserwerfer und Blendgranaten zurück. Und neuerdings auch Kugeln von Scharfschützen, wie einige Zeugen berichten. Die Gerüste verbrannter Polizeibusse dienen als Barrikaden, die das Schlachtfeld in zwei Lager teilen.

Ich berichte seit Ende November über die Proteste in Kiew und dachte eigentlich, dass mich die Gewalt und das Chaos abgestumpft hätten. Aber als ich Mittwochmorgen hörte, dass die Polizei Demonstranten erschossen hat, hatte ich zum ersten Mal Angst, an den Schauplatz zu gehen. Ich ging trotzdem und erlebte den bislang intensivsten Tag der Proteste. Am Ende des Tages war die Zahl der erschossenen Demonstranten auf fünf gestiegen, wie Ärzte vor Ort berichteten. Außerdem fanden Polizisten in einem Wald vor Kiew die Leiche eines Demonstranten, der zwei Tage zuvor gekidnappt worden war.

All das ahnte ich morgens noch nicht. Nach einem Stillstand fingen die Kämpfe um 11 Uhr morgens wieder an, und ich beobachtete sie aus nicht allzu weiter Entfernung. Deine Wahrnehmung ändert sich, wenn zwei Tage lang Molotow-Cocktails an dir vorbeigeflogen sind. 

Die verbrannten Busse waren hervorragendes Bildmaterial, und so bahne ich mir langsam einen Weg in die vorderen Reihen der Zuschauer und weniger aktiven Demonstranten, während sich etwa hundert Radikale in Helmen und Sturmhauben an der Front bewegen und Steine auf die Hundertschaften der Polizisten schleudern. Hier und dort explodieren Granaten, doch scheint niemand verletzt worden zu sein. Ich habe das absurde Gefühl, unverwundbar zu sein.

Zwei Schritte von mir entfernt wird ein Mann von einem Gummigeschoss getroffen. Mir entgeht der Moment, in dem die gesamte Masse zu laufen beginnt. Frauen schreien, einige Männer ebenfalls. Die Frau, die an mir vorbeiläuft, wiederholt hysterisch das Vater Unser.

„... geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme ...“, ruft sie, während sie durch die Menge hastet.

Ich versuche, einen Moment anzuhalten und mit meinem Handy ein Video aufzunehmen, doch mehrere Männer brüllen mich an, ich solle sofort weiterlaufen. Als ich 30 Meter hinter mir die metallenen Schutzschilde der Polizei sehe, folge ich der Anweisung. Vor zwei Monaten hatte die Polizei in einem ähnlichen Ansturm jeden Journalisten umgehauen, der ihr in die Quere kam—die Journalisten hatten gedacht, dass ihre Presseausweise sie schützen würden. Dienstag hatten die Bereitschaftspolizisten ihre Einstellung gegenüber anwesenden Journalisten verdeutlicht, als sie zwei Kameramänner mit Gummigeschossen verwundeten.

Als die Menge hundert Meter hinter dem Kampfschauplatz zum Stehen kommt, verstecke ich meinen Presseausweis unter meinem Schal. Die Frau betet noch immer laut vor sich hin. Die Laute, die sie ausstößt, sind in dem Augenblick beängstigender als all die Schreie. Neben der Tür eines beliebten Sushi-Imbisses explodieren Granaten, die den Schnee vom Dach fegen. Neben mir kümmert sich eine Gruppe ehrenamtlicher Sanitäter um einen älteren Demonstranten. Sein Kopf blutet heftig.

Ein paar Minuten später gewinnen die Demonstranten die Überhand. Nun sind es die Polizisten, die wegrennen und an ihre ursprünglichen Posten zurückkehren. Während ich die Zusammenstöße beobachte, suche ich unwillkürlich nach Wegen, wie ich notfalls aus der Situation herauskomme. Aus den Erfahrungen der letzten zwei Monate weiß ich, dass es keine gute Idee ist, in Nebenstraßen zu flüchten, denn die Polizei verfolgt die Leute überall hin. Ich suche mir den Eingang zu einer Presseagentur aus.

Später am Tag finde ich heraus, dass es Menschen gab, die es nicht geschafft haben. Die 49-jährige Valentyna Bilan, eine sehr engagierte Protestanhängerin, die ich morgens vor dem Polizeiangriff getroffen und interviewt habe, wollte gerade mit der Menge flüchten, als sie sah, wie mehrere Polizisten in voller Montur einen über 80 Jahre alten Demonstranten zu Boden warfen und auf ihn einschlugen. Bilan eilte zur Hilfe und wurde ebenfalls verprügelt.

„Sie traten mir in die Rippen und riefen: ,Reicht dir das, Schlampe?‘“, erzählt sie. „Sie haben es gefilmt und gelacht.“

Valentina Bilan, eine Stunde bevor sie von Polizisten zusammengeschlagen wurde

Die Berichte über die Gewalt und den Sadismus der Polizisten überschatten das ursprüngliche Ziel des Protestes. Er begann vor zwei Monaten als Reaktion auf die Weigerung der ukrainischen Regierung, ein Assoziationsabkommen mit der EU zu unterschreiben, und die Entscheidung, eine engere Bindung zum benachbarten Russland einzugehen.

„Damals hätte uns ein Versprechen gereicht. Ein Versprechen mit einem Datum, wann das Abkommen unterschrieben werden würde, mehr nicht“, erzählt mir Yevheniy Kiselyov, ein groß gewachsener Programmier, am Schauplatz der Proteste. „Jetzt ist alles anders. In den letzten zwei Monate sind meine größten Ängste wahr geworden. Wir sind dabei, zu einem totalitären Staat wie Weißrussland und Russland zu werden.“

„Das Verhalten der Polizei ist unglaublich. Und die Geduld der Leute ist am Ende“, ergänzt sein Freund Maksym Andrukh, der sich aus einer mitgebrachten Thermoskanne Tee einschenkt.

Wie Zehntausende andere in Kiew sind die Beiden passive Demonstranten. Sie haben sich aus den Kämpfen der letzten Tage rausgehalten, was aber nicht heißt, dass sie die gewaltsamen Angriffe auf die Polizei verurteilen. Sie kommen regelmäßig, um den Protest durch ihre Anwesenheit zu unterstützen. Beide waren geschockt, als sie am Mittwochmorgen von den Toten erfuhren.

Laut dem Arzt Oleg Musiy wurden am Mittwoch fünf Demonstranten von der Polizei erschossen, 300 weitere verletzt. Die Polizei hat nur zwei Todesfälle bestätigt, ohne klarzustellen, ob die beiden von Sicherheitskräften erschossen wurden. Auch zu dem im Wald gefundenen Aktivisten gab es noch keine Stellungnahme.

Olexander Klimashevych

„Sie werden gerächt werden“, sagt Olexander Klimashevych, ein 36-Jähriger mit einem lückenhaften, leicht irren Lächeln. „Wir werden den Polizisten antun, was sie dem Volk antun. Unversehrt werden die nicht aus der Stadt kommen.“

Klimashevych patrouilliert mit Baseballschläger, Helm und selbstgebastelter Ausrüstung im Protestlager auf dem Platz der Unabhängigkeit. Er lebt hier schon seit 52 Tagen. Nachts schläft er im besetzten Rathaus, Essen holt er sich von den improvisierten Küchen, die auf der Straße einfache Mahlzeiten ausgeben. Heute vormittag war er noch an der Front und warf Steine auf die Truppen der Polizei, gerade ruht er sich aus und bewacht das Lager.

Demonstranten wie Klimashevych organisieren sich in Einheiten, die sich „Selbstverteidigungsmannschaften“ nennen. Sie haben in den letzten Tagen den Kern der Angriffe gebildet. Auf dem Platz patrouillieren Hunderte von ihnen in aus Pappe und Holz gebastelten Rüstungen, bewaffnet mit Schlägern und Stöcken. Die Demonstranten haben den Platz der Unabhängigkeit komplett abgeriegelt, jeder Zugang ist mit hohen Barrikaden aus Müll und Schnee blockiert.

„Wir haben genug!“

Vor einer Woche war der Platz noch fast leer. Viele hatten geglaubt, dass die Proteste langsam aber sicher verebbt seien. Aber die Regierung selbst entfachte die Wut der Demonstranten aufs Neue: Am 16. Januar verabschiedete sie eine Reihe drakonischer Strafen, darunter das Verbot, bei Versammlungen sein Gesicht zu verbergen. Außerdem ist es verboten, einen Helm zu tragen, Informationen über Beamte der Sicherheitskräfte oder deren Familien zu sammeln und in Kolonnen von mehr als fünf Autos zu fahren. „Jeder Stau ist jetzt verboten“, geht der Witz.

Streng genommen verstoße auch ich gegen das Gesetz, weil es explizit Schals verbietet, „die das Gesicht bedecken“. Allerdings wickelt sich bei minus 10 Grad die halbe Stadt einen Schal ums Gesicht. 

Dass die gewaltsamen Aufstände im Grunde keinerlei Verbindung zur Politik haben, macht die Situation noch surrealer. Viele der radikalen Demonstranten, mit denen ich sprach—von denen mir übrigens keiner seinen Namen sagen wollte—, hatten gar keine klare Vorstellung, wen sie zum Zurücktreten zwingen wollen. Immer öfter treffe ich auch Leute, die nur gegen die Polizeigewalt selber kämpfen wollen. Am allerwenigsten vertrauen sie den Politikern der Opposition, auch Vitali Klitschko nicht.

„Die sollten doch hier bei uns dabei sein, oder? Sind sie aber nicht. Es ist der Kampf des Volkes“, erklärte mir Dimitri in einer Kampfpause am 20. Januar. Wie viele andere wollte er sich nicht fotografieren lassen. „Wenn wir nicht gewinnen, sind wir verloren. Sie werden hinter allen hinterher sein“, fügte er mit einem verbitterten Lächeln hinzu.

Heute, am Donnerstag, geht der Widerstand weiter. Ständig kommen Autofahrer in die Innenstadt, um alte Reifen zu spenden. Mit ihnen wird die Rauchwand aufrechterhalten, die die Polizei abhält. Gleichzeitig kursieren Gerüchte, dass die Regierung das Camp in den nächsten Tagen mit einem massiven Polizei- und Militäraufgebot angreifen wird. Die Spannung in Kiew steigt, und man bereitet sich auf das Schlimmste vor.

Olexander Klimashevych, einer der Bewacher des Platzes
Olga Rudenko

Barrikaden. Auf dem Schild steht: „Wir haben genug!"
Olga Rudenko

Die Demonstranten benutzen alles, was sie finden können, als Waffe.
Nick Zavilinskyi

Menschen strömen auf den Platz der Unabhängigkeit
Nick Zavilinskyi

Ein Demonstrant hat wegen der Hitze und des Rauches das Bewußtsein verloren
Nick Zavilinskyi

Ein Demonstrant schützt sich mit einer Metallplatte vor dem Feuer
Nick Zavilinskyi

Molotowcocktails werden oft eingesetzt. Bis zu 50 Polizisten sollen Verletzungen erlitten haben.
Nick Zavilinskyi

Die Demonstranten tragen Helme und Gasmasken, um sich vor den Blendgranaten der Polizei zu schützen
Nick Zavilinskyi

Demonstrant beobachtet die brennenden Barrikaden.
Nick Zavilinskyi

Demonstranten auf der Grushevskogo verbrennen Ölfässer und Reifen, um die Polizei fernzuhalten.
Nick Zavilinskyi

Die Demonstranten tragen Helme und Gasmasken, um sich vor den Blendgranaten der Polizei zu schützen
Nick Zavilinskyi

Ein Demonstrant beobachtet das Feuer.
Nick Zavilinskyi

Die Demonstranten legen Reifen nach, um sich durch den Rauch vor der Polizei zu schützen
Nick Zavilinskyi

Nick Zavilinskyi

Ein Demonstrant passt auf, dass das Feuer nicht ausgeht
Nick Zavilinskyi

Nick Zavilinskyi

Kämpfende Demonstranten auf der Grushevskogo
Nick Zavilinskyi

Nick Zavilinskyi

Der Rauch der brennenden Barrikaden auf der Grushevskogo
Olga Rudenko

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