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Das Wall-Street-ABC: Ein Führer durch die Finanzindustrie

Alles, was du schon immer über den Kapitalismus wissen wolltest.
22.2.15

Als George Washington 1789 in der Federal Hall an der Wall Street vereidigt wurde, florierte der Handel mit Aktien und Anleihen im Schatten der umliegenden Bäume bereits seit mehr als 100 Jahren. Da sich den ersten amerikanischen Unternehmen im eigenen Land kaum Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung boten, wandten sie sich zu diesem Zweck meist nach Übersee. Aufgrund der günstigen Lage in der Nähe der Häfen der New Yorker City konzentrierten sich diese Aktivitäten sehr bald in der Wall Street.

Das System war ziemlich simpel: Um sich Hartwährung zu verschaffen, verkauften Unternehmen entweder Aktienanteile oder gaben Anleihen heraus (das sind Schuldverschreibungen in Form verzinslicher Wertpapiere), die von den Aktionären bzw. Anleihebesitzern an Anleger weiterverkauft werden konnten, idealerweise mit Gewinn.

Das heutige System funktioniert noch annähernd genauso—es ist nur größer, finanzstärker und unendlich komplexer. Seine vorrangige Aufgabe ist nach wie vor dieselbe: der effiziente Einsatz von Kapital. Im Laufe der Zeit ist das System jedoch immer komplizierter geworden. Es hat seine eigene Sprache entwickelt und eine Umgebung geschaffen, deren Undurchsichtigkeit es jenen, welche die Geldströme kontrollieren, erlaubt, Gelder zum eigenen Vorteil abzuzweigen.

Die Wall Street mag also zwar manchem wie ein höchst exklusiver Privatclub vorkommen, aber eigentlich können alle mitmachen, sobald sie neben der finanziellen auch die sprachliche Hürde überwunden haben. Mit unserem ABC des Finanzmultiversums ist das kein Problem mehr.

ABSTRAKTE KUNST: „Also wirklich, Chuck, deinen Lottogewinn hätten wir in einen Rothko investieren können, aber du musstest ja alles an der Börse verpulvern."

Je nachdem, wen man fragt, kann man das Finanzwesen als Kunst, Wissenschaft, beides oder keines von beiden betrachten. Der einflussreiche Ex-Hedgefondsmanager und Autor Nassim Nicholas Taleb meint, in den Wirtschaftswissenschaften sei es möglich, „Scharlatanerie mit gewichtigen Gleichungen zu verschleiern, ohne dabei erwischt zu werden, da es in dem Bereich keine kontrollierten Experimente gibt".

Die Wirtschaftswissenschaften sind aber auch keine Kunst. Einige Investmentmanager rühmen sich zwar eines besonderen Talents, „Alpha zu generieren" (das heißt, mehr als die erwarteten Erträge, eine Überrendite, zu erwirtschaften), aber diese Äußerungen haben vermutlich mehr mit geschicktem Marketing als mit Tatsachen zu tun.

BULLEN UND BÄREN: „Vor dem Supreme-Court-Skandal sah es nach einem Bullenmarkt aus, aber nachdem jetzt alle Welt erfahren hat, dass Ruth Bader Ginsburg tatsächlich untot ist, haben wir es mit einem Bärenmarkt zu tun."

Auf der Wall Street kaum zu übersehen ist der „Charging Bull", die etwa fünf Meter lange Bronzeskulptur eines angreifenden Stieres. Die Skulptur wurde nach dem Börsencrash von 1987 aufgestellt und veranschaulicht, warum der Bulle steigende Aktienkurse symbolisiert: Er stürmt mit gesenktem Kopf, aufgeblähten Nüstern und weit aufgerissenen Augen zornig nach vorn. Aktien steigen meist gleichzeitig an, manchmal in großen Sprüngen und oft aus unersichtlichen Gründen. Im Gegensatz zum Bullen, der steigende Kurse darstellt, symbolisiert der Bär fallende Aktienkurse: Ein fallender Markt gleicht einem schlummernden Bären.

CHIMÄRE DES GELDES: „Mein Vater hat nie an das Konzept des Geldes geglaubt; aber weil ich im Wald aufgewachsen bin, habe ich viel über das Forstwesen gelernt."

Im Gefängnis benutzen Häftlinge oft Briefmarken als Währung. Das System funktioniert, weil alle, die mit den Briefmarken handeln, stillschweigend übereinkommen, dass die Briefmarke einen Wert hat, der über ihren tatsächlichen Wert hinausgeht. Sollten die Häftlinge eines Tages beschließen, dass Briefmarken wertlos sind und dass sie stattdessen mit Zigaretten handeln wollen, dann ist der Typ mit dem Kissenbezug voller Briefmarken im Arsch.

DIVERSIFIKATION: „Diversify your bonds."—GZA

Als Anleger solltest du dein Geld streuen. Eine bewährte Methode besteht darin, Geld auf eine Vielzahl von Anlageformen zu verteilen. Die Idee dahinter: Verschiedene Finanzprodukte gewinnen oder verlieren zu unterschiedlichen Zeitpunkten bzw. mit unterschiedlicher Geschwindigkeit an Wert, sodass das Gesamtportfolio stabil bleibt.

EIGENKAPITAL: „Ich habe 30 Dollar für dieses T-Shirt bezahlt, aber dann hat Karl Lagerfeld draufgespuckt. Also ist es jetzt 200 Dollar wert. Mein Eigenkapital hat sich damit um 170 erhöht. "

Es gibt etwa 5.000 börsennotierte Unternehmen in den USA, von multinationalen Konzernen wie Apple bis zu Kleinaktien emittierenden Unternehmen wie etwa Zoro Mining. Sie sind in Aktienanteile aufgeteilt. Der gesamte Marktwert eines Unternehmens (die Marktkapitalisierung) ergibt sich aus der Multiplikation des aktuellen Aktienkurses mit der Gesamtzahl der Aktienanteile.

FEDERAL RESERVE (US-NOTENBANK): „Ich habe keine Ahnung, was die US-Notenbank macht, aber im Internet steht, dass sie mich hindern will, einen Bunker zum Schutz meiner Familie vor der Apokalypse zu bauen."

Die FED ist das Zentralbanksystem der Vereinigten Staaten. Sie ist für die US-Wirtschaft von herausragender Bedeutung, da sie der Regierung nicht nur als Bank dient, sondern auch für die Regulierung des Wirtschaftswachstums verantwortlich ist, indem sie Zinssätze mithilfe von Offenmarktgeschäften kurzfristig anpasst und Kredite an private Mitgliedsbanken vergibt.

GIER UND ANGST: „Aus Gier habe ich in eine Kette traditioneller Barbiersalons investiert, aber aus Angst vor stümperhaften Friseuren habe ich meine Anteile voreilig veräußert."

Diese beiden Gefühle treiben die Märkte an. Steigen die Aktienkurse, sind die Anleger versucht, auf den Zug aufzuspringen, um sich ihren Anteil an den Erträgen zu sichern, fallen die Aktienkurse, stoßen dieselben Anleger ihre Anteile schnellstmöglich wieder ab.

HEDGEFONDS: „Bis 2008 habe ich Hedgefonds gemanagt, aber seit der Rezession verdiene ich mein Geld mit Rasenmähen."

Die Häufigkeit, mit der Hedgefonds thematisiert werden, verhält sich umgekehrt proportional zur Sinnhaftigkeit, in solche zu investieren: Hedgefonds sind undurchsichtige private Investmentfonds, die überwiegend für sehr vermögende Kunden konzipiert sind und von hochkarätigen Investmentmanagern verwaltet werden. Sie sind von jeher weitgehend unreguliert. Ihre Manager haben oft großen Handlungsspielraum und streichen exorbitante Gebühren ein.

INDEX: „Der BWL-Student brach in Tränen aus, als er auf einen Index stieß, der seiner These komplett widersprach."

Die Wall Street misst alles, einschließlich der Auf- und Abschwünge in der Wirtschaft und auf den Finanzmärkten. Dazu bedient sie sich Indizes. Der Dow Jones ist der wohl bekannteste Index—im Sekundentakt misst er die Aktienkursbewegungen von 30 Großkonzernen. Es gibt noch Dutzende weniger bekannte Indizes, die Beschäftigungszahlen messen, Anleihemärkte, einzelne Sektoren und Märkte in anderen Ländern und Regionen der Welt.

JOB: „Dein Job könnte der Grundstock für deine Rücklagen sein, wenn du endlich aufhören würdest, jeden Abend Pizza zu bestellen."

Geht man von einer jährlichen Wachs­tumsrate von fünf Prozent aus, könnte ein heute 25-Jähriger mit einem Einkommen von 30.000 Dollar im Laufe eines 40-jährigen Berufslebens über 3,5 Millionen Dollar verdienen. Zum Vergleich: Lloyd Blankfein, CEO bei Goldman Sachs, erhielt 2013 eine Vergütung von 23 Millionen Dollar.

KEYNES: „Wie keynesianisch von deinen Eltern, diesen Monat deine Miete zu bezahlen. So kannst du deinen Traum vom Leben als konzeptueller Haiku-Dichter weiterverfolgen."

Der Ökonom John Maynard Keynes (1883–1946) vertrat die Ansicht—wie seine Anhänger heute noch—dass ein Eingreifen des Staates die Konjunktur in Krisenzeiten fördern könne. Das umfangreiche Konjunkturpaket im Zuge der globalen Finanzkrise 2008 war ein Beispiel keynesianischer Ökonomie.

LIQUIDITÄT: „Ich finde einfach niemanden, der mir meinen ganzen Coca-Cola-Vorrat abkauft. Cola ist wohl nicht sehr liquide."

Liquide Mittel lassen sich schnell in Bares umwandeln. Ein Bankkonto sorgt für ständige Liquidität, da man am nächsten Geldautomaten jederzeit Bares bekommen kann. Immobilien dagegen sind illiquide: Auch wenn sie Millionen wert sein mögen, kann es manchmal Monate bis Jahre dauern, sie zu Barem zu machen. Aktien und andere Wertpapiere gelten üblicherweise als höchst liquide—aber einige Aktien sind liquider als andere. Apple beispielsweise ist sehr flüssig: 55 Millionen Apple-Anteile wechseln an jedem Werktag den Besitzer. Selten gehandelte Aktien sind möglicherweise illiquide, weil der Verkäufer keinen Käufer findet. Verkäufer sind während einer Panik in der Überzahl und verursachen Liquiditätsprobleme.

MARKTZYKLUS: „Der Marktzyklus diktiert, dass es aufgrund der Verbrauchernachfrage zu einem Nu-Metal-Revival kommen wird."

Aktienkurse folgen in der Regel einem sich wiederholenden Muster: Ein paar Jahre lang steigen sie, erreichen ein Hoch und fallen dann, bevor sie sich fangen und wieder ansteigen. Die Marktzyklen korrelieren mit den Wirtschaftszyklen: Ein Anstieg von Beschäftigung, Produktion und Handel bedeutet eine möglicherweise mehrjährige Wachstumsphase, die kurz nach ihrem Höhepunkt in eine Rezession mündet—ein Konjunktureinbruch, der ein halbes Jahr oder länger dauern kann.

NOISE IN THE SYSTEM: „Ich nutzte das Rauschen im System, um mit herausgepickten Datenpunkte empirisch zu belegen, dass ‚Seinfeld' wieder ausgestrahlt werden sollte."

Die Wall Street lebt von Daten: Wirtschaftsdaten, Marktdaten sowie Daten von Konzernen, Regierungen und Institutionen. Jeden Tag werden Unmengen von Datenpunkten auf einen bereits gigantischen Berg historischer Zeitreihen aufgehäuft. Dazu kommen der kontinuierliche Informations- und Meinungsfluss aus der Finanzpresse und die Stimmen Tausender Teilnehmer, Beobachter und Analysten. So entsteht ein gewaltiges Rauschen im System.

OPTIONEN: „Norm MacDonald hat die Option für die Rechte an meinem Tumblr gekauft und jetzt verschmachten ‚Cats That Look Like Janet Yellen' in der Entwicklungshölle."

Eine Option verleiht ihrem Inhaber das Recht, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu handeln—oder nicht. Die beiden verbreitetesten Optionsformen sind auf Wertpapieren basierende Kauf- (Calls) und Verkaufsoptionen (Puts). Mit einer Option kann man Wertpapiere für einen Bruchteil ihres Kurses zu einem im Voraus vereinbarten Preis erwerben oder veräußern, bis die Option ausläuft, das heißt wertlos wird. Während ihrer gesamten Laufzeit kann man die Option genauso handeln wie eine Aktie.

PRODUKTE: „Als ich mich als Anleger für ein Finanzprodukt entscheiden musste, geriet ich derart in Panik, dass ich am Ende bei einem wenig rentablen Investmentfonds mit Anlageschwerpunkt im Käsesektor landete."

Neben Aktien und Anleihen sind noch weitere Anlageformen im Angebot. Investmentfonds sind auf Normalanleger zugeschnittene und professionell verwaltete komplette Portfolios. Börsengehandelte Fonds (ETFs) ähneln ihnen. Während die meisten Investmentfonds aktiv gemanagt werden, sind ETFs in der Regel darauf ausgelegt, einen Index nachzubilden.

Investmentprodukte werden von Mak­lerfirmen verkauft. Full-Service-Anbieter verfügen über hoch bezahltes Verkaufspersonal, das in vornehmen Firmenetagen die Produkte aus der Angebotspalette des eigenen Unternehmens anpreist. Direktbanken bieten zwar eine größere Auswahl, aber der Anleger muss seine Produkte selbst zusammenstellen. Registrierte Anlageberatungsfirmen bieten eine Mischung aus beidem: Der Berater konzipiert ein Portfolio, bestückt es mit Produkten eines Discount-Brokers und schichtet es regelmäßig um.

QUANTITATIVE LOCKERUNGEN: „Dank der quantitativen Lockerung konnte meine Bank plötzlich wieder Geld verleihen, aber ich blieb trotzdem in meinem geheimen unterirdischen Bunker."

Als Amerika 2008 in die Rezession stürzte, verpasste die US-Notenbank dem Bankensystem mithilfe der quantitativen Lockerung eine Liquiditätsspritze. Dazu musste sie von Mitgliedsbanken Vermögenswerte in Billionenhöhe aufkaufen. Damit hatten die Banken wieder genügend Geld, um ihre eigenen Bargeldreserven verleihen oder aufstocken zu können. Mit drei QL-Programmen pumpte die Notenbank schätzungsweise 4,5 Billionen Dollar in die Wirtschaft. Einige Beobachter sind der Ansicht, dass man mit der QL ein monetäres Pendant zur Drogensucht erschaffen habe, und sie warnen vor einer weiteren vielleicht schlimmeren Krise.

RISIKO/RENTABILITÄT: „Ich habe mit meiner Investition in eine iPad-Hüllen-Kollektion aus Bernie Madoffs abgelegten Klamotten alles riskiert, aber niemand kaufte sie. Wegen mangelnder Rentabilität verlor ich mein gesamtes Vermögen."

Eines der wenigen allgemein anerkannten Investmentgesetze lautet, dass Risiko und Rentabilität sich immer in etwa die Waage halten. Der Wert von Unternehmensaktien kann steigen—aber das Unternehmen könnte auch pleitegehen und die Aktien wertlos machen. Eine weniger etablierte Firma läuft eher Gefahr, Konkurs zu machen. Andererseits könnte sie das nächste Apple und du richtig reich werden. Anleihen sind in der Regel sicherer, bieten aber geringere Ertragsmöglichkeiten. Bankguthaben sind durch den FDIC, den Einlagensicherungsfonds der Vereinigten Staaten, abgesichert, der dir aber auch ganz sicher nur minimale Erträge bringt.

SEC (US-BÖRSENAUFSICHTSBEHÖRDE): „Die SEC ignorierte meine wiederholten Aufforderungen, im Fall von Bernie Madoffs Ponzi-Schema zu ermitteln, obwohl das ausdrücklich zu ihren Aufgaben gehört."

Die Securities and Exchange Commission ist eine US-Bundesbehörde, die für die Einhaltung der nationalen Wertpapiergesetze und die Kontrolle der Finanzbranche zuständig ist. Neben der Aufsicht über die Anlagemärkte obliegt es ihr, Anleger zu schützen, indem sie börsennotierte Unternehmen dazu anhält, zuverlässige Informationen über die eigenen Finanzen zu veröffentlichen. Ziel ist, dass alle Anleger Zugang zu denselben Daten haben.

TAKTISCH VS. STRATEGISCH: „Letztes Jahr habe ich taktisch investiert und jeden Tag stundenlang gehandelt. Schließlich habe ich mich für strategische Investitionen entschieden, damit ich öfter mal vor die Tür komme, um meinen Hund auszuführen."

Moderne Anlagestrategien beruhen auf zwei gegensätzlichen Vorgehensweisen: Die taktische Methode erfordert permanent schnelle Reaktionen auf Markt- und Wirtschaftsereignisse mittels kurzfristiger Käufe und Verkäufe. Die strategische Methode folgt eher dem Prinzip „Kaufen und laufen lassen". Anhänger taktischer Anlagen behaupten, dass rechtzeitig eingeleitete Maßnahmen Risiken reduzieren können. Verfechter des anderen Prinzips weisen darauf hin, dass häufiges Handeln die Kosten steigert und dass Timingstrategien noch nie zuverlässig funktioniert haben.

USA: „Die Vereinigten Staaten von Amerika bleiben der Motor des Weltwirtschaftswachstums."

Die USA repräsentieren weniger als fünf Prozent der Weltbevölkerung, halten aber 49 Prozent der weltweiten Aktienmärkte hinsichtlich der Werte. (Großbritannien und Japan liegen mit jeweils acht Prozent beide auf dem zweiten Platz, China repräsentiert zwei Prozent.)

VANGUARD: „Ich habe kürzlich ein paar Vanguard-Fonds erworben. Das durch den Wegfall der Gebühren gesparte Geld habe ich in ein diamantbesetztes Halsband für meinen Hund investiert."

2013 waren dem Investment Company Institute zufolge 801 Investmentfonds-gesellschaften mit über 15.000 verschiedenen Fonds auf dem Markt. Das größte dieser Unternehmen, die Vanguard Group mit Sitz in Pennsylvania, bietet 123 verschiedene Fonds an. Vanguard bietet No-Load-Fonds an, die von Maklern nicht verkauft werden, da sie keine Provision bieten.

WELTWIRTSCHAFT: „Die Große Hungers­not in Irland hatte erhebliche Folgen für die Weltwirtschaft, da die Auswanderung junger Iren nach Europa und Amerika das Arbeitskräfteangebot aus dem Gleichgewicht brachte."

Jahrhundertelang galt das Wirtschafts-system jedes einzelnen Landers als quasi abgeschlossene Einheit. Erst in jüngster Zeit begreifen wir, dass es keine unabhängigen Wirtschaftssysteme gibt. Informationen, Kapital und Waren bewegen sich mit einer Geschwindigkeit um den Globus, die man vor wenigen Jahrzehnten nicht hätte ahnen können. Kein einziges Land, keine einzige Region kann sich entziehen: So hält China, ein extremes Beispiel für die wechselseitige Abhängigkeit, mehr als 1,2 Billionen Dollar der staatlichen Schuldverschreibungen der USA, während seine zahlreichen billigen Arbeitskräfte einen nicht unerheblichen Teil der dort benutzten Produkte herstellen. Würde China keine Anleihen mehr kaufen oder keine elektronischen Produkte mehr verkaufen—oder würden die USA diese Produkte nicht mehr kaufen—wären beide Länder in großen Schwierigkeiten.

X CHROMOSOM: „Die ganzen Menschen mit nur einem X-Chromosom im Goldman-Sachs-Gebäude sorgten dafür, dass es dort vor der Damentoilette keine Warteschlange gab."

Der Gender Gap in der Wall Street ist kaum zu übersehen. Die größten Finanzfirmen haben keine weiblichen CEOs, und nur 17 Prozent der Führungskräfte in diesen Firmen sind Frauen. 2013 waren nur 22,5 Prozent der Einsteiger bei den Analysten weiblich. Allerdings handelt es sich hier nicht nur um eine Geschlechterkluft: 65 Prozent waren weiß, 29 Prozent Asiaten und nur sechs Prozent waren schwarz oder hispanisch.

YIELD: „Die Kuh der Familie war 1.000 Dollar wert, aber ihre Milch brachte vierteljährlich einen Ertrag von 400 Dollar."

Die Rendite einer Anlage besteht aus zwei Elementen: Kapitalwertsteigerungen und Ertragseinnahmen. Die Aktien der US-Großhandelskette Costco wurden vor einem Jahr zu 112 Dollar gehandelt, derzeit bewegt sich ihr Kurs um die 127 Dollar, was einer Kapitalwertsteigerung von 15 Dollar entspricht. Der Ertrag sind die laufenden Einnahmen aus den Vermögenswerten. Im Fall einer Aktie wird der Ertrag als Dividende ausgezahlt. Costcos letzte Vierteljahresdividende betrug 35,5 Cents pro Aktie. Bei einem Aktienwert von 127 Dollar und einer jähr­lichen Dividende von 355 Dollar entspricht das einer Dividendenrendite von 1,1 Prozent. Das ergibt eine Gesamtrendite von 16,42 Dollar bzw. 14,7 Prozent.

ZUCCOTTI PARK: „Warum sind deine Stiefel so schlammig und stinken?" „Ich habe mit den anderen 99 Prozent im Zuccotti Park protestiert!"

Der Zuccotti Park ist ein öffentlich zugänglicher Privatpark in Lower Manhattan, wo die Occupy-Wall-Street-Demonstranten kampierten. Der Park wurde zu einer Verkörperung einer philosophischen Antithese zur Wall Street. Wenn man die Finanzwelt erkundet, sollte man sich immer bewusst sein, dass die Wall Street keine Abstraktion ist: Sie ist ein Machtzentrum, dessen Vorgehensweise konkrete Folgen für die Menschen hat.