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Popkultur

Wer mag eigentlich Uwe Boll?

Besoffene Nazis und Videospiel-Verfilmungen direkt aus der Hölle—Wir haben Fans gefragt, warum sie den „schlechtesten Regisseur aller Zeiten" so sehr lieben.

von Peter Lebrun
15 Juni 2015, 2:37pm

Es gibt wenige Menschen in der Medien-Welt, die mehr Hass und leidenschaftliche Verachtung erfahren, als Uwe Boll. Vor allem seine Videospiel-Verfilmungen bringen regelmäßig die Fans der Vorlage gegen ihn auf und zählen mit ihren unterirdischen Bewertungen scheinbar zum Schlechtesten, was jemals produziert wurde. Dazu kommt noch, dass er mit seiner selbstgerechten Art auch als Mensch nicht gerade Sympathiepunkte sammelt. Wer sowieso schon im kulturellen Glashaus sitzt, sollte nach einer gescheiterten Crowdfunding-Kampagne für Rampage 3 vielleicht nicht noch mit Steinen werfen und seine Fans beschimpfen.

Trotzdem oder gerade wegen seiner verschrobenen Art und seinem beispiellos trashigen Lebenswerk, hat der Doktor der Philologie aus Wermelskirchen da draußen auch Fans. Wir haben uns in die Untiefen des Internets begeben, um sie aufzuspüren und sie gefragt, was genau sie an Uwe Boll, dem „schlechtesten Regisseur aller Zeiten", so sehr lieben. Die Begründungen reichen dabei von herzerwärmend bis ausgesprochenem Kultur-Masochismus.

Robin (25), Spielejournalist aus Berlin

Aus meiner Sicht kann man Uwe Boll nur als Gesamtkunstwerk wirklich begreifen. Es sind nicht nur die Filme oder nur seine Person, die auf mich eine große Faszination ausüben, es ist die Mischung aus beiden. Er hat keine Angst irgendwem auf den Schlips zu treten und nimmt kein Blatt vor den Mund. Das macht so sonst kein anderer Regisseur. Ich glaube, dass das auch immer sein großes Problem war, dass er jemand ist, der sehr radikal und sehr laut ist. Damit in Hollywood einzusteigen, das konnte nie wirklich funktionieren.

Uwe Boll schwadroniert über seinen Auschwitz-Film.

Ein gutes Beispiel sind seine Audiokommentare zu seinen Filmen: Die Dungeon Siege-Filme zum Beispiel sind selbst von einem Trash-Standpunkt aus gesehen ziemlich langweilig. Aber Uwe Boll geht in seinem Kommentar auf sehr viel „Behind-the-Scenes"-Kram ein, den du sonst nirgendwo hören würdest, von Anfang bis Ende des gesamten Produktionsprozesses. Im Kommentar zu Alone in the Dark macht er sich sogar über seine Darstellerin Tara Reid lustig, die in dem Film eine Wissenschaftlerin spielen soll, in Bolls Augen aber nicht wirklich dazu geeignet ist.

Zwar hat er die ganzen Videospiel-Verfilmungen, wie er selber sagt, nur des Geldes wegen gemacht, aber eben auch nur um seine anderen Herzensprojekte finanzieren zu können. Wenn man sich ihn also mal komplett ankuckt, sieht man, dass er im Grunde genommen jemand ist, der für sein Leben gern Filme dreht, dem aber bewusst ist, dass er eben auch schnödes Business durchziehen muss, um seiner Leidenschaft nachgehen zu können.

Dafür geht er dann auch ungewöhnliche und zum Teil auch fragwürdige Wege bei der Produktion seiner Filme. Zum Beispiel hat er die gleichen Zug-Waggons und Locations aus Blubberella (einem Vampir-Nazi-Zombie-Trash-Film) für sein Holocaust-Drama Auschwitz verwendet. Er hat sogar ganze Szenen recycled. Da laufen dann die Häftlinge aus Auschwitz in Blubberella an der gleichen Location im gleichen Entenmarsch den Weg entlang, nur dass einer von ihnen ein Vogelkostüm trägt! Das ist natürlich komplett panne, aber genau das ist das Ding: Diese Filme dürften so eigentlich gar nicht existieren, aber genau das macht für mich den Reiz aus.

Jan (23), Student aus Köln

Was andere in der Filmbranche zu beschönigen versuchen, spricht Uwe Boll mit aller Härte aus. Das gilt nicht nur für seine YouTube-Ansagen, sondern vor allem für seine Filme. Er pfeift auf politische Korrektheit und fährt seine eigene Agenda. Ein Film der das sehr gut zeigt und mich direkt gepackt hat, ist Darfur, einem Film über einen Völkermord, der wenig Beachtung von den Medien fand und findet. Zwar wurde die Shaky-Cam zu oft und heftig eingesetzt und der Rachefeldzug der Journalisten ist nicht gerade realistisch. Dennoch ist die Thematik, die Umsetzung und vor allem die Besetzung einfach grandios.

Was mich an der Machart interessiert hat, ist die Besetzung mit echten Augenzeugen und Opfern aus dieser Zeit. Das traut sich kein anderer als Boll. Durch die sehr harten Gewaltdarstellungen wird einem recht schnell bewusst, dass es sich hier nicht um einen Hollywood-Blockbuster à la Blood Diamond handelt, der von Funktionären und Investoren weichgespült wurde, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Es macht tatsächlich keinen Spaß, sich Darfur anzusehen. Und das war, denke ich, auch genau die Absicht hinter dem Film. Er soll dem Zuschauer bewusst machen, dass es im Krieg keine Happy Ends gibt.

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Ich glaube, dass 18 von 20 Menschen Uwe Boll als schlechten Regisseur bezeichnen würden. Fragt man dann genauer nach, woran sie das festmachen, merkt man schnell, dass 17 dieser 18 Negativstimmen noch nie einen seiner Filme gesehen haben. Genau das ist das Problem. Der schlechte Ruf eilt ihm voraus. Filme wie Assault on Wall Street und Rampage drücken meiner Meinung nach das Gefühl der Ohnmacht in der heutigen Welt aus. Vieles läuft gewaltig schief, ist in den Händen einiger Weniger und man hat das Gefühl, dass alle wie Ameisen ihr braves Werk verrichten und das aktuelle Geschehen durch die rosarote Brille sehen. Hauptsache jedes Jahr ein neues Smartphone und einen günstigen, schnellen Internettarif, um es mal überspitzt auszudrücken.

Szene aus ‚Alone in the Dark'. Foto: imago/EntertainmentPictures

Nach Bolls Filmen sitze ich aber da und denke aktiv drüber nach, was für eine Nachricht Boll uns als Zuschauern mit auf den Weg gegeben hat. Genau diese Eigenschaft macht für mich die Kunst des Filmemachens aus. Das vermisse ich in der heutigen Kinowelt leider immer häufiger. Optisch sieht alles top aus, aber unter der ganzen CGI-Schminke versteckt sich dann doch oft einfach nur ein stumpfer, langweiliger Film. Ironischerweise genau die Merkmale, die all die Hater den Boll-Filmen zuschreiben. Verkehrte Welt ...

Mirko (28), Koch aus Eupen

Für mich als Splatter- und vor allem Trah-Fan, ist Uwe Boll der Meister dieses Genres. Bei meinem ersten Boll-Film etwa—das war BloodRayne—habe ich mich die ganze Zeit gefragt: „Was passiert hier eigentlich? Warum um Himmels Willen wurde das so gedreht und wie konnte man das nur so durchgehen lassen?" Der Film hat alles, was ein guter Trash-Film so braucht, von billigen, meist äußerst blutigen Spezialeffekten von Olaf Ittenbach, über unterirdisch schlechte Schauspieler (Michael Madsen ist den ganzen Film über besoffen!), bis hin zu nichtssagenden, lächerlichen Dialogen.

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Ich habe die Videospiel-Vorlage zwar auch gespielt, mich aber nicht so aufgeregt wie andere Fans, zumal die Story im Spiel nicht wirklich logischer ist als im Film. Man muss beide Dinge einfach getrennt voneinander betrachten und dann macht dieser Film auch sehr viel mehr Spaß als beispielsweise der erste Resident Evil-Film von Paul Anderson. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Uwe Boll nicht für jeden Blutspritzer und jede Schusswunde direkt den Computer anwirft, sondern bei vielen Effekten noch auf echte Handarbeit setzt, was den Film viel plastischer macht. Die Gamer-Szene mag ihn dafür hassen, aber ich finde die Videospiel-Verfilmungen von Uwe Boll prinzipiell ziemlich gut—eben weil sie so schlecht sind und unheimlichen Spaß machen.

Bei House of the Dead wurden zum Beispiel Szenen aus dem Spiel total zusammenhangslos in den Film hineingeschnitten, Jürgen Prochnow spielt mit (WTF?) und als Kür gibt es von dem Film noch eine „Funny Version", in der Boll seinen eigenen Film mit neuen Schnitten und Szenen auf die Schippe nimmt! Daran sieht man, dass er über einen großen Haufen Selbstironie verfügt und nicht so ein selbstverliebtes Arschloch ist, wie er wohl für viele in seinen Video-Ansagen rüberkommt. Dann wäre da noch Far Cry. Ich weiß, Til Schweiger und so, aber da sage ich nur: Ralf Möller! Der Film hat ebenfalls wenig mit der Vorlage zu tun, hat aber einen gewissen Charme und erinnert mich total an solch abgefahrene 90er-Jahre-Action-B-Movies wie Cyborg Cop.

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Mein absoluter Lieblingsfilm von Uwe Boll ist aber Postal, der mich sehr an meine Lieblingsserie South Park erinnert. Man stelle sich vor: Zwei verunsicherte Terroristen im Cockpit eines entführten Flugzeugs rufen kurz vor Abschluss ihrer Mission nochmal ihren Chef Osama an, um sich ihre Belohnung im Paradies bestätigen zu lassen. Als dieser jedoch zugeben muss, dass die „Jungfrauen aus" sind, entscheiden sich die beiden kurzerhand, ihren Kurs auf die Bahamas zu ändern. Wären da nur nicht die engagierten Passagiere, die das Cockpit stürmen und das Flugzeug doch noch in das WTC lenken ... Uwe Boll zieht hier wirklich alles und jeden durch den Kakao und kennt keine Gnade. Es gibt nur wenige, die so konsequent sind, wie er.

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Titelfoto: imago/Sepp Spiegl