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Ich habe meine Mutter bei Tinder angemeldet und sie verliebte sich in einen Betrüger

Ach, und ein neues Tattoo hat sie jetzt auch.
28 Juli 2020, 5:45am
Die Mutter der Autorin sitzt mit einem Tablet auf dem Bett und skyped mit einem Betrüger
Fotos: privat

Bevor die Pandemie uns alle erwischte, kam meine Mutter aus ihrem dreimonatigen Italienurlaub zurück. Den hatte sie anscheinend vor allem damit verbracht hatte, Romcoms auf Amazon Prime zu gucken. Meine Eltern sind seit 15 Jahren geschieden und meine Mutter ist seitdem Single. Sie hat aber immer gesagt, dass sie jemanden kennenlernen möchte, mit dem sie ihr Leben teilen kann: eine treue Seele, die ihr morgens auch mal Kaffee macht.

Weil ich nicht länger mit ansehen wollte , wie sie alleine Filme schaut und ziellos durch Facebook scrollt, habe ich ihr ein Tinder-Profil eingerichtet. Der erste Typ, mit dem sie schrieb, sagte sofort, dass er verheiratet sei. Meine Mutter konnte nicht begreifen, warum sich ein verheirateter Mann auf Dating Apps rumtrieb. Sie löste das Match auf.


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Der nächste war Dan*, ein Mann um die 40 mit vielen Tattoos. Auch er war verheiratet. Aber das sei OK, sagte er: Sie könnten auch einfach Freunde sein. Sie verabredeten sich zu einem Treffen in einem KFC in der Nähe unseres Hauses. Ich war super nervös und fragte sie vorher nach seiner Handynummer. Sie sollte mir regelmäßig schreiben, dass alles OK ist. Als sie drei Stunden später nach Hause kam, war ich ein Wrack.

Ein paar Tage später tätowierte Dan meine Mutter bei sich zu Hause. Sie hatte eine Menge durchgemacht und sich vorgenommen, 2020 ein Tattoo stechen zu lassen, das ihren Sieg gegen alle Widrigkeiten symbolisieren sollte: einen Phönix. Ich rollte mit den Augen und fühlte mich doppelt so alt wie sie, aber sie war glücklich.

Mamas unauffälliges neues Tattoo

Meine Mutter und Dan blieben Freunde, während sie weiter auf Tinder nach einem Seelenpartner swipte.

Bald darauf matchte sie mit Arvid, einem Norweger mit grünen Augen. Es dauerte nicht lange und sie schrieben sich täglich. Arvid sagte, dass seine Frau vor fünf Jahren gestorben sei. Normalerweise lebe er mit seiner Tochter in London, momentan aber arbeite er vorübergehend für Gazprom in der Türkei als Unterwasser-Pipeline-Ingenieur. Außerdem sei er ein hilfloser Romantiker, ständig auf der Suche nach seiner besseren Hälfte.

Es dauerte nicht lange, bis er und meine Mutter sich sagten, dass sie sich lieben. Sie machten Pläne, sich in Rumänien zu treffen, sobald er mit seinem Job in der Türkei fertig ist. Zum Beweis schickte er ein Bild seines Arbeitsvertrags.

Ich brauchte nur zwei Sekunden, um zu merken, dass meine Mutter an einen Betrüger geraten war. Gazprom versorgt zwar die Türkei mit Gas, aber der Vertrag war voller Fehler. Arvids Name sah gephotoshopt aus und es fehlten Unterschriften. Noch unheimlicher: Es gab keine Spur von "Arvid Kare" im Internet – weder bei Google noch bei Facebook noch bei Instagram.

Arvids eindeutig gefälschter Vertrag

Arvid versuchte, meine Mutter dazu zu überreden, Tinder zu löschen. Schließlich hätten sie sich doch jetzt gefunden. Ich sagte ihr, dass ich Arvid unheimlich finde und er vorhaben könnte, an ihr Geld zu kommen oder schlimmer: sie zu entführen und zur Sexarbeit zu zwingen. "Wer will denn Sex mit einer Frau in ihren 50ern?", entgegnete sie.

Als Rumänin ist meine Paranoia nicht total ungerechtfertigt. In einem 2018 erschienenen Bericht der Europäischen Kommission hat Rumänien das EU weit schlechteste Zeugnis in Sachen Menschenhandel bekommen. Einer Analyse der Nationalen Agentur gegen Handel von Menschen aus Rumänien zufolge sind die rumänischen Opfer des Menschenhandels zwischen 2018 und 2019 um 29 Prozent auf 698 gestiegen. In fast 200 dieser Fälle waren die Rekrutierer und Rekrutiererinnen Fremde. 74 Prozent der Opfer wurden sexuell ausgebeutet.

Zum Glück wurde meine Mutter auch bald skeptisch. Ich bestand darauf, dass sie Arvid nach einem Foto seines Passes fragt. Am nächsten Tag schickte er das Bild. Es war offensichtlich bearbeitet. Der Pass hatte nicht das richtige Hintergrundmuster und die Identifikationsnummern unten und oben passten nicht zusammen.

Arvids Reisepass mit allen Fehlern | Bearbeitung: VICE

Ich lud zwei Fotos, die er meiner Mutter geschickt hatte, bei PimEyes hoch. Die Seite eignet sich gut zur umgekehrten Bildersuche und Gesichtserkennung. Das erste Ergebnis war ein Instagram-Account von einem gewissen Paul, einem schwulen Mann in England – nicht in der Türkei. Auf seinem Profil fand ich alle Fotos, die Arvid meiner Mutter geschickt hatte. Arvids Tochter war in Wahrheit ein Kind von Pauls Freunden. Ich zeigte meiner Mutter, was ich gefunden hatte. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Zwei Tage später hörte ich meine Mutter in ihrem Schlafzimmer weinen. Sie telefonierte mit Arvid. Ich ließ mir ihr Handy geben. "Ich heiße Kelvin" sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Er sei 28 und stamme aus Nigeria. "Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich nicht meine echte Identität verwendet habe und gelogen habe. Ich hatte nichts Schlimmes mit deiner Mutter vorgehabt."

Er erklärte, dass er sich als Arvid ausgegeben hatte, weil er nicht glaubte, dass meine Mutter einen 28-jährigen Nigerianer matchen würde. "Ich wusste, dass sie kein Interesse gehabt hätte, wenn ich mein eigenes Bild benutzt hätte", sagte er. Er erklärte sich zu einem Skype-Call mit uns beiden bereit.

Kelvin sagte, dass er Autoverkäufer sei. Er hätte meiner Mutter die Wahrheit gesagt, wenn sie sich getroffen hätten. "Es ist egal, welche Farbe deine Haut hat, aber ich könnte deine Mutter sein. Ist dir das klar?", sagte meine Mutter. Kelvin entschuldigte sich wieder.

Der Skype-Anruf mit Kelvin

Ich fragte Kelvin, warum er bei Tinder nach Rumäninnen mittleren Alters sucht, auch wenn ich schon eine gewisse Ahnung hatte. Sogenannte Romance Scams sind zu einer beliebten und lukrativen Betrugsmasche geworden. Den Opfern wird dabei nicht nur Geld geklaut sondern auch das Herz gebrochen. 2019 wurden in einer globalen Operation knapp 300 Menschen wegen solcher und anderer Betrugsmaschen verhaftet. 167 dieser 300 Menschen stammten aus Nigeria.

"Ich habe gehört, dass Rumänien ein schöner Ort ist, mit tollen Landschaften und Häusern", sagte Kelvin. Ich hatte genug und legte auf. Meine Mutter lachte. Sie sagte, sie habe davor nur geweint, weil Kelvins Entschuldigung sie so berührt habe. Ich war in erster Linie froh, dass sie nicht entführt worden war.

Vielleicht hatte Kelvin vorgehabt, eine einsame Frau zu beklauen, vielleicht wollte er auch nur etwas Spaß mit meiner Mutter haben. Ihr geht es jedenfalls wieder besser, aber Tinder hat sie gelöscht.

*Name geändert

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