Anzeige
Popkultur

Diese neue Trash-Sendung vereint das Schlimmste aus WG-Leben und Tierdoku

'Get the f*uck out of my House': Wenn es je zum ersten Mord im deutschen Reality-TV kommen sollte, dann in ProSiebens neuem 'Big Brother'-Abklatsch.

von Lisa Ludwig
05 Januar 2018, 12:11pm

Foto: ProSieben | Willi Weber

"Ein kleiner Ort, irgendwo in Deutschland", tönt es aus dem Off. Alles scheint ruhig. Alles? Nein, eine nicht ganz so kleine Gruppe von Menschen, bepackt mit Plastikboxen und gekleidet in ihren schönsten "Mutti, ich bin im Fernsehen!"-Outfits, steuert auf ein Einfamilienhaus mit Garten zu. Natürlich begleitet von einem Kamerateam. Wer es dort ganze vier Wochen lang aushält, ohne ein einziges Mal einen Fuß vor die Tür zu setzen, bekommt 100.000 Euro. Das Problem: Für 100 Leute wird es auf überschaubaren 116 Quadratmetern ziemlich schnell ziemlich eng.

Get the f*ck out of my House nennt ProSieben dieses neue Reality-Format. Und weil man beim Münchner Sender zwar auf Eskalation und Intimitäten zwischen den eingesperrten Kandidatinnen und Kandidaten hofft, im Herzen aber doch sehr brav ist, schreibt man das "Fuck" mit Sternchen.

Es erscheint fast ein bisschen passend, dass dieses Format seine Premiere nach den Feiertagen feiert, an denen bei großen Teilen der Zuschauerschaft ein gewisser familiärer Lagerkoller eingesetzt haben dürfte. Wer die passiv-aggressive Großmutter und den ständig angesoffenen Onkel auch am dritten Weihnachtsfeiertag noch erträgt, bekommt auch im nächsten Jahr 50 Euro zum Geburtstag. Die Kandidaten bei ProSiebens neuestem Show-Debakel haben immerhin die Chance auf einen gutgefüllten Geldkoffer.


Auch auf VICE: Hinter den Kulissen eines Stinktier-Festivals


Wer rund zwei Wochen vor dem Start der nächsten Staffel von Ich bin ein Star, holt mich hier raus! nach neuem Trash-Futter giert, dürfte trotzdem direkt zu Beginn enttäuscht sein. So offensichtlich sich das Moderatorenteam (und anscheinend auch Liebespaar) Jana Julie Kilka und Thore Schölermann in ihren Breitseiten gegenüber den Hausbewohnern am Dschungelcamp orientiert – gegen Sonja Zietlow und Daniel Hartwich wirken sie wie Macklemore gegen Eminem. Und auch das Show-Format selbst, dessen Hashtag #GTFOOMH frappierend an die verzweifelt junge CDU-Kampagne zur letzten Bundestagswahl erinnert, braucht viel zu lange, um auch nur ein Mindestmaß an Reiz zu entwickeln.

Das liegt zum einen daran, dass es quälend lange dauert, bis überhaupt irgendetwas passiert. Viel Zeit wird darauf verwendet, wieder und wieder zu erklären, worin das Sendungskonzept besteht: dass die Bewohner wirklich unter gar keinen Umständen den Bereich verlassen dürfen, der mit einem roten Band gekennzeichnet ist, zum Beispiel. Die gesichtslose Masse an Menschen vorzustellen, die sich im Anschluss um Schlafplätze auf dem Sofa oder Handtücher prügelt, wäre andererseits auch verlorene Liebesmüh. Bis zum Ende der ersten Folge werden rund 20 von ihnen ausgezogen sein. Viele der Teilnehmer unterscheiden sich nur dadurch voneinander, dass man sie optisch wahlweise bei Frauentausch, Berlin – Tag & Nacht oder einem Gamergate-Subreddit verorten würde.

Rechnet man noch die Kulisse dazu, die selbst einem Discount-Möbelhaus zu lieblos eingerichtet wäre, manifestiert sich der Eindruck: Das hier ist keine Show, sondern eher eine Art Basisvorlage für jede Art von Trash-Sendung, die eben nur noch mit einer bestimmten Prämisse gefüllt werden muss, die das Ganze spannend macht. Nur kommt bei Get the f*ck out of my House eben nicht viel mehr.

55 Männer und 45 Frauen beziehen das Einfamilienhaus | Foto: ProSieben | Willi Weber

Sämtliche Konflikte entstehen alleine deswegen, weil das Haus hoffnungslos überfüllt ist – und es neben zu wenigen Handtüchern, spärlichen Essensreserven und überschaubaren Schlafmöglichkeiten nur eine einzige Toilette gibt. Während sich andere um Kissen prügeln, drängt sich die Frage auf, ob die Frauen mit den offensichtlichen Extensions keineswegs nur eine fragwürdige Style-Entscheidung getroffen, sondern sich ihr Kissen klugerweise direkt an den Kopf haben tackern lassen. Ein Kandidat aus der Toilettenschlange hofft derweil einfach nur, dass niemand vor ihm "groß" gemacht hat. Gespannt darf auf den Moment gewartet werden, an dem der erste Teilnehmer Durchfall bekommt – und sich die missmutigen Konkurrenten weigern, ihn vorzulassen. Ein Gedanke, der auch der 25-jährigen Fitore gekommen sein muss. Sie verlässt das Haus kurz nach ihrem Einzug direkt wieder. Der Grund: "Angst vor langen Schlangen".

Im Akkord werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorgestellt, um später nicht wieder aufzutauchen. Der 82-jährige Kurt beispielsweise ist der älteste Hausbewohner und sieht aus wie eine Reeperbahnversion des Pornostars Rocco Siffredi – nur eben ein bisschen älter, ein bisschen solariumgebräunter und mit Pferdeschwanz am Hinterkopf (haha!). Andere changieren irgendwo zwischen selbsterklärtem "Instagram-Model" und leidenschaftlichem LKW-Fahrer, im Gedächtnis bleibt niemand von ihnen.

Etwas Bewegung kommt erst dann in die Gruppe, als sie in einer ersten großen Amtshandlung ihren "Hausboss" für die Woche wählen darf. Der bekommt seinen eigenen kleinen Bereich und Zugang zum spärlich ausgestatteten Vorratskeller. Dafür muss er am Ende seiner Amtswoche entscheiden, wer das Haus verlässt. Sämtliche Wahlverfahren funktionieren unerklärlicherweise über das Scannen von Strichcodes, die an einer großen Tafel unter dem Bild des jeweiligen Kandidaten aufgeführt sind. Dabei hätte in Anbetracht der angespannten Toilettensituation die dramatische Übergabe von Klobürsten auch optisch deutlich mehr hergemacht. Die Wahl fällt auf Norbert, einen alten, weißen Mann, der kein Problem damit hat, sich selbst in den Vordergrund zu spielen – es ist also alles wie im echten Leben.

In der Nacht bilden sich erste Intrigen. Während sich eine beschwert, dass sie schlafen will und alle ruhig sein sollen, beschließt eine Gruppe genau deswegen besonders laut zu sein. Es gehe ja schließlich darum, möglichst viele Mitbewerber aus dem Haus zu kicken. Die Rechnung scheint aufzugehen. Am nächsten Morgen verabschiedet sich mit Marvin ein Kandidat, der es sich "nicht so hart" vorgestellt hat, "am Boden zu liegen und zu schlafen".

Ein anderer Teilnehmer versucht, mit einer übernächtigt wirkenden Blondine Kontakt aufzunehmen, indem er sie fragt, ob sie auch nicht gut geschlafen habe. "Doch, ich habe super geschlafen. Ich sehe immer so scheiße aus", antwortet sie und kurz fragt man sich: Vielleicht reicht es für ein unterhaltsames, seichtes Abendformat doch, dass Menschen gezwungen sind, auf engem Raum miteinander zu interagieren? Vor allem, wenn ebenjene Menschen schon nach einem Tag ohne drei üppige Hauptmahlzeiten tun, als ständen sie kurz vorm Verhungern. Wer einmal in Berlin richtig feiern war, hat auch schon mal locker 36 Stunden nichts gegessen. Und der hat keine Chance auf 100.000 Euro!

Immerhin: Es gibt einen Lichtblick für die motzende Meute. Wie die angestrengt zynisch wirkenden Moderatoren erklären, kann jede Woche Geld erspielt werden, was der Hausboss wiederum in Lebensmittel oder Luxusartikel investieren darf. Natürlich gibt es auch bei Get the f*ck out of my House Challenges, denn es gibt keine verdammte Reality-Show ohne dumme Aufgaben, in denen sich die Kandidaten zum Affen machen. Im Vergleich zu den Z-Promis in Tierkostümen beim Sommerhaus der Stars mutet die Wochenaufgabe "Haus-Parcour" allerdings ziemlich brav an. Dafür sollen jeweils fünf auserwählte Teilnehmer unter anderem auf Torwände schießen oder Spielkarten in Glasschalen schnipsen. Weil auch hierbei das Haus nicht verlassen werden darf, geht wohl nicht viel mehr. Der geneigte Zuschauer darf sich in der nächsten Woche also aller Voraussicht nach auf kompetitives Abspülen und Wäschefalten freuen.

Welcome to hell | Foto: ProSieben

Die unerträgliche Bräsigkeit des Seins zieht sich auch durch die kommenden Tage im Haus. Mal klappt ein Teilnehmer zusammen, weil er nicht genug Wasser getrunken hat. Mal wehrt sich eine Teilnehmerin gegen Essensklau-Vorwürfe, indem sie in einem Regenmantel auf den Esstisch steigt und ihren fassungslosen Mitbewohnern "Say 'Yes, I can'!" zuruft. Erste romantische Bande werden zwischen zwei Bewohnern geknüpft, die Kopf an Kopf auf der Küchenablagefläche schlafen, und als das bestellte Frühstück endlich eintrifft, sind manche der Bewohner so glücklich, dass sie in Tränen ausbrechen. Auch Hausboss Norbert lässt sich von der allgemeinen Rührseligkeit anstecken und verkündet wenig später großmütig: "Die Damen dürfen sich bei mir in meinem Zimmer auch auf den Fußboden legen." Platzkrise gelöst.

Als es daran geht, Mitbewerber um die 100.000 Euro aus dem Haus zu schmeißen, ist Norbert aber wieder eiskalt. "Ich bin nicht hier, um Freunde zu suchen. Ich habe drei Freunde in meinem Leben: der liebe Gott, sein Sohn und mein Schutzengel", erklärt der 56-Jährige, und wählt sieben Personen aus, die das Haus anschließend unter Tränen verlassen. Wer geht, ist irgendwie egal. Kennenlernen konnte man die Kandidaten bisher sowieso nicht. Als ein Patrick rausgewählt wird, der zuvor noch nicht im Bild zu sehen war, hört man ein irritiertes "Wer ist das?" aus dem Off. Der vielleicht wahrhaftigste Moment der vergangenen zwei Stunden, in denen sich die Frage klärte, wie viele Menschen man in ein Reality-Format packen kann, ohne dass irgendetwas Spannendes passiert. Anscheinend ziemlich genau hundert.

In Folge zwei geht es laut Vorschau übrigens vor allem um Liebe, Zärtlichkeit und verbale Gewalt. Werden wir einschalten? Wahrscheinlich nicht. Dann doch lieber schlecht nachsynchronisierte Gangbang-Pornos auf xHamster. Da kann man sich zumindest die Gesichter der Akteure merken.

Folge Lisa auf Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.