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Radiosender lädt Neonazi-Rapper ein – und mich, einen Juden

Shahak Shapira wird von Kiss FM eingeladen. Kurz vor der Sendung erfährt er, dass der rechte Rapper MaKss Damage ebenfalls zu Gast ist.

Titelfoto: MaKss Damage | Screenshot von YouTube

Sonntagnacht war ich zu Gast bei der Radiosendung Facetalk auf Kiss FM. Facetalk ist eine Call-in-Sendung, in der die Moderatoren jede Woche ein neues Thema mit Gästen und Anrufern diskutieren. Das Thema dieser Woche lautete: "Deutschland—Dein Land?". Außer mir, dem Quoten-Juden der Herzen, der vor Kurzem ein Buch über sein Leben als israelischer Jugendlicher im tiefsten Sachsen-Anhalt veröffentlicht hat, waren MTV-Moderatorin Wana Limar, Islamexperte Ali Özgür Özdil und, wie ich erst wenige Stunden vor der Sendung erfuhr, der Neonazi-Rapper MaKss Damage eingeladen. Dass der Neonazi ebenfalls unter den Gästen war, fand ich ganz zufällig heraus, nachdem ich über einen Artikel auf die Facebook-Seite des Rappers gelangt war.

Zuerst: JA, es gibt tatsächlich Neonazi-Rapper! Nun fragt ihr euch natürlich, wie ein Neonazi auf die aberwitzige Idee kommen könnte, ausgerechnet mit Rap, dem Sprachrohr der unterdrückten Afroamerikaner, sein nationalsozialistisches Gedankengut zu manifestieren. Doch alles ist möglich, wenn deine Wahrnehmung der Weltgeschichte flexibel genug ist! MaKss Damage, 28, geboren in Gütersloh, behauptete mal in einem Interview, dass "eigentlich die Wikinger schon gerappt hätten" (kann man sich nicht ausdenken).

Nach einer flotten Recherche lagen mir Zitate aus den Songs des Neonazi-Rappers vor:

"Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die jüdisch sind."

oder

"Ich stecke sie [die Zecken] alle gemeinsam in den nächsten Zug nach Buchenwald / Wasch mich mit der Seife ab, genieß den Lampenschirm".

Impulsiv schrieb ich die Redaktion von Kiss FM an und fragte sie aufrichtig, wer ihnen eigentlich ins Hirn geschissen habe, dass sie auf die Idee kommen, einem bekennenden Neonazi eine Plattform zu bieten, und das auch noch in der gleichen Sendung mit mir, einem Juden, dessen Familie tatsächlich in Treblinka zu Seife und/oder Lampen verarbeitet wurde.

Shahak Shapira | Foto: Johann Sebastian Hänel

Die Redaktion sah da kein großes Problem und schlug vor, mein Interview abzusagen, oder aber mit MaKss Damage gemeinsam on air zu gehen. Obwohl ich etwas baff war, dass der Sender eher mich als den Neonazi ausladen würde, war das ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte—denn ich hatte so viele Fragen!

Wie kann man zum Beispiel als aufrechter Neonazi hauptsächlich Facebook, ein amerikanisches soziales Netzwerk, dessen CEO aus jüdischem Elternhaus stammt, für seine Fankommunikation verwenden?

Wie kann man sich ein englisches Pseudonym aussuchen und seine Musik als "Das erste nationale Rap-Mixtape - 100% DEUTSCH!" bewerben? Außerdem–"Mixtape"? Das heißt doch Mixkassette! "Beats"? "Features"? Wir sind hier doch in Deutschland, nicht Bimboland!

Dann gab es noch die äußerst interessante PR-Strategie des Rappers: Während MaKss Damage nationalistischen Medien für Interviews jederzeit zur Verfügung steht, lehnt er die öffentlich-rechtliche Lügenpresse natürlich ab. ES SEI DENN, jene Lügenpresse ist bereit, seinen wertvollen Input zu vergüten, wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt. Und dann sagt man uns Juden noch nach, wir würden unsere Prinzipien für Geld verraten!

Am interessantesten fand ich allerdings, dass MaKss Damage seine Rap-Karriere im linksextremistischen Lager begann, in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend aktiv war und sich selbst als Stalinisten bezeichnete. Nachdem seine antisemitischen und sexistischen Texte für die linke Szene untragbar wurden, wechselte er vor etwa fünf Jahren zum Ufer des tausendjährigen Reichs und begann, Lieder für die Schulhof-CDs der NPD aufzunehmen.

Da die Nazis von früher mit seiner kommunistischen Vergangenheit sicherlich nicht so locker umgegangen wären, stellte sich mir natürlich die Frage: Wen von uns beiden hätte man zuerst in die Gaskammer geworfen?

Die Redaktion erklärte mir, den Neonazi in dem Interview an den Pranger stellen zu wollen, und obwohl ich die politische Kompetenz von Kiss FM nie bezweifeln würde, fühlte ich mich verpflichtet zuzusehen, dass das auch wirklich geschieht. Ich nahm das Angebot also an, aber nur unter der Bedingung, mit MaKss Damage gleichzeitig on air gehen zu können.

Zuerst kam das gewöhnliche Interview mit mir alleine über mein Buch, später sollte ich während des Interviews mit MaKss Damage dazu geschaltet werden. MaKss ging on air und eröffnete das Gespräch mit der Behauptung, "es sei absolut vernünftig, sich mit JEDEM an einen Tisch zu setzen"—und das ganz unabhängig von Hautfarbe, Ethnie, bla bla ... toll! Wie liberal diese Neonazis doch geworden sind! Anstatt kritische Fragen zu stellen, um den Neonazi zu entlarven, befragten die Moderatoren den Mann mit aller Zaghaftigkeit, ob er Pizza und Döner esse.

"Was ist dein Beitrag für Deutschland?", fragten sie ihn höflich. MaKss Damage antwortete, dass er seine (käuflich erwerbbare) Musik als sein Geschenk ans Vaterland betrachte. Spätestens an dieser Stelle hätte ihn jeder gute Journalist auf die Tatsache festgenagelt, dass er sich vor Kurzem mit einem Facebook-Post einen Staat gewünscht habe, in dem "alle jungen Männer zum Militärdienst verpflichtet werden", ohne diesen selbst geleistet zu haben.

Aber gut, für kritische Fragen stand ich ja bereit! Keine zehn Minuten später wartete ich also sehnsüchtig in der Leitung mit zahlreichen Notizen aus meiner Recherche auf die Endlösung all meiner Fragen. Anstatt mich aber wie abgemacht einfach dazuzuschalten, fragten die Moderatoren MaKss Damage, ob er zu einem Gespräch mit einem willkürlichen Anrufer bereit wäre—nicht, dass sich der Neonazi noch unwohl fühlt! Doch plötzlich bekam der Mann, der soeben erklärte, er würde mit JEDEM sprechen, kalte Füße. Absurderweise lehnte er mit folgender Begründung ab: "Nee, lasst es lieber, es kann im Endeffekt JEDER sein."

Erst nachdem das neonationalistische Subjekt meiner Begierde aufgelegt hatte, durfte ich wieder on air. Nachdem ich meine zahlreichen Fragen also enttäuscht ins Leere stellte und MaKss Damage dazu aufforderte, mich auf knuddels.de zu kontaktieren, fragten mich die Moderatoren, ob ich es immer noch für falsch hielt, dass sie den Neonazi-Rapper in ihre Sendung eingeladen hatten. Meine Antwort lautete ganz klar: ja.

Ein riesiger Shitstorm tobt nun um Kiss FM im Netz, die Aufnahme der Sendung entfernte der Sender mittlerweile. MaKss Damage seinerseits feiert mit seinen Kameraden, sein inhaltsleeres Interview bei der Lügenpresse durchgezogen, ohne sich dabei völlig blamiert zu haben, wie eine Goldmedaille bei den Special Olympics.

Kiss FM versucht, sich mit einer Gegendarstellung zu rechtfertigen. Jeder, der die Sendungen höre, würde ja wissen, dass die Redakteure und Moderatoren "jegliches rechtes Gedankengut ablehnen, verurteilen und abscheulich finden". Und da man nicht nur einen Neonazi, sondern auch einen Juden in der Sendung hatte, gleiche sich das ja alles wieder aus. Is klar.

Für mich bleibt es dabei: Man muss nicht mit jedem diskutieren. Wenn man eine Meinung aus dem rechten Spektrum möchte, muss man sich diese nicht von einem Menschen holen, der über Vergasungen und Buchenwald rappt und seine braunen CDs auf dem Schulhof verteilen lässt. Vor allem nicht bei einem Sender, dessen Zielgruppe so jung ist. Allerdings ist MaKss Damage ein Teil unserer Realität, auch wenn seine Gedankengänge so weit von ihr entfernt sind. Man muss ihm keine Plattform geben, doch ignorieren darf man ihn auch nicht. Entscheidet man sich dennoch dazu, seinem Publikum die hässlichste Seite der Menschheit zuzumuten, muss man auch die journalistische Kompetenz mitbringen, diese Menschen mit pointierten Fragen zu entschleiern—und das wäre im Falle des MaKss Damage wirklich ein Leichtes gewesen. Alles andere ist schlichtweg fahrlässig.

Zum Schluss möchte ich noch eines mit aller Sachlichkeit sagen:

Fuck Nazis.

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