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Immer dieses Internet!

Warum uns YouTube-Experimente nicht weiterhelfen

Auf der Welt gibt es immer noch viel zu viel öffentliche und versteckte Diskriminierung, Sexismus und Demütigung. Ja, das ist Scheiße. Und jetzt?
26.2.15

Ja, ich habe sie mir alle angesehen. 10 Stunden als Frau in New York, 3 Stunden als Mann in New York, 3 Stunden als schwuler Mann in New York, 10 Stunden als Frau in Delhi, 10 Stunden als Jude in Paris und die ganzen mehr oder weniger gelungenen Comedy-Rip-offs.

Während ich das erste „Cat Calling"-Video noch bemerkenswert, aufrüttelnd und außergewöhnlich fand, wurde es mit jedem 10-Stunden-Video langweiliger, offensichtlicher und bemühter. Am Ende blieb nur die Erkenntnis: Auf der Welt gibt es immer noch viel zu viel öffentliche und versteckte Diskriminierung, Sexismus und Demütigung. Ja, das ist Scheiße. Und jetzt?

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Was alle Videos gemeinsam haben: Sie täuschen erfolgreich eine Authentizität vor. Sie verzichten auf den Off-Text, auf jeden Kommentar, sie lassen nur die Bilder für sich stehen und zeigen so vermeintlich, „wie es da draußen wirklich ist". Die Filme verzichten auf alles, was handelsüblichen Journalisten derzeit so oft vorgeworfen wird: keine angeblich manipulativen Texte, kein „Stimmungmachen", kein beeinflussendes Emotionalisieren und verfälschendes „Geschichtenerzählen". Nur die Bilder. Pur wie ungestrecktes Heroin. Blöd, dass sie eine genauso verblendende Wirkung haben.

Denn auch sie müssen verdichten, um wahrgenommen zu werden. Kein Mensch würde sich das x-stündige Rohmaterial anschauen, in dem vor allem eines passiert: Ein Mensch läuft unbemerkt eine Straße hinunter. Also wird geschnitten: Die geilsten Szenen, die heftigsten Sprüche, die schlimmsten Anmachen, die bösesten Beleidigungen. Schön in eine Dramaturgie gebracht, damit es nicht langweilig wird. Die Kernaussage: Die Welt ist schlecht, hinterhältig und gemein! Schaut her, hier ist Die Wahrheit™!

Doch wie jedes Stück gefilmte und geschnittene Realität sind auch diese Filme nur winzige Ausschnitte, kleine Schnippsel verdichteter Wirklichkeit. In eine künstliche Reihenfolge gebrachte, nicht repräsentative Begebenheiten. Nix mit Authentizität.

Mich erinnert das an früher™. In meinem ersten Journalistenleben habe ich bei RTL Boulevardfernsehen gemacht. Tests und verdeckte Experimente auf der Straße gehören dort zum Standardrepertoire. Ich hab Portemonnaies auf Bürgersteige gelegt, um zu schauen, ob Menschen es zur Polizeiwache nebenan bringen. Ich habe mich am Weltumarmungstag in die Berliner Fußgängerzone gestellt und mit einer Kollegin getestet, ob ein Mann oder eine Frau mehr Umarmungen von Fremden bekommen (ihr dürft das „Testergebnis" raten). Ich erinnere mich an einen Kollegen, der sich in einen Rollstuhl gesetzt hat, um rauszufinden, wie das Leben damit so ist (auch hier dürft ihr das Ergebnis raten). Google spuckt zum Suchbegriff „Punkt 12 Experiment" Dinge wie „Reporter lebt als Hartz-IV-Empfänger" und „Schüler lernen im DDR-Stil" aus. Is this the real world?

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Die RTL-Versuche unterscheidet nicht viel von den 10-Stunden-Videos auf YouTube. Beides sind künstliche Situationen, inszeniert und zurechtgeschnitten, um eine Aussage zu belegen, die schon vorher feststand. Das ist nicht verwerflich, denn die Motivation dahinter ist in der Regel eine Gute: Check die Ungerechtigkeit, die es hier gibt. Oder: Sieh die Welt mal mit anderen Augen.

Und trotzdem sind beide „Genres" künstliche Wirklichkeiten, konstruierte Realitäten, die auch gerne mal zurechtgebogen werden, um ihre Zweck zu erfüllen. Nur ist das eine Genre so ausgelutscht, dass wir das mittlerweile alle checken. Das andere ist noch so neu, als dass es tatsächlich eine weltweite Diskussion auslösen konnte. Zumindest kurz.

Der Streit um das Cat-Calling-Video und die öffentliche Belästigung von Frauen ging um die Welt—aber war nach ein paar Tagen wieder ans Ende der Timeline gerutscht. Irgendwo zwischen dem Katzenbaby, das beim Einschlafen umfällt, und dem Instagram vom Mittagessen eurer besten Freundin.

Was all diesen Experimenten, Tests und Versuchen fehlt, sind zwei Dinge: eine nachprüfbare, empirische Aussage. Und die nachhaltige Beschäftigung mit den Gründen für die angeprangerte Misere und wie man dagegen vorgehen kann.

Um eine verlässliche Aussage darüber zu treffen, wie und wie sehr Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, Kleidung, Sexualität oder Religion öffentlich diskriminiert werden, müsste man die Tests an verschiedenen Tagen mit verschiedenen Personen wiederholen, die Reaktionen auswerten, clustern und analysieren. So könnte differenziert werden: Gibt es Unterschiede im Grad der Diskriminierung? Gibt es Muster, die sich wiederholen? In welchen Vierteln, in welchen Kulturkreisen ist ein derartiges Verhalten akzeptabel, in welchen eher nicht?

Die reine Aussage, dass es Diskriminierung immer noch gibt, ist wichtig und dies in eindrucksvollen Bildern und Statements belegen zu können, mag im besten Falle eine Diskussion auslösen. Aber es bleibt so erstmal eine oberflächliche Feststellung, abhängig davon, dass solche „starken" Momente mit der Kamera eingefangen wurden. Die zahllosen Fällen von versteckter Diskriminierung lassen sich so aber nicht abbilden, wie das deutsche VICE-Experiment gezeigt hat. Meine Befürchtung ist, dass die Diskussion so mal wieder bei den offensichtlichsten Missständen stecken bleibt, weil es für die perfiden Fälle von Diskriminierung keine „Smoking Gun"-Belege gibt.

Genau wie die tiefergehende Beschäftigung mit Diskriminierung. Keines der 10-Stunden-Videos, die ich gesehen habe, fragt nach den gesellschaftlichen Hintergründen und individuellen Motivationen für das gezeigte Verhalten. Keines stellt die Frage nach dem „Wieso ist das so und was können wir dagegen tun?". Sie alle prangern effektvoll an, indem sie vermeintlich „die Wirklichkeit" zeigen, aber eigentlich zeigen sie nur eine Inszenierung, die aus Bruchstücken von Wirklichkeit zusammengeschnitten wurde und hören dort auf, wo es interessant wird.

Für eine kurze, aufgeregte Diskussion taugen diese Videos hervorragend—noch. So lange, bis auch der Letzte gemerkt hat, was sie eigentlich sind: Oberflächliches Boulevardfernsehen. Nur im Internet.

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