Wie François Chamorro fast mit dem (fast) perfekten Verbrechen davonkam

Hätte er nicht die Verjährungsfristen verwechselt, wäre ein gesuchter Dieb aus Frankreich mit seinem Überfall und der Beute von einer Million Euro wohl davongekommen. Merde!

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09 Dezember 2014, 9:54am

François Chamorro ist ein französischer Ganove, der zehn Jahre lang auf der Flucht vor dem Gesetz war. Fast hätte er es geschafft, mit einem eine Million Euro schweren Überfall davonzukommen. Er verwechselte jedoch die französischen Verjährungsfristen und wurde deshalb im Alter von 52 Jahren wegen eines bewaffneten Raubüberfalls zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren verurteilt.

Alles begann im Jahr 2003, als Chamorro für das französische Geldtransportunternehmen Temis arbeitete. Eine seiner regelmäßigen Aufgaben bestand darin, das Geld aus einem Safe des weltweit größten Großmarkts zur französischen Zentralbank zu bringen.

Laut der französischen Wochenzeitung Le Nouvel Observateur präsentierte Chamorro im Mai 2003 seinen Kollegen unter dem Vorwand von guten Neuigkeiten eine Flasche Champagner. Während sie die Flasche köpften, machte sich Chamorro auf die Suche nach einer Waffe und kam mit einer Pistole wieder. Diese richtete er auf seine Mitarbeiter, füllte dann zwei Sporttaschen mit 981.000 Euro in Scheinen und machte sich anschließend in einem Mietauto aus dem Staub.

Der französische Fernsehsender TF1 beschrieb Chamorro als einen einfachen Mann mit einem Faible für Militärtaktiken und einer grenzenlosen Begeisterung für die Napoleonischen Kriege. Laut TF1 konnte die Polizei Chamorros Spur bis zu einem Hotelzimmer außerhalb von Paris zurückverfolgen, wo er mehrere Tausend Euro gelagert hatte, um sich mehr Optionen offen zu halten. Dort fanden die Beamten auch einen an sie adressierten Brief. Chamorros Frau erhielt ebenfalls Post—ihr Brief enthielt jedoch 14.000 Euro.

Im Gespräch mit der Tageszeitung Le Parisien erzählte der Anwalt Patrice Pauper, der auch Chamorros ehemaligen Arbeitgeber Temis vertritt, dass sich der Räuber „für zweieinhalb Monate einbildete, der Rambo der Wälder von Courcouronnes zu sein." Berichten zufolge verbrachte Chamorro mehrere Wochen des Sommers von 2003 in einem Forst nahe Paris und versteckte sich in einem Graben.

Nach diesem Unterfangen machte sich Chamorro auf den Weg nach Marseille, wo er sich einen gefälschten Ausweis zulegte. Im Februar 2004 flog er nach Montreal und verbrachte dort mehrere Monate. Schließlich ließ er sich in der Karibik—genauer gesagt in der Dominikanischen Republik—nieder, wo er bis 2013 ein ruhiges Leben führte.

Im Mai 2013 tauchte Chamorro genau zehn Jahre und einen Tag nach dem Überfall in der französischen Botschaft der Dominikanischen Republik auf, um einen neuen Pass zu beantragen. Er gab seinen richtigen Namen an, weil er davon ausging, aufgrund der abgelaufenen Verjährungsfrist von zehn Jahren nicht mehr für sein Verbrechen belangt werden zu können. Leider war sich Chamorro nicht bewusst, dass ihn ein französisches Gericht 2008 in Abwesenheit für schuldig befunden und ihm eine Gefängnisstrafe aufgebrummt hatte.

Der Pariser Staatsanwalt Pierre Lumbroso erklärte VICE News, dass dieser Fehler Chamorro die Freiheit gekostet haben könnte.

„Die Verjährungsfrist bezüglich eines Strafprozesses legt die Länge der Verzögerung fest, mit der ein Staatsanwalt diesen Prozess einleiten kann. Bei einem Bußgeld ist das ein Jahr, bei einem Vergehen drei Jahre und bei einem Verbrechen acht Jahre", sagte Lumbroso.

Es gibt aber noch eine zweite Art der Verjährungsfrist: Die betrifft die Verurteilung und nicht das Verbrechen an sich.

„Die Verjährungsfrist bezüglich der Verurteilung gestaltet sich anders", erzählte Lumbroso. „Sobald man verurteilt wurde und dann vor dem Gesetz flieht und seine Strafe nicht antritt, gilt ab dem Tag der Verurteilung eine Verjährungsfrist von 20 Jahren."

Chamorro müsste also mindestens bis 2028—20 Jahren nach dem Urteilsspruch—warten, um als freier Mann nach Frankreich zurückkehren zu können.


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