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​Die einzige Situation, in der es ok ist, auf Merkels Kinderlosigkeit hinzuweisen

Staatssekretär Michael Roth hat im Bundestag über Merkels Kinderlosigkeit gesprochen. Die CDU findet das „unverschämt", aber in diesem einen Fall hatte er Recht.

von Matern Boeselager
12 Juni 2015, 12:04pm
Auch wenn bis jetzt noch kein Ire mit Heugabeln durch Bayern gejagt worden ist—man kann sich durchaus vorstellen, dass die da gerade nicht besonders beliebt sind. Die Iren mit ihrem Referendum sind nämlich schuld daran, dass die Debatte um die Ehe für alle jetzt auch in Deutschland wieder heftig aufgeflammt ist—mit einer Intensität, die sich nur dadurch erklären lässt, dass wir unsere eigene Rückständigkeit plötzlich von einem kleinem Inselvolk mit einem Alkoholproblem vorgeführt bekommen haben.

Die Emotionalität, die das Thema mit sich bringt, hat am Donnerstag sogar im Bundestag für einen kleinen Eklat gesorgt. Der CDU-Abgeordnete Helmut Brandt erklärte gerade, warum er „ganz eindeutig" gegen die Ausweitung der Ehe ist—und zwar vor allem, weil „die klassische Ehe zwischen Mann und Frau doch dazu führt, wenn auch nicht immer leider, dass man sich fortpflanzt". Genau in dem Moment rief der SPD-Abgeordnete und Staatsekretär Michael Roth (der zu diesem Zeitpunkt auf der Regierungsbank saß) laut dazwischen: „Und was ist mit der Bundeskanzlerin?"

Das saß. „Wer hat das gerufen?", unterbrach Brandt seine Rede, um Roth dann mit einem strengen „Sie schämen sich dafür, ja?" abzukanzeln. Offensichtlich reichte das aber noch nicht, Brandt bezeichnete den Zwischenruf noch einmal als Unverschämtheit und verlangte zu prüfen, ob sein Kollege dafür gerügt werden kann. Kann man sich hier ab Minute 03:40 alles ansehen.

Der Witz ist natürlich, dass Brandt mit seinem Gepolter in jeder anderen Situation Recht gehabt hätte. Grundsätzlich hat jede Frau das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie Kinder möchte oder nicht, und niemand sollte sie für ihre Entscheidung kritisieren. Angela Merkel wird oft genug vorgeworfen, sie sei „gefühlskalt" und „berechnend"—Dinge, die sich ein Mann in ihrer Position nie anhören müsste. Genau so wäre jeder Vorwurf, der auf ihrer Kinderlosigkeit basiert, purer Sexismus.

Und trotzdem ist der Zwischenruf von Roth nicht nur nicht „dämlich" (Huffington Post) oder „bizarr" (n-tv), sondern in diesem einen Fall sogar berechtigt. Denn das Argument, der Hauptzweck der Ehe sei die Zeugung von Kindern, und schon deshalb könne sie nicht für gleichgeschlechtliche Paare in Frage kommen, ist mittlerweile fast zur letzten Bastion der Konservativen geworden. Fast jedes Mal, wenn ein konservativer Politiker erklären muss, warum er für die Diskriminierung von Homosexuellen einsteht, zieht er sich schlussendlich auf das Kinder-Argument zurück. Und genau das wollte Roth entlarven.

Passend dazu: Ich möchte keine Kinder und will mich dafür auch nicht rechtfertigen müssen

Denn in dem Moment, in dem ein Politiker (oder eine Politikerin) für eine Politik eintritt, die in das Privatleben der Leute eingreift, und zwar mit dem Argument, dass eben dieses ihr Privatleben nicht dem staatlichen Ideal entspreche, wird auch sein oder ihr Privatleben Gegenstand der Debatte. Wenn die Verteidiger der Ehe selbst das Modell der Vater-Mutter-Kind-Familie zur Staatsräson erheben, dann ist es auch legitim zu fragen, warum die in der zweiten Ehe kinderlose Angela Merkel oder der fremdgehende Seehofer es nicht für nötig halten, dem zu entsprechen. Denn wer sich selber Rechte einräumt, die er anderen versagt, der muss sich den Vorwurf der Scheinheiligkeit gefallen lassen.

Polygamie-Fan Horst Seehofer (CSU). imago/Manfred Segerer

Deswegen ist es eigentlich bizarr, dass der CDU-Mann Brandt die Frage mit solcher Inbrunst als „Unverschämtheit" abtut. Die echte Unverschämtheit ist nämlich die Position der CDU: Sie weiß schon lange, dass aus dem Widerstand gegen die Gleichstellung die Luft raus ist, aber sie stemmt sich trotzdem dagegen. Weil es wahrscheinlich einfach bequemer ist, ein paar Fremden den Lebenswunsch zu verbauen, als sich von liebgewonnenen Gewohnheiten zu trennen.

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