Politiker flieht vor Rechtsradikalen aus Sachsen, nachdem sein Auto gesprengt wurde

"Wenn ich am Leben bleiben möchte, muss ich darüber nachdenken, Freital zu verlassen."

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26 Oktober 2017, 2:14pm

Fotos: zur Verfügung gestellt von Michael Richter

Bis 2015 hat sich kaum jemand für das sächsische Freital interessiert. Dann kamen Hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland – und die Stadt wurde international bekannt, weil sie fast wöchentlich fremdenfeindliche Auswüchse produzierte: Märsche von Frigida oder Bilder von Baseballschläger schwingenden Rechtsradikalen. Michael Richter stellte sich dieser Entwicklung entgegen: Er engagierte sich bei Pro Asyl, für Die Linke kandidierte er sogar für das Amt des Oberbürgermeisters von Freital. Die Folge: Hassbotschaften, Beleidigungen und Drohungen – meistens online, irgendwann auch im echten Leben. Unbekannte schmierten Hakenkreuze auf seine Hauswand und Bauschaum in seinen Briefkasten. In der Nacht zum 27. Juli 2015 wurde Michael Richters Auto mit einem "Polenböller" gesprengt. Im selben Jahr gab es außerdem einen Sprengstoffanschlag auf das Parteibüro der Freitaler Linken, Explosionen an Unterkünften für Geflüchtete und einen Säureanschlag auf ein alternatives Wohnprojekt.

Inzwischen wurden acht Mitglieder der rechtsradikalen "Gruppe Freital" angeklagt – unter anderem für den Sprengstoffanschlag auf Richters Auto. Das Urteil soll 2018 gesprochen werden, den Angeklagten drohen lange Haftstrafen. Doch für Richter steht fest: Er möchte Sachsen verlassen.

VICE: Warum ziehen Sie erst zwei Jahre nach den Sprengstoffattacken aus Sachsen weg?
Michael Richter: Im März 2017 ist das Verfahren gegen die "Gruppe Freital" eröffnet worden. Weil ich dort als Geschädigter auftrat, habe ich in den vergangenen Monaten Einsicht in die Akten meines Falles bekommen. Was ich dort gelesen habe, war schlimm: Die Angeklagten haben unter anderem im Oktober 2015 in einem Chat geschrieben, dass sie nach dem Attentat auf meinen ersten Wagen erneut mein Auto in die Luft sprengen wollten – am besten, während ich drin sitze. Als ich das gesehen habe, dachte ich: "Wenn ich am Leben bleiben möchte, muss ich darüber nachdenken, Freital zu verlassen."

Wie hat sich Ihr Alltag seit den Explosionen verändert?
Dramatisch. Denn auch wenn die Gruppe jetzt vor Gericht steht, gibt es noch immer genug Sympathisanten und Sympathisantinnen, die im Umfeld der rechtsradikalen Gruppe aktiv sind. Ich werde in der Stadt angepöbelt, aber in der Öffentlichkeit immerhin nicht explizit bedroht. Um mich vor geplanten Übergriffen zu schützen, stehe ich jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit auf und gehe verschiedene Wege, um zur Arbeit zu kommen. Ich versuche auch, abends nicht immer zur selben Zeit von der Arbeit nach Hause zu fahren, damit die nicht beobachten und planen können, wann ich an welcher Ecke vorbeilaufe. An den Wochenenden gehe ich normal raus und unternehme etwas, allerdings außerhalb von Freital.


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Bei Facebook ist das anders: Sie erhalten noch immer Drohungen und Hassnachrichten. Nehmen Sie diese ernster, seit es die Angriffe gegen Sie gab?
Viele der Nachrichten treffen mich ohnehin. Es ist nicht erfreulich, dauernd Beleidigungen oder Drohungen zu lesen. Nach den Angriffen habe ich aber gesehen, dass die Verfasser der Nachrichten nicht nur bellende Hunde sind – aus den Worten sind Taten geworden. Ich habe viele der Profile angezeigt, der letzte Fall wurde gerade vor dem Landgericht verhandelt, weil der Angeklagte Berufung eingelegt hatte: Ronny T. wurde ursprünglich zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung und Beleidigung verurteilt – unter anderem, weil er mich als "Blutschänder", "Abschaum" und "elende Ratte" bezeichnet hatte. Das Verfahren wegen Beleidigung wurde mittlerweile fallengelassen. Insgesamt muss Ronny T. wegen Volksverhetzung und Körperverletzung nun aber fast 2.300 Euro zahlen.

Hat es Sie trotz der Masse an Hate-Speech überrascht, dass Menschen ihre Drohungen tatsächlich in die Tat umgesetzt haben?
Ich habe damals nicht damit gerechnet. Aber als am 27. Juli 2015 ein Sprengsatz an meinem Auto explodiert ist, hatte ich natürlich sofort die Vermutung, dass der Angriff aus der rechten Ecke kam. Ich bin in der Nacht kurz vor eins wach geworden, weil es vor meinem Haus eine Explosion gab. Als ich aus dem Fenster geschaut habe, sah ich Rauch aus meinem Auto emporsteigen. Kurze Zeit später hat auch ein Nachbar bei mir geklingelt, dann habe ich die Polizei gerufen. Der Angriff wird als Sachbeschädigung gewertet, aber wenn ich zum Zeitpunkt der Explosion in dem Auto gesessen hätte, könnte ich heute nicht mit Ihnen sprechen.

Michael Richters Auto nach dem Anschlag
Michael Richters Auto nach dem Anschlag

Nach dem Angriff auf Ihr Auto gab es auch einen Sprengsatz am Freitaler Büro Ihrer Partei, der Linken.
Es fühlt sich beschissen an, Zielscheibe Rechtsradikaler zu sein. Ich lebe nicht in konstanter Angst, aber ich bin definitiv wachsamer geworden. Ich gucke jetzt öfter um mich, wenn ich durch die Stadt laufe und achte darauf, wer mir entgegenkommt. Die Staatsanwaltschaft Dresden hatte kein großes Interesse daran, die organisierte Struktur der rechtsradikalen "Gruppe Freital" zu erkennen. Hätte die Bundesanwaltschaft der Dresdner Staatsanwaltschaft den Fall nicht abgenommen, gäbe es jetzt wahrscheinlich mehrere Verfahren gegen einzelne Tatverdächtige anstelle eines großen Gesamtverfahren für eine organisierte politische Gruppe.

Freital ist nicht die einzige Stadt in Sachsen, die ein Problem mit rechten Gewalttaten hat. Hat das Bundesland politisch versagt?
Sachsen hat definitiv versagt. Die sächsische Staatsregierung, die acht Jahre lang von Ministerpräsident Stanislaw Tillich und der CDU geführt wurde, war auf dem rechten Auge blind. Jetzt versucht man, das Problem an Michael Kretschmer zu übertragen, der in der sächsischen CDU als Generalsekretär eine tragende Rolle hatte und an vielen Entscheidungen des Tillich-Kabinetts mitgewirkt hat. Ich glaube nicht, dass Sachsen auf lange Sicht in der politischen Arbeit besser wird. Aber man soll ja nicht schlecht über Leute reden, die ihr Amt noch nicht angetreten haben.

Und jetzt überlassen Sie den Rechten und Asylgegnern quasi das Feld, indem Sie aus Sachsen wegziehen?
Ich ziehe nach Bayern, das ist ja nicht aus der Welt. Ich werde Die Linke in Freital weiterhin supporten. Auch wenn ich mich nicht mehr direkt in der Freitaler Stadtpolitik engagieren kann, bin ich weiterhin bei Pro Asyl aktiv und habe in Bayern auch schon den Kreisverband der Linken kontaktiert. Am Ende ist es keine Kapitulation, sondern auch eine bewusste Entscheidung für meinen neuen Job in Bayern.

War das Jobangebot ausschlaggebend für den Umzug oder die Angriffe?
Beides, die Mischung aus Stellenangebot und die Einsicht in die Akten beim Prozess. Allerdings hätte ich nicht nach anderen Jobs gesucht, wenn der Freitaler Oberbürgermeister Uwe Rumberg (CDU) eine klare Kante gegen rechts bekennen würde. Der schweigt lieber und verleugnet die Existenz einer Neonazi-Szene in Freital.

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