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Popkultur

Deutschrap ist so Mainstream, er hat mittlerweile seine eigenen Klatschmagazine

Seiten wie 'Rapupdate' waren gestern. Mittlerweile zeigen Deutschrap-News-Kanäle wie 'Raptastisch' oder 'Alpha Kenan', was für ein riesengroßer Kindergarten die deutsche HipHop-Szene sein kann.

von Lisa Ludwig
02 August 2018, 12:00pm

Screenshot: "10 Fakten über Arafat Abou-Chaker" von Alpha Kenan

Es gab mal eine Zeit, in der Deutschrap auf Partys kam, um "Stress ohne Grund" zu machen. Wenn Deutschrap heute auf die Party kommt, kotzt er vielleicht mitten auf die Tanzfläche und feiert sich auf seine Unangepasstheit. Nur ist eben niemand mehr schockiert. Jetzt machen die Anwesenden Insta-Storys davon und flüstern leise "Cool".

Deutschrap ist schon lange nicht mehr reine Subkultur, er dominiert wie keine andere Jugendkultur die Charts, geht mit Beleidigungen jenseits aller Schmerzgrenzen Platin, bricht Streaming-Rekorde und hat Millionen Fans auf Instagram.

Ist da wirklich noch jemand verwundert, dass genau diese Generation an Deutschrap-Hörenden mittlerweile ihre ganz eigene YouTube-Filterbubble hat – ähnlich wie Promiflash –, in der sie tagtäglich über die neuesten Entwicklungen in Sachen Deutschrap-Provokationskindergarten auf dem Laufenden gehalten wird?

Klar, das Online-Magazin Rapupdate gilt seit Jahren als Metapher dafür, dass man unter jungen Rapfans mittlerweile lieber über Beef als über Flow diskutiert – um gleich zwei cringey Szene-Begriffe zu verwenden, bei denen einem gefühlt direkt ein Rucksack wächst. Interessant ist allerdings, dass das Prinzip "XY hat auf Instagram das gesagt, SO reagiert nun YZ!" mittlerweile auch auf YouTube Fuß gefasst hat.


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Die Kanäle Raptastisch (14 Millionen Aufrufe), Rap Check (78 Millionen Aufrufe), Deutsch-Rap-News (15 Millionen Aufrufe) und Alpha Kenan (35 Millionen Aufrufe) laden mehrfach täglich Videos hoch, in denen sie von aktuellen Geschehnissen innerhalb der deutschen Rapszene berichten. Soll heißen: Wer möchte wem – zumindest verbal und durch den sicheren Abstand eines Handybildschirms – auf die Fresse hauen? Wen meint Farid Bang mit dieser Line in seinem neuen Song? Welches Dreamteam hat sich getrennt? Hat Arafat Abou-Chaker etwas damit zu tun? Und was sagt eigentlich Fler dazu?

Die Rapper, deren Social-Media-Präsenzen auf mögliche Skandale durchforstet werden, sind auf jedem Kanal mehr oder minder dieselben. Capital Bra, Gzuz und der Rest der 187er, Bushido, Farid Bang, KC Rebell, Kollegah, PA Sports, die KMN-Gang um Miami Yacine – beef-affiner Straßenrap im weitesten Sinne also. Und weil wir mittlerweile in einer Welt leben, in der raptechnische Relevanz auch danach bemessen wird, wie viel "Rücken" man hat, wird regelmäßig auch über die Mitglieder krimineller Clans berichtet.

Oft unfreiwillig komisch, aber in den sozialen Medien erfolgreicher als 'Sport Bild'

Was die vier Kanäle außerdem eint, sind Aufbau und Vortrag: Eine körperlose, ausnahmslos männliche Stimme aus dem Off erklärt ausschweifend und immer etwas umständlich, was sich ereignet hat – und blendet dazu Screenshots von Kommentaren, Posts oder komplette Instagram-Videos ein. Die Zuschauer werden als "Freunde" direkt angesprochen und zum Teil mehrfach innerhalb eines Videos dazu aufgefordert, ihre persönliche Meinung in die Kommentare zu schreiben ("Würde Banger Musik euch gehören, wie hättet ihr auf KC Rebells Statement geantwortet?"). Das steigert zum einen das Engagement, was eine wichtige Währung auf YouTube ist. Zum anderen aber gibt es der Zuschauerschaft das Gefühl, sich unter Gleichgesinnten zu befinden. Wie oft findet man jemandem im Alltag, der wirklich wissen möchte, wie man zum Auf und Ab in der Dreiecksbeziehung zwischen Kollegah, Farid Bang und Bushido steht? Eben. Kein Wunder, dass Raptastisch bei 1000Flies zu den 100 Seiten zählt, die im Juni 2018 die meisten User-Interaktionen in den sozialen Medien aufweisen konnten – und dabei unter anderem Sport Bild hinter sich lässt.

Interessant ist, dass die Videos häufig klingen, als habe ein Schüler den Auftrag bekommen, zum ersten Mal einen journalistischen Beitrag zu formulieren. Unfreiwillig komisch ist auch, wie durch eine gestelzte Sprechweise auch dem plattesten Thema eine gewisse Schwere und Bedeutsamkeit verliehen werden soll. "Auf Instagram veröffentlichte Rapper SSIO ein Video, auf dem man sehen kann, dass er sich der Präsenz und Tanzeinlage eines weiblichen Fans erfreut", heißt es beispielsweise bei Raptastisch zu einem Video, in dem eine junge Frau auf SSIOs Schoß herumrutscht. "Trockenficken" klang wohl einfach nicht hochtrabend genug.

Da wird aus einem "bis jetzt" ein "bisweilen" gemacht, weil es irgendwie klüger klingt und dann auch egal ist, dass die beiden Worte komplett unterschiedliche Bedeutungen haben. Deutsch-Rap-News leitet zum Beispiel ein Video, in dem Fler einen Tankstellenmitarbeiter terrorisiert, weil der ihm nicht schnell genug "Monster Energy Zero, alle Farben, die ihr habt" aushändigt, mit den Worten ein: "Ja, Freunde, Fler ist ja neben vielen weiteren Rappern dafür bekannt, sich abends an der Tankstelle aufzuhalten. Da ihm ja bekanntlich auch die Nacht gehört, kam es somit vor circa einer Woche dazu, dass er sich an der Tanke einen Spaß erlaubte, und den Kassierer dort etwas härter angegangen ist."

Was auch offensichtich ist: Videos werden bewusst auf zehn Minuten langgezogen, um mehr Werbung schalten zu können, knallige Videotitel sollen davon ablenken, dass im Beitrag selbst eigentlich gar nichts passiert, und Affiliate-Links zu Amazon-Produkten werden extrem offensiv platziert – aber kann man es ihnen vorwerfen, mit ihrem Hobby ein bisschen Geld verdienen zu wollen? Schließlich sind Leute wie "Alpha Kenan" Fans, die sehr viel Aufwand reinstecken, um andere Fans über ihre liebste Subkultur zu informieren. Oder?

Echte Fans oder echtes Geschäftsmodell?

Zumindest Memo von Rap Check war so ein Fan, der einfach Lust hatte, seine Deutschrap-Begeisterung mit anderen zu teilen. Fan ist er immer noch, von seinem Kanal mit rund 250.000 Abonnenten kann er mittlerweile allerdings gut leben. 15 bis 20 Minuten braucht er für ein Video, erklärt er mir per Mail, inklusive Recherche, Skript, Einsprechen und Thumbnail. Memo hat kein Problem damit, in manchen Videos sein Gesicht zu zeigen. Das wirke "freundlicher" sagt er, versteht aber, warum gerade die, die primär auf Clickbait setzen, lieber anonym bleiben. Er selbst versuche immer, die Wahrheit zu sagen, und habe deswegen schon positives Feedback von Rappern bekommen. Und ein guter Kontakt zu den Protagonisten seiner Videos, denen, die aktuell gehypt werden und regelmäßig dankbares Gossip-Futter liefern, ist wichtig.

"Die meisten News finde ich tatsächlich über Instagram oder Facebook. Instagram ist aber besser, weil man da direkt die Videos bekommt", sagt Memo. Die besseren News seien allerdings die, die er direkt von den Verantwortlichen gesteckt bekommt. Insta-Storys abgrasen und Facebook-Einträge vorlesen kann schließlich jeder. "Einige Rapper rufen mich an und sagen mir, was demnächst passiert. Es ist ein Nehmen und Geben."

Für die Website von Raptastisch hingegen arbeiten mehrere Mitarbeiter in Vollzeit, wobei eine Person dafür verantwortlich ist, die Textbeiträge umzuschreiben und dann als Video aufzubereiten. Eine halbe Stunde dauert das im Schnitt pro Video. Weil der Aufwand so gering sei, lohne es sich, die eigenen Inhalte auch auf YouTube anzubieten, schreibt mir Valerias Bangert, einer der Raptastisch-Verantwortlichen, per Mail. Wenngleich sich Deutschrap-News nicht so gut monetarisieren lassen wie etwa ein Beauty-Tutorial. "Da es sich bei News-Videos um Videos mit einer Länge von wenigen Minuten handelt, viele Schimpfwörter fallen und die Themen in der Regel eher kontrovers sind, sind die Videos oft nicht werbefreundlich", sagt Bangert. Das erfolgreichste Video des Kanals – "KC Rebell übel zugerichtet!? | Er zeigt seine Verletzungen!" – hat rund 540.000 Aufrufe und über 1.000 Kommentare. Das sind Sami-Slimani-Dimensionen.

Die vielleicht spannendste Figur im Deutschrap-News-Kosmos ist allerdings Alpha Kenan. Auf der einen Seite produziert er nicht nur klickige News-Videos, sondern auch aufwendigere "Recherchen" über die Vergangenheit deutscher Rapper oder weniger bekannte Fakten aus der Szene. Auf der anderen Seite ist er berühmt-berüchtigt für seine vielen Werbeschaltungen und sein schamloses Clickbait. Weil Alpha Kenan Capital Bra Stress mit dem Abou-Chaker-Clan andichtete, bekam der Rapper plötzlich panische Anrufe von seiner Familie. In einer Insta-Story – denn dort findet Deutschrap 2018 statt – bezeichnete Capital den YouTuber als "dreckigen Bastard-Hunde-Piç". Was Alpha Kenan plötzlich selbst zum Gegenstand reißerischer Deutschrap-News machte. (Auf meine Interview-Anfrage hat Alpha Kenan leider nicht reagiert.)

Alpha Kenan und Co. sind die logische Weiterentwicklung unkritischer Videointerviews

Das Gossip-Kettenkarussel dreht sich eben immer weiter, und vielleicht haben wir auch gar nichts anderes verdient. Diese Kanäle sind eine logische Weiterentwicklung der szeneninternen Berichterstattung der letzten Jahre, aus stundenlangen, ungeschnittenen Interviews, in denen alles und nichts relevant ist, und der Künstler bestimmt, über was er reden möchte.

Die Realität ist nämlich die: Rapper brauchen keine HipHop-Medien mehr, um Gehör zu finden. Sie sind ihre eigenen Plattformen, ihre eigenen Pressesprecher, Influencer innerhalb ihrer eigenen Subkultur, die so mainstream ist, wie eine Subkultur überhaupt mainstream sein kann. Sie geben keine Interviews mehr, sie geben Audienzen und wer zu unangenehm nachfragt, wird danach in einer Insta-Story abgestraft und braucht anschließend keine Presseanfragen mehr schicken. Die YouTube-Reporter hingegen ziehen sich vielleicht weit hergeholte Theorien aus dem Arsch, denn irgendetwas Clickbaitiges muss schließlich in den Videotitel, aber eines tun sie nicht – sie stellen keine kritischen Nachfragen. Und sie schlucken alles. Gierig. Unersättlich. Und spucken es einmal durchkaut der Zielgruppe in die weit aufgerissenen Münder.

Vielleicht gibt es keine Voting-Armys mehr, die das aktuelle Musikvideo ihres Lieblingskünstlers bei MTV hochvoten, damit Deutschrap im Fernsehen laufen muss – im Mainstream ist er mittlerweile schließlich angekommen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit bleibt trotzdem. Man hört nicht mehr einfach nur Rap, man gehört zu irgendeinem Lager und verteidigt seinen armen Künstler gegen all die bösen anderen Rapper, mit denen er gerade Beef hat. Bis die beiden dann plötzlich ein Kollaboalbum machen und die Fans ihre Loyalitäten schnell neu sortieren müssen.

Wer wissen möchte, wohin sich Deutschrap aktuell entwickelt, muss nur einmal durch die YouTube-Kanäle von Alpha Kenan und seinen Mitstreitern scrollen. Erst ist es absurd, dann ist es lustig, dann sinkt man ermattet auf der Couch zusammen und fragt sich, ob diese Szene schon immer so anstrengend war, oder man mittlerweile einfach zu alt dafür wird, mitzuverfolgen, wie sich erwachsene Männer in Facebook-Kommentaren beleidigen.

Auch Memo von Rap Check sieht einen Umbruch in der Szene, der sich klar in der Berichterstattung niederschlägt. Wer auf Raptastisch und anderen Rap-News-Seiten stattfindet, hat verstanden, wie man die Generation Z begeistert und abholt. Die anderen? "Sind langweilig", sagt der Berliner. "Bei denen passiert nichts, worüber man berichten könnte. Sie haben das Prinzip nicht verstanden und ihre Verkäufe lassen stark nach."

Musik machen reicht nicht mehr. Heute muss es um Leben und Tod gehen – oder der Rapper irgendein Wunder vollbracht haben. In letztere Kategorie fällt das vielleicht schönste Video, das ich nach Dutzenden Stunden Deutschrap-News gefunden habe. Der Titel: "Rollstuhlfahrer kann wegen Kollegah wieder laufen! | Kollegah in Tränen!"

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