Zwangsstörung

Berührende Fotos vom Alltag eines Messies

Der Fotograf Arnaud Chochon hat ein Jahr lang den 60-jährigen Franzosen Jean begleitet, dessen Wohnung vor lauter Essenresten, Zeitungen und anderem Müll aus allen Nähten platzt.

von Glenn Cloarec
08 Juni 2017, 3:00am

Alle Fotos: Arnaud Chochon

Im russischen Literaturklassiker Die toten Seelen ist eine der Figuren, Pljuschkin, den ganzen Tag lang damit beschäftigt, durch die Straßen zu ziehen und nach neuem Zeug für sein extrem zugemülltes Zuhause zu suchen. Pljuschkin-Syndrom bezeichnet deshalb eine komplexe Zwangsstörung – geprägt durch exzessives Horten, sozialen Rückzug und Vernachlässigung seiner selbst. Sie tritt normalerweise bei Menschen über 60 auf. Das Ganze ist übrigens besser als Diogenes-Syndrom bekannt, obwohl der griechische Philosoph wiederum überhaupt nichts damit zutun hatte.

Die Störung werde oft durch einen traumatischen Zwischenfall in der frühen Kindheit oder durch Krankheiten wie Schizophrenie oder Alzheimer ausgelöst, sagte der Neurologe und Messie-Experte Jean-Claude Monfort 2016 in einem Interview mit Le Figaro.

Der Fotograf Arnaud Chochon hat sich auf persönliche Schicksale spezialisiert und ein Jahr damit zugebracht, den Alltag des 60 Jahre alten Franzosen Jean zu dokumentieren. Jean leidet am Diogenes-Syndrom. Als sich die beiden kennenlernten, wusste Chochon sofort, dass er Jeans Geschichte erzählen musste. Jean war anfangs jedoch zögerlich und stand dem Fotografen und dessen Arbeitsgerät eher misstrauisch gegenüber.

"Es war sehr schwer, an ihn ranzukommen", erzählt Chochon. "Ich musste mir sein Vertrauen erarbeiten. Wir haben uns draußen auf der Straße ganz oft und lange unterhalten. Erst dann lud er mich endlich zu sich nach Hause ein. Jetzt sind wir enge Freunde."

Jede Nacht geht Jean zur gleichen Zeit raus und läuft die gleiche Strecke ab. "Er sucht dabei nach den Dingen, die ihn am meisten interessieren: Lebensmittel, um seinen Hunger zu stillen, und Bücher oder Zeitungen, um seinen Wissensdurst zu befriedigen", sagt der Fotograf. Jean horte alle möglichen Sachen, denn alles könne für ihn irgendeinen Wert besitzen. "Sein Lebensstil ist vielleicht ungewöhnlich, aber Jean geht nach einer anderen Logik vor als wir."


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So trocknet Jean zum Schutz der Umwelt zum Beispiel das Essen, das er mit nach Hause nimmt. Dadurch nehme es nicht so viel Platz ein und das Putzteam der Stadt könne effizienter arbeiten, sagt Jean. Außerdem schläft er umgeben von Zeitungsstapeln.

Jean sagt, dass er 1995 anfing, sich "für Abfalleimer zu interessieren" – also lange bevor er im Jahr 2002 seinen Job als Bautechniker schmiss. "Eines Tages entdeckte ich auf einem Müllbehälter ein paar Würstchen. Die nahm ich mit nach Hause und mein Vater ließ sie sich schmecken. Jeden Tag neue Sachen zu finden, hat mir viel mehr Spaß gemacht als irgendwelcher Büroscheiß." Heute hält sich Jean mit den Dingen, die er sammelt, und mit einer Erbschaft über Wasser.

"Er ist sehr kultiviert und belesen", sagt Chochon über Jean. "Er erinnert sich an alles, das er mal in einer Zeitung gelesen oder im Radio gehört hat. Außerdem geht er regelmäßig zu Kunstausstellungen und -veranstaltungen." Der Fotograf und der Sammler diskutieren häufig über Geschichte und das aktuelle Zeitgeschehen. Ansonsten hat Jean jedoch kaum Kontakt zu Menschen.

Einmal jährlich ist er aber genau dazu gezwungen: Aus Gründen der Sicherheit und der Hygiene besteht die Stadtverwaltung darauf, dass jedes Jahr ein Reinigungsunternehmen Jeans vier Wände inspiziert und aufräumt. Für die Kosten muss Jean aufkommen. "Wenn die Reinigung ansteht, räumt er seine wertvollsten Sachen in einen bestimmten Bereich seiner Wohnung. Außerdem 'beschützt' er alle seine Zeitungen und Bücher", erzählt Chochon.

Bei der zwei Tage andauernden Intervention schmeißen die Reinigungsangestellten alles weg, was Jean übers Jahr hinweg gesammelt hat. Das ist für den Franzosen nicht leicht. "Ich war bei der ganzen Aktion dabei und die Stimmung war extrem angespannt. Jean will den Großteil seines Hab und Guts behalten, aber gegen vier Leute kommt er nicht an", erzählt Chochon.

Sobald das Reinigungsunternehmen weg ist, macht sich Jean erneut auf in die Stadt, um seine Wohnung wieder mit Essensboxen, Zeitungen und anderen Dingen zu füllen. Der Kreislauf beginnt von vorn.

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