Beruf

Im Gespräch mit einer Expertin für besessene Puppen

Jayne Harris hat sich in der männerdominierten Welt der Geisterforscher einen Namen als Großbritanniens führende Expertin für ‚Spukpuppen‘ gemacht, die sie übrigens alle in ihrem Keller aufbewahrt.

von Zing Tsjeng
06 September 2016, 7:43am

Photo from The Conjuring

Man sagt, man kann sich sein Schicksal nicht aussuchen—das Schicksal sucht dich aus. Und Jayne Harris scheint vom Schicksal dazu auserwählt worden zu sein, ein Leben als paranormale Ermittlerin zu führen. Die 32-jährige Spukforscherin aus Stourbridge, einer Stadt in der englischen Region West Midlands, hat ursprünglich Psychologie studiert, hat sich dann aber dem Leben als Geisterjägerin und -forscherin verschrieben. Mittlerweile macht Harris regelmäßig national wie auch international Schlagzeilen, schreibt für Magazine wie Paranormal Galaxy und nimmt als führende Expertin des Öfteren zu ihrem persönlichen Fachgebiet Stellung: besessene Puppen.

Frauen sind schon seit jeher ein fester Bestandteil übernatürlicher und unheimlicher Geschichten—man muss nur mal an Scream-Queens wie Neve Campbell und Jamie Lee Curtis denken oder weibliche urbane Legenden wie Bloody Mary oder die Bell-Hexe. Weniger bekannt sind dagegen Geschichten weiblicher Geisterjägerinnen. Hollywood mag sich derzeit vielleicht mit einem vollständig weiblichen Ghostbusters-Cast rühmen, aber die reale Welt der paranormalen Forscher ist nach wie vor eine Männerdomäne.

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Eine Ausnahme ist Harris, deren Unternehmen HD Paranormal über 15.000 Fans auf Facebook hat. Sie untersucht Berichte über besessene Objekten und organisiert Veranstaltungen für alle, die sich für das Übernatürliche interessieren. Wer möchte, kann sich sogar einen Hoodie von HD Paranormal kaufen. Harris hat sich in der männerdominierten Welt der Geisterforscher vor allem einen Namen als Großbritanniens führende Spukpuppen-Expertin gemacht. Wir haben mit ihr über Sexismus und Hexenbretter gesprochen und wollten von ihr wissen, warum sie die besessenen Puppen in ihrem Keller aufbewahrt.

Broadly: Wie bist du zu deinem Job gekommen?
Jayne Harris: Meine Eltern haben sich beide für das Paranormale interessiert. Deswegen kannte ich schon viele Geschichten von ihnen. Mit 16, fing ich an, verschiedene spirituelle Kirchen zu besuchen und zu Hellseherinnen zu gehen. Dann starb meine Cousine mit 17 Jahren bei einem Autounfall. Ich schätze, dass das mein Katalysator war und meine Neugierde angefeuert hat. Ich habe versucht Kontakt aufzunehmen, um herauszufinden, ob es noch mehr gibt als das, was wir sehen.

Foto: Jayne Harris

Wie oft sind die Objekte und Puppen, die du bei den Leuten zu Hause findest, tatsächlich besessen?
Unserer Erfahrung nach finden wir in sieben von zehn Fällen eine ganz normale Erklärung für die Aktivitäten in den Häusern der Leute, die uns zu sich rufen. Wenn jemand Klopfgeräusche hört, fangen wir damit an, das Haus gründlich zu untersuchen—von den Rohrleitungen bis hin zu Hohlräumen im Dachboden, wo sich vielleicht Mäuse eingenistet haben. Wenn die Lampen flackern, müssen sie oft einfach nur neu verdrahtet werden. Man versucht einfach alle Möglichkeiten auszuschließen, bis am Ende nur noch das übrig bleibt, was eigentlich wirklich vor sich geht.

Werden Geister von Puppen angezogen oder finden die Leute die Puppen einfach nur gruselig und denken deswegen, dass mit ihnen irgendwas nicht stimmt?
Geister werden nicht nur von Puppen angezogen. Ich denke, dass Leute nur schneller darauf aufmerksam werden, wenn etwas Paranormales mit der Puppe vor sich geht, weil es so viele Filme darüber gibt. Jeder von uns kennt Chucky und all die anderen Filme von mordlustigen Puppen und den Leuten, die davon mitkriegen. Tatsächlich handelt es dabei aber nicht um einen Geist, der in der Puppe steckt, sondern vielmehr um paranormale Aktivitäten, die damit in Verbindung stehen und das Objekt bewegen.

Wir sind alle gleichzeitig vom Tisch aufgesprungen, weil wir dachten, das Hexenbrett stünde in Flammen.

Einmal hat uns eine Frau wegen einem Schuhkarton voller alter Fotos angerufen. Sie hat bemerkt, dass irgendetwas in ihrem Haus vor sich ging und meinte, dass das erst so war, seit sie die Schachtel hatte. Sie fing an, eine Frau zu sehen und zwar so klar und deutlich wie dich und mich: Dunkle Haare, weiße Bluse. Als wir die Schachtel mitnahmen, hörten auch die Visionen in ihrem Haus auf. So erklären wir uns, was Besessenheit ist: Im Grunde ist es eher eine Art Heimsuchung—nur konzentriert sich das Ganze nicht auf einen Ort, sondern auf ein Objekt. Solche Fälle fesseln unsere Fantasie in der Regel nur nicht ganz so stark wie Puppen.

OK, aber aus welchem Grund würde ein Geist eine Puppe heimsuchen?
Der amerikanische Spezialist John Zaffis hat versucht es damit zu erklären, dass wir als Kinder so viel Fantasie und Kreativität in unsere Puppen stecken, dass wir uns in gewisser Weise mit ihnen verbunden fühlen und einen Teil von uns selbst auf sie projizieren. Das ist eines der Dinge, die wir eines Tages gerne noch genauer klären möchten. Den eindeutigen Beweis zu finden, ist so etwas wie der heilige Gral für jeden paranormalen Forscher.

Wie nah bist du einem solchen Beweis schon gekommen?
Meine extremste Erfahrung war, als ich vor zehn Jahren gemeinsam mit einer Gruppe von Geisterforschern ein Hexenbrett verwendet habe. Eine Puppe war besessen und jemand glaubte, dass sie eine Verbindung zum Bösen haben könnte—dafür haben wir aber nie einen Beweis gefunden. Während wir das Hexenbrett benutzt haben, hatten wir etwas, was sich nur als Gruppenhalluzination beschreiben lässt. Wir sind alle gleichzeitig vom Tisch aufgesprungen, weil wir dachten, das Hexenbrett stünde in Flammen. Das hat nur etwa 10 Sekunden lang gedauert und als wir das Brett anschließend berührt haben, war es vollkommen kalt.

Auf deiner Website gibt es auch eine Seite, auf der man Puppen adoptieren kann. Wie funktioniert das?
Wir werden ständig zu Leuten nach Hause gerufen, um ihnen mit irgendwelchen Objekten zu helfen. Für jedes Objekt, das wir mitnehmen, entschädigen wir die Leute. Wir haben dafür eine feste Pauschale festgelegt—egal ob sich rausstellt, dass es paranormal ist oder nicht. Wie du dir vorstellen kannst, geben wir also jede Menge Geld aus. Das ist aber ein Risiko, das jeder kennt, der in der Forschung tätig ist. Wenn uns jemand kontaktiert und Interesse an einem Objekt aus unserer Sammlung hat, sprechen wir mit ihm und sehen, ob er geeignet ist.

Wir bleiben in Kontakt mit den Leuten, die Objekte aus unserer Sammlung kaufen—für den Fall, dass sie irgendwann mal Hilfe brauchen.

Auf eBay gibt es auch ziemlich viele Leute, die angeblich besessene Puppen verkaufen. Inwiefern unterscheidet sich das von dem, was ihr macht?
Ich spreche mich ganz klar gegen die eBay-Verkäufer aus, denn mit dem was sie tun, geht auch eine gewisse Verantwortung einher. Im Endeffekt verkaufen sie etwas, das im Haus des anderen zu paranormalen Aktivitäten führen könnte. Aus diesem Grund verwenden wir auch das Wort „Adoption". Wir wollen, dass die Leute verstehen, dass es eine ziemlich große Verantwortung ist, wenn man so etwas bei sich zu Hause aufnimmt. Außerdem bleiben wir in Kontakt mit den Menschen, die Objekte aus unserer Sammlung kaufen—für den Fall, dass sie irgendwann mal Hilfe brauchen.

Wie findest du heraus, ob jemand geeignet ist, eine Puppe zu adoptieren?
Wenn ich mit den Leuten skype, lerne ich sie ein wenig kennen. Ich frage sie, ob sie schon mal Erfahrungen mit paranormalen Aktivitäten gemacht haben oder ob sie religiös sind. Wir fragen auch immer, ob Kinder bei ihnen zu Hause leben. Man kann sich nie hundertprozentig sicher sein, dass den Leuten nichts passiert, aber wir wollen zumindest sicherstellen, dass wir unseren Teil erfüllt haben.

Warum wollen Leute überhaupt besessene Puppen kaufen?
Viele von den Leute, mit denen wir zu tun haben, sind selbst paranormale Forscher, die die Objekte für Experimente oder ihre eigene Forschung benötigen. Wir kennen einen Dozenten an einer Universität in Derby, der vor Kurzem ein Objekt von uns gekauft hat, weil er selbst daran arbeitet, einen Beweis für das Paranormale zu finden. Wir zahlen den Leuten für jedes Objekt rund 25 Euro, egal ob sich am Ende rausstellt, dass es paranormal aktiv ist oder eben nicht. Wir haben in der Regel so um die acht oder neun Aufträge im Monat und geben entsprechend rund 250 Euro von unserem Forschungsbudget für die Objekte aus. Im Schnitt benötigen wir für die Erforschung eines Objekts 15 bis 20 Stunden. Erst dann können wir sicher sein, ob es mit irgendeiner Form von paranormaler Aktivität in Verbindung gebracht werden kann und dann kümmern wir entsprechend darum. Die Puppe, die wir dem Mann aus Derby verkauft haben, hat umgerechnet rund 70 Euro gekostet. Damit verdienen wir also kein großes Geld ... Wir halten den Kasten nur am Laufen, damit wir weiterhin tun können, was wir eben tun.

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Hast du nie Angst oder bist nervös, wenn du deine Arbeit machst?
Das hängt ganz davon ab. Wenn irgendwo plötzlich etwas in die Luft springt, können einem schon mal ein bisschen die Nerven flattern und wenn eine Glühbirne platzt oder irgendetwas vom Regal oder von der Wand runterfällt, zuckt man natürlich zusammen. Aber wenn man eine Faszination für das Paranormale hat und ziemlich viel darüber gelesen hat, weiß man, woran man ist und was man zu erwarten hat.

Was machst du mit den Puppen, die du mitnimmst? Bewahrst du sie in einem Zimmer in deinem Haus auf?
Ja, in unserem Keller. Da haben wir einen Raum nur für unsere Forschungsarbeit. Das ist der einzige Ort im Haus, wo wir sicher sein können, dass wir das Ganze bis zum einem bestimmten Maß kontrollieren können. Dort führen wir auch unsere Experimente durch, stellen unsere Bewegungsmelder auf und solche Sachen. Das nimmt ziemlich viel Zeit in Anspruch und ist auch immer sehr aufwendig. Wir stellen die Nachtsichtgeräte auf, legen das Band ein und lassen es die Nacht über laufen. Am Morgen sehen wir uns dann die Aufzeichnungen an. Ich achte auf die Geräusche und alles andere, aber es kommt nur sehr selten vor, dass man irgendetwas Visuelles oder Konkretes mitbekommt. Schon wenn man eine kleine Sache hat, denkt man sich: „Wow, das ist interessant." Allein das ist der ganze Aufwand wert.


Foto: Mary T Moore | Flickr | CC BY 2.0