Rudis Brille

Verraucht und versifft: Wie aus dem räudigen Wien in den 90ern eine Rave- und Downbeat-Metropole wurde

Unser Autor ist jetzt schon 30 Jahre in Wien und erzählt aus einer Zeit, in der die Clubs und Bars noch Freihaus, Trabant oder Xeno hießen und der Erste Bezirk noch laut war.

von Rudi Wrany
30 November 2017, 11:37am

Foto: Soul Seduction | Alexander Hirschenhauser

Ich bin also schon unvorstellbare 30 Jahre in dieser Stadt. 1987 zum Studieren als Bub aus dem Lavanttal nach Wien gezogen, habe ich in meinem Jugenddrang vieles erlebt und erleben dürfen, was die Stadt an Veränderungen durchlebt hat. Die Nutten standen damals noch am Gürtel und rund um die Messe – da wo heute die Pratersauna ist – und hießen Uschi und Jacqueline aus Simmering. Sie sprachen zwischen den Geschäftsanbahnungen übers Wäsche-Aufhängen und begrüßten die neugierigen Spechtler mit den Worten: "Na Schatzi, host heit wos Großes vur?"

Damals war Wien jedenfalls eine furchtbar graue und irgendwie öde Stadt. Die Denkmäler waren alle noch schwarz vom Ruß der Jahrhunderte und gastronomietechnisch war man Lichtjahre vom Start-up und schicken Streetfood-Boom der heutigen Zeit entfernt. Ich verbrachte meine ersten Ausgehjahre oft noch in echten "Kleschen", die da hießen Café Marie, Café Kärnten, Angst und Bang oder Espresso Charly. Alles Geschichte: Gibt es nicht mehr. Heute sind das die neuen Coffeestores, viele auch ein wenig retro, aber eben nicht echt.

Weggehen war damals auf niedrigem Niveau möglich. Im Bermudadreieck oder rund um den Rudolfsplatz: Man ging ins Apropos – heute noch als Restaurant unter dem Namen Das Heinz in Betrieb. Ins Oscar – heute verschwunden. Ins Krebitz – heute die gefühlt millionste Veggie-Irgendwas-Hütte. Ins Steinzeit – heute ein Crossfit-Studio. Oder in eines der vielen anderen heute längst vergessenen Etablissements, die alle dasselbe boten: Laute Musik von Falco bis Sade und viele weiße Spritzer um satte 35 Schilling. Ursula Stenzel hat dies alles während ihrer Schreckensherrschaft ausgetrocknet.


So grau haben sich die 80er in Wien angefühlt:


Es ist aber nicht so, dass ich dieser Zeit zwingend nachtrauere, denn vor der Öffnung des eisernen Vorhanges waren wir eigentlich noch so richtig unter uns – zu viel, wenn man mich fragt. Die Zuwanderung beschränkte sich auf Gastarbeiter (zumeist aus dem Südosten) und in Wien herrschte Provinzialität vom Feinsten. Erst von der Ära Peymann und Thomas Bernhard zart durchbrochen, dessen damalige Heldenplatz-Erregung ich live als junger Publizistikstudent miterleben durfte.

"Ins Oscar – heute verschwunden. Ins Krebitz – heute die gefühlt millionste Veggie-Irgendwas-Hütte. Ins Steinzeit – heute ein Crossfit-Studio."

Wo ging man aber damals hin, wenn man nicht auf der Mainstream-Welle schwimmen wollte? Wie sahen die Clubs dieser Zeit aus? Nun, die Spätachtziger waren tatsächlich eine äußerst schwierige Periode für Nachtschwärmer. Musikalisch war man ja auf wenige Opinion Leader angewiesen, die sich dicht gedrängt in der Ö3-Musicbox tummelten: Werner Geier, Chris Duller, Walter Gröbchen und wie sie alle hießen, brachten in wenigen Momenten jene Musik ans Tageslicht, die man ansonsten nicht zu hören oder auch zu lesen bekam.

Die Musikpresse war auf Hochwissenschaftliches reduziert, etwa auf das Spex, Privatradios gab es noch keine und wenn man Platten kaufen wollte, musste man ins Dum Dum oder später dann ins Why Not und auch ins Rave Up gehen. Erst 1990 folgte dann der Black Market. Dort verhielt man sich meistens schüchtern und traute sich nicht, die coolen Verkäufer anzusprechen. Wenn man etwa von Samir Köck im Black Market eine Antwort bekam, gehörte man bereits zu den Auserwählten.



Es war die Zeit vor der elektronischen Musikrevolution: Es regierten Grunge, Rock und ein wenig Disco und Funk. Das U4 war the place to be für die Musikerszene und der Volksgarten noch eine muffelige Bonzendisco. Kleinere Clubs wie das Chelsea oder alte Dinosaurier wie die Camera – die damals als sicherer Tipp galt, wenn man sich benebeln wollte – bestanden ebenso wie das Donau und das legendäre Titanic mit seinem Gratiseintritt und der Sperrstunde um zwei Uhr. Es gibt aber auch Clubs und Plätze, die heute schon längst vergessen wurden – wie etwa der Fun Club mit seinen Flatfree-Orgien, samt anschließender Kotzerei im Schillerpark, das zum Imperium des "Roten Heinz" gehörte.

Oder das Kennedys – das heutige Reigen – das versuchte, dem U4 schon während (1987) und nach dem Brand (1989) mit Acidhouse-Nächten Konkurrenz zu machen, das kam zu früh. Auch die Blue Box galt als Hotspot seiner Zeit – spätestens seit dort Müllers Büro gedreht wurde. Natürlich gab es auch schon alternative Hochburgen wie die Arena oder das WUK, die allerdings damals auch noch weit weg von dem Hype der Neunziger waren. Meist assoziiere ich diese Plätze in den Achtzigern mit schummrigen Kneipen und Punks. Die damals noch hochaktive Marxistische Hochschülerschaft, die liebend gern Vorlesungen störte, lud zu Partys im Ernst-Kirchweger-Haus (benannt nach dem Kommunisten und Kommunist und KZ-Häftling Ernst Kirchweger, der bei der ersten großen Anti-Nazi-Demonstration erschlagen wurde und als das erste Todesopfer einer politischen Gewalttat in Österreich nach 1945 gilt), die uns Bauernbuben vorkamen wie eine andere Welt.



Alles war verraucht, versifft und wurscht, aber es hatte irgendwie auch seinen Charme. Die Poplegenden waren damals noch zum Angreifen: Prince und Nirvana im U4 – heute unvorstellbar.

1989 und 1990 fiel dann der eiserne Vorhang und Hunderttausende durften ihre Heimat verlassen, was im spießigen Wien des Gemeindebaus natürlich zum ersten Aufschrei führte. Die FPÖ errang zweistellige Ergebnisse, die Nazizeit wurde eifrig diskutiert und die Gesellschaft wurde wacher, aktiver. Es fand eine erste Polarisierung statt, was sich auch auf die Clublandschaft auswirkte.

Aus der Hausbesetzer-Szene rund um die Ägidigassen-WG wanderten die Bewohner Richtung WUK und Arena. Ein weiterer, Tom Eller, gründete 1990 in der Arndtstrasse das FLEX, damals wohl Wiens gefürchtetster Punkschuppen, dessen Besucher sich oft mit den Skinheads aus der Bude gleich daneben prügelten. Gigantisch weit entfernt vom FLEX, wie wir es später kennen gelernt hatten. Es entstanden reihenweise neue Undergroundlokale wie das Nachtasyl oder die Pandoras Box. Die Blue Box wurde zur beliebtesten Vorglüh-, aber auch Absturzvenue der Szene. Jeder, der etwas mit Kunst oder ähnlichem zu tun hatte, wurde in jener Zeit Szenekellner oder DJ. Alex Ivan etwa installierte damals die erste regelmässige DJ-Line in der Blue Box. Als unbekannter Gast wurde man dort nicht gefragt "Was darf ich bringen?", es wurde alles mit verächtlichem Blickkontakt geregelt. Die Hütte war fast täglich rammelvoll, an der Theke standen Journalisten, Architekten, Musiker und sonstige Möchtegerns und übten sich in Trinkfestigkeit.


Die Geschichte der Arena in Wien:



Bereits seit 1986 gab es die Soul Seduction im Volksgarten – am Anfang hieß es noch "Montagnächte". 1990 folgte dann der Record Store. Es war die Zeit, als man nach London und New York flog, um Trends zu erkennen und Künstler noch persönlich einzuladen. So kam dann auch Gilles Peterson erstmals in die Stadt. Danach oder auch dadurch erlangte Wien dank Kruder und Dorfmeister just in diesem Segment Weltruhm. Die DJs schliefen damals noch in den Wohnungen der Promoter und die damaligen Gagen würden heute gerade einmal das Luxushotel samt Essen decken.

Foto: Soul Seduction | Alexander Hirschenhauser

Und irgendwann kam dann die Rave-o-Lution, die natürlich – wie beinahe alles – auch in Wien verspätet Einzug gefunden hat. Eine Gruppe von Leuten gründete das Kollektiv XXX (unter anderem der Architekt Gregor Eichinger und Horst Scheuer, der heute das Skopik und Lohn betreibt) und hielt die ersten Technoevents ab. Zumeist waren die irgendwo im Nirgendwo. Man musste noch Hotlines anrufen, um zu wissen, an welcher Autobahnbaustelle das Event stattfand.

An der Angewandten fand 1992 eine Riesenfete mit den Gründungsmitgliedern von Underground Resistance statt und Wien mutierte Schritt für Schritt zu einer der europäischen Musikhauptstädte – heute kann man sich das nur schwer vorstellen.

"Ab jetzt war es out, die Stücke auszuspielen und ungemixt ein neues zu beginnen: Es begann die Zeit der Performer."

Die Mariahilfer Straße existierte damals noch nicht in ihrer heutigen Form. Die Straßenbahnen schlängelten sich an ungarischen Second-Hand-Läden vorbei und die Szene suchte sich ihre Viertel zum Ausgehen. Neben dem damals noch lauten, aber kommerziellen Ersten Bezirk ging man noch gern ins Freihausviertel: Freihaus, Trabant, Flieger, Roxy, Xeno waren die Bars und Clubs jener Zeit. Horst Scheuer machte das Roxy für einige Jahre zum heißesten Club der Stadt, auch dank seines gnadenlosen Aussiebverfahrens an der Tür.

Drinnen wechselten sich Peter Kruder, Richard Dorfmeister und DJ DSL an den Decks ab. Die DJs der alten Schule beäugten die Mixkünste der neuen argwöhnisch, denn ab jetzt war es out, die Stücke auszuspielen und ungemixt ein neues zu beginnen: Es begann die Zeit der Performer.
Im Trabant standen Gerwald Rockenschaub und Electric Indigo an den Decks und präsentierten Elektronik für Barbesucher – sogar im Chelsea gab es damals elektronische Nächte (gibt es ja bis heute, nur interessiert es kaum jemanden).



Im Bach im 16. Bezirk begannen 1992 Wiens legendärste Hip-Hop-Nächte: BASIC, von Werner Geier gegründet, ist für mich heute noch unvergesslich: Demon Flowers, Cut Ex, Rodney Hunter und natürlich DJ DSL verwoben (East Coast-)HipHop und Dope Beats zu einer charmanten Mischung. Man kann also behaupten, dass die frühen Neunziger Wiens erste große Clubschwemme mit sich brachten, und langsam begann sich auch die Stadt zu verändern, sie wurde junger und schöner, sie putzte sich heraus.

Mit House und Techno erwachte auch ein neues Ausgehbewusstsein. Es gab nicht mehr nur das U4, man suchte sich neue Plätze. Die Ravejünger feierten im Gasometer (im alten wohlgemerkt), in der Arena, im Kunstwerk und in diversen angemieteten Hallen, wobei "mieten" ein sehr dehnbarer Begriff war – nicht alles war nach Vorschrift: Ein Riesenvorteil der damaligen Zeit gegenüber heute war, dass die Behörde den Ravern nicht so schnell auf die Schliche kam, es gab ja noch kein Facebook und ähnliches. Auch wusste man mit dem neuen Bumm-Bumm nicht recht viel anzufangen. Die Leuten waren bunt, schrill, trugen Gasmasken und die Musik war so anders, dass sich in den Anfangsjahren ständig heftige Diskurse entspannen, ob denn dies Musik sei und ob man das überhaupt dürfe.

"Apropos Drogen: Schon Falco sang in den Achtzigern vom Schnee, auf dem alle talwärts fahren – vor allem er und seine Freunde im U4."

Die Gegenströmung dazu war dann die gechillte Downbeat-Ära, die sich an Hip Hop, Bossa Nova und Acid Jazz orientierte und bald das Kunstwort Trip Hop umgehängt bekam. Dort kiffte man lieber, während bei den Ravern alles schnell und auch eine Frage der richtige Drogen war.

Apropos Drogen: Schon Falco sang in den Achtzigern vom Schnee, auf dem alle talwärts fahren – vor allem er und seine Freunde im U4. Doch war dies eher der "Hotvolley" vorbehalten. In den Neunzigern kam dann mit Ecstasy die Partydroge in Pillenform auf, die einen stundenlang glücklich machte und anfangs noch dazu legal war. Ich erinnere mich noch gut, als Ecstasy aufkam und sogar das News darüber schrieb. Der Gesetzgeber war anfangs ratlos. Als jedoch die ersten Raver an einer Überdosis starben – weil sie schlichtweg innerlich vertrockneten – war bald klar, dass die Zeit der Legalität vorbei war. Doch bis dahin hatte es wohl jeder schon probiert und selbst entschieden, ob man diesen Zustand mochte oder nicht. Die Raves der Anfangsjahre waren jedenfalls ein Experimentierfeld dafür.


VICE-Video: Die illegale Rave-Szene in Großbritannien:


Für das Ausgehen entwickelte sich schnell der Begriff "Clubbing". Die "Disco" Marke U4 wurde durch den "Club" ersetzt (etwa das Roxy oder das Mekka auf der Mariahilfer Straße). In den Frühneunzigern begann dann auch jene Ära, in der sich findige Veranstalter neue Locations suchten, um dort ihre ausufernden Feste abzuhalten. Diese wurden zumeist mit House beschallt. House unterschied sich in der Produktionsweise damals noch ganz klar vom harten Techno der 909-Ära.

Vocals, Melodien und südliche Einflüsse prägten den House der damaligen Zeit, der noch Lichtjahre vom Style-Purismus der heutigen Epoche entfernt war. Das erste Clubbing dieser Art war wahrscheinlich das HYPE im U4 von Bernd Schlacher und Andi Lackner. Ich selbst war auch einmal dort, wusste aber damals nichts mit dem schrillen, teils queeren Publikum anzufangen. Es war die Zeit der Dragqueens (Miss Candy aka Holger Thor oder auch Mario Soldo), des Glitzer und der B-Promis. Bald kamen die diversen Palais, das Technische Museum und später die Sofiensäle dazu. Im Volksgarten und dem Mekka entwickelte sich durch den Erfolg der Soul Seduction auch eine neue Clubbing-Generation rund um Kaveh Ahi. Nach den Partys wurde im Chattanooga weiter getanzt – für viele bis heute die wahrscheinlich legendärste Afterhour.

Die Nachtschwärmer teilten sich in eine schicke und eine Undergroundszene, die miteinander nichts bis wenig zu tun haben wollten. Daneben existierten auch bereits die ersten Studentenclubbings – damals noch in den Universitäten selbst: Aufrisszone pur und das bei freiem Eintritt. Auch hier beendete ein Todesfall das Partytreiben, die Studentenpartys wurden zum Geschäft für einige wenige und wurden ausgelagert. Wer sich noch erinnern kann, weiß, wie es auf der Angewandten, dem Innenhof der Hauptuni oder der alten WU zuging. Wer dies alles nicht wollte (wie ich – für mich waren damals die Raves zu stressig, die Clubbings zu schick und die Studentenpartys zu kommerziell), suchte sich andere Bewegungszonen: Etwa die Blue Box. Thomas Seidl aka Tomtschek etwa kombinierte dort Aktionismus mit Deephouse und gründete das Kollektiv H.A.P.P.Y..


VICE-Video: Electric Love – Das EDM Mekka


Die Protagonisten des Performance-Kollektivs wechselten teilweise und präsentierten über die Jahre hinweg in unterschiedlicher Besetzung diverse Kunstprojekte, immer unter der Leitung und Regie von Tomtschek. Das Ganze begann 1993 in der Blue Box und wurde bald so groß, dass er schweren Herzens später ins WUK übersiedeln musste.

1992 endete auch die Zeit des Flex in der Arndtstraße – die Punkertruppe bekam von Bürgermeister Helmut Zilk ein neues Zuhause im U-Bahn-Schacht am Donaukanal, das man eigenhändig umbaute. Schon damals lief die Bezirksvorstehung des Ersten Bezirks unter der Leitung von Dr. Richard Schmitz Sturm und demonstrierte gegen den Einzug der alternativen Kultur am Kanal – in Pelzroben. Aber es half nichts: Helmut Zilk sprach ein Machtwort und das Flex wurde möglich.

Die Techno-Community fand sich in den frühen Neunzigern wöchentlich auch im U4 ein (1991), wo mittwochs im Space Jungle getanzt wurde. Gegründet von DJ Clemens Neufeld, heute für seine drei Millionen Sonnenuntergangsfotos berühmt. Doch das U4 verlor im Laufe der Zeit zunehmend seine Bedeutung als Wiens Vorzeigeclub. Vielleicht, weil es noch zu viel Discothek und zu wenig Club war. Dieses Schicksal teilten in der Folge auch noch andere, die die Szene eine Zeit lang dominieren sollten.



Zusammenfassend glaube ich sagen zu können, dass Wiens Clubszene vor allem durch das Entstehen der elektronischen Musik wuchs: Vom verstaubten Schmuddelkind Ende der Achtziger kurzzeitig zur Rave- und Downbeatmetropole der Neunziger, so könnte man es blumig umschreiben. Viele Locations, die damals in waren, sind heute längst geschlossen und verschwunden: Bergwerk, Atrium, Mekka, Sofiensäle, Kunstwerk, Trabant – sie alle gibt es nicht mehr. Andere wie die Blue Box, das Roxy, das U4, das BACH, das Chattanoogoa oder das WUK sind zwar noch in Betrieb (auch teilweise gar nicht unerfolgreich), haben aber ihre Vorreiterrolle verloren. Man erkennt kaum noch, was sich dort einst abgespielt hat. "Clubbings" verloren an Bedeutung – auch durch die Flut an Vorschriften.

Die elektronische Musik entwickelte sich in den Neunzigern noch rasant weiter. Drum'n'Bass, Garage, später Minimal, Trance und nicht zuletzt die stets immer im Underground werkende Goa- und Acidtechno-Szene bildeten sich in der Folge heraus und zogen Massen an Publikum an und ab. Rock und Indie reduzierten sich auf einige wenige Biotope wie das Chelsea und die Fledermaus. Andere Locations, die es damals schon gab, wurden erst später zu spannenden Venues wie etwa das Celeste, das in den Neunzigern noch ein typisches Studentenlokal war.

Die DJs der damaligen Zeit mussten noch Stunden, wenn nicht Tage in den Recordstores verbringen – damals existierte unter ihnen eine ganz klare 2-Klassen-Gesellschaft: Die DJs, die das Geld und die guten Promos hatten, waren klar im Vorteil. Musikliebhaberei dominierte noch jene Anfangszeit, in der DJs aus London oder Ibiza noch nicht so wichtig waren, die Eintritte überstiegen selten den ominösen Hunderter (Schilling natürlich, heute zirka 7,20 Euro) – die Gagen waren zumeist bei 2000 Schilling gedeckelt.

Partys oder "Feste", wie es damals hieß, waren auch Kunstevents – nicht nur im Fall von HAPPY. Ständig wurde etwas Neues entdeckt, man stritt mit den Altrockern und den Mixing-Hassern, man war immer auf der Suche nach neuen Sounds, weil man noch leicht Neues fand. Somit kann und darf für die damalige Epoche ganz sicher noch der Begriff "Clubkultur" verwendet werden, denn im Club fand durchaus Kultur statt und das nicht nur in Ansätzen.



Vieles von dem ist durch die aalglatte Durchprofessionalisierung der heutigen digitalen Epoche verloren gegangen. Der Zugang der Musik für alle brachte sicher nicht nur Vorteile: DJ-Schwemme, Dauerberieselung in jedem "Szene"-Café, Einheitsbrei, kaum noch prickelnde neue Locations, das "Festival" als Tod für die Clubs und als Preistreiber Nummer 1, die Schreckensinsel Ibiza und das langsame Dahinsiechen der Wiener Musikszene in den Folgejahren nach der Goldgräberstimmung.

Aber natürlich verklärt der Blick in die Vergangenheit auch stets: Die Internationalisierung brachte natürlich auch viele bekannte DJ-Größen nach Wien, als sie noch leistbar waren – anders als heute. Auch waren anfangs viele große Firmen, Banken und Telekommunikationsunternehmen interessiert am Aufbau der Event- und Clubszene und unterstützten diese durch Sponsoring. Das ist mittlerweile ins Gegenteil verkehrt. Imagemäßig stand diese Art der Unterhaltung jedenfalls schon einmal besser da – vom Wientourismus ganz zu schweigen, aber ich übe mich in Wiederholungen. Aber vielleicht kann man ja 2020 die Gloriette für ein Open Air mieten.


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