Familie K. vor dem Nichts, das ihr Containerdorf umgibt || Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben: Flora Rüeg

"Ich will eine Zukunft" – die trostlose Welt der Kinder im Ankerzentrum

Eine Massenunterkunft in Bayern. Für die Politik ist sie ein Erfolgsmodell, für Boluwatife, 15, und seine Geschwister hat sie ihr Leben zerstört.

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Okt. 1 2018, 4:01am

Familie K. vor dem Nichts, das ihr Containerdorf umgibt || Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben: Flora Rüeg

Kindern gehört die Welt, heißt es. Die Welt von Boluwatife besteht aus zwei Zimmern. Der 15-Jährige teilt sie sich mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern. Bis vor Kurzem hatten sie sogar nur einen Raum. Boluwatife zeigt den Ort, an dem er mit seiner Familie lebt, auf dem Smartphone seiner Eltern, scrollt mit dem Daumen durch ein digitales Fotoalbum: "Hier wachen wir morgens auf, dann essen wir, hängen rum und schlafen. Eigentlich tun wir nichts. Außer warten, seit zwölf Monaten."

Die Aufnahmen zeigen einen Raum mit tiefer Decke. Ein brauner Pappkarton, Trolleys und ein Gitterbett reihen sich an der Wand aneinander, darauf verteilt liegen Klamotten, Tüten, Tücher. Gegenüber stehen Stockbetten mit handbreiten Schaumstoffmatten als Matratze. Hier schlafen seine Mutter, die beiden Schwestern und die beiden Brüder. Boluwatifes Vater und er wohnen im Zimmer nebenan.

Ein Raum aus zwei Perspektiven im Ankerzentrum Manching-Ingolstadt
Die Familie aus Nigeria teilt sich zu siebt zwei Räume im Containerdorf, vorher hatten sie sogar nur ein Zimmer | Foto: privat

Die Räume, in denen Boluwatife und seine Familie leben, sind für Besucher tabu. Familie K. lebt in einem eingezäunten Containerdorf am Rand eines Industriegebiets von Ingolstadt. Betreten dürfen die Unterkunft nur Personen, die eine Erlaubnis des zuständigen Regierungsbezirks haben. Journalisten dürfen nur zu offiziellen Presseterminen rein. Wenn man sich mit den K.s unterhalten will, muss man sich deshalb draußen treffen. Es ist allerdings nicht einfach, einen passenden Ort zu finden. Es gibt keine Bänke und das nächste Café ist 25 Gehminuten entfernt.

Boluwatife sitzt auf einem Gasrohr, während er mit dem Smartphone das Tor zu seiner Welt öffnet. Vor ihm stehen haushohe Bäume, hinter ihm liegen Bahngleise und eine Ackerfläche. Seine Schwestern, zehn und sechs Jahre alt, turnen auf der Gasleitung herum. Der zweijährige Bruder greift nach Beeren an einem vertrockneten Strauch. Die Mutter, 39, hockt im Gras. Ein Baby, erst vor vier Monaten zur Welt gekommen, hängt in ein Handtuch geschlungen auf ihrem Rücken.

Die meiste Zeit verbringe die Familie in den zwei Räumen ihres Containers, sagt Boluwatife. Eigentlich soll man die K.s nicht kennenlernen. Die Familie aus Nigeria soll sich nicht integrieren. Das ist im "Masterplan Migration" von Bundesinnenminister Horst Seehofer nicht vorgesehen.

Ein Kind steht auf einer Gasleitung, dahinter sind Bahngleise
Boluwatifes sechsjährige Schwester balanciert auf den Gasleitungen hinter dem Containerdorf

Seit zwölf Monaten leben die K.s in Deutschland, sie zogen von Massenunterkunft zu Massenunterkunft. In Oberbayern kamen sie im September 2017 an. Seitdem leben sie mit bis zu anderthalbtausend Asylbewerbern auf engstem Raum in den ehemaligen Kasernenbauten und einem Containerdorf in Manching-Ingolstadt.

Politiker nannten den Ort "Transitzentrum", Flüchtlingshelfer bezeichneten ihn als "Abschiebelager". Hier gelten Regeln, die jedes normale Leben unmöglich machen. Die Bewohner dürfen nicht selbstständig Essen zubereiten, sie dürfen nicht arbeiten und niemanden in die Einrichtung mitbringen. Was für Erwachsene schon kaum zu ertragen ist, hat für Kinder Folgen, die sich wie Nebel um ihr ganzes Leben legen. Sie dürfen nicht zur Schule, haben keinen Raum zum Spielen und finden keine gleichaltrigen Freunde.

Im vergangenen Jahr hat das UN-Kinderhilfswerk UNICEF Massenunterkünfte auf ihre Tauglichkeit für Kinder untersucht. Das Ergebnis: In Erstaufnahme-, Not- und Gemeinschaftsunterkünften würden die Rechte auf Schutz, Gesundheit, Bildung und Privatsphäre verletzt. Die Auswirkungen zögen sich "wie ein roter Faden durch sämtliche Lebensbereiche der geflüchteten Kinder und Jugendlichen und bestimmten ihren Alltag", so der Bericht.

Dass der Ort, an dem sie wohnen, jetzt Ankerzentrum heißt, wissen sie nicht

Heute ist das Containerdorf der K.s offiziell eine sogenannte Dependance der Ankereinrichtung Manching-Ingolstadt, eröffnet am 1. August. Die "Zentren für Ankunft, Entscheidung, Rückführung" tauchten erstmals im Koalitionsvertrag vom Februar 2018 auf. Für die CSU und deren Vorsitzenden, Bundesinnenminister Horst Seehofer, sind sie ein wichtiges Symbol. Im bayerischen Landtagswahlkampf will die Partei den Wählern signalisieren: Wir haben verstanden. Wir werden Orte schaffen, an denen Asylverfahren schneller über die Bühne gehen. Damit wir Menschen ohne Bleibeperspektive schneller abschieben.

Die Ankerzentren sollen Asylverfahren beschleunigen, indem alle Behörden vor Ort vertreten sind. Offiziell sollen Geflüchtete maximal 18 Monate dort verbringen, Familien mit Kindern nicht länger als sechs. Die K.s sind bereits seit 12 Monaten in dieser Unterkunft, die am 1. August einfach ihren Namen geändert hat. Für die K.s macht das keinen Unterschied. Sie kennen den Namen nicht einmal.

Seit der Umbenennung in "Ankerzentrum" landen nicht nur Menschen mit schlechter Bleibeperspektive wie die K.s in Manching-Ingolstadt oder in anderen solchen bayerischen Zentren. Wenn es nach Seehofer geht, sollen deutschlandweit alle neu eingereisten Geflüchteten auf diese Weise einquartiert werden. In Bayern gibt es bereits sieben dieser Einrichtungen.

Im Mai protestierten "Pro Asyl" und 23 weitere Flüchtlings- und Familienverbände gegen die Ankerzentren: Kinder bräuchten eine "sichere, friedvolle Umgebung, Zugang zu Regelschulen, kinderspezifische Beratung und Unterstützung und Kontakt mit gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen". Im Juli stellten die Grünen eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung. Sie wollten wissen, wie in Ankerzentren die Rechte der Kinder umgesetzt werden. 26 der 31 Fragen blieben unbeantwortet.

Die Ankerzentren stehen zwar im Koalitionsvertrag, ihre Umsetzung ist aber Sache der Bundesländer. Es gibt deshalb keine einheitlichen Richtlinien für den Umgang mit Kindern – obwohl sie 2017 fast 45 Prozent der Geflüchteten ausmachten, die in Deutschland ankamen. Das Wohl der Kinder hängt also vom Zufall ab. Mit den K.s hat es der Zufall nicht gut gemeint. Ihre Unterkunft gehörte schon vor der Umbenennung zu jenen mit den härtesten Bedingungen.

Ein Kind sitzt auf dem Arm seiner Mutter und schaut in die Kamera
Das zweitjüngste Kind ist auf der Flucht aufgewachsen. Während des gesamten Treffens ist das Mädchen still

Warum die Familie 2017 von Italien nach Deutschland kam und zuvor aus Nigeria nach Libyen gezogen war, soll hier keine Rolle spielen. Das war eine Entscheidung der Erwachsenen. Hier soll es um die Parallelwelt gehen, in der Boluwatife und seine Geschwister stecken – gemeinsam mit rund 300 anderen Kindern, die auch in diesem Ankerzentrum leben.

Sie leben in einer Welt, in der sie nachts aufwachen, wenn Polizisten nach einem abgelehnten Asylbewerber suchen; in der sie sich morgens, mittags, abends in eine Schlange zwischen Fremden einreihen müssen, wenn sie etwas essen wollen; in der sie ihre Taschen am Eingang des umzäunten Geländes öffnen müssen, wenn die Sicherheitsleute in schusssicheren Westen es von ihnen verlangen. Das Wohnhaus von Horst Seehofer, der so stolz ist auf seinen Masterplan, ist übrigens nur wenige Autominuten entfernt.

Hinter Erotik-Outlet und Luxus-Shoppingcenter

Wenn Boluwatife von der Bushaltestelle zum Containerdorf geht, muss er vorbei am Shopping-Paradies Ingolstadt-Village, an Werbeplakaten mit dem Spruch "something extraordinary everyday", an einem Erotik-Outlet und einem Harley-Davidson-Shop. Über den Türmen eines Fabrikgeländes steigt eine Gasflamme auf. Industriegebietsromantik. Dann erreicht er einen Metallzaun mit dünnen Gitterstäben. Das Zuhause von Familie K. liegt dahinter, in den Baucontainern.

Aufeinander gestapelt und in Reihen zusammengefügt wie bunte Lego-Steine, gestrichen in Grün, Gelb, Blau. Breite Gassen trennen die einzelnen Wohnblöcke voneinander, dazwischen flanieren zwei Betreuer und eine Betreuerin in neongelben Warnwesten. Dort, wo das Gitter unterbrochen ist, sitzt ein Sicherheitsmann. Kinder rennen zwischen Eingangstor und den Eingängen ihrer Container hin und her. Auf der anderen Seite des Containerdorfs liegt der Spielplatz. Es gibt einen Sandkasten, eine Tischtennisplatte. Ein Mann sitzt in einem Campingstuhl. Alles ist da, wie es in den Leitlinien der Regierung von Oberbayern vorgeschrieben ist. Das einzige, was fehlt, sind die Menschen. Keiner spielt.

Ein eingezäuntes Containerdorf im Industriegebiet
Das Containerdorf hat einen Spielplatz, einen Sandkasten, eine Tischtennisplatte. Aber keiner spielt

"Ich lasse meine Kinder nicht allein auf den Hof", sagt Boluwatifes Mutter Alimat. Zu oft hätten sie dort Streit erlebt, Gewalt gesehen. Männer, die viel rauchen und den Kindern Angst machten. Ihre Zehnjährige erzählt, sie spreche dort mit niemandem. "Ich bin meistens im Zimmer", sagt sie. Dort sei auch ihr Vater gerade. Er lag bis vor Kurzem auf der Intensivstation. Weil er versucht hatte, das Loch, das die Langeweile in ihm aufriss, mit Drogen zu stopfen. Und absichtlich zu viel nahm.

Unter den Verhältnissen leiden aber nicht nur die Bewohner des Containerdorfs. Die Menschen, die hier arbeiten, tun sich genauso schwer damit, die Umstände hinzunehmen. In der Unterkunft ist die Caritas zuständig für die Beratung. Ein von der Regierung beauftragter Dienstleister stellt das Verwaltungs- und Betreuungspersonal. "Kinder erleben, dass ihre Eltern ihr Leben nicht steuern können, während sie dort untergebracht sind", sagt Gabriele Pulm-Muhr, Sozialpädagogin und Asylsozialberaterin der Caritas. Sie sieht Familie K. einmal pro Woche. "Der größte Teil des Lebens der Eltern ist fremdbestimmt. Sie können ihren angestammten Rollen nicht nachkommen." Viele wüssten nicht, wie es weitergeht – und wann. In Manching gebe es viele gewalttätige Konflikte, sagt sie, keine Rückzugsräume und keine Räume, in denen Kinder einfach nur Kinder sein können.


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Die Sozialpädagogin sagt, sie sehe, was das mit den Kindern anrichte: "Mit der Zeit lernt man einige Anzeichen von Belastungsstörungen zu erkennen." Sie habe fünf Jahre lang in einer Kinderkrippe gearbeitet, zehn Jahre in der mobilen Jugendarbeit. Sie wisse, wie andere Kinder außerhalb der Einrichtung sich verhalten, mit 15 Jahren, als Zehn-, Sechs- oder Zweijährige. "Bei manchen Kindern hier ist es so deutlich, dass es einen regelrecht anschreit."

Oft säßen Kinder verunsichert und still vor ihr, als wären sie darauf trainiert. Andere könnten Stille nicht ertragen. Pulm-Muhr sagt, sie sei müde von ihrer Arbeit, gerade vertrete sie drei Kolleginnen.

Ein Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in diesem Artikel lesen will, sagt: "Für eine gewisse Zeit lässt es sich dort schon aushalten. Aber die Einrichtungen sind nicht darauf ausgerichtet, die Menschen länger zu beherbergen." Für Familien heiße das: nicht länger als ein halbes Jahr. Man wisse um die Umstände in der Einrichtung. "Unsere Verbesserungsvorschläge haben nur bedingt Gewicht und dauern lange in ihrer Umsetzung", sagt er.

Dass der Mitarbeiter lieber anonym bleibt, liegt an dem Drohbrief, der neulich in seinem Postfach landete. Darin wird ihm und anderen vorgeworfen, Unterstützer eines "KZ-ähnlichen Systems" zu sein. Man werde ihn öffentlich bloßstellen. Niemand könne hinterher behaupten, nichts gewusst zu haben.

Von Innenminister Seehofer gab es bisher nur Lob zu hören: "Ich bin zuversichtlich, dass andere Länder in Kürze folgen und Anker-Einrichtungen sich als Erfolgsmodell erweisen werden", sagte er zum Start im August.

Ein Wahlplakat mit Markus Söder, CSU, in Ingolstadt
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wirbt für sich mit dem Erhalt der Heimat. Aber wer gehört dazu?

"Für die Menschen hier sind wir wie Bettler"

Wenn Boluwatife aus der Containerwelt ausbrechen will, fährt er mit dem Bus in die Innenstadt von Ingolstadt. Dort trifft er sich mit Kumpels, die zum Teil bereits anerkannte Flüchtlinge sind, eine Arbeitserlaubnis haben und in Gemeinschaftsunterkünften leben. Die meisten seien älter als er, viele trinken, ein paar nehmen Drogen, erzählt er.

Sie hören dann gemeinsam Musik im Park und tanzen. Meistens zu Hip Hop. Boluwatife rückt seine Basecap gerade. "Positive Vibes. Positive Life" steht darauf. Der Bus fährt vorbei an Wahlplakaten, auf denen ein überlebensgroßer Markus Söder in Dirndl und Janker gekleideten Menschen verspricht, die bayerische Lebensart zu erhalten. "Für die Menschen hier sind wir wie Bettler oder Verbrecher", sagt der Boluwatife. "Sie schauen weg, wenn wir vorbeigehen."

Boluwatife zieht die Oberlippe schräg nach oben, als sei er angewidert, doch eigentlich sei er einfach nur sauer, sagt er. "Ich will nicht euer Geld. Ich will eine Zukunft."

Als die Familie in Libyen lebte, setzte der damals 13-Jährige in einer Werkstatt Scheiben in Autos ein. Er interessiere sich für Mechanik, sagt er. Als der Bus am Gebäude der Technischen Fachhochschule Ingolstadt vorbeifährt, zeigt er darauf: "Da würde ich gerne mal reingehen, Bücher lesen über Ingenieure." Doch für Kinder in Ankerzentren ist nicht einmal der Besuch einer Regelschule vorgesehen.

Ihr Unterricht ähnelt dem in Integrationsklassen, sie lernen vor allem Deutsch. Die Stunden finden direkt in der Unterkunft statt. Auch an diesem Tag hätte Boluwatife in die "Camp-Schule" gehen sollen, wie er sie nennt. "Gestern war niemand da, als ich kam. Warum soll ich heute hingehen?" Manchmal sei er auch aggressiv gegenüber seiner Lehrerin, sagt er. "Ich will das auch nicht. Aber mich langweilt der Unterricht, dann denke ich ständig an meine Familie."

Ein Junge verschränkt die Hände, daneben der Spruch auf seiner Basecap
"Positive Vibes. Positive Life." Aufgrund der aktuellen Stimmung in Deutschland, haben wir den Namen der Familie zu ihrem Schutz abgekürzt und zeigen keine Frontalaufnahmen des Protagonisten

Sozialpädagogin Pulm-Muhr kennt dieses Problem: "Wenn sie wenigstens in eine Regelschule gehen könnten, würden sie mal aus dem Sumpf herauskommen, in dem sie stecken." Kinder aus anderen Einwandererfamilien, in denen ein Elternteil einen Job in Deutschland bekommen hat, würde man auch direkt in eine normale Schule schicken. Es gebe keinen Grund dafür, Kinder Geflüchteter anders zu behandeln, sagt die Sozialpädagogin. Vor allem, da viele nach wenigen Monaten sehr gut Deutsch und Englisch sprechen würden. Dass Entscheidungsträger die Klagen der Helferinnen und Helfer nicht mitbekommen, glaube sie nicht. Die Kinder sagt sie, haben schließlich das Gefühl: Mir geht es überall besser als hier.

Auch Boluwatife kennt das. "Ich bin bereit, zurückzugehen", sagt er. Aber wohin? Nach Italien? Libyen? Nigeria? "Dahin, wo ich eine Zukunft haben darf."

Wo das ist?

Er streicht sich mit den Fingerspitzen über die schwarzen Stoppeln in seinem jungen Gesicht. "Das weiß ich nicht."

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