Menschen

Das aufregende und gleichzeitig einsame Leben eines Wildtierfotografen

Für das perfekte Bild campt Michel d'Oultremont auch mal wochenlang alleine in einem winzigen Zelt und kackt in eine Tupperdose.

von Pierre Longeray
26 Februar 2020, 4:00am

"Im Grunde warte ich viel." So fasst Michel d'Oultremont seine eigentlich aufregend klingende Arbeit in einem Satz zusammen. Der 27-jährige Belgier ist Wildtierfotograf, wurde 2018 mit dem "Wildlife Photographer of the Year"-Preis ausgezeichnet und streift seit fast zehn Jahren überall auf der Welt durch die Natur, immer auf der Suche nach Moschusochsen, seltenen Vögeln oder Ottern. Seine Bilder sind bereits bei National Geographic und in drei Fotobüchern erschienen. Dazu gibt d'Oultremont in Belgien noch Kurse in Naturfotografie. Unterm Strich verdient er so ordentliches Geld.

Für das perfekte Foto verbringt d'Oultremont auch mal einen ganzen Monat alleine in verlassenen Gegenden wie dem Karpaten-Gebirge in Nordrumänien, der japanischen Hokkaidō-Insel oder dem Yellowstone-Nationalpark in den USA. In einem kleinen, mit Ästen und Gestrüpp bedeckten Zelt liegt der Fotograf bis zu acht Stunden pro Tag still da und versucht, mit der ihn umgebenden Natur zu verschmelzen. All das macht d'Oultremont nichts aus, inzwischen hat er die Einsamkeit sogar zu lieben gelernt. Wir haben uns mit ihm über seinen außergewöhnlichen Beruf unterhalten.

Zwei Eulen im Schnee
Eulen in Action

VICE: Wie bist du zur Wildtierfotografie gekommen?
Michel d'Oultremont: Schon als Kind war ich von der Natur fasziniert. Ich bin südlich von Brüssel aufgewachsen und dort immer über die Felder und durch die Wälder spaziert. Mit zwölf fing ich zusammen mit einem Kumpel an, weiter in den Wald hineinzugehen, um Hasen, Vögel, Füchse und Rehe zu beobachten. 2007 ging ich dann zu einer Naturfotografie-Veranstaltung, wo ein Film über das Leben von Wildtierfotografen gezeigt wurde. Da war es um mich geschehen. Ich gab meine ganzen Ersparnisse für eine alte Kamera mit Teleobjektiv aus und legte los.

Wie findest du deine Spots?
Ich bekomme Tipps von Wildtierexperten, Förstern und Parkaufseherinnen. Aber ganz ehrlich, ich nutze auch viel Google Maps. Ich suche mir Waldränder raus, denn dort gibt es normalerweise mehr Biodiversität. Aber auch Sümpfe und Pfade, die die Tiere vielleicht entlanglaufen, habe ich auf meinem Radar. Dazu ist Google Maps auch sehr nützlich, wenn ich den perfekten Platz für mein Versteck finden will.

Der Wildtierfotograf Michel d'Oultremont bei der Arbeit
Michel d'Oultremont bei der Arbeit

Wie muss man sich dieses Versteck vorstellen?
Dabei handelt es sich um ein kleines, getarntes Lager, das sich schnell aufbauen lässt: Ich stelle ein kleines Zelt auf und bedecke es mit ein paar Ästen und Netzen. In Europa sind die Tiere aufgrund der Jäger sehr ängstlich. Da ist es viel schwieriger, sich ihnen zu nähern. Ich nutze zwar große Objektive, muss für ein wirklich interessantes Foto aber trotzdem auch körperlich nah dran sein.

Wild im Morgengrauen
Unterwegs im belgischen Ardennen-Gebirge

Wie viel Zeit verbringst du mit Warten?
Am längsten musste ich in Kroatien warten, als ich Bären fotografierte. Da verbrachte ich 72 Stunden am gleichen Ort und musste in meinem kleinen Zelt auch kochen und schlafen. Zu Hause in Belgien verbringe ich manchmal zwei Tage im Sumpf in der Nähe meines Hauses, um Vögel zu fotografieren. Das Tolle ist ja, dass die Tiere irgendwann keine Angst mehr haben. Dann hocken sich die Vögel auf dein Zelt und die Füchse schlafen direkt neben dir. Du wirst zu einem Teil ihres Lebensraums.

Riechen dich die Tiere nicht?
Wind ist der größte Feind der Wildtierfotografie. Wenn du Säugetiere ablichtest, musst du wirklich auf den Wind achten, denn wenn dich die Tiere riechen, bleiben sie fern. Wild kann Menschen zum Beispiel schon aus 300 Metern Entfernung riechen. Bei Vögeln ist es einfacher, denn die meisten Arten haben keinen guten Geruchssinn.

Was passiert, wenn du beim Fotografieren aufs Klo musst?
Wenn ich nicht auf der Lauer liege, ist das kein Problem, dann grabe ich einfach ein kleines Loch. Aber wenn ich gerade nicht auffallen will, dann pinkle ich in eine Flasche und kacke in eine Tupperdose. Auch das gehört zum Alltag eines Wildtierfotografen.

Zwei sich duellierende Moschusochsen
Zwei sich duellierende Moschusochsen

Wurde es für dich schon mal richtig gefährlich?
Ich bin schon mit genügend Wölfen und Bären aneinander geraten. Ich habe aber keine Angst vor den Tieren. Sie sind ja nur neugierig und haben mehr Angst vor uns. In Kroatien hat ein Bär mal versucht, auf meinen Aussichtspunkt drei Meter über dem Boden zu klettern. Sein Kopf und ein Bein waren schon drin. Ich brüllte ihn an und schlug auf sein Bein, um den Bär zu verschrecken. Er ist daraufhin auch wirklich abgehauen. Die nächsten drei Stunden zitterte ich trotzdem wie verrückt.

Was machst du, wenn dir wirklich etwas zustößt?
Vor Kurzem habe ich mir ein Satelliten-GPS-System mit SOS-Knopf gekauft. Das hat meine Familie und meine Freundin zumindest etwas beruhigt. Aber wenn etwas passiert, dann passiert es halt. So ist das Leben.

Wie lange bist du normalerweise für deine Aufträge unterwegs?
Einen Monat. Bei weniger Zeit werden die Bilder nicht so gut. Es braucht allein zwei Wochen, um die Umgebung wirklich gut kennenzulernen. Du musst die Gewohnheiten der Tiere herausfinden, ein Gefühl für das Gelände bekommen und dir im Klaren darüber sein, welche Fotos am Ende herauskommen sollen. Vorher brauchst du die Kamera eigentlich gar nicht auszupacken. Aber ein Monat kann sich echt ziehen – vor allem, wenn du keine Fotos schießt. Auch das kommt vor, manchmal hast du einfach kein Glück.

Ein Adler auf der japanischen Hokkaidō-Insel
Ein Adler auf Hokkaidō

Wird dir da nicht manchmal unglaublich langweilig?
Nicht wirklich. Irgendwann hast du eine Routine und denkst vor allem daran, was noch zu tun ist. Jeden Morgen stehe ich auf und koche Wasser auf. Und das kann eine Weile dauern, wenn ich im Winter unterwegs bin und dafür Schnee verwende. Nach meinem Frühstück ziehe ich los, um Bilder zu machen. Wenn ich mit leeren Händen zu meinem Lager zurückkehre, heißt das im Normalfall, dass ich besser aufpassen muss. Es ist nämlich immer etwas los. Wenn die Nacht anbricht, koche ich noch mal Wasser auf und bereite mein Abendessen zu. Und wenn ich dann zugedeckt und müde in meinem Lager liege, denke ich darüber nach, wo ich am nächsten Tag welche Fotos schießen will. Da befinde ich mich immer in einer komischen Stimmung und vergesse die Welt um mich herum.

Führst du manchmal Selbstgespräche?
Wenn, dann höchstens in Gedanken. Über dieses Thema habe ich erst mit einem Kumpel geredet, einem Schweizer Fotografen. Er spricht bei seinen Trips immer laut mit sich selbst.

Bist du gerne mit deinen Gedanken allein?
Heutzutage findet man nur noch wenig Zeit dafür, die Gedanken einfach mal schweifen zu lassen. Ich brauche das aber. Und meine Arbeit bietet mir die perfekte Gelegenheit dafür: Tief in der Natur kannst du abschalten und über wirklich interessante Dinge nachdenken.

Ist es schwer, nach einer bestimmten Zeit völlig allein in der Natur zum normalen Alltag zurückzukehren?
Ich freue mich natürlich auf meine Freunde und Familie, brauche aber immer ein bisschen, um wieder klarzukommen. Das Gleiche gilt auch andersrum: Wenn ich in die Wildnis aufbreche, dauert es drei oder vier Tage, bis ich ich mich wirklich allein fühle. Zurück zu Hause will ich nicht sofort wieder Menschen sehen, aber ehe du dich versiehst, veranstalte ich ein Barbecue.

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