So aufregend ist es, auf traditionelle Waljagd zu gehen

Doug Bock Clark verbrachte in Indonesien viel Zeit mit dem bedrohten Volksstamm der Lamaleraner. Und hat etwas getan, was in vielen Teilen der Welt verpönt ist.

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08 Januar 2019, 2:27pm

Linkes Foto: Doug Bock Clark; rechtes Foto: Ardiles Rante / Barcroft Media / Getty Images

Als Doug Bock Clark zum ersten Mal vom Volksstamm der Lamaleraner hörte, konnte er kaum glauben, was man ihm erzählte. Der amerikanische Journalist verbrachte dank eines Stipendiums gerade zwei Jahre in Indonesien. Dieselben Leute, die ihm vom Stamm der Lamaleraner berichteten, von Waljagden in einfachen Booten und mit primitiven Stichwaffen, hatten ihm sonst von dinosaurierähnlichen Kreaturen und magischen Phänomenen im Dschungel erzählt.

Doch als Clark weiter zu den Bewohnern des kleinen Dorfs Lamalera auf der Pazifik-Insel Lembata recherchierte, stellte er erstaunt fest, dass es diesen Stamm wirklich gibt.

Die Lamaleraner genießen bei der indonesischen Regierung einen Sonderstatus und leben zum Großteil von der Pottwaljagd mit einfachen Harpunen. Sie setzen dabei vor allem auf traditionelle Praktiken, die in der spirituellen Welt verwurzelt sind. Clark wurde neugierig. Er setzte sich zum Ziel, so viel Zeit wie möglich mit dem isolierten Volksstamm zu verbringen.

In seinem bald erscheinenden Buch, The Last Whalers, erzählt Clark nun die Geschichte von einem Volksstamm, den es so vielleicht kein zweites Mal mehr auf der Erde gibt. Dessen jahrhundertealte Tradition der Waljagd einzigartig ist und dessen Kultur bedroht ist – von Naturschützern und neugierigen Menschen aus der westlichen Welt.

Wir haben uns mit Clark über seine Zeit mit den Lamaleranern und über den spirituellen Aspekt der Waljagd unterhalten.


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VICE: Doug, in der westlichen Welt werden "primitive" Volksstämme oft in einen Topf geworfen: Wie würdest du die Lamaleraner daher beispielsweise mit den Sentinelesen vergleichen, die ja wegen ihres gewalttätigen Argwohns gegenüber allen fremden Menschen bekannt geworden sind?
Doug Bock Clark: Die beiden Volksstämme sind komplett unterschiedlich. Die Sentinelesen vermeiden bewusst jeglichen Kontakt mit der Außenwelt und wenden gegenüber Eindringlingen auch tödliche Gewalt an. Die Lamaleraner hingegen stehen seit Ende des 19. Jahrhunderts sowohl mit der westlichen Welt in Verbindung als auch mit anderen Indonesiern und Indonesierinnen. Sie sind am Rest der Welt interessiert. Wegen der abgeschiedenen Lage der Insel kommen allerdings nur wenige Leute dorthin.

Wie haben es die Lamaleraner über die Jahre hinweg geschafft, ihre Traditionen zu bewahren?
Jedes Jahr kommen alle fähigen Walfänger des Stamms zu einem sogenannten "Rat am Strand" zusammen. Bei dieser Versammlung besprechen die erwachsenen Männer dann, wie die Regeln für das kommende Jahr aussehen. Sie denken also bewusst darüber nach, was sie in ihrer Community erlauben und was nicht.

In einigen Bereichen lassen sie keine Veränderungen zu, in anderen sind sie aber recht flexibel. Ein gutes Beispiel dafür ist ihre langsame Annäherung an Außenbordmotoren. Die Lamaleraner haben Wege gefunden, diese – für ihre Verhältnisse – fortschrittliche Technologie mit ihren speziellen religiösen Überzeugungen in Einklang zu bringen. In anderen Worten: Sie benutzen Außenbordmotoren bei bestimmten Jagden, aber bei der Jagd auf Pottwale – die in ihren Augen spirituell bedeutungsvollste Beute – verzichten sie darauf.

Dieser Wandel hat sicher Jahrzehnte gedauert.
Um das Jahr 2001 herum musste sich der Volksstamm entscheiden: "Wollen wir bei der Jagd auf Wale, die heiligsten Tiere, Motoren einsetzen? Diese Tiere wurden uns von unseren Ahnen geschickt, sie sind deren Inkarnationen. Erlauben wir da wirklich diese modernen Maschinen? Oder bleiben wir weiter bei Paddeln und Segeln aus Palmblättern?"

Sie entschieden sich gegen die Motoren, man durfte weiterhin nur in den altertümlichen Booten auf Pottwaljagd gehen. Dann hatten aber einige jüngere Stammesmitglieder den cleveren Einfall, die Ruderboote per Seil mit den Motorbooten zu verbinden, sich so in die Nähe der Wale zu ziehen und sie dort dann wieder loszubinden. Damit verstießen sie ja nicht gegen die Vorschriften der Stammesältesten. Nach einigen Diskussionen entschieden die Lamaleraner, dass es in Ordnung sei, diese "Gesetzeslücke" auszunutzen.

"Sobald die Jäger die Fontänen der Wale entdecken, beginnt die eigentliche hektische Jagd und damit auch eine Erfahrung, bei der es um Leben und Tod geht." – Douglas Bock Clark

Kann dieser Prozess der Modernisierung überhaupt aufgehalten werden?
Der Druck auf dem Volksstamm kommt ja nicht nur von der Außenwelt, also von der indonesischen Regierung und den Besuchern, sondern auch von eigenen Stammesmitgliedern, die nach Reisen mit neuen Ideen zurückkehren. Das Ganze nagt schon an ihrer Kultur. Allerdings versuchen die Lamaleraner ganz bewusst, diese Veränderungen mit ihren Traditionen zu verbinden – und das mit beeindruckendem Erfolg: Ende der 80er Jahre sind Anthropologen davon ausgegangen, dass der Volksstamm nach der Jahrtausendwende seine Traditionen abgelegt haben würde. Damit lagen sie offensichtlich falsch.

Die UNO schätzt, dass es auf der Welt noch rund 300 Millionen indigene Menschen gibt, deren Situation ähnlich aussieht. Wenn da immer mehr Traditionen und Kulturen mit der Zeit verschwinden, ist das ein immenser Verlust der menschlichen Vielfalt.

Du bist mit den Lamaleranern auch auf Waljagd gefahren. Wie war das?
Die Jagd selbst ist unglaublich aufregend. Man fährt mit den Booten raus auf die kristallblaue Sawusee im Pazifischen Ozean, am Horizont tun sich fünf oder sechs riesige Vulkane auf. Dann hält man Ausschau nach den Fontänen, die aus den Atemlöchern der Wale kommen. Sobald die Jäger solche Fontänen entdecken, beginnt die eigentliche, hektische Jagd und damit auch eine Erfahrung, bei der es um Leben und Tod geht.

Ich habe mehrmals gesehen, wie Boote zerstört wurden und einige der Jäger ernsthafte Verletzungen davontrugen. Einer meiner engen Freunde ist sogar ums Leben gekommen. Das Adrenalin pumpt durch den Körper. Vorne am Boot befindet sich eine Art Sprungbrett, von dem die Jäger ins Wasser hechten und dann mit ihrem ganzen Körpergewicht ihre rund viereinhalb Meter langen Bambusspeere in den Wal treiben. Dann wird ein Seil von der Spitze der Harpune zum Boot gespannt und es beginnt der stundenlange Kampf zwischen dem Wal und den Männern.

Das Ganze ist für die Lamaleraner ja eine Art religiöses oder spirituelles Ritual – und kein Job oder gar ein Sport. Wir wirkt sich das auf die Jagd aus?
Pottwale sind die größten bezahnten Raubtiere der Welt. Männchen können über 20 Meter lang werden und über 50 Tonnen wiegen. Natürlich wehren sie sich gegen die Angriffe und versuchen, die Schiffe der Lamaleraner zu zerstören. Wegen ihrer 30 bis 60 Zentimeter dicken Fettschicht kommen die Speere der Jäger nur schwer zu den Tieren durch und man muss sie ausbluten lassen. Auf dem Schiff selbst ist man ständig mitten drin im Kampf mit dem Tier. Man muss die ganze Zeit aufpassen, nicht von der Walflosse getroffen zu werden oder den Jägern nicht im Weg zu stehen.

Für die Lamaleraner ist die Jagd aber tatsächlich heilig. Sie glauben, dass die Wale Reinkarnationen oder Geschenke ihrer Vorfahren sind. Für sie ist der Walfang tief in der spirituellen Welt verwurzelt und sie beten davor und danach für die Tiere.

Allerdings kommen in einem auch die verschiedensten Emotionen hoch, wenn man dabei zusieht, wie ein so großes und intelligentes Tier getötet wird. Bei diesen Jagden spielen so viele emotionale Aspekte mit rein, deswegen ist das Ganze auch eine unvergessliche Erfahrung. Ich habe jetzt schon Dutzende dieser Jagden mitgemacht und ich kann mich an fast jede ganz genau erinnern, weil sie mich so beeindruckt haben.

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