Rosemaries Babys

Erfahrungen mit den Opfern satanischer Kulte

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05 November 2011, 3:08pm



Während sich die katholische Kirche darüber aufregt, dass das Internet aus allen Leuten Teufelsanbeter macht, ist es Realität, dass weiterhin in allen Bereichen der Gesellschaft satanische Kulte existieren. Der beste Weg, um das zu belegen, ist, sich mit Therapeuten und ihren Patienten zu unterhalten—den langjährigen Opfern ritueller Gewalt.

Claudia Fliss ist so eine Therapeutin und hat sich in den letzten 20 Jahren aktiv der Rehabilitierung und Resozialisierung von Mitgliedern satanischer Kulte verschrieben. Ich habe Claudia neulich in Berlin getroffen, sie hat bei einer ehemaligen Patientin nachgefragt, die Opfer eines satanischen Kultes war und diese hat sich dann mit einer ebenfalls betroffenen Freundin bei mir gemeldet.

Fliss ist eine von Deutschlands führenden Experten auf dem Gebiet der rituellen Gewalt. Sie hat an vielen ähnlichen Fällen gearbeitet, in denen das Spektrum der Gewalt, nach dem zu urteilen, was sie mir erzählte, wirklich schockierend ist. Sie erzählte mir von Kannibalismus, Mord und der Vergewaltigung von Kindern—das Ganze begleitet von einer gespenstischen Ruhe, die sich durch ihre Vertrautheit mit solchen Geschichten erklärt, was alles nur noch verstörender machte.

Sogar noch schlimmer ist, dass die meisten von Claudia Fliss’ Patienten in satanische Kulte HINEINGEBOREN wurden und von klein auf dazu programmiert worden sind, ihren abscheulichen Eltern und übergeordneten Kultmitgliedern zu gehorchen.

Die Programmierung beginnt damit, das Kind in eine Kiste einzusperren, begleitet von einem Handyklingelton (andere sogenannte Trigger können Handzeichen, Pfeifen oder andere alltägliche Geräusche sein). Die Kiste wird so lange zugesperrt, bis das Kind kurz vorm Ersticken ist, und wenn die Kiste geöffnet wird, wird dem Kind befohlen, ein Tier zu töten (um ein anschauliches Beispiel zu nennen). Das Kind wird sich weigern und landet daraufhin erneut in der Kiste. Diesmal wird es sogar noch länger eingesperrt, wieder freigelassen und erhält den gleichen Befehl. Wenn es sich weigert, heißt es zurück in die Kiste. Das wird so lange wiederholt, bis das Kind ein solches Trauma erleidet aus Angst, in der Kiste zu ersticken, dass es sich von seiner Persönlichkeit abspalten muss und ein neues Selbst entsteht (oftmals ein älteres Kind oder sogar ein Erwachsener), das mit dem Trauma dieser Situation umgehen kann. Die Kiste wird geöffnet und bringt eine neue Person zum Vorschein.

Dieses neue Individuum erlebt denjenigen, der die Kiste öffnet, als Retter und ist dem Kult gegenüber 100-prozentig loyal. Auf diese Art übernehmen sie die komplette Kontrolle über ihre Opfer. Sie müssen einfach nur den Trigger-Ton wiederholen und die treu ergebene Identität erscheint augenblicklich in dem Körper, der vor ihnen steht. Et voilà, du hast einen völlig willenlosen menschlichen Körper, mit dem du tun kannst, was dir beliebt.

Aber wenn diese Kulte wirklich existieren, warum hast du noch nichts davon gehört? Die Antwort ist einfach: Sie arbeiten mit dem überaus bewährten Mittel der Erpressung. Wenn ich dich zu kriminellen Aktivitäten anstifte (Kinderpornografie, Mord, Vergewaltigung), dann wirst du danach nicht zu den Bullen rennen. Stell dir vor! Du gehörst jetzt zu meinem Kult. Als Mitglied wird von dir erwartet, dem Kult deinen Dienst zu erweisen, indem du unser Geheimnis sicher für dich behältst. Wenn du ein Arzt bist, wirst du Wunden versorgen. Vermieter? Du versorgst uns mit einem Kellerraum für unsere Treffen. Opfer berichten von Kulten, die alleine auf diesem Prinzip basierend schon seit Jahrzehnten bestehen. Der Grund, warum du noch nie etwas von ihnen gehört hast, ist, dass sie ziemlich gut darin sind, sich vor dir geheim zu halten. Rekrutiert wird oftmals unter Leuten mit Gothic-Tendenzen oder in der Neonaziszene. Je perverser und radikaler deine Ansichten, desto wahrscheinlicher bist du zugänglich für den Kult und letzten Endes auch zuverlässiger, wenn es darum geht, deinen Mund zu halten.

Die Opfer ritueller, satanistischer Gewalt sind vor allem Frauen und leiden aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen unter der sogenannten dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Die Anzahl der unterschiedlichen Identitäten von Opfern satanischer Kulte bewegt sich in der Regel im dreistelligen Bereich und die Opfer sprechen von sich selbst in der ersten Person plural.

Zwei Tage später rief Fliss mich an und erzählte mir, dass zwei Opfer, die sie kennt, mich gerne treffen wollten. Sie wollten auf ihre Situation aufmerksam machen. Mir wurde gesagt, dass das ein erhebliches Risiko mit sich brächte, weil der Kult noch immer Kontakt zu den Mädchen hat. Wir trafen uns drei Tage später.

In einer Berliner Wohnung stellte mich Claudia Fliss zwei Mädchen vor, die nicht älter als 25 waren. Sie wirkten zurückhaltend und ließen sich auf den ersten Blick schwer einordnen für Frauen ihres Alters mit ihren hellen Jeans, weißen Turnschuhen und Kapuzenpullis. Wir setzten uns im Schlafzimmer hin und sprachen über ihre Erfahrungen im Kult. Wann immer meine Fragen zu spezifisch auf satanistische Kulte oder rituelle Gewalt oder die Trigger abzielten, brach das Gespräch ab.



Es liefen innere Dialoge ab zwischen den Personen in ihrem „System“ (die Bezeichnung für das Kollektiv multipler Persönlichkeiten innerhalb eines Körpers). Eine davon würde mir dann antworten: „Ich denke, wir haben jede Form von Gewalt erfahren, die du dir vorstellen kannst“, woraufhin das Mädchen sich dann noch mal verbesserte: „Genau genommen sind wir uns da sicher.“ Sie erzählten in vage gehaltenen Begriffen davon, wie die Kulte Kinder aufziehen, um sie in Ritualen zu opfern, sowie von der komplexen Infrastruktur und der wichtigsten Regel von allen: „Erzähl niemandem davon.“ Erst später, als sie in der Schule waren, merkten sie, dass irgendetwas an ihnen anders war. Die anderen Kinder genossen größere Freiheit, durften mehr, und so begann die innere Diskussion. Über ein Jahrzehnt später wagten sie den großen Schritt, nach einem Ausweg zu suchen. So trafen sie auf Claudia Fliss.

Nachdem wir eine Stunde lang geredet hatten, gingen die Mädchen in die Küche, um sich noch mehr Kaffee zu holen, den sie Kette rauchend in sich hineinschütteten.

Als sie den Raum verließen, drehte sich Fliss zu mir um und fragte, ob ich mir bewusst sei, mit wem ich gesprochen hätte. Es ist merkwürdig, so etwas gefragt zu werden, und ich musste eine Sekunde lang nachdenken. Sie erklärte mir dann, dass sie im Laufe des Gesprächs mindestens zehn verschiedene Charaktere erkannt hatte.

Nachdem sie die Mädchen monatelang behandelt hat, erkennt sie die feinen Nuancen zwischen den verschiedenen Persönlichkeiten. Da waren ein 25-jähriges, hyperintelligentes Mädchen, ein launischer 18-jähriger Typ und eine misstrauische 45 Jahre alte Spießerin.

Erst als ich mit Fliss in die Küche ging und die Mädchen auf dem Boden herumsitzen sah, während sie „gugu“ und „gaga“ vor sich hinbrabbelten, fiel mir auf, wie anders sie wirklich waren. Die Kinder in ihren Systemen waren gelangweilt von dem ganzen Erwachsenengerede und wollten mit den Wachsmalstiften spielen.

Nach dieser ersten Begegnung traf ich mich noch sieben weitere Male mit den Mädchen.

Sie arrangierten ein Treffen mit den „Kleinen“ für mich—mit den jungen Kindern und Kleinkindern in ihren Systemen. Wir gingen in einen Berliner Park, kurz nach Sonnenaufgang, um den üblichen Eltern-Kind-Gruppen aus dem Weg zu gehen. Die Stimmung war merkwürdig. Als sie den Spielplatz sahen, setzte die Transformation ein. Es war unglaublich. Die beiden Mädchen besprachen, welche Wippen noch trocken und sicher, um sich draufzusetzen, waren, in Kinderstimmen und mit ihren Daumen im Mund. Es grenzte ans Komische. In den folgenden 45 Minuten traf ich, glaube ich, acht unterschiedliche Kinder. Sie kletterten Wände hoch, rutschten die Rutschen herunter, kickten einen Fußball umher, fielen von einer Wippe herunter und stampften im Sand herum. Es war ein bizarrer, aber gleichzeitig schöner Morgen.

Als wir im Sand saßen, ertönte ein Pfeifen und eins der Mädchen vergrub ihren Kopf zwischen den Händen und fing an zu weinen: „Ich muss zu Mami, ich muss zu Mami.“ Und in dem Moment kippte alles.



Fliss erklärte später, dass ein Ton eins der Mädchen „getriggert“ hatte.

„Wir waren schon immer viele“, sagte eine der Personen im System des Mädchens, während ihre Freundin daneben saß und sich weiterhin selbst umarmte und schluchzte.

„Auch wenn wir uns nicht immer einig sind, sind wir die einzige Gesellschaft, die wir haben.“

Ich fragte Fliss, was das Mädchen gemeint hatte, und sie sagte mir: „Das Ziel unserer Therapie ist es, verschiedene Positionen in einem inneren System zu finden, die dann als Fürsprecher für die anderen im System agieren können. Sie schaffen ein gewisses Vertrauen und setzen sich mit alltäglichen Begegnungen auseinander. Wenn eine neue Identität in den Alltag hineingeworfen wird, dann ist es die Rolle dieser stabileren Persönlichkeiten, sie zu beruhigen und ihr zu erklären, was da passiert.“

Dieser Prozess, der von den Mädchen „Sortieren“ genannt wird, dauert ein paar Minuten und das kleine Kind beruhigte sich relativ schnell, um von einer anderen Identität ersetzt zu werden, die im Körper des Mädchens daraufhin die Handlung übernahm. Nach ihrer „Mami“ zu rufen, bedeutete natürlich, zu einem Mitglied ausgerechnet des Kults zurückzukehren, aus dem sie ausgestiegen war. Hätte sie nicht ein atemberaubendes Maß an Selbstkontrolle demonstriert, wäre sie jetzt wieder in den Händen des Kults und würde die entsprechenden Konsequenzen erleiden. Der Fakt, dass sie sich mir gegenüber öffneten, trotz all dem, war inspirierend und ist etwas, das sich jeder, der das hier liest, zu Herzen nehmen sollte.

„Wir können nicht einfach unsere Leben leben und uns darüber beklagen, dass da niemand ist, der uns hilft, ohne selbst etwas dagegen tun zu wollen.“

Abgesehen von der Gewalt, psychologischen Pro­grammierung, Infiltration von Behörden und Erpressung, ist der größte Beitrag zur Geheimhaltung dieser Kulte unser Widerwillen, an sie zu glauben. Die deutsche Polizei hat keine Abteilung, die sich mit Verbrechen im Zusammenhang mit Satanismus oder ritueller Gewalt beschäftigt. Die Verbrechen, die sie aufdecken, werden unter anderen Schlagwörtern abgelegt und verschwinden schnell wieder von der Agenda. Wenn Opfer den unglaublichen Schritt wagen, die ihnen eingebläute Loyalität zum Kult aufzusprengen, dann wissen wir es in der Regel nicht besser und stellen ihre Glaubwürdigkeit infrage und suchen nach einer Möglichkeit, ihre Geschichten zu diskreditieren.

Wie eins der Mädchen zu mir sagte: „Die Leute wollen uns nicht glauben, weil sie dann etwas dagegen tun müssten. Ich finde das so was von feige.“ Danach überlegte sie weiter, was für ein Tattoo sie sich stechen lassen sollte, um das Pentagramm auf ihrem Rücken zu verdecken. Ich glaube, sie hat sich für einen Delfin entschieden.